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Die Leuker Ohren lauschen ins All Die Antennen von Leuk wurden immer wieder mit Vorwürfen eingedeckt. Ein Besuch der geheimnisvollen Station

Mathias Gottet (Text), Andrea Soltermann (Fotos)

Wer unterhalb von Leuk durch das Rhonetal fährt, sieht die riesigen Antennen am Hang. Viele fragen sich: Wonach strecken sie ihre Ohren?

Michel Kalbermatter sieht aus wie ein Lego-Männchen auf einer Star-Wars-Station. Er steht in Brentjong oberhalb von Leuk neben einer grossen, weissen Schüssel. Die Antenne ragt mehr als 30 Meter in den Himmel. Kalbermatter arbeitet seit 20 Jahren in der Satellitenbodenstation von Leuk. Vom Telekommunikationsspezialisten ist er in dieser Zeit zum Standortleiter aufgestiegen. Er blickt auf das Rhonetal, dann schaut er hoch zu einer riesigen Antenne. Sie ist die älteste Antenne der Anlage: Leuk 1.

Michel Kalbermatter, Standortleiter der Satellitenbodenstation in Leuk

1973 baute die Schweizerische Post in Brentjong für 25 Millionen ein Betriebsgebäude und die erste Satellitenschüssel, Leuk 1. Sie galt als Wunder der Technik, ermöglichte Satellitentelefonate von der Schweiz rund um den Globus. Ein Gespräch in die USA kostete damals mehr als 25 Dollar pro Minute. Parallel waren nur vier Gespräche möglich. Heute können über die rund 40 Antennen von Leuk Tausende Gespräche und riesige Datenmengen gleichzeitig übertragen werden. Leuk 1 ist eine der vier grössten Antenne der Anlage geblieben. Sie wiegt 1750 Tonnen.

Kontrollzentrum der Bodenstation, erster Satellit und das Betriebgsgebäude. Vermutlich aus dem Jahr 1974

Michel Kalbermatter geht vom Vorplatz der Anlage die Treppenstufen hoch in das Betriebsgebäude der Signalhorn AG. Sein Mobiltelefon hängt am Gürtel, klingelt im Zehnminutentakt. Nimmt er es ab, redet er mit seinen Angestellten über den Wind, über die nächsten Arbeiten. «Morgen muss die Antenne wieder laufen», sagt er zu seinem Mitarbeiter. Besucher müssen an der Eingangskontrolle ihren Pass abgeben. Alle Mitarbeiter, sogar die Reinigungskraft, wurden vor ihrer Anstellung überprüft: Strafregisterauszug, ehemalige Arbeitgeber, Hobbys.

Leuk 1 ist 1750 Tonnen schwer. So schwer wie 30 Panzer der Schweizer Armee

Kalbermatter geht ins Kontrollzentrum der Station. Dutzende Computer, Bildschirme und Festnetztelefone sind aufgereiht. An den Wänden leuchten Lämpchen und Zahlen. Ein Mitarbeiter sitzt vor einem Bildschirm, tippt etwas in die Tastatur. Er kontrolliert die Signalqualität der Antennen. Der Bildschirm zeigt an, dass zurzeit 200 Megabyte pro Sekunde an Daten über die Antenne Leuk 1 empfangen werden. Es sind Daten einer Firma, die in Johannesburg eine Ölplattform betreibt. Das Büro der Firma liegt in Europa. Das Unternehmen will wissen, wie viele Liter Öl sie gerade fördert. «Früher bekamen sie diese Informationen noch per Briefpost», sagt Kalbermatter.

In weniger als 500 Millisekunden gelangen die Daten von einer Windturbine in Saudi-Arabien nach Leuk. Die Antennen von Leuk übertragen auch die Bilder der Fussball-Weltmeisterschaft und der Olympischen Spiele rund um den Globus. Bezahlt jemand an einer Tankstelle in der Wüste Australiens mit einer Schweizer Kreditkarte, überprüfen die Schüsseln von Leuk die Kontodaten bei den Schweizer Kreditbanken.

So funktioniert die Kommunikation über Satellit

Unsichere Zeiten

Michel Kalbermatter öffnet im Kontrollzentrum eine Tür und betritt einen dunklen Raum. Noch mehr Computer rauschen, noch mehr kleine Lämpchen blinken. Eine Serveranlage ist eingezäunt. Ein Kunde der Signalhorn AG hat diesen 35 Quadratmeter grossen Käfig gemietet, Kalbermatter schliesst ihn auf: Der Server sammelt Wetterdaten aus der ganzen Welt.

Das Kerngeschäft der Signalhorn AG hat sich durch das Internet im Laufe der Jahrzehnte stark verändert. Hunderte Glasfaserkabel verbinden heute die Kontinente. Sie liegen auf dem Boden der Weltmeere. Die Erträge der Leuker Station brachen ein. Um die Jahrtausendwende verkaufte die Swisscom als Nachfolgerin der PTT die Anlage an das US-Unternehmen Verestar. Die 30 Mitarbeiter waren frustriert. Sie hatten Angst um ihre Jobs. Heute arbeiten noch 12 Leute in Leuk.

Standortleiter Michel Kalbermatter

In seinem Büro zeigt Michel Kalbermatter die Zeitungsartikel, die in den letzten Jahrzehnten über die Anlage in Leuk erschienen sind. Er hat sie ausgeschnitten und gesammelt. «Die Medien schreiben, was sie wollen», sagt er. Noch nie habe ein Journalist mit ihm reden wollen. Nur fotografiert worden sei die Anlage oft. Viele Artikel handeln von möglichen Verbindungen der Antennen in Leuk zum US-Militär oder dem US-Geheimdienst. Kalbermatter klopft mit seinen Fingerkuppen auf den Tisch, als wolle er das Gesagte zusätzlich betonen. «Die Amerikaner haben rund um die Schweiz mehrere militärische Anlagen, die extrem gut gesichert sind. Wieso sollten sie unsere Station benutzen? Das ist doch Schwachsinn.»

Während des Irakkriegs im Jahr 2003 kritisierten Leute und politische Gruppierungen die Rolle der Leuker Bodensatelliten. Der Schweizer Schriftstellerverband forderte in einem Brief an den Bundespräsidenten Pascal Couchepin, dass er die Antennen von Leuk während des Kriegs zum Schweigen bringt. Das geschah nicht. Für verschiedene Parteien wäre eine Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Militär ein klarer Verstoss gegen die Schweizer Neutralität gewesen. Demonstranten marschierten auf, hielten Stop-War-Schilder in die Luft. Einige stiegen auf die Antennen und versuchten, das Signal zu stören. Ob die Anlage in Leuk während des Irak-Krieges dem US-Militär als Verbindung in den Nahen Osten diente oder nicht, ist bis heute ungeklärt. Im Zusammenhang mit dem NSA-Skandal im Jahr 2013 sollen die Antennen von Leuk wieder eine Rolle gespielt haben. Zapfte der US-Geheimdienst die Satelliten an? Eine Verbindung zwischen der Signalhorn AG und dem amerikanischen Geheimdienst wurde oft kolportiert, aber nie bestätigt.

Nachrichtendienst in Leuk

Die Vorwürfe und Verschwörungstheorien zu den Anlagen von Leuk gibt es immer noch. Die Angestellten der Signalhorn AG kümmert es nicht. Donat Locher aus Ergisch arbeitet seit 17 Jahren in der Anlage. Auf seinem Fleece-Pullover steht der Firmenname Satlynx, die die Bodenstation im Jahr 2007 von Verestar abgekauft hat. Auch das ein Zeichen, dass sich die Firmenstrukturen und Besitzverhältnisse in Leuk oft verändert haben. Locher sagt zu den Vorwürfen und Gerüchten um die Leuker Anlage: «Als Mitarbeiter der Leuker Anlagen bin ich wie ein Postbote. Wir liefern die Pakete. Hineinschauen dürfen wir nicht.»

Die Station ist für Donat Locher die Verbindung in die Ferne.

Seit der Jahrhundertwende gibt es in Leuk immer mehr Antennen. Die Schweizer Armee betreibt getrennt von der Signalhorn AG eine zweite Anlage. Mittlerweile stehen elf militärische Antennen in Leuk. Die Abhörsatelliten des Schweizerischen Nachrichtendienstes (NDB) fangen Daten aus aller Welt ab.

Donat Locher passiert die Sicherungskästen und betritt den Lift. Er fährt hoch zur Ebene, wo die Antenne Leuk 1 steht. Früher reiste Locher viel um die Welt. Heute ist seine Verbindung zur Ferne die Station in Leuk. Ist die Signalqualität bei einer Antenne schlecht, telefoniert Locher mit Arbeitskollegen und Kunden auf der anderen Seite der Welt. Morgens fragt er sich oft, ob er dieses Mal mit einer Frau in Haiti oder mit einem Mann in Israel reden wird.

Beim Abfangen von Daten sassen die Leute des Schweizerischen Nachrichtendienstes früher mit Kopfhörern an Geräten. Sie schraubten und suchten, bis sie Signale erkannten. Heute sind es Algorithmen, die unvorstellbar grosse Datenberge nach Schlüsselwörtern durchforsten. Ob eine Information relevant ist, entscheidet aber immer noch der Mensch. In die Welt des Nachrichtendienstes dringen die Mitarbeiter von Leuk nicht vor. An der Anlage des Verteidigungsdepartements machen sie nur den Unterhalt. Sie fetten, schrauben, flicken die Antennen.

Globale Ereignisse nur im Unterton

Donat Locher steht auf der Plattform, sieht drei Dutzend riesige Antennen, die ihre Ohren in den kaltblauen Himmel strecken. Umgeben werden sie von Betonmauern und Zäunen. Alles umfasst mit Stacheldraht. Der kräftige Wind bläst und pfeift durch die Anlage, ein Gefühl der Isolation macht sich breit. Donat Locher sagt: «Hier oben fühlt es sich an wie auf einer Ölplattform.»

Die Abhörsatelliten von Leuk sind einer von zwei Standorten der Schweizer Armee. In Heimenschwand im Kanton Bern gibt es eine weitere Station. Die Daten aus Leuk und Heimenschwand werden in der Einsatzzentrale des NDB in Zimmerwald gefiltert. Das Abhörsystem Onyx wird hauptsächlich eingesetzt, um Terrorismus zu bekämpfen und ausländische Spionage-Angriffe zu verhindern.

Der Irak-Krieg, der NSA-Skandal und das Abhörsystem des Schweizerischen Nachrichtendienstes – die Satellitenanlage bringt das kleine Dorf Leuk im Mittelwallis mit dem grossen Geschehen der Welt in Verbindung. Wenn die Arbeiter der Signalhorn AG durch das unterirdische Labyrinth aus Metall laufen, summen die globalen Ereignisse im Unterton.

Donat Locher geht jetzt entlang des Betriebsgebäudes zum Ausgangstor. Für ihn ist die futuristische Anlage längst zu einem völlig normalen Arbeitsplatz geworden. Nur an manchen Tagen, wenn ihn jemand darauf hinweist, beeindrucken ihn die Antennen noch. Das schwere Metalltor schliesst sich. Donat Locher verschwindet hinter den Gitterstäben.

Created By
Mathias Gottet
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Credits:

Text: Mathias Gottet, Fotos: Andrea Soltermann, Archivbilder: Schweizerisches Sozialarchiv, Grafik: Milo Karrer, Video: Ivica Okić

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