Fischaugenblicke

Flüchtige Begegnungen. Die meisten Fische wähnen sich zuerst als Beute, bleiben auf Fluchtdistanz, wenn ich schwarzgewandet im Trockentauchanzug, mit Luft fauchend und mit hellen Lichtern an ausladenden Armen am Kameragehäuse antauche. Behutsame Begegnungen, Vertrauen aufbauen, sanfte Flossenschläge. Ich brauche Geduld, versuche zu zeigen, dass ich keine Gefahr darstelle. Mit dem Objektiv einige Zentimeter an das Auge heranzukommen ist eine Herausforderung. Belichtungszeit, Blende und Lichtempflindlichkeit manuell einstellen, Blitze ausrichten. Der Autofokus ist ausgeschaltet. Herangleiten, Millimeter um Millimeter, bis die Schärfe stimmt. Ein sanfter Druck auf den Auslöser. In den Augen spiegeln sich manchmal die Riffe. Die Pupillen schillern in allen Farben und offenbaren einen eigenen Kosmos. Fischaugenblicke. Fotografiert im Nordatlantik, in der Nordsee, im Mittelmeer, im Roten Meer und im Indischen Ozean.

von Robert Hansen

Saltstraumen, Norwegen: Seewolf

Saltstraumen bei Bodø, Norwegen, oberhalb des Polarkreises. Acht Grad Wassertemperatur. Der Seewolf liegt zwischen Weichkorallen auf 30 Metern Tiefe und schläft. Ein mächtiges Tier, bestimmt ein Meter lang, viele viele Jahre alt. Als ich mich ihm vorsichtig nähere, bewegt er nur seine Augen. Der Körper bleibt ruhig. Zentimeter um Zentimeter verringert sich die Distanz, ich fotografiere den ganzen Fisch, dann ein Porträt, die Zähne, seine zerfurchte Haut. Ich schraube die Vorsatzlinse auf das Objektiv. So kann ich das hochentwickelte Sehorgan formatfüllend ins Bild setzen. Auge in Auge. Für einen Moment der Ewigkeit.

Lofoten, Norwegen. Was klebt da am Kelp bei Nesland in nur fünf Metern Tiefe? Ein männlicher Seehase saugt sich an die Pflanze, tanzt mit der sanften Strömung. Schwarz dominiert. Nur die Bauchpartie leuchtet orangegelb. Das Fleisch des ausgewachsenen Fisches ist ungeniessbar. Nur der Rogen wird industriell verwertet. Die Weibchen heften sich neben den Eiern an den Grund und fächeln mit ihren Flossen Frischwasser zu. Bei Ballstad in zehn Metern Tiefe in einer Felsspalte einer vorgelagerten Insel haben wir das Gelege entdeckt. Till und ich besuchen das Tier immer wieder. Über Wochen verharren die Seehasen an einem Ort und zeigen ungebetenen Gästen ihre Zähnchen. Zuerst sind die Eier transparent, nach einigen Tagen ist das Innenleben orangefarben, dann bilden sich Punkte. Von Tag zu Tag werden die Konturen schärfer. Dann sind die Augen sind durch die Eihaut zu sehen. Die einige Millimeter kleinen Fische schauen in die neue Welt.

Lofoten, Norwegen: Seehaseneier
Lofoten, Norwegen: männlicher Seehase
Lofoten, Norwegen: Seeteufel
Lofoten, Norwegen: Flunder
Marsa Alam, Ägypten: Kofferfisch
Gozo, Malta: Drachenkopf
Gozo, Malta: Streifen-Barbe
Lofoten, Norwegen: Skorpionfisch
Malediven: Langnasenbüschelbarsch

Rakheedoo Corner, Malediven: 28 Grad Wassertemperatur, keine Handschuhe. Die Knöpfe der Kamera lassen sich spielend bedienen. Die Riffe beherbergen zahllose bunte Bewohner. Trotzdem, die Fotografie ist nicht einfach, bedingt durch die Strömung. Zudem sind die Fische scheu. Viele Jäger sind unterwegs. Der Langnasenbüschelbarsch versteckt sich zwischen Korallen. Bewegende Korallen, bewegtes Meer, Kamerahandling, das Riff nicht berühren, Luftverbrauch? Wo sind die anderen Taucher? Deren Luftblasen kann ich nur noch erahnen.

Lofoten, Norwegen: Für einmal keine Fische. Und ganz spezielle Augen. Ich fotografiere beim Fischerdorf Nusfjord gerade eine Nacktschnecke, die von einem Kelpblatt auf acht Metern Tiefe hängt. Das faszinierende Tier lässt sich durch die Kamera erfahrungsgemäss nicht beirren, streckt seine Fühler aus, tastet nach Halt. Ich kann mir Zeit lassen. Was die Schnecke mit ihren Augen wohl sieht? Sind das überhaupt funktionsfähige Augen? Plötzlich schwimmt ein wenige Millimeter grosser Flohkrebs heran, setzt sich auf die Schnecke, klettert über deren Körper. Fasziniert mache ich Bild um Bild. Eines gelingt mir. Die Tiefenschärfe im Supermakrobereich ist auf Millimeter beschränkt.

Gozo, Malta und Felidhoo Atoll, Malediven: Muränen sind unheimliche Gesellen. Misstrauisch lugen sie aus ihren Höhlen hervor, zeigen ihre Zähne, machen mit ihren Bewegungen klar, wann der Sicherheitsabstand unterschritten wird. Blitzschnell können sie auf der Jagd nach Beute durch das Wasser schiessen. Bei einem Nachtauchgang im Hafenbecken von Marsalforn auf Gozo kann ich in drei Metern Tiefe eine Muräne beim Beutezug beobachten. Sie umschlängelt das Seegras, entdeckt schliesslich einen Fisch, der sich nicht bewegt. Schlangengleich versucht sie die Beute zu packen. Der Fisch ist aufmerksam, entwischt den Zähnen der Muräne um Sekundenbruchteile.

Gozo, Malta: Die Felsspalten in der Schweinebucht scheinen auf den ersten Blick unbewohnt. Plötzlich scheint der Fels sich zu bewegen, verändert plötzlich seine Kontur. Saugnäpfe werden sichtbar. Das Tier weiss nicht, ob es flüchten oder sich annähern soll. Ein wunderbarer Anblick, mit welcher Grazie sich der Oktopus bewegt. Neugierig und vorsichtig zugleich begutachtet er die Kamera, imitiert Form und Farbe, dann gleicht er sich wieder dem Korallenstock an, verschmilzt optisch mit der Umgebung. In welcher Geschwindigkeit er sich anpassen kann! Mit der Zeit komme ich näher an das Tier heran, kann ich das faszinierende schliesslich Auge aus nächster Distanz fotografieren.

Gozo, Malta: Oktopus
Gozo, Malta: Oktopus

Der Rote Oktopus lässt sich tagsüber selten blicken. Till und ich haben während eines Nachttauchganges Glück. Er zeigt keinerlei Scheu, lässt sich durch die starken Lampen nicht beeinflussen, gleitet gemächlich und doch zielstrebig über den Sandboden, minutenlang. Plötzlich eine heftige Bewegung. Ich erschrecke gehörig. Innerhalb von Sekundenbruchteilen greift sich der Oktopus eine im Sand versteckte Flunder. Deutlich zeichnen sich die Konturen unter seinen Tentakeln ab. Der Fisch zuckt, doch die Arme des Oktopus sind kraftvoll. Die Beute hat keine Chance. Der Oktopus schwimmt davon, entschwindet in der Dunkelheit.

Gozo; Malta: Roter Oktopuss auf Jagd im Seegras
Wie ein Gesicht: Auge, Körperöffnungen
Auf Beutezug

Gozo, Malta: Ein Nachmittagstauchgang in einer seichten Bucht. Ich will schon aus dem Wasser steigen, da entdecke ich in drei Metern Tiefe auf dem Grund die Sepia. Interessiert schwimmt sie zu mir, begutachtet die Kamera, dreht sich um sich selbst, posiert. Plötzlich schiessen mir ihre Fangarme entgegen. Unmittelbar vor mir greift sie sich eine Krabbe. An Ort und Stelle verspeist sie den Leckerbissen. 20 Minuten dauert die Begegnung - bis mir nach 100 Minuten die Luft ausgeht.

Farbenspiel auf der Haut der Sepia
Der Räuber ernährt sich von Krabben, Muscheln und kleinen Fischen
Nur noch die Beine der Krabbe schauen aus dem Mundbereich
Mit ausgetreckten Fangarmen

Oktopusse und Sepien können ihre Farbe innerhalb von Sekunden der Umgebung anpassen. Fische besitzen diese Fähigkeit nicht, einige haben sich aber so perfekt an ihr Lebensumfeld angepasst, dass sie kaum auszumachen sind. Fransen an Kopf und Flossen, ein Farbenkleid, das perfekt die Umgebung imitiert. Die Konturen verschwimmen. Schon aus wenigen Zentimetern Entfernung sind die Tiere kaum mehr sichtbar. Reglos vertrauen sie auf ihre Tarnung, lassen mich – sofern ich sie überhaupt entdecke – sehr nahe an sich herankommen.

Gozo, Malta: Die kleine Scholle liegt auf dem Sandboden. Nur an den Augen erkenne ich das Tier. Sie hat mich längst gesehen. Ihre Augen bewegen sich. Ein wenig Sand liegt auf der Haut. Die Tranung ist perfekt.

Skorpionfische sind in allen Weltmeeren anzutreffen. Reglos warten sie auf Beute. Nähert sich ein Fisch, schnappt der Räuber blitzschnell zu.

Marsa Alam, Ägypten: Skorpionfisch
Gozo, Malta: Drachenkopf mit Parasit im Auge
Gozo, Malta: Brauner Drachenkopf

Einige Fische brauchen weder eine Tarnung noch passen sie sich der Umgebung an. Sie flössen Respekt ein, gleiten majestätisch und furchteinflössend durch das Wasser. In der Abenddämmerung gleiten wir vor dem Felidhoo Atoll der Malediven vom Beiboot ins Wasser. Schatten unter uns. Die Stachelmakrelen sind hektisch unterwegs. Rochen schweben gemächlich über den Sandboden in zehn Metern Tiefe. Ein Ammenhaie ist plötzlich neben mir. Meine Anwesenheit scheint ihn nicht zu beeindrucken – mich hingegen schon! Auf Armlänge kommt er heran. Ein zweiter Hai nähert sich von hinten, rempelt mich an, prüft, war da in seinem Revier schwimmt. Ich berühre seine Haut, die sich wie Schmirgelpapier anfühlt. Ein drei Meter langer Hai dreht sich auf den Rücken, drückt sich in der Bewegung in den Sand, schabt sich Parasiten von der rauhen Haut. Immer mehr Haie schwimmen heran. Nur die Schwarzspitzen-Riffhaie bleiben in sicherer Distanz. Ein Ammenhai drückt seine Schnauze in den Sand und sucht nach Kleingetier. Die Zähne im Revolvergebiss blitzen im Licht der Lampen kurz auf.

Malediven: Ammenhai

Oban, Schottland. Kaltwasser, zehn Meter Sicht, fünf Meter Tiefe. Zwischen zerfransten Kelpblättern lugt ein Fisch hervor, den ich noch nie gesehen habe. Nur der vordere Teil des Körpers ist sichtbar. Er scheint keine Angst zu haben, lässt mich heran. Schuppenförmige Haut umschliesst das Auge. Kameralinse und Auge sind nur noch Zentimeter entfernt. Und plötzlich, mit einer ruckartigen Bewegung, verschwindet das Tier. Auf der Tauchbasis berichte ich von meiner Begegnung und ich beschreibe den Fisch. «Das war ein Katzenhai.»

Oban, Schottland: Katzenhai

Face to Face: Die meisten Fische schwimmen davon, wenn ich ab- respektive auftauche. Vor allem die Luftblasen aus dem Lungenautomaten hören sich für Fische aggressiv an. Das kann ich immer wieder beobachten. Je härter die Atmung, desto schneller die Bewegungen der Fische. Diese Gesellen sind mutig und setzen sich vor der Kamera in Szene, posieren für einige Momente. Von oben links nach unten rechts: Lofoten, Norwegen: Kliesche – Gozo, Malta: Drachenkopf – Gozo, Malta: Grosser Drachenkopf – Lofoten, Norwegen: Seeskorpion – Felidhoo Atoll, Malediven: Clownfisch – Gozo, Malta: Oktopus - Felidhoo Atoll, Malediven: Muräne – Lofoten, Norwegen: Seehase - Lofoten, Norwegen: Seeteufel.

Krebse und Garnelen haben nicht zwei Augen, sie haben hunderte. Die Facettenaugen sind wahre Wunderwerke der Evolution. So kann ein Auge für sich alleine dreidimensional sehen. Die Augen sind unabhängig voneinander in jede Richtung drehbar. Und bei einigen Arten, wie beispielsweise beim Fangschreckenkrebs, fangen die Augen ausser dem sichtbaren Licht auch Ultraviolett- und Infrarotlicht auf. Facettenaugen zu fotografieren ist immer wieder eine Herausforderung: die Schalentiere sehen das Kameragestänge und das Ungetüm dahinter meist als Bedrohung an. Den Autofokus auf die Augenpartie zu legen ist angesichts der Grösse kaum möglich. Pro Tier sind schon einige Aufnahmen notwendig, damit überhaupt ein Bild das zeigt, was ich möchte. Die Schärfentiefe liegt trotz Blende 18 bis 22 nur im Millimeterbereich. Die folgenden Bilder sind mit einem Macro-Konverter enstanden, der einen Abbildungsmasstab von 2,3:1 ermöglicht, vergleichbar mit einer Unterwasserlupe.

Felidhoo Atoll, Malediven: Fangschreckenkrebs
Vesterålen, Norwegen: Krabbe
Lofoten, Norwegen: Taschenkrebs
Lofoten, Norwegen: Einsiedlerkrebs
Vesterålen, Norwegen: Garnele
Gozo, Malta: Bärenkrebs
Vesterålen, Norwegen: Taschenkrebs
Gozo, Malta: Garnele

Abschliessend noch einige Fischporträts. Einmal der ganze Farbkasten.

Felidhoo Atoll, Malediven: Clownfisch mit seiner Anemone
Felidhoo Atoll, Malediven: Schleimfisch auf einer Peitschenkoralle
Lofoten, Norwegen: Rotbarsch
Gozo, Malta
Oban, Schottland: Gestreifter Leierfisch
Gozo, Malta
Lofoten, Norwegen: Seehase
Lofoten, Norwegen: Scholle
Lofoten, Norwegen: Muschel
Lofoten, Norwegen: Seenadel
Gozo, Malta: Schriftbarsch
Lofoten, Norwegen: Gefleckter Seewolf
Fotteyo Atoll, Malediven: Komplementärfarbenfisch
Felidhoo Atoll, Malediven: Kofferfisch
Isle of Mull, Schottland: Seenadel
Marsa Alam, Ägypten: Igelfisch
Felidhoo Atoll, Malediven: Masken-Kugelfisch
Süd-Male Atoll, Malediven: Rotfeuerfisch
Vesterålen, Norwegen: Polack

... über mich

Seit 2012 erkunde ich die Tiefen und Untiefen der Ozeane. Schwerpunktgebiete sind die Küsten Norwegens, einige Tauchreisen haben mich in die Nordsee, das Mittelmeer, den Indischen Ozean und ins Rote Meer geführt. Taucherisch besitze ich Spezialbrevets für Eis-, Fluss- und Grottentauchen. Eine Ausbildung als Solotaucher habe ich ebenfalls absolviert. Das ist vor allem dann nützlich, wenn jeder Tauchbuddy schon längst die Geduld verloren hätte, wenn ich wieder einmal 20 Minuten mit nur einem Fisch verbringe.

Kameras für die Fischaugenblicke im Einsatz: Nikon D800 mit 105mm/2.8 1:1 Objektiv, Sony Nex7 und Sony a6300 mit 50mm/2.8 1:1 Objektiv, Nauticam 2,3 Super Macro Converter.

Weitere Infos auf:

© Sven Gust, Juli 2016
Created By
Robert Hansen
Appreciate
© Robert Hansen, www.roberthansen.ch, www.abgetaucht.ch

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