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Heimatporträt Wüstenrot - Wünsche werden Wirklichkeit

Konstanz, den 24.02.19

Text: Theresa Gielnik; Bilder: Hubert Gielnik; Layout: Nico Talenta

Ein Porträt über seine Heimat schreiben – das ist gar nicht mal so einfach. Was bedeutet 'Heimat' denn eigentlich?

Ich komme aus dem Landkreis Heilbronn. Aufgewachsen und bis zum Auszug gewohnt habe ich in Wüstenrot.

„Wüstenrot – Wünsche werden Wirklichkeit“.

Den meisten wird der Name vielleicht durch die Bausparkasse geläufig sein. Aber ja, es gibt auch einen kleinen Ort mit etwa drei Tausend Einwohner_innen, der für diese namengebend war. Der Gründer und Erfinder des Bausparens Georg Kropp lebte dort und benannte dann kurzerhand seine erste Bausparkasse im Jahre 1921 nach seinem Wohnort.

Er fand es wohl wirklich schön da. Und das ist Wüstenrot zugegebenermaßen auch.

Wenn ich an Heimat denke, dann kommen mir unmittelbar Kindheitserinnerungen in den Sinn. Das macht ‚Heimat‘ für mich aus. Orte, die mit Erinnerungen aufgeladen sind, die mich geprägt haben. Als Kind war es nämlich traumhaft, in Wüstenrot aufzuwachsen. Unser Haus stand direkt am Dorfrand, neben Kuh- und Pferdefeldern, die zu einem Bauernhof etwa 500 Meter entfernt gehörten. Mit meinem besten Kumpel und Nachbarn Alex spielte ich fast jeden Tag. Manchmal ließ ich auch meine Geschwister mitspielen.

Den Sommer verbrachten wir draußen auf den Wiesen, Feldern und Waldflächen vor unserem Haus. Jeden Tag fielen uns unzählige Spiele ein. Manchmal lebten wir als Ritter in Burgen, ritten mit unseren (fingierten) Pferden über die Felder und führten gefährliche Schwertkämpfe. Ein anderes Mal retteten wir die Kühe bei der Hitze vor dem Verdursten (so zumindest war das eben in unserem Spiel) und schleppten kiloschwere Wäschezuber voll Wasser die Felder entlang. Das nahe gelegene Freibad wurde selbstverständlich auch regelmäßig besucht.

Im Herbst dann bauten wir uns hohe Laubhaufen, in die wir mit Anlauf immer wieder sprangen. Glücklicherweise kam es nie vor, dass sich Igel darin eingenistet hatten. Wenn der Boden weich vom Regen war, dann buken wir die größten Matschkuchen und stellten regelrechte Fünf-Gänge-Menüs zusammen.

Im Winter verwandelte der Schnee die Kuhwiese vor unserem Haus in eine lange Rodelbahn. Wir bauten uns so hohe Schneeschanzen, dass wir regelmäßig unsere Schneefahrzeuge schrotteten – zum Ärger der Eltern. Es machte aber einfach einen Heidenspaß!

Im Frühling dann bekamen sie zur Besänftigung immer wieder große Blumensträuße, die aus allerlei Gewächsen bestanden. Ab und an steckten wir auch ein paar Tulpen aus dem Nachbarsgarten in die Sträuße, was dann wieder weniger gut ankam.

Die Zukunft von Alex und mir war dann schon abgeklärt, wir beide würden nämlich heiraten und einen Bauernhof gründen. Das hatten wir in seinem Spielschuppen einstimmig beschlossen.

Wüstenrot – ich muss wirklich sagen, dass es toll war, dort aufzuwachsen in Kindertagen. Was als Kind traumhaft für mich war, wurde in meiner Pubertät zum Albtraum. Denn ich ging im 30 Kilometer entfernten Heilbronn auf die weiterführende Schule. Wüstenrot transformierte sich damit für mich plötzlich zu einem fürchterlichen Kaff, das unendlich weit ab vom Schuss lag.

Der Schulweg war eine gefühlte Weltreise und genauso schwierig gestalteten sich damit auch Treffen mit meinen Freunden außerhalb der Schule. Irgendwie klappte das aber schon und ich gewöhnte mich auch schnell an das lange Bus fahren.

Als ich älter wurde, veränderte sich auch das Verhältnis zu den Leuten, die in Wüstenrot lebten. Viele kamen mir sehr kleinkariert und konservativ vor. Alle im wohligen Eigenheim mit feinsäuberlich gepflegtem Garten, der zeigte was mensch hat. Wer aus der Reihe tanzte, war schnell im Fokus der Dorftratschtanten und -onkel. Die wussten nämlich ganz genau, wie mensch ein anständiges Leben zu führen hatte und verteilten auch fleißig Ratschläge. Das fand ich fürchterlich beengend.

Für mich wurde dann nach und nach klar, dass ich da schnell wegwollte, weswegen Heilbronn dann immer mehr zu meiner ‚Heimat‘ wurde. Eine Stadt, die sich nicht unbedingt durch ein schönes Stadtbild auszeichnet. Das liegt unter anderem daran, dass sie im zweiten Weltkrieg völlig zerbombt wurde. Für die Gebäude, die dann wieder in den 60ern aufgezogen wurden, wurde viel Beton verwendet. Genauso sind sie architektonisch keine Meisterwerke, alles wirkt nicht so recht durchgeplant und eher zusammengewürfelt. Mich persönlich hat das aber nie gestört, ich fand das sogar irgendwie schön, oder zumindest charakteristisch. Heilbronn wird unter anderem deswegen auch Heilbronx, abgekürzt Hnx, genannt.

Mit dieser Stadt verbinde ich sehr viele Erlebnisse und Erinnerungen. Unter der Woche traf ich nach (manchmal auch statt) der Schule meine Freunde zum Kaffee im Mojo oder Schümli. Das Mojo gibt es heute leider nicht mehr. Mittwochs trafen wir uns regelmäßig zur Sneak Preview im Arthaus und gingen danach ins Data 77112 – unsere Lieblingskneipe. Und am Wochenende war dann feiern im Mobilat und Bukowski angesagt, um dann am Montag noch müde und erschöpft wieder in der Schule zu sitzen. Ich könnte ewig so weitererzählen.

Es sind wohl weniger die spezifischen Orte wie Wüstenrot und Heilbronn, die Heimat für mich bedeuten. Die Erlebnisse und Erinnerungen, die ich dort hatte und damit verbinde, geben mir zwar ein heimeliges Gefühl, dennoch ist das heute nicht mehr meine Heimat. Dort fühle ich mich jetzt nicht mehr zuhause.

Mit Wüstenrot habe ich mittlerweile wieder meinen Frieden geschlossen und freue mich, wenn ich dort zu Besuch bin. Dann erinnere ich mich gerne an meine Kindheitstage und habe einen anderen Blick auf das Zusammenleben im Dorf. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich mich dem Ort Wüstenrot nicht mehr als zugehörig empfinde und gelassener von außen darauf schauen kann.

Ein Stück Heimat, wie mensch so sagt, wird es durch meine Erinnerungen irgendwie immer bleiben, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dort jemals wieder zu leben.

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