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886 - 1986 1100 Jahre Altes Testament

Tausende erlebten am 05. Oktober 1986 einen farbenfrohen Ernteumzug

(Ein Bericht von Klemens Teipel für die Westfalenpost)

In diesem Jahr war Westenfeld Schauplatz des großen gemeinsamen Ernteumzuges im Rahmen der 1100-Jahr-Feier des "Alten Testamentes". Unter dem Motto "So wie es früher war, so wird es nie wieder" zog am 05. Oktober 1986 vom östlichen Ortseingang ein origineller bunter Zug durch das Dorf zur Schützenhalle. Schier unübersehbar war die Zahl der Schaulustigen, die bei strahlendem Sonnenschein die vielen Wagen und Fußgruppen bewunderten. Und in der Tat - da gab es was zu bewundern!

Die Organisation lag in den bewährten Händen des Schützenvorstandes. So erschien denn auch Brudermeister Ernst Schauerte neben seinen in einem Landauer fahrenden Hauptschützen Werner Friedhoff und Heinz-Dieter Japes als Müller mit einem Packesel und Jungtier an der Spitze des endlos scheinenden Zuges, der über zwei Stunden die nach Tausenden zu zählenden Menschen erfreute. Alle Ortsteile des Kirchspiels leisteten ihren Beitrag. Und es war schon erstaunlich, was da an alten Kleidungsstücken und Gerätschaften hervorgekramt worden war. Auch das Hantieren mit den Gerätschaften war gekonnt.

Man sah wieder Kuh- und Pferdegespanne wie in alten Zeiten: da liefen Kinder mit ihren Puppenwagen mit, Schnittergruppen, Kleinbauern mit Handwagen und und…

Sogar ein Hochzeitszug mit Brautwagen hatte sich eingereiht - und alles originell, als hätte ein sachverständiger Historiker Regie geführt. Eine kleine Ziege lief mit und fraß unbekümmert von den Blumen, die eine Sturzkarre zierten. Im Oberdorf überraschte eine Bäuerin, die selbst nicht mitziehen konnte, ihre Nachbarn mit einer großen Kanne Kaffee und leckeren Butterbroten. So war auch sie beteiligt, und über allem spürte man die echte Verbundenheit untereinander, die auch heute noch im "Alten Testament" herrscht.

In der Festhalle bekam man fast kein Bein an die Erde. Jeder wollte den Aufzug des Erntekranzes miterleben. Da hatte der Hausherr eine lange Reihe von Geistlichkeit, Politikern, die Spitze der Stadtverwaltung und weitere Ehrengäste zu begrüßen. Im folgenden Programm traten die Kinder der Kindergärten Linnepe und Westenfeld sowie der Grundschulen Hellefeld und Westenfeld mit Gedichten, Liedern und Spielen zur Erntezeit auf. Unter der Leitung von Mechthild Siethoff erfreute die Volkstanzgruppe der Kolpingsfamilie, auf dem Akkordeon begleitet von Josef Becker, mit wohlgelungenen Darbietungen. Nach dieser Augenweide flüsterte Bürgermeister Franz-Josef Tigges dem Chronisten die Feststellung zu: "Was ist das eine prächtige Jugend - der Herrgott weiß schon, wer den Sonnenschein verdient!"

Der Präsident der Landwirtschaftskammer Westfalen/Lippe, Wilhelm Engelbertz, begann seine Festansprache mit einem Vers von Matthias Claudius (1740-1815): "Wir pflügen und wir streuen Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen liegen in Gottes Hand." In seiner Rückschau erläuterte der Redner die Entwicklung auf dem Lande. Er machte Mut, nach vorn zu schauen, denn Angst vor der Zukunft, wie sie oft von den Medien verbreitet werde, sei ein schlechter Ratgeber. Eine besondere Attraktion des Festes war die Ausstellung "Vom Flachs zum Leinen". Auf Anregung von Agnes Plaßmann hatten sich die Landfrauen diese schöne Aufgabe gestellt. Die Ausstellung fand auf der großen Bühne statt. Schon das Rohmaterial erstaunte die Besucher. Und beim Anblick der kunstvoll bestickten Leinenstücke wurden die Augen ehemaliger Bräute immer größer, selbst die jungen modebewussten Mädchen schauten ehrfurchtsvoll auf diese Pracht. Während des Festverlaufes boten Jung-Kolpingmitglieder "Minibrote" an. Der Reinerlös soll der Hilfe zur Beseitigung von Not in Landgemeinden der Diözese Goa/Argentinien dienen. So wurde bei aller Freude über die eigene Ernte auch der notleidenden Menschen ferner Länder gedacht, die nicht wie wir auf der "Sonnenseite" der Erde wohnen.