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Wüstengeflüster Ein Etappenlauf ist immer auch ein Treffen mit sich selbst, bei dem man durch Höhen und Tiefen geht. „Luxemburger Wort“-Redakteurin Sophie Hermes ist durch Südafrika gelaufen und hat ihre Erlebnisse in einem Tagebuch festgehalten.

Der Marathon des Sables ist der älteste und wohl auch bekannteste Etappenlauf der Welt. Der Kalahari Augrabies Extreme Marathon (KAEM) in Südafrika ist weitaus weniger populär. Zu unrecht – oder vielleicht doch nicht. Denn die familiäre Atmosphäre – statt 1 000 Teilnehmer in Marokko waren es deren in diesem Oktober im Augrabies-Nationalpark „nur“ 56 – verleiht dem Rennen einen ganz speziellen Charakter. Konkurrenten werden zu Freunden, Crewmitglieder zu Vertrauten, die einem stets mit Herzblut und unbändiger Energie zur Seite stehen. Ein ganz persönlicher Einblick in das einwöchige Rennen.

Tag 1 - Einlaufen mit Safarifeeling

Obwohl der Start erst für 8 Uhr vorgesehen ist, herrscht schon früh reges Treiben. Wie die meisten der anderen 55 Läufer nutze auch ich die Gelegenheit, um noch einmal zu duschen – fließendes Wasser wird es erst in einer Woche wieder geben – und zu überprüfen, ob sich im Rucksack auch alles befindet, was ich in den kommenden Tagen benötigen werde. Denn während des Rennens gilt das Prinzip der Selbstversorgung. Lediglich Wasser kann immer wieder nachgefüllt werden.

Mit vollbepacktem Rucksack geht es dann zum Start. Die Strecke ist gut laufbar, abgesehen von dem Wasserlauf, den wir auf den ersten Kilometern durchqueren müssen – beste Voraussetzung für Blasen an den Füßen. Ich will es gemütlich angehen lassen, es dennoch vor der Mittagshitze ins Camp schaffen. Hans, ein deutscher Teilnehmer, hat dasselbe Ziel und dasselbe Tempo. Also leisten wir uns Gesellschaft, bestaunen gemeinsam die atemberaubende Landschaft und erblicken in der Ferne gar eine Gruppe Giraffen. Da es erst auf den letzten der 25 Kilometer richtig sandig wird, kommen wir zügig voran. Im Camp lerne ich einen neuen Aspekt solcher Läufe kennen: Wer schneller im Ziel ist, hat mehr Zeit, sich zu langweilen. Zu tun gibt es nämlich nichts, außer sich auszuruhen und über die – spärlichen – Essensvorräte herzumachen.

Tag 2 - Es wird heiß

Dass der erste Tag nur ein Einlaufen war, wird auf der zweiten Etappe schnell deutlich. Die ersten der 35 Kilometer führen durch Sand und über Felsen. Immer wieder sind kraftraubende Kletterpassagen eingebaut. Dafür ist die Landschaft erneut wunderschön. Ebenso wie die Aussicht, als wir uns über einen Pfad zwar nicht steil, aber stetig berghoch bewegen.

Es folgt ein laufbarer Abschnitt, bevor in der zweiten Hälfte Sand auf uns wartet – Unmassen von losem, tiefen Sand. Hinzu kommen Hunderte von Mücken, Bienen und sengende Hitze – bis zu 44 Grad Celsius werden gemessen. Unter diesen Bedingungen kommen wir nur noch langsam voran, immerhin steht dafür weniger Langeweile an.

Tag 3 – Wenn's nicht läuft

Vor dem ersten Abschnitt der dritten Etappe wurden wir gewarnt. Und dass nach weniger als zwei Kilometern ein Wasserstopp vorgesehen ist, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass es kein Zuckerschlecken wird. Durch eine Schlucht geht es steil bergauf. An Laufen ist nicht zu denken. Immerhin klettern wir aber in weniger als einer Stunde hoch.

Mich stellt aber nicht nur die Steigung vor eine Herausforderung. Der Körper will nicht. Ich sage mir, dass es wohl an der Hitze des Vortages liegt, lasse Hans ziehen, und beschäftige mich 38 Kilometer lang mit mir selbst – und vielen negativen Gedanken.

Die Fragen, warum ich mir diese Strapazen antue, und wie ich die kommenden Tage überleben soll, werden mich die ganze Zeit über fest im Griff haben. Ich vertiefe mich immer weiter in Grübeleien. Dass die Strecke eigentlich sehr gut zu laufen wäre, ich aber nicht zu mehr als einem scheinbar endlosen Spaziergang imstande bin, verstärkt sie zusätzlich.

Und auch die lieben Worte und Umarmungen an den Verpflegungsstellen werden nichts an meiner Entscheidung ändern: Diese Etappe mache ich fertig, dann reicht es. Nicht nur mit diesem Rennen. Ich will nie wieder auch nur einen Schritt laufen. Und mich nie wieder so überhitzt, schwach und elend fühlen.

Tage 4 und 5 – Achterbahnfahrt

Die Nacht hat nicht wirklich dazu beigetragen, dass ich mich erholt habe. Zwar hat ein Sandsturm für Abkühlung gesorgt, da ich meinen Schlafsack jedoch offen gelassen hatte, damit mein Körper abkühlen kann, sind nicht nur die fiesen kleinen Körner überall, auch die Moskitos, die mich seit Tag eins im Visier hatten, haben meinen Körper mit einem Festschmaus verwechselt. Physisch fühle ich mich noch schwächer als am Vortag. Mein Kopf glüht, mein Körper friert. Die Diagnose der Ärzte ist klar: Mein Rennen ist vorbei.

Bei jedem anderen Wettkampf wäre diese Entscheidung endgültig. Hier tut man jedoch alles, um den Läufern entgegenzukommen. Das heißt in meinem Fall, mich doch starten zu lassen. Denn über Nacht sind die negativen Gedanken verflogen. Und auch wenn ich keinen Schimmer habe, wie ich die 78 Kilometer schaffen soll, so will ich nicht aufgeben, ohne es zumindest versucht zu haben.

Mein Wunsch ist Befehl. Die Ärzte verdächtigen ohnehin nicht mehr die Hitze, sondern die Insekten. Sie geben mir ein Mittel gegen eine mögliche Allergie und es hilft: Die Beschwerden sind weg. Für den Fall, dass sich mein Zustand dennoch verschlechtert, begleitet mich eine Ärztin auf den ersten Kilometern. Ich schaffe es nicht nur, sie zu überzeugen, dass mein Platz im Rennen ist, sondern kann mich anschließend auch mit Julie, einer Südafrikanerin, mit der ich mir vor dem Rennen bereits das Zimmer geteilt hatte, von unserer Gruppe absetzen.

Ich bin unendlich dankbar, dass ich im Rennen bleiben durfte, umarme die Crew an den Verpflegungsstellen und habe den ganzen Tag ein Lachen im Gesicht, auch, als es kilometerlang durch tiefen Sand berghoch geht und ich die Blasen an den Füßen, die ich mir am Vortag erwandert habe, spüre. Ich bin auch dankbar über Julies Gesellschaft. Wir laufen zwar über weite Teile ohne zu reden, wissen aber, dass da jemand ist.

Erst nach fast 50 Kilometern überholen uns die Spitzenläufer, die Stunden nach uns gestartet waren. Obwohl für einige von ihnen im Kampf um die Podestplätze jede Sekunde zählt, nehmen sie sich die Zeit, um ein paar Wörter mit uns zu wechseln. Gemeinsam mit Erica, der Führenden bei den Frauen, werden wir sogar ein Stück laufen. Dann wechseln wir in ein schnelles Gehtempo. Als es bereits dunkel ist, schließen wir zu Retha auf. Sie ist nachtblind, also beenden wir die Etappe zu dritt.

Am darauffolgenden Tag ist Pause angesagt. Ich nutze die Gelegenheit, um meine Kleider im Fluss zu waschen, gönne mir aber auch eine Massage.

Tag 6 – Ein dicker Brocken

Vor der vorletzten Etappe hatte ich im Vorfeld am meisten Respekt. Mit 48 Kilometern wartet erneut ein wahrer Brocken auf uns, vor allem, da wir bereits einige Kilometer in den Beinen haben. Zudem soll es richtig heiß werden.

Julie und ich sind seit dem Vortag ein Team. Das hat auch heute Bestand. Unsere Taktik ist einfach: Möglichst weit kommen, bevor es richtig warm wird und es dann irgendwie bis ins Ziel schaffen.

Die Umsetzung läuft zunächst nach Plan. Nach etwas mehr als der Hälfte der Strecke macht sich dann aber nicht nur die Allergie wieder bemerkbar, sondern auch die Nebenwirkungen der Tabletten. Ich habe das Gefühl, dass ich mich auf der Stelle hinlegen und die nächsten Stunden durchschlafen könnte. Julie fühlt sich wegen der Hitze schlapp.

Obwohl es von der letzten Verpflegungsstelle aus nur noch acht Kilometer bis ins Ziel sind, legen wir eine längere Pause ein. Doch auch die wird nicht dazu beitragen, dass wir auf dem letzten Teilstück schneller unterwegs sein werden.

Mein Körper kann schon lange nicht mehr, mein Kopf will nicht mehr.

Als wir vier Kilometer vor dem Ziel einen Streckenposten sehen, bitte ich ihn darum, mich in seinem Wagen mitzunehmen. Er schaltet auf stur, ebenso wie Julie, die schlicht und einfach nicht alleine weitermachen will. Patrick, ein älterer Engländer, der beim KAEM zum Inventar gehört und sich im Schatten des Vans eine Pause gönnte, wird sich unser annehmen. Auf dem Weg zum Ziel erzählt er uns Geschichten, von denen wir nicht mal die Hälfte wahrnehmen und sprüht uns zur Abkühlung immer wieder Wasser ins Gesicht. Als er nach einer gefühlten Ewigkeit seinen Stock hebt und auf das Camp zeigt, kommen uns die Tränen: Das Tagesziel liegt in greifbarer Nähe.

Tag 7 – Der Weg ins Ziel

Am letzten Tag stehen „nur“ noch 26 Kilometer an. Da erneut Temperaturen über 40 Grad vorausgesagt sind, halten Julie und ich uns an die Taktik vom Vortag.

Als es anfängt, richtig heiß zu werden, bleiben uns nur noch elf Kilometer zu laufen. Allerdings müssen wir noch die Steigung zum berüchtigten Moonrock hinter uns bringen. Genau hier wird sich Julie am Oberschenkel verletzen.

Nun schalte ich auf stur, als sie meint, ich solle alleine weitermachen. Ich versuche ihr zu helfen, so gut ich kann. Das bedeutet vor allem, dass ich nach dem richtigen Weg suche. Denn so gut die Strecke die ganze Woche über gekennzeichnet war, so heikel sind die letzten paar Kilometer.

Einige Konkurrenten laufen aus der falschen Richtung ins Ziel. Wir überqueren die Ziellinie aus der richtigen Richtung. Hand in Hand und mit Tränen in den Augen.

Der Kalahari Augrabies Extreme Marathon findet jedes Jahr im Oktober statt, 2019 bereits zum 20. Mal. Zu laufen sind rund 250 Kilometer, aufgeteilt in sechs Etappen und sieben Tage. Die Läufer müssen ihr Gepäck während des Rennens - Nahrung für die Woche, Schlafsack und Co. - selbst tragen. Weitere Informationen online.

Fotos: KAEM/HermienWebb Photography und Privat

Credits:

KAEM, Privat

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