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Drei Grabdenkmale in der Stiftskirche aus verschiedenen Jahrhunderten mit unterschiedlichem Verständnis von Tod und Auferstehung

Von Wolfgang Steffen mit Fotos von Friedhelm Chlopek

Das Grabmal des Stiftsherrn Theoderich von 1222

Wir finden es an der Ostwand des südlichen Querschiffes. Aber das ist erst der letzte Platz. Vorher war es als Türsturz über dem Eingang vom Kreuzgang aus in die Stiftskirche. Ursprünglich aber hatte es wohl einen Platz in der romanischen Vorgängerkirche. Wo, wissen wir nicht.

Es ist eine Sandsteintafel 1,77 breit und 66 Zentimeter hoch aus Jaumont Sandstein, dem Stein, aus dem die Metzer Kathedrale erbaut wurde (zur Erinnerung: es sind Metzer Domherren, die hier lebten). Dieser Stein ist umrandet von 12 halbkreisförmigen Bögen mit Blattzierwerk, Sternen, Fischen, Basilisken usw. (es gibt eine Ähnlichkeit mit den Verzierungen keltischen Münzen, die rituelle Bedeutung hatten. Hier in der christlichen Zeit werden sie als Schmuck entfremdet). In der Mitte sehen wir in einer hufeisenförmigen Mandorla (Alpha und Omega) eine Kreuzigungsgruppe umrahmt von Sonne, Mond und Venustsern. In der Mandorla ein Spruchband aus Jeremia 1,12 aus der lateinischen Vulgata: Ad nos omnes, qui tansitis, confertinini er videte, num sit dolor sicut dolor meus (Ihr, die ihr vorbeigeht, seht ob ein Schmerz sei meinem Schmerz).

Die ganze Tafel hat zehn eingeritzte Zeilen, aber nur die erste ist mit einem Text gefüllt. ANNO INCARN DNI MILLO CCXXII VII KL JULII OB THEOD´IC CAN SCI ARNUALIS, übersetzt: Im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 1222 am 25. Juni starb Theoderich, Kanonikus des heiligen Arnual. Diese Inschrift führt uns zu der Annahme, dass es sich um ein steinernes Totenbuch handelt. Warum keine weiteren Schriftzeilen aufgefüllt wurden, wissen wir nicht. Die eingemeisselte knieende Figur eines Stiftherrn scheint sehr unsachgemäß später hinzugefügt worden zu sein.

Zum Verständnis von Tod und Auferstehung ist das lateinische Wort für „sterben“ nämlich obiit = er ging hinüber wichtig. Von wo nach wo ging er? Von dieser sichtbaren Welt der Menschen in die unsichtbare Welt Gottes. Es hört sich an, als wechsle er nur den Raum bzw. den Ort, wo er bisher lebte in den, in dem er in Zukunft leben wird. Es zeigt uns, dass das Mittelalter noch kein großes Aufheben vom Sterben machte. Kein Schmerz, kein Widerstand, eine Selbstverständlichkeit, etwas, worauf man sein ganzes Leben sehnsüchtig gewartet hatte.

Das Grabmal der Elisabeth von Lothringen von 1449

Wurden bisher die Saarbrücker Grafen im Familienkloster zu Wadgassen beigesetzt, ändert sich das mit Elisabeth. Ab jetzt bis zum 30jährigen Krieg werden die Grafen in der Stiftskirche, die schon immer die Taufkirche des gräflichen Hauses war, beigesetzt (nach dem 30 jährigen Krieg in der Schlosskirche in Alt-Saarbrücken). Gräfin Elisabeth war die Tochter des Grafen von Vaudémont und seiner Gattin Margarete von Joinville, geb.1393 und 1412 mit Graf Philipp I von Nassau-Saarbrücken als dessen zweite Frau verheiratet. Nach dessen Tod übernahm sie 1429 bis 1442 die Regentschaft für ihre unmündigen Söhne, Philipp II und Johann III. In zweiter Ehe heiratete sie den Grafen Heinrich IV von Blamont. Das Territorium von Nassau-Saarbrücken umfasste die Gebiete an der mittleren Saar, an der Blies, im östlichen Lothringen, im heutigen Donnerbergkreis um die Stadt Kirchheimbolanden, im Taunus an der Lahn und das lothringische Commercy an der Maas. Sie hielt sich aus den Kämpfen der Region auch ihrer Verwandten heraus und machte diese Gebiete durch Tausch und Verkäufe zu einem fast geschlossenen Land mit Saarbrücken als Residenzhauptstadt.

Bekannt wurde sie durch ihr literarisches Schaffen, indem sie französische Ritterromane aus der Zeit nach Karl dem Großen ins Deutsche übersetzten ließ, ein chanson de geste, ein Romazyklus: Herpin, Sibille, Lother und Maller und Hugo Schepel. Das machte sie zur ersten mittelhochdeutschen Schriftstellerin.

Grabmal der Elisabeth von Lothringen

Ihr Grabmal war ursprünglich genau auf der Achse des Lang- und Querhauses gelegen, wo heute der Altar steht. Im Rahmen der Restaurierung wurde das Grab in den Ostchor verschoben. Das, was von ihren Gebeinen verblieb, befindet sich in der Krypta unter dem Kirchenboden. Das Grabmal besteht aus einem Sarkophag, auf dem sie in Stein gemeisselt liegt in der Witwentracht, betend auf den Hochaltar ausgerichtet und die Auferstehung erwartend. Ihr Kopf ist auf ein Kissen gebettet und zu ihren Füßen ein Hund (das Symbol der Treue). An den Seiten sind die Wappen ihres Gemahls und ihrer Eltern angebracht. Um den oberen Rand des Sarkophags läuft eine Inschrift: Hie liget die hochgeborne Frauwe Elisabeth von Lothringen, greffyne zu Nassauwe und zu Sarbrucken,die starff des Jahres MCCCCLV uf sant Antonien dag. Der selen got gnedig sye.

Was sagt uns dieses Grabmal zum Verständnis von Tod und Auferstehung im 15. Jh.? Sie ist verstorben, sie harret ihrer Auferstehung und hofft, dass Gott ihrer Seele gnädig sei. Es ist die mittelalterliche Ergebenheit in den Tod und der selbstverständliche Glaube an die Auferstehung. Für ihren Sohn Johann III (im nördlichen Querschiff) trifft das auch noch zu. Aber danach in der Rennaissance liegen da keine toten Grafen mehr, sondern sie stehen aufrecht, umgeben von den Insignien ihrer Macht als wollten sie ewig leben.

Ab Johann IV und Philipp III stehen sie sogar an Stelle der alten Altäre und sind mit einer Mandorla der Wappen ihrer Besitzungen umgeben, als wüssten sie nicht, dass sie nichts mitnehmen ins Grab (ein Paradigmenwechsel vom mittelalterlichen Todes-Verständnis zum Renaissancemenschen, der sein Ich in den Mittelpunkt stellt.)

Das Denkmal des Dekan Jodokus Bruer 1559

Jodokus Bruer von Lumbeck, geboren 1519 in Brüssel, war Stiftsherr in St. Arnual. Als der Dekan Nikolaus Beuck 1554 auf sein Amt verzichtete, weil er heiratete, wurde Jodukus Bruer zu seinen Nachfolger gewählt. Er blieb es aber nur bis 1559, weil er, wie schon sein Vorgänger den Grafen Johann bat, den Laienkelch und die Priesterehe zu erlauben. Der letzte katholische Graf meinte, dass die Stiftsherrn zwar heiraten dürften, dafür aber auf ihre Stiftspfründe verzichten müssten. So gab Jodokus sein Amt auf und wurde Pfarrer in der evangelischen Grafschaft Zweibrücken in Ernstweiler. Dort starb er 1574 mit 55 Jahren.

Denkmal des Dekan Jodokus Bruer

Bevor er das Stift verließ, hinterließ er noch ein Epitaph, das wir im Mittelschiff rechts an der dritten Säule finden. Auf einem Extratäfelchen ließ er vermerken, dass es auf seinen Befehl und seine Kosten errrichtet wurde. Neben einer Abbildung des Kreuzes mit einem Christuscorpus hat er auf zwei Tafeln Bibelsprüche aus dem alten und neuen Testament (Jeremia, Jesaia, Johannes, Matthäus und aus dem Korintherbrief von Paulus) setzen lassen. Als Letztes hat er noch sein Lebenmotto dort festhalten lassen: consuetudo altera natura = die Gewohnheit ist unsere zweite Natur. Das hört sich ziemlich resignativ an, nachdem er vorher als refomatorischer Theologe seine Bibel- und Lutherkenntnis zum Besten gegeben hatte (sola scriptura), unser Dasein als Sünder, die auf die Erlösungstat Christi angewiesen sind (sola gratia) und mit der Zitierung von Paulus: Ich hielt mich nicht dafür, das ich etwas wüßte unter euch, ohne allein Jesum Christum, den Gekreuzigten (sola fides). Es ist quasi sein reformatorisches Vermächtnis in Gemeinden des Stiftes, die ja nicht aus Überzeugung zum neuen evangelischen Glauben kommen werden, sondern durch fürstliche Anordnung (eius regio, eius riligio). Was sagt dieses Epitaph zu seinem Verständnis von Tod und Auferstehung? Bereits 15 Jahre vor seinem Tod zieht er Bilanz in seinem Leben. Es kommt nach ihm auf die richtige Einstellung an, um bereit zu sein, damit der Christus, wenn er erhöht werde von der Erde, alle an sich ziehen will (Joh. 12,32), wie es auf einer der Tafeln oben steht. Diese fromme, christliche Einstellung zu Leben und Tod ändert sich in den späteren barocken Grabmälern in der Stiftskirche. Dort wird viel geklagt über einen zu frühen Tod und wie schön es gewesen wäre, an diesem Leben noch teilzuhaben. Im Barock näheren wir uns unserem eigenen Verständnis von Leben, Tod und Auferstehung. Wir halten so lange wie möglich an diesem Leben fest und Freude auf das Leben in Gott kommt kaum noch vor. So sind Karfreitag und Ostern nochmal eine gute Gelegenheit, uns neu zu orientieren in der Frage der Endlichkeit unseres Lebens und an dem Ziel allen Lebens, in das Sein, d.h. in Gott zurückzukehren.

Die Sachinformationen stammen von Albert Ruppersberg: Geschichte des Stiftes St. Arnual, sowie aus Beiträgen von Prof. Joachim Conrad im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon. Die Gedanken zu Tod und Auferstehung sind auf dem Mist des Autors gewachsen.

Wolfgang Steffen

Credits:

Der Text stammt aus der Feder von Wolfgang Steffen. Die Bilder sind von Friedhelm Chlopek