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Nicht einfach nur traurig Das Tabu-Thema Depressionen neu beleuchtet

Text: Leonie Thiel & Pia Sautter, Bilder: Malin Jachnow, Layout: Leonie Thiel

„Studieren ist doch so entspannt – wie kann es dir da so schlecht gehen?“ Diesen Satz haben bestimmt schon einige in den unterschiedlichsten Abwandlungen gehört. Dem Studium eilt der Ruf voraus, es sei die schönste Zeit im Leben. Tatsächlich sind rund eine halbe Millionen Studierende laut des BARMER Arztreport 2018 psychisch krank. Die meisten von ihnen haben mit Depressionen zu kämpfen, einer immer noch stigmatisierten und unterschätzten Krankheit, die hier genauer betrachtet werden soll.

Wer depressiv ist, ist nicht einfach nur traurig. Menschen, die an Depressionen oder anderen psychischen Krankheiten leiden, müssen ernstgenommen werden. Sowohl das Verharmlosen wie auch das Verteufeln führt zu einem falschen Bild, mit dem aufgeräumt werden muss. Den richtigen Mittelweg zu finden ist eine Gradwanderung.

Warum leiden so viele Studierende an psychischen Erkrankungen?

Die alltägliche und gesellschaftliche Situation kann mitverantwortlich sein für die hohe Zahl an Erkrankten – zu große Anforderungen im Studium, Stress, zu hohe Bafög-Schulden, zu teure Mietpreise, schlechte Berufsaussichten, Überforderung mit den Krisen der Welt und Angst vor der Zukunft. Das Studium ist eine Zeit des Erwachsenwerdens, eine Zeit des Umbruchs, viele sind zum ersten Mal ganz auf sich allein gestellt. Auch diese Herausforderungen können zu einer überfordernden Belastung werden. Laut Diplom-Psychologin der Universität Konstanz Anne Schawohl gibt viele Theorien, wie Depressionen entstehen. Es kann mit einer erblichen Veranlagung zusammenhängen. Häufig treten auch vor dem Ausbruch einer Depression belastende Lebensereignisse und große Schwierigkeiten auf. Das kann beispielsweise der Tod eines Familienmitglieds oder eine schlimme Trennung sein, aber auch ein Mangel an positiven Erfahrungen und Überwiegen negativer Erlebnisse können zu Depressionen führen. Schlussendlich gibt es keine direkten Gründe, sondern ihre Entstehung ist immer ein individuelles Zusammenspiel vieler Faktoren. Fakt ist aber, Depressionen sind eine Krankheit und eine Tasse heißer Tee kann sie nicht heilen.

Welche Symptome haben Menschen, die an einer Depression erkrankt sind?

Eine Depression kann nicht mit ein paar schlechten Tagen verglichen werden, denn die erlebt jeder Mensch immer wieder. Auch wer nach dem Verpatzen einer Klausur oder einem Streit traurig ist, hat noch lange keine Depression. Der Unterschied zwischen gewöhnlicher Traurigkeit und einer psychischen Krankheit liegt in deren Intensivität und Ausmaß. Diplom-Psychologin Anne Schawohl zufolge hält sich eine depressive Stimmung mindestens zwei Wochen lang und begleitet die Person meist den ganzen Tag, oft auch besonders intensiv. Depressionen gehen oft mit dem Verlust von Interesse oder Freude an Aktivitäten, die normalerweise als angenehm empfunden werden, einher. Hoffnungslosigkeit, Antriebslosigkeit, Erschöpfung, übermäßige Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten sind häufige Begleiterscheinungen. Auch Schlafstörungen sowie mangelnder oder unverhältnismäßig großer Appetit können auftreten. Viele depressive Menschen machen sich selbst Vorwürfe, haben mit Schuldgefühlen zu kämpfen und verlieren ihr Selbstvertrauen. Suizidgedanken und selbstverletzendes Verhalten können auch Anzeichen von Depressionen sein.

Was tun, wenn man feststellt, man könnte an Depressionen leiden?

Bei Anzeichen für eine Depression, bei sich selbst oder bei Angehörigen, sollte auf keinen Fall weggeschaut, sondern das Gespräch gesucht werden. In jedem Fall wäre es gut, sich Familie oder Freunden anzuvertrauen und im nächsten Schritt eine/n professionelle/n Psychologen/Psychologin aufzusuchen.

Wenn ein direktes Gespräch nicht möglich ist oder es sich sicherer anfühlt, mit einer externen Person zu reden, ist eine direkte Kontaktaufnahme mit Therapeut_innen oder Beratungsstellen, beispielsweise an der Uni, möglich. Depressionen müssen nicht chronisch werden, durch eine Psychotherapie kann Betroffenen oft geholfen werden. Die Dringlichkeit des Einschreitens wird umso klarer, wenn man bedenkt, dass Depressionen die Hauptursache für Suizide darstellen. Laut der Stiftung für deutsche Depressionshilfe leiden mehr als 90 Prozent der Menschen, die durch Suizid versterben, an psychischen Krankheiten, davon mehr als 50 Prozent an Depressionen. Daher ist es wichtig zu handeln, wenn der Eindruck besteht, jemand aus dem Freundeskreis, der Familie oder der Universität hat mit solchen Problemen zu kämpfen. Leider fällt es vielen schwer, über Depressionen oder andere psychische Krankheiten zu sprechen, da diese mit großen Vorurteilen und Stigmatas belastet sind. Auch der Gang zum Arzt oder der Ärztin oder einem Psychologen oder einer Psychologin ist für einige mit so einer Scham behaftet, dass sie es lieber sein lassen. Dabei können Angehörige unterstützen, indem sie Betroffene gegebenenfalls dorthin begleiten. Denn die therapeutische Behandlung von psychischen Krankheiten wie Depressionen ist das wirksamste Mittel und die beste Suizidprävention.

Trost ist ein anderer wichtiger Beitrag, den Angehörige leisten können. Niemand kann die Depressionen eines Freundes oder einer Freundin beheben, aber fürsorgliche Zuwendung ist oftmals schon eine große Hilfe. Den Betroffenen zuhören und versuchen, empathisch zu reagieren. Damit wird signalisiert, dass die erkrankte Person nicht allein gelassen wird und ihre Probleme ernstgenommen werden. Eine Zurückweisung oder Abwertung der depressiven Gefühle führt leider oft dazu, dass sich Betroffene noch mehr zurückziehen. Was Angehörige allerdings nicht tun sollten, ist der betroffenen Person alltägliche Herausforderungen abzunehmen, beispielsweise Wäsche waschen, einkaufen gehen oder die Seminararbeit schreiben. Durch solche liebevoll gemeinten Hilfsangebote wird die Grundannahme geschaffen, dass die Depressionen nicht behandelt werden müssten, weil der Alltag auch ohne Therapie weitergeführt werden kann. Dadurch fällt die Notwendigkeit der Ursachenbehandlung der Krankheit weg – die Depressionen bleiben. Auch Psychopharmaka eignen sich gut zur Behandlung der Symptome, doch die Ursache kann durch Medikamente nicht behoben werden. Letztlich ist eines aber auf jeden Fall sicher: Depressionen oder andere psychische Krankheiten sind behandelbar. Es gibt Hilfe. Es ist kein Zeichen von Schwäche, Hilfe anzunehmen. Viel mehr zeugt es von Mut und Willenskraft, sich seinen Dämonen zu stellen. Am Ende ist eines definitiv sicher: es gibt immer einen Weg aus dem dunklen Tal heraus.

Doch manchmal scheint der Weg aus diesem Tal lang und schwer. Was, wenn Freunde und Familie kein Verständnis zeigen? Was, wenn ich es gar nicht erst schaffe, mich ihnen anzuvertrauen? Und was wenn ich mich einfach mal bei jemandem auskotzen muss? An Universität und HTWG Konstanz sollen Studierende mit einem engen Beratungsnetzwerk aufgefangen werden. Für solche Fälle gibt es auch die Nightline Konstanz e.V., ein kostenloses Zuhörangebot von Studierenden für Studierende. Seit 2011 gibt es die Hochschulgruppe in Konstanz. Um die Nightline etwas besser kennenzulernen und dadurch ein wenig Licht ins Dunkel ihres nächtlichen Schaffens zu bringen, traf ich mich mit drei von ihnen. Und um es vorweg zu nehmen, es gibt leichteres, als mit Nightlinern journalistische Arbeit zu betreiben. Nicht etwa weil sie unkooperativ sind, ganz im Gegenteil. Aber sie nehmen ihre Vereinsgrundsätze sehr ernst…

Das Interview beginnt damit, dass wir uns einen abgelegen Raum im naturwissenschaftlichen Teil der Uni suchen. Das liegt am Grundsatz der Anonymität, den es bei der Nightline gibt. Zum Schutz der Privatsphäre des Anrufenden sowie der Nightliner selbst möchten sie nicht namentlich genannt werden. Die erste Frage kommt nicht von mir, sondern von einem meiner Interviewpartner_innen und ist daher auch nicht verwunderlich: Ob sie diesen Text denn auch sicher zum Probelesen bekommen könnten? Auf Nachfrage wird mir erläutert, dass es bei der Nightline insgesamt vier Grundpfeiler gebe. Einer dieser Grundpfeiler sei die Anonymität. Dies soll es den Anrufern erleichtern, sich jemandem anzuvertrauen. Logisch, denn manchmal kommen schwere Worte einem unbekannten Fremden gegenüber einfach leichter über die Lippen. Ein weiterer Grundpfeiler, welcher daran anknüpft, sei die Vorurteilsfreiheit.

„Jeder und Jede wird so mit der eigenen Geschichte angenommen, wie sie uns anvertraut wird. Die eigene Situation darf genauso geschildert werden, wie sie von der Person empfunden wird, da kommt von uns auch keinerlei Bewertung“,

erklärt mir die Erste der drei Studierenden. Schnell ergänzt Nummer zwei: „Das ist deshalb so wichtig zu betonen, weil ein Freund in einem Gespräch zwangsläufig fast immer seine eigene Meinung einfließen lässt oder dich vielleicht auch ein bisschen verurteilt. Genau das ist der Unterschied; wir hören einfach zu und jeder kann mit Frust und Sorge anrufen, alles rauslassen und abkotzen, so wie er möchte.“ Dies führt das Gespräch nun zum dritten Pfeiler der Nightline: der Vertraulichkeit. „Nichts wird weitererzählt, auch wir untereinander sprechen nicht darüber, alles bleibt zwischen der Person, die anruft und der Person, die zuhört.“, versichert mir das letzte Mitglied des Dreiergrüppchens. Eine unweigerliche Konsequenz, wenn man ein solches Angebot professionell anbieten möchte. Das vierte Leitprinzip nennt sich Non-Direktivität. Basierend auf dem Konzept einer klientenzentrierten Gesprächstherapie, das von dem US-amerikanischen Psychologen Carl Rogers entwickelt wurde, nehmen die Freiwilligen keine gesprächsleitende Rolle ein, der Input kommt von der anderen Seite der Leitung: „Wir begleiten das Gespräch lediglich, da wir ja nicht wissen, was für die andere Person am besten ist.“

Viele Wege führen zur Nightline: Ob telefonisch, per Skypeanruf oder über E-mail für alle, die ihre Gedanken lieber schriftlich ordnen- und es kostet keinen Cent. Dienstags, Mittwochs, Freitags, Samstags und Sonntags zwischen 21:00 und 01:00 Uhr.

Telefon: 07531-206 886, Skype: nightline.konstanz.

Wer bei der Nightline anruft, sollte also nicht mit goldenen Ratschlägen und einem personalisierten Bauplan für das eigene Glück rechnen. Einfach nur mit einem guten Zuhörer zu sprechen, ist sicher ungewohnt, aber wer Gedanken laut ausspricht und Probleme ausformuliert, kann zu überraschenden Erkenntnissen kommen. Und selbst das muss nicht das Ziel sein: „Zu uns kann man auch mit ganz alltäglichen Problemen kommen und einfach am Ende des Tages Lasten loswerden. Wir denken, dass es sehr wertvoll ist, Studierenden einen solchen Raum zu geben. Bei uns wird angesetzt zwischen Freunden und der psychologischen Beratungsstelle.“ So offen die Drei mit mir plaudern, so bestimmt blocken sie auch Themen ab. Fragen nach der Häufigkeit der persönlichen Dienste, der Anzahl der Anrufe oder den krassesten Gesprächen werden nicht beantwortet. Dies erscheint im ersten Moment zwar etwas befremdlich, doch bei näherer Betrachtungsweise logisch und konsequent: „Na, wenn wir das erzählen würden, würde das ganz schön an unserer Glaubwürdigkeit rütteln.“

Na gut, wenigstens haben sich die Studierenden für mich ausnahmsweise tagsüber in den Dienst ihrer Hochschulgruppe gestellt, denn bei Dunkelheit hätte ich den Weg aus dem Gebäude garantiert nicht mehr gefunden. Aber eigentlich wäre auch das kein Problem gewesen: Denn die Leute von der Nightline bleiben auch am Telefon, wenn man nachts alleine unterwegs ist.

Nach einem Gespräch mit der Nightline werden optimalerweise schon viele Probleme und Ängste kleiner. Ist das nicht der Fall, so kann der nächste Weg zu Reinhart Mack und seinem Kollegium führen. Dieser lacht überrascht auf, als ich ihn am Anfang unseres Gesprächs frage, was er denn von der Aussage halte, Studierende hätten es doch super leicht: „Finde ich überhaupt nicht!“ Der Leiter der Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Seezeit Studierendenwerks Bodensee ist überzeugt, dass der Leistungsdruck in den letzten Jahren zugenommen hat. „Die Studierenden setzen sich selbst mehr unter Druck und auch die Konkurrenz untereinander steigt. Besonders in den Studiengängen Politik- und Verwaltungswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und Jura ist das teilweise echt hart. Der krasse Workload kommt noch dazu. Wer zum Beispiel Life Science studiert, sitzt morgens in den Vorlesungen, mittags geht es ins Labor und am Abend werden Laborberichte geschrieben. Das ist dann locker eine 50 Stunden Woche.“, sagt Mack. Obwohl die Studierendenzahlen seit einigen Jahren stabil sind, steigen die Zahlen der Immatrikulierten, die die Beratungsstelle aufsuchen, stetig. 16 Prozent mehr sind es im Vergleich zum Vorjahr. Mack zeigt mir von weitem, sodass ich keine Namen erkenne, seinen vollen Terminplan.

Leiden also mehr Studierende als früher unter psychischen Erkrankungen?

Mack warnt vor zu schnellen Schlüssen: „Es ist wichtig, zwischen psychischen Belastungen und psychischen Störungen zu unterscheiden. Obwohl der Druck im Allgemeinen zugenommen hat und mehr Studierende zu uns kommen, liegt der Prozentsatz derjenigen, die an psychischen Störungen leiden, stetig bei 15 bis 20 Prozent. Man kann also nicht sagen, dass diese Leute psychisch kränker sind als früher, definitiv nicht. Aber es ist selbstverständlicher geworden, sich Hilfe zu suchen.“ Diese finden Betroffene bei der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz. Unabhängig vom Versicherungsstatus können die Studierenden hier Einzeln oder in Gruppen verhaltenstherapeutisch orientierte Psychotherapien beanspruchen. Der Schwerpunkt liegt dort in der Analyse schwieriger Situationen und dem Erarbeiten von Verhaltensalternativen. Da das Warten auf einen Therapieplatz jedoch in der Regel mindestens drei Monate dauert, kann die Beratungsstelle der Überbrückung dienen. Mack verdeutlicht den Unterschied: „Zu uns kommt eigentlich Jeder mit Allem. Das reicht von Liebeskummer bis hin zu Suizidalität. Hauptsächlich möchten wir vorbeugen, sodass sich erst gar keine psychische Störung entwickelt. In Ernstfällen begleiten wir die Studierenden so lange, bis sie einen Therapieplatz haben.“ Im Unterschied zu der Nightline fragen die ausgebildeten Therapeuten der Beratungsstelle auch mal gezielt nach, versuchen zusammen mit dem Studierenden den Kern des Problems zu ermitteln und entwickeln kleine Aufgaben: „Bei dauerhaftem Prokrastinieren lasse ich die oder den Betroffene_n zum Beispiel genau aufschreiben, wie die Woche wirklich aussah, da setzt dann auch mal intensives Nachdenken ein.“

Zu einem der natürlichen Feinde mentaler Gesundheit hat Mack den falschen Umgang mit sozialen Medien auserkoren. Das Smartphone habe nichts in der Bibliothek zu suchen: „Angenommen ich lese einen Text und plötzlich erreicht mich über WhatsApp eine Nachricht mit emotionalem Wert. Dann brauche ich wirklich einige Minuten, um mich wieder runter zu kühlen.“ Auch die zunehmende Zahl an sogenannten Zweck-WGs bezeichnet der Psychologe als Albtraum. Dagegen sieht Mack das effektivste Heilmittel gegen psychologische Probleme in der Bewegung. Tatsächlich seien die Sportler diejenige Gruppe im Universitätskosmos, die am Seltensten die Beratungsstelle aufsucht:

„Die erste Maßnahme gegen Ängste und Depressionen ist immer Bewegung. Wenn der Weg zur Universität nicht allzu lang ist, hat das Laufen oder Fahrradfahren dorthin einen Wahnsinnseffekt. Wenn nachts im Bett die Angst kommt, kann neben Licht anmachen auch schon die Bewegung in die Senkrechte gegen die Ohnmacht helfen. Man hat nicht mehr das Gefühl, dass der ganze Druck auf einem liegt.“

Mack ist begeistert von dem gut verflochtenen Beratungsnetzwerk und den Angeboten in Konstanz: „Der Hochschulsport bietet grandiose Sachen an, Natur ist jede Menge da und beratungstechnisch ist man in Konstanz auch super aufgehoben.“ Die Message ist klar; auch wenn es schwer ist: Geht raus, bewegt euch und vor allem - sprecht!

Created By
Campuls Hochschulzeitung
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