Weil Bildung nicht umsonst sein sollte Ein Kommentar zum Artikel „Akademisches Prekariat“

22. Juni 2017, Redakteur: Phillip Horch

Phillip Horch

Das Problem, das wir in unserem Artikel zum „akademischen Prekariat“ in der aktuellen Campuls als ein strukturelles beschreiben, liegt sehr viel tiefer, als auf den ersten Blick sichtbar. Prekarität, so scheint es, fängt in den Köpfen an. Die meisten der Doktoranden, die wir um Statements baten, wollten lieber anonym bleiben oder antworteten erst gar nicht auf unsere Anfragen. Größtenteils herrschte Unbehagen davor, es sich durch eventuelle Kritik an den herrschenden Verhältnissen mit den Autoritäten zu verscherzen. Bildung für alle? Meinungsfreiheit? Lieber nicht.

Prekäre Angelegenheit das Ganze. Da wird Druck von allen Seiten aufgebaut, der das Arbeits- und Denkklima nicht gerade verbessert. All die rauchenden Köpfe brüten eher darüber, wie sie den nächsten Antrag durchbekommen, statt sich mit ihren Forschungsthemen zu beschäftigen. Talentierte Menschen fallen dann durch ein System, welches Leistung, Zuverlässigkeit und Funktionalität gegenüber Kreativität und eigenständigem Denken ganz klar bevorzugt.

So schlimm ist das gar nicht? Es scheint zunächst so, als werde hier wieder aus hohen Elfenbeintürmen das Leid auf die Straße geschrien. Doch erkennt man das Problem als ein strukturelles, sind die Klagen angebracht. Wenn prekäre Trennungen in Köpfen gezogen werden, ist das Problem (so bleibt zu hoffen) genau dort lösbar, wo es entsteht.

Das Problem ist nicht der Preis für Bildung, sondern dass ihn die falschen bezahlen müssen.

Wenn sich die jungen Forschenden, die (sich) zum akademischen Prekariat zählen (müssen), weniger auf ihre monetären Verhältnisse konzentrieren müssten, dann hätten sie vielleicht mehr Zeit und Muse. Und zwar dafür, sich ganz der Forschung zu widmen. Denn Privatdozenten, die für ihren Lebensunterhalt zusätzlich kellnern müssen, fehlt verständlicherweise die nötige Motivation. Darunter leiden wiederum die Studierenden – eine Spirale, die sich in die falsche Richtung dreht.

Um das akademische Prekariat angemessen zu behandeln, sollte von den Elfenbeintürmen aus vielleicht wieder öfter auf die Lebensrealität geschaut werden.

Das Problem ist nicht der Preis für Bildung, sondern dass ihn die falschen bezahlen müssen. Die Sturmflut an Studierenden, die an die Unis geschickt werden, verschärfen die Lage. Doch wie soll man dieser prekären Situation nun beikommen? Vielleicht kann man relativ früh im Bildungsweg ansetzen, direkt in der Schule. Anstatt die Kinder so schnell wie möglich durch die Schule zu peitschen, ist es sicher ratsam, schon dort nach persönlichen Begabungen Ausschau zu halten. Denn was bringen Sturmfluten junger Studierenden, wenn die wenigsten von ihnen wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen (und können)? Und wenn man hier schon ansetzt, kann man durch frühe Talentförderung planloser Spezialisierung entgegenwirken.

Auch wäre es nicht verkehrt, mehr auf Qualität statt auf Quantität zu setzen. Die zahllosen Arbeitsstunden, die für Anträge draufgehen, von denen nur ein Bruchteil bewilligt werden, könnten sinnvoller verwendet werden. Und da müssen Uni und Staat besser zusammenarbeiten. Um das akademische Prekariat angemessen zu behandeln, sollte von den Elfenbeintürmen aus vielleicht wieder öfter auf die Lebensrealität geschaut werden. Dann gilt es, die Situationen aneinander anzupassen: Wie viele und vor allem welche Forscher brauchen wir überhaupt? Wer könnte schon vorher etwas Anderes lernen, bevor er/sie durch die akademisch-elitäre Mühle gedreht wird und dann doch im Jobcenter oder im Taxi landet? Keine leichte Aufgabe, das steht außer Frage. Doch dort sollte man ansetzen. Weil Bildung nicht umsonst sein sollte.

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