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Diese Ustermerin versucht den Eiskilometer Jeannette Stangier will 1000 Meter in einem 5 Grad kalten See schwimmen. Wieso? Weil sie das Gefühl liebt und weil ihre Tochter mit 9 Jahren an Krebs erkrankte.

Text: Tanja Hudec/Fotos: Seraina Boner

Jeannette Stangier sitzt in der Werkstatt neben dem Hafenbüro auf einem Stuhl. Sie trägt zwei Hosen, ein Paar warme Socken, ein normales und ein Thermo-Shirt, einen Faserpelz und zwei Jacken. Dennoch schlottert sie. Ihr Gesicht wirkt klein, droht in den beiden Kapuzen zu verschwinden. Sprechen mag sie noch nicht. Ihr Blick ist apathisch zu Boden gerichtet. «Sie ist im Loch», sagt ihre Tochter Nina.

Drei Stunden zuvor steigt die Ustermerin, strahlend vor Euphorie, aus dem Auto. «Was für ein Glück», sagt sie und lässt ihren Arm zuerst zum Himmel und dann Richtung See schweifen. Ersterer ist stahlblau und fast wolkenlos, letzterer glasklar und glitzert verheissungsvoll in der Sonne.

Diese spiegelglatte Wasseroberfläche wird Stangier bald mit einem lauten Juchzer durchbrechen. Bis dahin erwartet sie aber noch eine Enttäuschung.

Knöpfli hinter dem Ohr

Auf diesen Tag hat die 54-Jährige über ein Jahr oder eigentlich ihr ganzes Leben lang hintrainiert. Heute will sie einen sogenannten Eiskilometer schwimmen. Die 1000 Meter muss die Schwimmlehrerin gemäss Richtlinien der International Iceswimming Association (IIAS) in einem offenen Gewässer am Stück bei weniger als fünf Grad Wassertemperatur zurücklegen. Tragen darf sie dabei nur einen Bikini oder einen Badeanzug, eine Badekappe und eine Schwimmbrille. Ausserdem ist es ihr nicht erlaubt, sich während des Schwimmens irgendwo festzuhalten.

«Ein etwas verrücktes Vorhaben, ich weiss. Aber dieses Ziel hat eine lange Vorgeschichte», sagt sie. Mit neun Jahren erkrankte ihre Tochter Ellen an Krebs. Angefangen hat es mit einem «Knöpfli hinter dem Ohr», wie es Stangier formuliert.

Sie dachten zunächst an einen geschwollenen Lymphknoten. Doch er verschwand nicht. Nach zwei Jahren liess Ellen die Schwellung untersuchen. «Die Ärzte stellten mich hin, als sei ich ein Hypermami», sagt Stangier. Zuerst hiess es Lymphknoten, dann Zyste, dann Raumforderung und schliesslich Tumor, aber gutartig. Weil er etwas nahe beim Gesichtsnerv sass, wurde er entfernt. Und erst dann stellte sich heraus, dass es sich um ein Mukoepidermoides Karzinom handelte, also um eine Art Speicheldrüsenkrebs.

Den Eiskilometer widmet Stangier deshalb ihrem Projekt «IceSwim4hope», mit dem sie Geld für die Vereinigung zur Unterstützung von krebskranken Kindern sammeln will.

Whatsapp an die Redaktion vom 15. Februar: «Ich habe soeben nach Rücksprache mit Meteoschweiz beschlossen, meinen ersten Kilometer am kommenden Montag in Altnau zu schwimmen. JUUUUUUBEL!!! Der Wind muss unter 10 km/h liegen, am Montag sollte er den ganzen Tag um 7 km/h sein. Optimal wäre für mich ein Start um 17 Uhr. Ich freue mich riiiiiiiesig!!» Schneeflocken-Emoticon, Bikini-Emoticon, Sonne-Emoticon.

Dass sich die Ustermerin für ihre Aktion statt des Greifen- oder Pfäffikersees den Bodensee am Hafen des thurgauischen Altnaus ausgesucht hat, liegt am langen Steg, der hier ins Wasser hinausragt. An dessen gerader Kannte kann sich Stangier beim Schwimmen orientieren. «Es ist wichtig, dass ich mich auf meine Technik konzentrieren kann und nicht ständig schauen muss, wo ich hinschwimme.» So braucht Stangier ihren Kopf nicht anzuheben, um ihr Ziel zu suchen, sondern sich beim seitlichen Blick auf den Steg nur um ihre Längsachse drehen.

Gefährlicher Trend

Zu ihrem grossen Tag ist ein ganzer Fanclub aufgetaucht. Freunde mit ihren Kindern scharen sich um sie. Derweil entladen ihre Töchter das Auto und ihr Exmann pumpt ein gelbes Gummiboot auf.

Auch er teilte eine Weile lang Stangiers Leidenschaft für die kalten Gewässer. Irgendwann wurden die Ambitionen seiner Frau ihm dann aber zu extrem. Bereits als Kind plantschte die Ustermerin in eisigen Bergseen. «Als junge Frau in der Badehose bei Regen durchs Quartier zu rennen, machte mir diebischen Spass.» Dazu trugen auch die ungläubigen Reaktionen der Zeugen bei: «Willst du jetzt wirklich in diesen halb gefrorenen See springen? Das ist doch eiskalt und tut weh! Bekommst du da keinen Herzinfarkt?»

Die Frage ist kein Scherz. Eisbaden hat sich diesen Winter weltweit zu einem gefährlichen Trend entwickelt – auch in der Schweiz. Allein auf Instagram finden sich unter dem Hashtag #eisbaden mehr als 10‘000 Einträge. Prominente zeigen immer wieder, wie sie bei eiskalten Temperaturen im Wasser bibbern.

Während Experten dem abenteuerlichen Phänomen zwar gesundheitliche Vorteile zuschreiben, warnen sie auch davor: Die Adern ziehen sich zusammen, die Muskeln erstarren. Das kann lebensgefährliche Folgen haben.

Erst vor zwei Wochen ist ein Mann bei Berlin zum Baden in ein Eisloch gestiegen und dabei unter die dünne Eisfläche geraten. Die Feuerwehr fand ihn erst nach zweieinhalb Stunden. Der Eisbader verstarb noch am selben Abend im Spital.

Mit unvorsichtigen Eisbadern will Stangier jedoch nicht in Verbindung gebracht werden. Erstens lege sie höchsten Wert auf Sicherheit, zweitens wisse sie, was sie tue. Letztes Jahr ist die Ustermerin in über 80 Seen in der Schweiz, Österreich, Deutschland und Italien geschwommen.

Mail vom 20. Januar: «Leider hat es mit dem Schwimmtraining heute im Pfäffikersee nicht geklappt, steinbein gefroren... Es war trotzdem schön! Vor etwa drei Jahren bin ich von der Dipperin zur Schwimmerin geworden. Heute bedeutet es für mich unheimlich viel. Ich hätte viele Situationen nicht so gut meistern können, ohne die Erfahrung des Eisschwimmens. Für mich ist es so, dass ich mich jeweils voll und ganz auf mein Schwimmtraining im Eiswasser konzentrieren kann, das fängt schon bei der Planung an. Dann tauche ich ein in meine Welt, packe mit Checkliste und Leidenschaft meinen Rucksack und ziehe los. Ab dann verschwinden meine chronischen Rückenschmerzen bis einige Stunden nach dem Schwumm. Es gibt dann nur eine einzige Sache, die ich tun möchte und mache, ich bin voll in diesem Moment im Hier und Jetzt. Wenn ich dann ins Wasser laufe und ganz kurz vor dem Eintauchen bin, lasse ich innerlich los. Ich kämpfe nicht gegen die Kälte an. Sonst könnte ich nicht locker schwimmen und bekäme Krämpfe. Nur wer locker ist und sich öffnet, gross macht, hat genug Oberfläche, um zu gleiten, schweben, fast fliegen. Ich kämpfe nicht gegen die Kälte an, lasse mich auf sie ein uns schwimme los. Es ist eiskalt, tut weh und bald fangen Hände und Füsse, dann mein ganzer Körper an zu prickeln. Ich schwimme weiter, Hände und Füsse werden taub. Ich weiss, dass mich bald wohlige Wärme umfangen wird und das Glücksgefühl ist gross.»

Jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen. Stangier packt drei digitale Messgeräte aus, die sie mit langen Kabeln verlängert und mit Muttern beschwert hat. Damit der Eiskilometer offiziell gilt, darf der Schnitt der drei Thermometeranzeigen nicht über 4,9 Grad liegen. Die Sport- und Schwimmlehrerin blickt zweifelnd der Sonne entgegen. «Immerhin: Es hat keinen Wind. Das ist das Wichtigste. Die Wellen sind ein Killerkriterium.»

Zu warmes Wasser

Stangier marschiert zum Hafenbüro, wo sie ihre Utensilien unterbringen und sich umziehen darf. Nach wenigen Minuten taucht sie in einem violetten Bademantel, pinken Schlarpen und einem nicht minder farbigen Badekleid wieder auf; über der Schulter hängt eine Ikea-Tasche, in den Händen hält sie die drei Thermometer.

Angekommen beim Seeeinstieg lässt Stangier ein Gerät nach dem anderen ins Wasser plumpsen. Die Messung muss zwischen 12 und 50 Zentimeter unter der Oberfläche durchgeführt werden. Ihr Gesicht wirkt erstmals angespannt. Nach zwei Minuten blickt sie auf die Anzeige und schüttelt den Kopf. Weitere zwei Minuten später ist noch keiner der Thermometer unter 6,9 Grad gesunken.

Der Bodensee ist an diesem Tag zu warm für den Eiskilometer.

Stangier sucht eine andere, hoffentlich kältere Stelle. Doch auch dort beträgt die tiefste Messung 6,8 Grad. Ein Eiskilometer nach den offiziellen Richtlinien ist heute hier nicht möglich.

«Egal», sagt sie entschlossen. «Ich schwimme trotzdem. Auch ein inoffizieller Eiskilometer ist ein Erfolg.» Stangier packt ihre Ikea-Tasche aus, zieht sich eine pinke Badekappe über die kurzen Haare und drückt ihrem Glücksbringer, dem Stoff-Schneemann Olaf aus dem Disney-Film Frozen, einen Kuss auf. «Ab jetzt höre ich nicht mehr viel. Ihr müsst schreien», sagt Stangier und steckt sich zwei Stöpsel in die Ohren.

Zum Schluss schnallt sie sich eine pinke aufblasbare Boje um den Bauch und breitet ihre Arme aus, wie ein Vogel seine Flügel. Derweil blickt sie konzentriert auf die Strecke, die sie in wenigen Minuten hin- und herschwimmen wird. Zwei am Steg befestigte Bojen markieren jeweils den Start und das Ende der 100 Meter. Fünf Runden muss Stangier absolvieren. «Ich verzähle mich dann vielleicht, ihr müsst mich stoppen, falls ich nach einem Kilometer weiter schwimmen will», ruft die Ustermerin laut.

Dann schreitet sie über die Gitterplattform, tritt hinter das Geländer, hält sich mit beiden Armen noch einen Moment lang fest, atmet einmal tief ein und aus und springt juchzend mit den Füssen voran in den See. Für eine kurze Zeit ist nur die pinke Boje zu sehen, dann taucht die gleichfarbige Badekappe auf und Stangier beginnt zu schwimmen (schauen Sie das Video dazu hier).

Trotz zu warmen Wassertemperaturen: Die Ustermerin Jeannette Stangier startet ihren Versuch für einen Eiskilometer.

Mit zügigen Kraulbewegungen zieht sie davon. Begleitet wird sie von ihrem Exmann im Gummiboot und einem Freund in einem Motorboot.

Checkliste Abbruch Eiskilometer vom 22. Februar: «Die Sicherheit ist mir am wichtigsten. Neben dem gesunden Menschenverstand habe ich folgende Kriterien zusammengetragen, deren Kommunikation auch eine Forderung von der IIAS ist.
• Ich schwimme plötzlich oder immer mehr ungerade oder im Zickzack
• Ich werde plötzlich massiv langsamer
• Ich wirke desorientiert
• Meine Arme oder Beine bewegen sich nicht mehr synchron
Diese von aussen sichtbaren Kriterien führen zwingend zu einem Abbruch meines Eiskilometers. Wird ein Kriterium erkannt, fährt der Bootsführer zu mir und fordert mich mit Nachdruck auf, den Versuch unverzüglich abzubrechen und mich vom Boot abschleppen zu lassen oder zur Gitterplattform zu schwimmen und auszusteigen. Wenn ich auf keine Ansprache reagiere, tippt mich der Bootsführer mit der gelben Poolnudel auf den Kopf. Da mein Eiskilometerversuch ungültig ist, wenn ich berührt werde, muss ich aussteigen.»

Die ersten 200 Meter legt Stangier innert 4 Minuten und 29 Sekunden zurück. Angelangt am Ausgangspunkt, berührt sie das Geländer und jubelt erneut. Mit jeder Runde wird sie etwas langsamer. In ihrem Kopf zählt sie ständig 2-2-3, wie ein Mantra wiederholt sie die Zahlen, denkt nur an den nächsten Zug, konzentriert sich auf die Atmung. 2-2-3, 2-2-3.

Ab und zu hält Stangier inne, winkt ihrem Ex-Mann im Gummiboot oder den Kindern auf dem Steg, die sie anfeuern. Für die letzten 200 Meter benötigt Stangier 6 Minuten und 4 Sekunden. Noch bevor sie den Startpunkt erreicht hat, blickt sie auf die Uhr, hält die Arme in die Höhe und schiebt sich die Schwimmbrille auf die Stirn. Nach exakt 25 Minuten und 40 Sekunden verlässt sie das Wasser. «Schön langsam», sagt sie, als sie das Geländer ergreift und die Treppe hochsteigt. Dann reckt sie Faust in die Höhe und schreit: «Juhu!»

Schnell wickelt sie ihre Freundin in den flauschigen Morgenmantel. Ihre steifen Finger wollen nicht recht durch den Ärmel passen. Stangier rupft am Stoff und spricht mit schwerer Zunge. «Unglaublich. Die Sonne. Die Kinder. Herrlich.» Ihr Gesicht ist starr, die Muskeln steif. Mit dem Reisverschluss an der Jacke kämpft sie über eine Minute lang. Doch als sie Badekappe abstreift, breitet sich ein maskenhaftes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. «Was kann jetzt schon schiefgehen? Wenn ich einen Kilometer in dem Wasser schaffe, kann ich alles.»

Mail vom 2. Februar: «Ich steige nach einem Schwumm aus dem Wasser und weiss, dass ich jetzt die nächsten etwa zwei Stunden frieren werde. Aber bin einfach nur glücklich, erfüllt, stolz, froh. Selbst wenn ich einen ganz miesen Tag hatte, packe ich meinen Rucksack, ziehe los und werfe mich ins Wasser mit der absoluten Gewissheit, befreit von diesem miesen Tag mit einem unbeschreiblich guten Gefühl im Wasser zu schweben, zu gleiten, zu fliegen und dann wieder in der harten Wirklichkeit zu landen, die mir einfach ein bisschen leichter erscheint als vorher. Und dann beschleicht mich immer wieder das Gefühl, dass ich alles erreichen kann, was ich will. Dass mir nichts ganz Schlimmes passieren kann.»

Über eine Stunde ist seit dem Moment vergangen, als sie aus dem Wasser stieg. Die Ustermerin zittert noch immer. Auf ihrem Schoss wackelt eine Schale mit dampfendem Risotto. Während Stangier spricht, schlagen ihre Zähne aufeinander. Ihre Euphorie ist ihr trotz schleppender Zunge und müden Augen noch immer anzusehen. «Es war so schön. Das Gefühl im Wasser, die Bojen, die Sonne, die Kinder, die gerufen haben…»

Am Anfang habe sie mit der Atmung gekämpft, sagt Stangier. Beim Wort «Schnappatmung» muss sie zwei Mal Anlauf nehmen. Nach 200 Metern sei sie aber langsam «in den Flow gekommen». Nach der Hälfte der Strecke sei ihr sogar richtig warm geworden.

«Aber ich muss zugeben: So erschöpft war ich noch nie.»

Neben Stangier steht ihre Tochter Ellen. Abgesehen von einer langen Narbe und einer kleinen Einschränkung beim Essen ist die mittlerweile 22-Jährige kerngesund. Sie lebt seit 9 Jahren krebsfrei. Stangier schaut zu ihr hoch: «Ohne dich hätte ich es nicht geschafft.»

Whatsapp vom 23. Februar: «Wow, ich bin ganz geflasht von gestern. Merci, dass ihr gekommen seid. Sorry, brauchte ich so lange nach dem Schwimmen, aber mein Kreislauf war ziemlich down. Ich habe wunderschöne Fotos und Filmli bekommen. Offizielle Distanz: 1008 Meter. Temperatur: 6,5 Grad.» Sonnen-Emoticon.

Den offiziellen Eiskilometer wird Stangier nächsten Winter erneut in Angriff nehmen. Ausserdem plant sie bereits ein neues Projekt: Mit einer befreundeten Eisschwimmerin aus England will sie nahe des Nordpols an einem Eisberg vorbei schwimmen.

Mehr Informationen zu Jeannette Stangiers Projekt und der Unterstützung von krebskranken Kindern finden sich unter iceswim4hope.ch und kinderkrebs.ch

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