WINTERBIWAK MIT AUSSICHT Eine kalte Erfahrung

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich einmal mit einem Freund in einer Schutzhütte im Steinwald übernachtet habe. Bei Minusgraden froren wir die ganze Nacht. Doch ließ mich die Idee nicht los, einmal im Zelt im Winter zu übernachten. Dass dieses Unternehmen im heimischen Garten vorm Haus leicht durchzuführen ist, war mir klar, aber zu langweilig. Gleich ein Biwak in den Bergen im Winter veranstalten war mir zu gefährlich. So entschied ich mich für eine Mittellösung mit kurzen Zustieg, der es einem ermöglicht bei Abbruch des Vorhabens gleich wieder beim sicheren Auto zu sein. So lag es nahe, einen Versuch im nahe gelegenen Steinwald zu starten.

Das erste Mal versuchte ich nicht mit der Absicht eine Übernachtung im Zelt zu machen. Es sollte eher ein Training für weitere Vorhaben sein. Ich wollte ein Gespür dafür bekommen, wie es ist, ein Zelt bei Kälte aufzubauen, die Finger nicht mehr zu spüren, keine sichere Verankerung für die Heringe zu bekommen, Wind und Sturm im Gesicht zu spüren und dann ein schönes Foto machen. So entschloss ich mich an einem Freitag am späten Nachmittag aufzubrechen. Das Wetter sollte passen, es gab reichlich Schnee, es war trocken und es sollte einen Sonnenuntergang geben. Nach kurzem Nachdenken viel mir auch gleich der Reiseneggerfelsen ein, der eine schöne Aussicht hat und eine großzügige, flache Plattform, die es mir ermöglicht, das Zelt aufzustellen.

Der Felsen selbst ist mir noch gut in Erinnerung. Vor einigen Jahren wollte ich mal mit meiner damaligen Freundin dort oben im Sommer übernachten. Ameisen und Mücken zwangen uns jedoch zum Rückzug und wir gingen wieder nach Hause. Das Pech wollte uns diese Übernachtung nicht gönnen. Glück hatten wir jedoch in der Liebe, die damalige Freundin ist jetzt meine Frau.

Die Pläne für einen neuen Versuch waren nun geschmiedet und so ging es dann los am besagten Nachmittag mit einem großen Rucksack voll Zelt, Fotoausrüstung, Tee, Proviant und einer Stirnlampe am Kopf. Den Berg hinauf begegneten mir noch die letzten Spaziergänger und Wanderer, die beim nahe gelegenen Waldhaus eingekehrt waren, das jetzt gleich den Feierabend einläutete. So sahen mich die Leute teils an als wollten sie mir sagen „die Wirtschaft schließt gleich“. Aber ich wollte ja nicht gemütlich im Warmen sitzen, sondern ein Zelt im Winter aufbauen.

Nach ca. 60 Minuten Gehzeit kam ich am Reiseneggerfelsen an. Eine Fußspur führte zum Treppenaufgang. Super dachte ich mir, es ist bereits gespurt und ich muss mich nicht durch den frischen Schnee kämpfen. Doch Pustekuchen! Der Wanderer vor mir brach seinen Versuch den Felsen zu erklimmen kurz davor ab. Es führt zwar eine Naturstein-Treppe mit Geländer hinauf, doch der Schnee war tief. Kniehoch stand ich teilweise im Schnee und versuchte mich die Treppe hinauf zu kämpfen. Nicht ganz ungefährlich, denn man konnte sowohl links am Geländer hochgehen, als auch rechts. Da aber alles tief verschneit war, wusste ich nicht auf welcher Seite nun die Treppenstufen lagen. Also dachte ich: Handlauf ist normal rechts, gehe also die linke Seite rauf! Durch den tiefen Schnee kämpfend kam mir irgendwann der erste Gedanke abzubrechen. Doch diesen Gedanken zerschlug ich gleich wieder und ging weiter.

Oben angekommen belohnte mich dann ein atemberaubender Ausblick mit Sicht Richtung Süden und Westen. Tiefe Blicke in den Oberpfälzer Wald und Oberfranken waren möglich. Die tief stehende Sonne wärmte noch ein bisschen.

Mein Ziel war es nun erst mal den Sonnenuntergang zu fotografieren, bevor ich mich an den Zeltaufbau wagte. So zog ich meine Spuren auf der tief verschneiten Plattform am Felsen und machte noch ein paar Fotos bevor die Sonne am Horizont sich verabschiedete.

Mit dem Verschwinden der Sonne wurde es nun kalt und ein Wind kam auf, der ungehindert mit zunehmender Geschwindigkeit über die Aussichtsplattform pfiff. Er machte mir die Arbeit sehr schwer, hier noch ein Zelt aufzubauen. Im Schein meiner Stirnlampe versuchte ich es jedoch. Ich möchte es mal so beschreiben: Jeder kennt wohl die Situation im Freibad ein Handtuch oder Decke bei Wind schön flach auf den Boden auszubreiten. Steht man in der falschen Richtung zum Wind, bekommt man das Tuch oder die Decke erst mal ins Gesicht. Mit dem Zelt ging es mir genauso. War eine Ecke mal schön ausgelegt, eilte ich zur anderen, um diese auszulegen. Doch irgendwie wollte das Zelt erst mal nicht liegen bleiben. An ein Einschlagen von Heringen war sowieso nicht zu denken, da es reiner Pulverschnee war und blanker Felsen darunter. So zog sich das noch eine Weile und schließlich war der Kampf mit Zeltplane und Gestänge gewonnen. Dann konnte ich endlich das Zelt einigermaßen mit Schnüren an dem Geländer der Aussichtsplattform befestigen, so dass es der Wind nicht davon trug.

Nun endlich war die Zeit reif für ein paar Fotos mit dem Zelt. Die Stirnlampe platzierte ich im Zelt, so dass dieses schön beleuchtet war und das Gelb der Zeltplane einen schönen Kontrast zum blauen Himmel gab. Schon gab es jedoch das nächste Problem. Die Belichtungszeit war zu lange, um ein ruhig stehendes Zelt zu bekommen. Der Wind bewegte die Außenhaut ständig hin und her. Ich konnte mir am Ende nur damit behelfen, die Blende zu öffnen, die ISO-Empfindlichkeit hochzudrehen und einen ruhigen Moment abzuwarten. Nach einem halben Dutzend Versuchen, gab es einen kurzen, windstillen Moment und ein ruhig stehendes Zelt war im Kasten.

So war ich am Ende froh, heute hier nicht übernachten zu müssen. Das Zelt rollte ich irgendwie, ohne System wieder zusammen. Hauptsache es passte wieder in den Rucksack. Zum Trocken im Keller musste es sowieso nochmal ausgepackt werden. Mit vollgepacktem Rucksack stapfte ich dann durch den stockfinsteren Wald zum Auto. Tranceähnlich, Schritt für Schritt war ich auf dem Rückweg als mich noch kurz ein Blitzlicht am Wegrand aufschreckte. Es war zum Glück nur eine Wildkamera, die wohl Luchse und Wildscheine im Steinwald aufspüren soll. Da wird sich der Jäger aber freuen, wenn er mein Gesicht auf seinen Bildern sieht. So kam ich nach einem kurzen Schreck beim Auto sicher an, mit dem Bild im Kasten, das ich aufnehmen wollte und mit der Erfahrung, wie ein Zeltaufbau bei Kälte, Schnee und Wind von statten geht.

Matthias Kunz

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