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Kollaboration vs. Kontrolle?

Das Aufwerfen des Gegensatzes "Kollaboration statt Kontrolle" offenbart das tief im Bildungsbereich verankerte Verständnis der Gutenberg-Galaxis, Lernen sei nur kontrolliert möglich.

Was verbirgt sich hinter dieser Vorstellung?

Hierarchie im Bildungssystem bedeutet Kontrolle der Lernenden durch die Lehrenden. Lehrende wählen aus,

  • was
  • wie
  • wann
  • wie lange
  • mit wem
  • mit welchem Ergebnis

zu lernen ist.

Fazit: Lernende werden in eine passive Rolle gedrängt, die ihnen kaum Spielraum hinsichtlich z.B. Thematik, Methoden oder Kooperationspartner gab. Dieses Verständnis entsprach den Erfordernissen des Industriezeitalters: vorstrukturierte Arbeitsabläufe in einem eng getakteten Tagesablauf mit einem abrechenbaren, quantifizierbaren Ergebnis.

Das Ergebnis: 7G

gleiches Alter

zur gleichen Zeit

bei der gleichen Lehrperson

im gleichen Tempo

auf die gleiche Art & Weise

die gleichen Inhalte

die gleichen Ziele

die gleich guten Ergebnisse

Quelle: http://andreas-helmke.de/wordpress/wp-content/uploads/2015/11/Paedagogik_2_13_Helmke_Individualisierung.pdf

Dies ist nicht das, was wir von einem Bildungssystem im 21. Jahrhundert erwarten. Warum organisieren wir Schule so 👆, wenn wir ganz andere Kompetenzen von den Kindern und Jugendlichen erwarten?

Veränderungen im Bildungssystem vollziehen sich langsam und sind auf Systemerhalt gerichtet. Entwicklungen - z. B. gesellschaftlich oder wirtschaftlich - sind allerdings nicht mehr so langsam, wie sie bisher waren. Und das hat damit zu tun ...

Digitization - Digitalisierung - Digitale Transformation

Die Begriffe bezeichnen verschiedene Prozesse.

Digitization:

Digitization is the process of changing from analog to digital form.

Digitalisierung:

Digitalization is the use of digital technologies to change a business model and provide new revenue and value-producing opportunities.

Digitale Transformation:

... refers to the customer-driven strategic business transformation that requires cross-cutting organizational change as well as the implementation of digital technologies

Alle Zitate sind dem Beitrag "Digitization, Digitalization, And Digital Transformation" von Jason Bloomberg entnommen.

Es wurde und wird digitalisiert, was digitalisierbar war und ist. Und mittlerweile haben digitale Prozesse, Tools und daraus resultierende Konzepte unser Zusammenleben verändert - in allererster Linie durch die Art, wie wir kommunizieren und wie wir mit Wissen umgehen. Unsere Kultur ist gleichsam aus einem Netz digitaler Stränge gewebt.

Wir leben in einer Kultur der Digitalität. (Absolute Leseempfehlung.👍)

Algorithmen durchziehen das Alltagsgeschehen. Wissensbestände müssen aufeinander bezogen, miteinander verknüpft werden. Neue Wissensbestände entstehen - aber dieser Wissenstrom ist fluide. Beständige Erweiterungen und Verknüpfungen produzieren neue Zusammenhänge und Erkenntnisse.

Felix Stalder erläutert in seinem oben genannten Buch folgende drei Formen der Kultur der Digitalität:

Algorithmizität

= Klassifikation einer chaotischen Informationssphäre & Administration des expandierenden Wissenschaftsbetriebs

  • zur Ordnung einer immer weiter anwachsenden Daten- und Informationsmenge
  • Algorithmen ermöglichen Verstehen und Handeln in einer von Digitalisierung geprägten Welt, beeinflussen gleichzeitig das Nutzer:innenverhalten

Referentialität

Eine, wenn nicht die grundlegende Methode ... besteht in der Kultur der Digitalität darin, Bezüge herzustellen. Referentielle Verfahren spielen sowohl bei der Bedeutung- als auch der Formgebung in vielen Bereichen eine wichtige Rolle.

neue Arten der Gemeinschaftlichkeit

  • entwickeln sich in der Praxis
  • werden bestimmt durch Austausch
  • zielen auf "Generierung neuer Wissens- und Handlungsmöglichkeiten"
  • wirken auf Praxis zurück durch "das gemeinschaftliche Erstellen, Bewahren und Verändern des interpretativen Rahmens"
Mit anderen Worten, die Kultur der Digitalität ist bereits alltäglich und dominant geworden. (Stalder: Kultur der Digitalität. 2016, Pos. 1096)

Es reicht nicht mehr aus, Wissen auswendig zu lernen. Wichtig wird, das eigene Basiswissen mit anderen (Wissensbestände, Personen) zu verknüpfen, Zusammenhänge zu erfassen und zu kreieren, Erkenntnisse zu teilen. Dies lässt sich nur noch gemeinschaftlich erreichen.

Wir sind angekommen in der

Kultur der Digitalität

Lernen wird zum lebenslangen und konnektivistischen Prozess. (Kleiner Exkurs zu Lerntheorien ist in dieser Präsentation enthalten.)

Und Schule und Hochschule?

Alte Strukturen, jahrhundertelang gewachsen, bilden Silos.

  • Silos für Menschen, die in Kategorien einsortiert werden.
  • Silos für Wissen, das in Bibliotheken gelagert, verwaltet und zugeteilt wird.

Die Welt des 21. Jahrhunderts ist aber keine, die eine Bildung benötigt, die auf ein Leben im Industriezeitalter a la 19. Jahrhundert vorbereiten sollte. Menschen heute müssen als Minimalziel auf die Bedingungen vorbereitet werden, in denen sie jetzt leben. Das eigentliche Bildungsziel muss weiter greifen: Vorbereitung auf zukünftige Herausforderungen und Entwicklungen - die in unserer schnelllebigen VUCA-Welt noch nicht abzusehen sind.

VUCA-Erklärung, visualisiert von Elke Höfler
positive Interpretation VUCA laut Elke Höfler

Wir brauchen neben Wissen auch Fähigkeiten, mit diesem Wissen umzugehen und durch Verknüpfungen, neue Erkenntnisse zu gewinnen und neues Wissen zu schaffen. Die dafür notwendige aufgeschlossene Haltung - Growth Mindset - muss ebenfalls ein Bildungsziel sein.

Die Komplexität des Kompetenzbegriffs wird im sogenannten Zopfmodell der OECD deutlich:

Andreas Schleicher sagt dazu im Vorwort:

“The more interdependent the world becomes, the more we rely on collaborators and orchestrators who are able to join others in work and life. Schools need to prepare students for a world in which people need to work with others of diverse cultural origins, and appreciate different ideas, perspectives and values; a world in which people need to develop trust to collaborate across such differences; and a world in which people’s lives will be affected by issues that transcend national boundaries.”

Zusammenarbeit ist wichtig, aber was ist mit der Kontrolle, die der Kollaboration diametral gegenübergestellt wird. Inwieweit lassen sich Kollaboration und Kontrolle kombinieren? Oder schließen sie sich aus? Wie viel Kontrolle brauchen wir heute in der Bildung? Was bedeutet "Kontrolle" für Lernende und Lehrende heute? Hängt Qualität von Kontrolle ab?

Kontrolle bedeutet Überwachung, Aufsicht, Überprüfung. Im Duden werden folgende drei Erläuterungen gegeben:

  1. dauernde Überwachung; Aufsicht, der jemand/etwas untersteht
  2. Überprüfung, der jemand/etwas unterzogen wird
  3. Herrschaft, Gewalt, die man über jemanden/etwas hat

In allen drei Definitionen - übertragen auf das System Schule - wird die Position der/s Lehrenden als über die Lernenden herrschend beschrieben. Dieses Beziehungsgefüge sollte nicht (mehr) das Verhältnis zwischen Lernenden und Lehrenden bestimmen. Unterstützung, Hilfe, Empathie, Ansporn, Begleitung, Verantwortung, ... sollten die Beziehung zur/m Lernenden kennzeichnen und ein vertrauensvolles Verhältnis schaffen.

Doch wie können Lehrende unterstützen, vorbereiten, anspornen, wenn sie Lernende nicht kontrollieren?

Vor dem Hintergrund des Verständnisses des Lernens als lebenslangen, selbstorganisierten und selbstverantwortlichen Prozess muss sich der Bereich der Kontrolle verschieben - hinzu einem Prozess der Dokumentation und des Nachweises. Es muss in der Verantwortung der/s Lernenden liegen, den eigenen Lernprozess nachweisen, darstellen zu können. Und zwar nicht nur als Sammlung fertiger (Lern)Produkte, sondern auch als Prozess des Kompetenzzuwachses, der Neuorientierung und Schwerpunktsetzung, aber auch des Scheiterns und der Fehler - denn auch Fehler gehören zum Lernprozess dazu. Der Umgang und die Bewältigung von Fehlern bieten Chancen zum Lernen.

Lösungsmöglichkeiten

Verschiedene Arten der Dokumentation werden in Schule und Hochschule genutzt - aber selten flächendeckend und die Potentiale digitaler Arbeitsweisen auch in kollaborativer Hinsicht leider nicht ausschöpfend.

Portfolios

können, digital geführt, lebenslang begleiten und durch ihre flexible Handhabung und Strukturierung immer wieder an neue Herausforderungen hinsichtlich Nachweis und Einsatz angepasst werden.

Lerntagebuch

Wochenpläne

  • Hier eine ausführliche Darstellung der Methode Wochenplanarbeit u. a. mit Aussagen zur Rolle der Lernenden und Lehrenden.

Blog

  • Vielleicht mal als begleitendes Unterrichtsprojekt versuchen? - Hier ein paar Tipps!
  • Hier auch einige Beispiele zum Einsatz von Klassenblogs.

Protipp:

Egal, ob Lerntagebuch, Portfolio oder Blog, der wichtigste Aspekt für das Lernen liegt in der Reflexion!

Der flexible Einsatz dieser Doumentationswerkzeuge kann den Veränderungen des Bildungssystems im Prozess der Anpassung an die Kultur der Digitalität Rechnung tragen.

Die Werkzeuge zeigen, was die/er Lernende selbst für das eigene, persönliche Lernen tun kann. Aber Lernen findet nicht als losgelöster Prozess in einer Einzelperson statt, sondern immer in der Auseinandersetzung mit anderen, mit der Umwelt. Deshalb kommt in der Kultur der Digitalität dem gemeinschaftlichen Aspekt des Lernens eine große Bedeutung zu. Die Kollaboration bietet in der Auseinandersetzung mit anderen die Möglichkeit des Abgleichs des eigenen Wissens, der eigenen Fähigkeiten und auch der Haltung, die man dem Lerngegenstand und dem Lernprozess gegenüber einnimmt. Daran kann man sich messen und diesen Verständigungsprozess als Lernprozess nutzen.

Kollaboration

Austausch mit anderen ist ein essentieller Teil des Lernens im 21. Jahrhundert.

Deshalb sollte auch die Dokumentation Möglichkeiten der Zusammenarbeit ermöglichen und Raum öffnen für Peer-to-Peer-Reflexion, Kommentare, Unterstützung, gemeinsame Projekte, Feedback.

All dies fördert den Community-Gedanken und entspricht im Sinne von Stalder der Gemeinschaftlichkeit in der Kultur der Digitalität.

Learning Analytics

Eine andere Form der Kontrolle bieten Formen von Learning Analytics. Die digitale Arbeitsweise der Lernenden produziert Unmengen von Daten. Mit Hilfe dieser Daten zu Lernprozessen, zum Schul- oder Studienverlauf, zu Erfolgen und Misserfolgen lassen sich z. B. Problembereiche der Lernenden prognostizieren.

Learning Analytics können hilfreich sein und bieten Chancen, individualisierte und personalisierte Wege des Lernens sehr flexibel gestalten zu können.

Für den sicheren Einsatz von Learning Analytics sind Regelungen zum Datenschutz unabdingbar. Schüler:innen- und lehrer:innenbezogene Daten könnten zum Beispiel jährlich automatisch gelöscht werden. Dies sollte abgefragt werden und nur auf ausdrücklichen Wunsch der betroffenen Person die Daten gespeichert werden. Ansonsten sollte eine automatische Löschung erfolgen.

Datenschutzregelungen müssen Lernprozesse unterstützen, sie vereinfachen. Datenschutz darf nicht zur Verhinderung von Lehr-Lernprozessen führen.

Mein Fazit:

Es sollte nicht heißen "Kollaboration vs. Kontrolle", sondern "Kollaboration und Dokumentation".

Dies kann auf einfachem Wege und relativ unkompliziert schon im bestehenden Bildungssystem realisiert werden, wenn man die Dokumentations- und Kontrollmöglichkeiten wie ePortfolio, open-book-Klausuren oder Teamarbeit als zulässige Prüfungsformate anerkennt und einfordert. Dann ist der "teaching-to-the-test"-Druck kein Argument und Lehr-Lernprozesse können offener, kollaborativer und kreativer - also kompetenzorientierter gestaltet werden.

Created By
Ines Bieler
Appreciate

Credits:

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