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Die Bienenkönigin Sandra Lochmatter-Siffert lebt für die Bienen, macht sie zu Königinnen und verschickt sie in kleinen Kuverts zu den Imkern im Oberwallis.

Mathias Gottet (Text), Andrea Soltermann (Fotos)

Mit einer kleinen Taschenlampe leuchtet Sandra Lochmatter die sechskantigen Muster der Bienenwaben ab. Sie sucht nach einer jungen Larve, die sind ideal für die Königinnenzucht. «Je kleiner die Larve, je besser», sagt Lochmatter. Sie findet eine Larve, nimmt sie mit dem Umlarvlöffel heraus – sie ist fast durchsichtig – und tut sie in ein kleines Gefäss.

Insgesamt 20 kleine Larven hat die Imkerin vor neun Tagen in einen Zuchtrahmen und zu einem Volk gehängt. Zuvor hat sie dem Volk die Bienenkönigin weggenommen. Dadurch haben die Bienen den Drang, eine neue Königin zu ziehen. Nach neun Tagen will sie sehen, wie erfolgreich die Zucht verlaufen ist.

Auf dem Weg zu der Imkerin fährt man vorbei am Leukerschloss, dem Zeugen der weit entfernten Vergangenheit, und den Satelliten, die wirken, als hätte sie jemand aus der Zukunft hier hingesetzt. Oberhalb von Leuk eröffnet sich der Weiler Rotafen. Hier ist die Zeit stehen geblieben. 14 Leute wohnen hier. Sandra Lochmatter schon immer.

Als Kinder lebten sie hier ganz einfach. Gewaschen haben sie sich im Dorfbrunnen. Deshalb schätze sie den heutigen Standard auch mehr. Rotafen bietet einen Blick über das Rhonetal, bei dem man sich erhaben fühlt. Diese Heimat, diesen Blick und das Gefühl der Erhabenheit verliess sie nur, um die Lehre als Gärtnerin zu machen.

Bevor sie den Bienenkasten öffnet, um das Ergebnis ihrer Bienenzucht zu überprüfen, schlüpft sie in ihre Schutzausrüstung. Sie zieht den Helm an und den Reissverschluss zu und befestigt ein Gummiband am Hosenbein. «Die Bienen finden jede offene Stelle», sagt sie durch das Netz des Imkerhelmes. Fertig angezogen, sieht sie aus wie eine Astronautin. Mit einem Bunsenbrenner entzündet sie ein Raucherstäbchen, öffnet den Kasten und bläst den Rauch von oben und unten in den Kasten. «So sind meine Bienen vorgewarnt und merken, dass ich komme», sagt sie.

Längst ist die Imkerin wieder in ihre Heimat zurückgekehrt und hat in Rotafen ihre eigene Familie gegründet. «Ich hatte Glück, dass es meinem Mann hier auch gefallen hat», sagt sie und lacht. «Wenn sich nichts ändert, bleibe ich für immer hier.» Sie ist eine quirlige Frau, erzählt stolz und gerne von ihrer Arbeit.

Am Elternhaus, in dem sie heute mit ihren beiden Kindern und ihrem Mann wohnt, hängt ein Plakat: «Kerzen aus 100% Bienenwachs.» Einige Schritte unter dem Haus stehen zwei Bienenhäuser, an deren Wänden mehrere Diplome hängen, etwa das Diplom für die Königinnenzucht. In guten Zeiten wohnen dort 30 Bienenvölker. Die Familie ist umgeben von Hunderttausenden von Bienen.

Die Zucht

Kaum ist der Kasten geöffnet, fliegen die Bienen wild durch das Bienenhaus. Es wird laut und das Summen klingt wie Musik. Mit einem kleinen Besen wischt sie die Bienen vorsichtig vom Rahmen zurück in den Kasten. Das Resultat gefällt ihr, denn die Bienen waren fleissig. 19 von 20 eingehängten Bechern wurden gepflegt und verbaut. Sie sehen fast so aus wie Morcheln.

Langsam beginnt sie, die Zellen mit einem Messer herauszuschneiden. «Das braucht Fingergefühl, sonst werden sie zerdrückt», sagt Lochmatter. Honig bleibt am Messer kleben. 19 von 20 – das ist eine gute Quote. Denn manchmal hat die Züchterin am Schluss nur vier oder fünf Bienenköniginnen. Wie erfolgreich die Zucht verläuft, hängt stark vom Wetter ab: «Am liebsten haben sie warme Temperaturen und am Abend ein wenig Regen.»

Bereits ihr Onkel hatte Bienen in «Rotafu», wie Lochmatter ihre Heimat nennt. Der Onkel wohnte aber in Fiesch und nahm die Bienen 1995 mit ins Goms. Bald merkte die Familie, dass die Himbeeren im Garten nicht mehr so gut gediehen wie früher. Also mussten eigene Bienen her. «Meine Mutter hat dann zwei Völker gekauft und ich habe eines geschenkt bekommen», sagt Lochmatter. Damals war sie 21 Jahre alt. Mehr als ihr halbes Leben imkert sie schon. Auf dem Schlossmarkt in Leuk verkauft sie Honig, Liköre und Kerzen. Und züchtet Bienenköniginnen für das halbe Oberwallis.

Die Geburt

Jede der 19 Zellen hängt sie nun in einen einzelnen kleinen Käfig. Dann landen alle zusammen im Brutkasten. Er ist auf 36 Grad eingestellt, genau dieselbe Temperatur, wie sie auch in der Stockmitte eines Bienenvolkes vorherrscht. In ein oder zwei Tagen werden die Bienenköniginnen schlüpfen. Und wären sie nicht in einem kleinen Käfig eingesperrt, würde die Königin, die als erste schlüpft, alle anderen abstechen.

Bis die Königinnen schlüpfen, macht die Züchterin die verschiedenen Kästen bereit. In jeden Kasten füllt sie 100 Gramm Bienen. «Än Joghurtbächär vollä», sagt Lochmatter. Fast zwei Kilogramm Bienen braucht sie also für diese Zucht. Die Bienen lässt sie ein, zwei Stunden in dem kleinen Kasten, sodass sie merken, dass sie keine Königin haben. So werden sie nervös. Erst dann bringt Lochmatter die geschlüpfte Königin in das Kleinvolk. Dann bleiben die Bienen und die neue Königin zwei Tage eingesperrt, damit sie eine Einheit bilden.

«Man muss mit Herzblut dran sein», sagt die Imkerin, «sonst macht man es nicht.» Denn bei der Zucht sei man zeitlich sehr strikt gebunden. Ist man einen Tag zu spät, ist die ganze Arbeit für nichts. So, wie sie die Dinge erklärt, spürt man, dass sie mit Leidenschaft an der Arbeit ist. Die Bienen sind ihr Leben.

Und auf eine Weise sieht sie sich in der Pflicht, sich um das Wohl der Bienen zu sorgen. Auch wegen des berühmten Satzes, den Albert Einstein einmal gesagt haben soll. «Wenn die Bienen einmal von der Erde verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.» Diese Aussage unterstützt die Imkerin. Sie hat es selber erlebt in ihrem Garten. Sobald die Bienen ihres Onkels weg waren, wurde die Ernte geringer. «Viele sehen die Bienen nur als Honiglieferant an. Sie leisten aber eine extrem grosse Bestäubungsarbeit.»

Die Krönung

Ist die Königin geschlüpft, folgt die Krönung. Lochmatter hält die geschlüpfte Biene mit Daumen und Zeigefinger und klebt ihr eine farbige Nummer auf das Brustteil. Danach folgt aber keineswegs ein königliches Leben: «Sie sind Eiermaschinen und legen bis zu 2000 Eier pro Tag. «Ihr ganzes Leben lang werden sie mit Gelée Royale gefüttert. Bei mir werden sie im Schnitt drei bis vier Jahre alt.» Das ist im Verhältnis zu den normalen Bienen sehr alt. Denn diese leben in den Sommermonaten gerade Mal drei bis vier Wochen lang. Winterbienen können bis zu sechs Monate alt werden.

Manchmal kommt es vor, dass ein Volk eine Königin nicht akzeptiert. «Dann betteln sich die Bienen in ein anderes Volk hinein», sagt Lochmatter. Jetzt im Frühling züchtet sie Königinnen vor allem für sich selber. Um die Zahl der Völker in ihren Bienenhäusern zu vergrössern. Diese gingen im vorigen Jahr zu schwach in den Winter und im April 2017 hatte sie nur noch sieben der 30 Völker. «Das sind Spätfolgen der Varoa-Milbe», sagt Lochmatter. Nach den Honigernten steigt aber auch die Nachfrage bei den Imkern aus dem Oberwallis.

Die meisten werden zwar abgeholt oder geliefert, einige aber auch verschickt. Dann legt sie eine Königin zusammen mit vier oder fünf Bienen in ein kleines Kästchen, so gross wie eine Zündholzschachtel, und verschickt sie per Post zu den Imkern. Eine Königin verkauft sie für 50 Franken. Eine kleine Entschädigung für eine Menge Arbeit.

Die Absetzung

Irgendwann ist es Zeit für die Königin, zu verschwinden und ihr Volk zu verlassen. Und die Königin spürt, wann es so weit ist. Wenn ihr Volk Königinnenzellen nachzieht, beginnt die Königin zu fasten, sodass sie wieder fliegen kann. Da sie keinen Stachel mehr hat, flüchtet sie mit einem Teil ihres Volkes. Bliebe sie im Stock, würde sie von ihrer Nachfolgerin abgestochen werden.

«So ist die Natur. Hart, aber auch schön», sagt Lochmatter. «Aus einer so kleinen Larve eine Königin zu züchten, die dann ein Volk mit 40 000 Bienen regiert, ist einfach faszinierend», sagt Lochmatter. Die Königinnen kommen und gehen. Sandra Lochmatter bleibt in «Rotafu». Sie macht die Bienen zu Königinnen. «Die Bienen haben aber auch mich im Griff» sagt sie am Ende des Gesprächs. Nach der Verabschiedung läuft sie die Treppenstufen hinab zu ihren Bienenhäuschen.

Credits:

Mathias Gottet (Text) und Andrea Soltermann (Fotos)

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