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Trail auf dem Hohen Atlas Eine unvergessliche Horizonterweiterung

Der Sportanlass «Ultra Trail Atlas Toubkal» im marokkanischen Atlasgebirge ist seit neun Jahren ein jährlicher Treffpunkt für Langstreckenläufer aus der ganzen Welt – und eine sportliche Herausforderung der magischen Art. Ein Erlebnisbericht.

Jeweils im Oktober findet der «Ultra Trail Atlas Toubkal» (UTAT) auf der Gebirgskette Hoher Atlas in Marokko statt. Das Basislager des Sportanlasses auf dem Plateau von Oukaïmeden (2700 Meter über Meer) liegt in der Nähe des Mont Toubkal (4167 Meter über Meer), des höchsten Gipfels Nordafrikas, und dient als Startpunkt für fünf Langstreckenläufe zwischen 12 und 105 Kilometern Länge.

Die Trails führen über teils recht unwegsames Gelände durch die urtümliche Berglandschaft des Hohen Atlas und bringen die Läufer in den Genuss atemberaubender Aussichten. Zahlreiche freiwillige Helfer sorgen unterwegs für Sicherheit, Verpflegung und gute Stimmung der Sportler.

Der UTAT in Zahlen

Der UTAT dauert insgesamt vier bis fünf Tage, an denen fünf Langstreckenläufe stattfinden:

  • der Ultra Trail über 105 Kilometer und 6500 Höhenmeter,
  • der Marathon über 42 Kilometer und 2600 Höhenmeter,
  • der «Virée von Ikkiss» (Halbmarathon) über 26 Kilometer und 1400 Höhenmeter,
  • der «Trail von Amizigh» über 12 Kilometer und
  • die «Challenge», die sich aus zwei Etappen zusammensetzt: dem Marathon und dem «Virée von Ikkiss», womit die Läufer insgesamt eine Strecke von 68 Kilometern und 4000 Höhenmeter zu überwinden haben.
Die landschaftliche Vielseitigkeit des Hohen Atlas in ihrer ganzen Pracht.
  • Seit der ersten Durchführung im Jahr 2008 haben über 2000 Läufer aus 25 Ländern am UTAT teilgenommen (27 Prozent Frauen, 73 Prozent Männer).
  • Über 100 freiwillige Helfer, 40 medizinische Betreuer, 120 Mauleseltreiber und 60 Maulesel sind bei jedem UTAT im Einsatz.
  • Der 10. UTAT findet vom 4. bis 8. Oktober 2018 statt.
  • Preis: 350 Euro (alles inklusive ausser Flug und Spesen); weitere Infos: www.atlas-trail.com/fr | www.atlas-trail.com/en

Vorbereitung auf den Lauf

Seit drei Jahren trainiere ich für Marathon – allerdings ohne allzu grosse sportliche Ambitionen. Neben dem Laufen ist Fotografie mein Hobby, und so geht es mir bei diesem Gebirgstrail einerseits um die Freude am Laufen in der Natur, anderseits möchte ich die beeindruckende Landschaft sowie die Begegnungen mit anderen Sportlern in Bildern festhalten – und natürlich gesund und unverletzt nach Hause zurückkehren.

Da beim Laufen auf Gebirgsrouten grosse Vorsicht geboten ist, werde ich beim Fotografieren denn auch kein zusätzliches Risiko durch eine unhandliche und schwere Ausrüstung eingehen: Lediglich ein iPhone dient mir als Fotoausrüstung.

Auf das Atlas-Abenteuer freue ich mich doppelt: Mein 24-jähriger Sohn Emanuel begleitet mich nach Marokko. Als leidenschaftlicher Bergsteiger findet er sich in dieser Umgebung sehr gut zurecht und kann mir wertvolle Tipps geben. Zudem: Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Seit Jahren praktiziere ich Ausdauersport wie Radfahren, Langlauf und Jogging. Vor diesem Berglauf bin ich trotzdem etwas angespannt: Habe ich mich ausreichend vorbereitet? Wie gefährlich sind Gebirgswege auf dem Atlas? Wie werde ich mit den Temperaturschwankungen zwischen minus 5 und plus 30 Grad sowie Höhenunterschieden von bis zu 3000 Metern zurechtkommen?

Tag 1: Ankunft in Marrakesch

Wir landen Anfang Oktober in Marrakesch, aufgrund der Farbe der Stadtmauern und Häuser auch als «Rote Stadt» bekannt. Die Metropole im Südwesten des Königreichs Marokko mit rund 930 000 Einwohnern ist das wirtschaftliche Zentrum des Südens Marokkos und ein Ort voller Kontraste: Neben pompösem Reichtum prägt ausweglose Armut das Stadtbild.

Ankunft am Flughafen: J'arrive; I arrive; لما لا تقم بكتابة التقرير

Marrakesch: zirka 930 000 Einwohner. Die Moscheen sind wichtige Treffpunkte.
Kurzer Besuch im botanischen Garten.
Eine marokkanische Tradition: Minztee.

Marrakesch liegt am Fusse des Hohen Atlas, der höchsten Gebirgskette Nordafrikas und des eigentlichen Ziels unserer Reise an den «Ultra Trail Atlas Toubkal».

Markt in Marrakesch: langjährige Tradition, heute mit moderner Technologie.
Typische Verkehrssituation in Marrakesch: Jeder läuft und fährt, wie es ihm gefällt.
Tajine, Tagine oder auch Tadschiin bezeichnet in der nordafrikanischen Küche sowohl ein rundes, aus Lehm gebranntes Schmorgefäss wie auch das darin gekochte Gericht.
Improvisierter Fussballplatz mit Zuschauern.
Ziel nicht erreicht.
In Marrakesch ticken die Uhren anders: Die Menschen haben Zeit.
«Mann, dort musst du bezahlen!»
Der Einkauf als Sonnenschirm.
Nicht nur die Sonne dient als Wärmequelle – Körperwärme darf dieses Kind auch geniessen.

Ein Bus bringt uns in rund einer Stunde Fahrzeit von Marrakesch zum UTAT-Basiscamp im beliebten Skigebiet Oukaïmeden (2600 Meter über Meer) im Atlasgebirge. Das Zeltlager und das Berghaus im Basiscamp können bis zu 400 Sportler beherbergen. Zwei weitere grosse Zelte bieten Raum für Veranstaltungen, die Küche und den Speisesaal.

Bäumiges Schattenspiel auf der Fahrt auf den Hohen Atlas, dessen höchster Gipfel der Jbel Toubkal (4167 Meter über Meer) ist.

Tage 2 und 3: Basiscamp in Oukaïmeden im Atlasgebirge

Im Basiscamp sollen sich die Läufer zunächst zwei bis drei Tage lang an die Höhenbedingungen gewöhnen. Das Gebiet rund um einen kleinen Bergsee ermöglicht zu jeder Jahreszeit diverse sportliche Aktivitäten. Zudem können die Besucher an Führungen teilnehmen, die ihnen die Kultur des Berbervolkes, die lokale Fauna und Flora sowie die jahrtausendealten Felszeichnungen in dem Gebiet näherbringen.

Sicht auf das Lager: der Oukaïmeden.
Die Läufer-Unterkünfte in Zelten oder im Haus.
Wem die Zeltunterkunft zu unkomfortabel ist, der hat die Möglichkeit, im Haus zu logieren.
Windmalerei.
Flagge von Marokko.
Der Autor dieser Reportage geniesst die unendliche Weite mit Blick Richtung Marrakesch.
Wohnhäuser der ständigen Bewohner des Gebirges: Hirten und ihre Schafe.

Das Restaurantzelt mit den Helfern.

Abendessen im grossen Zelt.
Typisches Postkartenmotiv aus Marokko.

Materialkontrolle vor dem Berglauf.

Naturspektakel am Morgen und am Abend: Zeit zum Träumen.

Tag 4: Tag des Marathons

Heute geht es los: Um 6.00 Uhr fällt der Startschuss zum Marathon. Bis zur Dämmerung laufen die mit Stirnlampen ausgerüsteten Teilnehmenden in Gruppen durch die Dunkelheit.

4:30 Uhr: Tagwacht.
Freund Simon kurz vor dem Start morgens um 5.50 Uhr.
Start von Ultra Trail und Marathon um 6.00 Uhr. Wer schafft den Berglauf bis zum Ende?
Ohne Stirnlampe geht es um diese Zeit nicht.
Kurz nach 7.00 Uhr: Die Sonne begrüsst uns.
Versteckspiel.
Schattenspiel.
Garten auf dem Hohen Atlas.
Das Klima ermöglicht hier ein wenig Landwirtschaft.
Unsere Begleiter: der Wind, die Sonne.

Meinen Sohn habe ich noch kurz vor dem ersten Berganstieg gesehen, dann nicht mehr – jeder von uns läuft in seinem eigenen Rhythmus.

Während des Laufens fühle ich mich gut. Die abwechslungsreiche Landschaft, die Gespräche mit anderen Sportlern, die freundlichen Begrüssungen in den Berberdörfern und an den Verpflegungsposten sowie der Anblick des grandiosen Atlas spenden mir unterwegs immer wieder aufs Neue Energie. Ich fühle mich eins mit der Natur, der Wind ist unser ständiger Begleiter, mal ist er kälter, mal wärmer. Die Strecke ist nicht immer ungefährlich, doch ich kann mich gut konzentrieren.

Kunst in der Natur.

Bei einem Abschnitt bekomme ich es jedoch mit der Angst zu tun: Es gilt, einen steil abfallenden, rutschigen Hang zu überqueren, der Weg ist kaum erkennbar. Mit grosser Vorsicht und viel Respekt vor der Herausforderung meistere ich aber auch diese Passage.

Einheimische aus einem Berberdorf unterwegs.

Impressionen vom UTAT (Video: UTAT Ultra Trail Atlas Toubkal)

Auf den unebenen Wegen ist ganze Konzentration gefragt.
Freundliche Begrüssung am Verpflegungsposten.

Am letzten Verpflegungsposten vor dem Ziel erwartet mich eine Überraschung: Eine Helferin fragt die ankommenden Läufer, ob jemand der Vater von Emanuel sei. Als ich bejahe, richtet sie mir einen Gruss von meinem Sohn aus, der hier schon vorbeigekommen ist: «Emanuel salue bien son papa!»

Mein Sohn Emanuel unterwegs.
Die Berber sind eine Ethnie der nordafrikanischen Länder Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen und Mauretanien. Es gibt etwa 36 Millionen Berber, die Berbersprachen sprechen.

Gegen 14.30 Uhr erreiche ich schliesslich müde, aber glücklich das Ziel meines ersten Bergmarathons. Eine marokkanische Folkloregruppe empfängt uns Läufer mit Gesang und Tanz. Ich geniesse eine frische Dusche und lasse mich mit einer Beinmassage belohnen.

Auswertung via GPS durch Freund Simon.
Der Ultra Trail und der Marathon.
Marathon de l'Atlas: 1900 bis 3200 Höhenmeter. (Grafik: UTAT Ultra Trail Atlas Toubkal)
Die Sieger des 105-Kilometer-Ultra-Trails.

Tag 5: Tag der «Challenge»

Am nächsten Tag absolviere ich die sogenannte Challenge, indem ich nach dem Marathon vom Vortag nun noch am Halbmarathon teilnehme und am Ende somit insgesamt eine Strecke von 68 Kilometern und rund 4000 Höhenmeter überwunden haben werde. Wie gut, dass ich tags zuvor bewusst nicht alle meine Kräfte ausgeschöpft habe. Um 9.00 Uhr starte ich mit einer Gruppe, diesmal ohne meinen Sohn, der sich auf einen freien Tag freut.

Halbmarathon: 26 Kilometer Strecke liegen vor uns.
Viele Läufer nehmen es «locker».
Zeit zum Nachdenken.

Letztes Sonnenbad vor dem Winter.

Der Halbmarathon führt erneut durch ursprüngliche, wilde Natur vorbei an Berberdörfern, friedlich weidenden Schafherden und dahinplätschernden Gebirgsbächen.

Etwa bei der Hälfte des Halbmarathons.
Trail «pur».
Kommst du auch mit?
Kurz vor Mittag.
Über Stock und Stein.
Pause mit schöner Aussicht.
Abenteuer für die Marathonläufer, Alltag für die Berber.
Die Berberdörfer fügen sich unauffällig in die Landschaft ein.
Der Autor (bei Kilometer 13) bewundert Natur und Häuser im «Wechselspiel».
Himmlische Malerei vor dem letzten Passanstieg.

Am Posten benötige ich diesmal nur Wasser. Eine nette deutsche Touristengruppe hatte mich kurz zuvor unterwegs bereits zum Picknick eingeladen. Ein unvergesslicher Moment: Bei schönstem Wetter wurden mir mitten in der urchigen Berglandschaft Reis, Fisch, Gemüse und feiner Tee serviert.

13.00 Uhr, 28 Grad.
Der Hohe Atlas in seiner ganzen Pracht.
Ein Blick zurück auf das gewaltige Atlasgebirge.
Endlich das Ziel in Sicht. Nur noch ein Hang bleibt zu überwinden.
Noch ein paar Meter ...
Yes !!

Nach vielen Fotopausen erreiche ich gegen 15.30 Uhr das Ziel. Ich staune erneut über meine Kondition.

Ja, ich habe es geschafft – und bin damit nicht nur um ein sportliches Erfolgserlebnis, sondern auch um eine unvergessliche Vater-Sohn-Geschichte sowie 350 kostbare Erinnerungsfotos reicher.

Impressum

Realisation: Laurent Moser

Projektleitung/Co-Autorenschaft: Iwon Blum

Gesamtverantwortung: Robert Hansen, Chefredaktor www.derarbeitsmarkt.ch

Kontakt: redaktion@derarbeitsmarkt.ch | lc.moser@bluewin.ch

UTAT: www.atlas-trail.com/en | www.atlas-trail.com/fr

© «der arbeitsmarkt», Dezember 2017

Credits:

Laurent Moser

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