Loading

Kolossal katzenhafte Augen wimperntusche, in worte gefasst

Von Yaël Debelle

Männer könnten ja meinen, eine Wimperntusche sei ein simples Konstrukt.

Doch dem ist nicht so, sonst könnte Frau ja schwarze Schuhcreme nehmen und sich diese mit einer Zahnbürste auf die Wimpern pappen. Die Realität sieht anders aus: Ingenieure ent­wickeln ergonomische Behälter und griffige Bürstchen, Chemiker forschen an der perfekten Formel für Geschmeidigkeit.

Doch Kosmetikfirmen beschäfti­gen nicht nur Ingenieure, sondern auch Sprachforscher und Wortakro­baten. Sie sollen Wörter suchen und notfalls erfinden, mit denen man den neusten Coup in der Wimpern­tuschenforschung anpreisen kann. Hier die kleine Geschichte dieser Berufsgruppe:

Als die Wimperntusche auf den Markt kam, war die Arbeit der Kosmetiklinguisten noch behäbig. Man konnte das Produkt einfach «Wimperntusche» nennen. Oder im Fremdwort: «Mascara». Als eine spezielle Volumenbürste dazukam, nannte man sie «Volume Mascara». Im nächsten Jahr hatten die Tüftler schon eine bessere Volumenbürste erfunden, also stellten sie ein «Mega» davor.

Nun mussten die Wortmischer jährlich neue Superlative aufspüren: Erst kam «maximal», dann «spekta­kulär», «extrem», «exzessiv» und «ultimativ» (L’Oréal). Die Linguisten von Maybelline fanden noch einen letzten: «kolossal».

«kolossale Bürste für kolossales katzenhaftes Volumen, ohne Klumpen!».

Dann gingen ihnen die Worte aus. Also erfanden sie ein neues Verb: «millionisieren» (nicht nur verhundertfachen): «Millionisie­ren Sie Ihre Wimpern!» Nach diesem Coup suchten sie neue Dimensionen. «3D» hiess die nächste Tusche von L’Oréal – «4D» die folgende.

«5D» erschien den Linguisten zu wenig überraschend. Also griffen sie zu anderen Mitteln: zu den Waffen. «Bombshell» (Bombe), «Cannonball» (Kanonenkugel), «Eyes to Kill» (Augen zum Töten) und «Eyes to Die For» (Augen zum Sterben) von Covergirl, Urban Decay, Armani und Roth wurden lanciert.

Doch auch dieses Pulver war bald verschossen. Die Sprachschöpfer fielen in eine tiefe Sinnkrise. Nur ein Produkt kam auf den Markt: Der selbstverleugnende «No Mascara Mascara» («Keine Wimperntusche­Wimpertusche» von Perricone).

Dann hatte einer die zündende Idee: Sex sells.

«Lashgasm» (englisch für Wimpernorgasmus, «lash» heisst aber auch Peitsche ...) und «Better than Sex Mascara» von Too Faced eroberten den Markt. Und «Perversion» des Labels Urban Decay.

Damit hatten die Texter den Gipfel der Tuschenlinguistik erreicht. Sie dürsteten nach einer neuen Heraus­forderung. Beim Bundesamt für Berufsbildung und Technologie hiess man sie herzlich willkommen. Das Amt hatte verzweifelt nach schicken Namen für Berufe geforscht; tradi­tionelle Berufe wie Schneider oder Bäcker brauchten ein sprachliches Update. Erste Versuche waren verunglückt («Strassentransport­fachmann» für Lastwagenfahrer oder «Printmedienverarbeiterin» für Buchbinderin).

Bald legten die Linguisten ihre Vorschläge vor: «Bombastic Butcher – The Steak Maker» (Metzger), «Cool Cook – Gourmet Style» (Koch) und «Furious Firefighter – 1000 Flames» (Feuerwehrmann).

Das Bundesamt fands mega.

Publiziert im Beobachter 16 / 2015

Credits:

Created with images by PublicDomainPictures - "applying beauty cosmetic"

Report Abuse

If you feel that this video content violates the Adobe Terms of Use, you may report this content by filling out this quick form.

To report a Copyright Violation, please follow Section 17 in the Terms of Use.