Loading

Farbenmeer Unterwasserbegegnungen in Raja Ampat

Farbenfroh. Lebensüberbordend. Artenreich. Die Unterwasserwelt von Raja Ampat lässt sich kaum in Worte fassen. Eher in Bilder. Und doch sind sie nur Momentaufnahmen, Einblicke in einen Kosmos, der sich in seiner Gesamtheit nicht einmal erahnen lässt. 40 Stunden tauche ich ab, 11 Tage reise ich durch die Inselwelt im äussersten Osten von Indonesien. Die Eindrücke reichen für ein ganzes Leben.

Schon die reinen Zahlen sind eindrücklich. Über 700 Weichtierarten, 1400 Fische, 600 Korallen. Zehn Mal kleiner als das Great Barrier Riff vor Australien und doch artenreicher. Wo soll da das Auge hinsehen? Was will entdeckt werden? Ich mache mich mit einem klaren Ziel vor Augen auf die 35 Stunden dauernde Anreise: ganz gross und ganz klein. Ich möchte einem Manta begegnen. Und ein Pygmäenseepferdchen finden. Beide Spezies habe ich bei meinen Tauchgängen in hauptsächlich nördlichen Gewässern noch nie gesehen.

Brandon Cole, mein amerikanischer Freund und Unterwasserfotograf hatte mich auf die Reise eingeladen. An Bord der Seven Seas, einem im traditionellen Stil erbauten Holzboot, versammeln sich in Sorong Anfang Januar 2018 mittelälterliche Semsester aus Amerika, England, Kanada und Schottland; sechs Frauen und zehn Männer. Allen gemeinsam ist die Passion für die Unterwasserfotografie. Das zeigt sich eindrücklich am Fuhrpark, der vor jedem Tauchgang auf Deck aufgereiht wird. Da wird geschraubt und gefettet, Linsen werden gewechselt, Blitze getestet, Batterien ausgetauscht. Und stets stellen die Taucher dem Coursedirector Alex die selbe Frage: «Weitwinkel oder Makro?» Er ist im Dilemma. «Weitwinkel und Makro!» Bei jedem Tauchgang sind Korallenriffe und Fischschwärme zu entdecken, die sich mit der Weitwinkellinse einfangen lassen. Und wohin das Auge blickt offenbart sich ein Mikrokosmos voller Lebensformen, die sich geschickt verstecken und tarnen. Ich nehme meine bewährte Kamera-Kombination unter Wasser. Die Spiegelreflex mit einem lichtstarken Makroobjektiv und zusätzlichen Nahlinsen für die ganz kleinen Dinge. Darauf montiert eine Kompaktkamera mit einer Weitwinkellinse für die grossen Sachen. Das hat seinen Preis – und ist schwer. 18 Kilogramm an Land.

Für den Luftvorrat einer Stunde bin ich Teil dieser bunten Welt. Abgetaucht, mit langsamen Flossenschlägen und sanften Bewegungen versuche ich den Fischen zu signalisieren, dass ich nicht nach ihrem Leben trachte. Nur nach einem Abbild. Einige Fischarten sind einfach zu fotografieren. Der Feuerfisch vertraut seinen hochgiftigen Stacheln und zieht unbeirrt seine Bahnen. Der Drachenkopf glaubt, dass ich ihn in seinem Tarnkleid gar nicht sehe, bleibt reglos in den Korallen liegen und lässt mich auf wenige Zentimeter herankommen. Die Clownfische drängeln, drücken, schlängeln durch die Tentakel der Anemone und werden beim Anblick des Ungetüms in meiner Person sichtlich nervös und angriffslustig. Der Büschelbarsch weiss nicht recht, was er von mir halten soll und hält mit sanften Flossenschlägen genügend Sicherheitsabstand.

Wer hat all diese betörenden Farben auf die Fische gepinselt? Was hat sich die Natur dabei gedacht? Welch unglaubliche Farbkombinationen! Ich richte die beiden Blitze aus, versuche den Fokuspunkt auf das Auge zu legen, folge der Bewegung, drücke auf den Auslöser.

Vermutlich folgen mir gleichzeitig tausende Augenpaare. Überall Leben. Auf den Hartkorallen liegen unscheinbar kleine Schleimfische, manche mit transparentem Körper, mit glitzernden Streifen und Punkten auf dem Leib. Ich blicke durch den Sucher, versuche die Distanz zwischen dem Objektiv und dem Objekt auf wenige Zentimeter zu verringern. Auge in Auge. Ich bin bestimmt tausend Mal grösser und zehntausend Mal schwerer.

Über Wasser sind wilde Tiere oft unnahbar. Unterschreite ich den Sicherheitsabstand, treten sie die Flucht an. Hier unten sind die Tierbegegnungen viel intensiver, näher, unmittelbar. Ich bin hochkonzentriert, ignoriere, was um mich herum geschieht, gestalte im Sucher das Bild, bewege mich schwerelos in dieser kleinen Welt. Der Blitz löst wieder aus. Ein Kontrollblick auf die Kamera, der daumengrosse Fisch leuchtet formatfüllend auf dem Monitor. Urplötzlich werde ich aus meiner Makrowelt gerissen. Da ist etwas hinter mir. Ich drehe mich um. Zwei Mantas schwimmen direkt auf mich zu, gleiten mit gemächlichen Flügelschlägen erhaben über mich hinweg. Die riesigen Augen würdigen mich nur kurz eines Blickes. Ich erstarre und schaue. Nun bin ich der Zwerg.

Aus der Distanz erscheinen die Korallen wie dahingeworfene Farbkleckse. Das Spektrum an Formen ist unermesslich. Röhrenförmig, dann wieder wie ein Teppich, zerfranst, zerfurcht, wie Äste von Bäumen, wie Blätter, wie Gehirnstrukturen oder wie ein Hirschgeweih. Aus unmittelbarer Nähe betrachtet zeigen sie ihre Zerbrechlichkeit. Haarfeine Polypen hängen und tanzen in der Strömung, warten auf vorbeischwimmende Beute, die sie betäuben und verspeisen können.

Ein Meeresbiologe wäre entzückt ob dem Reichtum und würde sie alle zu benennen versuchen, die lateinischen Namen notieren, vielleicht darunter eine neue Spezies finden. 600 Arten von Steinkorallen sind identifiziert. 75 Prozent der weltweit vorkommenden Arten haben sich hier angesiedelt.

Ich weiss nicht, ob ich gerade eine Rarität vor Augen habe oder eine häufig vorkommende Art. Ich bin einfach fasziniert vom Ideenreichtum der Natur, überwältigt von der Schönheit, von dieser schieren Farbharmonie und der allgegenwärtigen Lebenskraft.

Die Tauchguides kennen ihr Revier. Sie wissen, was sie in welcher Tiefe finden, kennen die Verstecke. Sadat stochert in einer Weichkoralle. Das findet deren Bewohner halbwegs amüsant. Der kleine Krebs tänzelt, macht mit seinen Scheren Drohgebärden. Ein Artgenosse hat eine andere Taktik. Er bewegt sich gar nicht. Seine Tarnung ist perfekt. Eng an das aussenliegende Muschelfleisch angeschmiegt imitiert er Farbe und Maserung perfekt. Roter Panzer, von feinen weissen Linien durchzogen. Wer nicht weiss, dass hier einer lauert, findet ihn nicht. Andere Arten haben einen fast gänzlich transparenten Körper oder tarnen sich mit Polypen auf den Antennen und Anemonen auf dem Körper. Die Natur ist sehr einfallsreich.

Der Tunnelblick geht durch den Kamerasucher und das Objektiv. Die Welt um mich herum schrumpft auf das Bild, das ich vor mir habe.

Wie gemalt sind die vielen Nacktschneckenarten. Grazile Schönheiten, mit geometrischen Mustern mit irren Farbkombinationen. Manchmal grell leuchtend, dann wieder pastellfarbig zurückhaltend scheinen sie Fantasiewelten entsprungen. Sie gleiten dahin, scheinbar ziellos. Sie strecken ihre Fühler aus, suchen sich ihren Weg durch das Korallendickicht. Sie sind einige Zentimeter gross, manchmal auch nur wenige Millimeter winzig. Und schön für Unterwasserfotografen: sie bewegen sich langsam. Trotzdem ist Geduld gefragt, bis die Tierchen wie gewünscht vor der Kamera posieren, sich auf die Kamera zubewegen.

Blende 19, ISO 200, Makrokoverter montiert. Ich schaue durch den Sucher meiner Kamera. Behutsam drehe ich am Fokusrad. Was nur wenige Milimeter gross ist, füllt das ganze Bild aus. Aus einem unscharfen Farbenteppich werde klare Konturen. Ich drücke den Aufnahmeknopf. Makrofotografie war schon immer meine Leidenschaft. Makrofilmen ist ungleich schwieriger. Das Bild muss nicht für eine Hundertstelsekunde passen, sondern eine gefühlte Ewigkeit. Jetzt nur nicht wackeln. Bewegte bewegende Bilder. Mein Ehrgeiz ist geweckt.

Feine Verästelungen in Grausweiss und Purpurrot. Auf der Fächerkoralle könnten Pygmäenseepferdchen leben. Von blossem Auge erkenne ich nichts. Durch das Makroobjektiv schweift mein Blick über die Polypen, suchen nach geometrischen Formen. Und da sitzt das gesuchte Tierchen, für das ich um die halbe Welt gereist bin, trohnt regelrecht wie eine Königin auf einem Ästchen, ist kaum einen Zentimeter gross, wendet sich von mir ab, als der Lichtkegel der Lampe auf das winzige Auge trifft. Ich warte, verliere das Tier kurz aus dem Blickfeld, suche eine kleine Ewigkeit, bis ich das Seepferdchen wieder finde. Welch perfekte Tarnung, nicht nur farblich. Auch die Formen unterschieden sich kaum. Der Autofokus sucht, ich verschiebe den Fokuspunkt. Die Koralle wogt in der Strömung. Ich versuche mit sanften Flossenschlägen mich und die Kamera zu stabilisieren. Das Pygmäenseepferdchen schaut mich an. Oder einfach nur das Glas der Linse? Ich drücke auf den Auslöser. Ein kleiner und unendlicher Glücksmoment.

Impressum

FARBENMEER

Unterwasserbegegnungen in Raja Ampat

Konzept, Text, Fotografie, Video, Drohne: Robert Hansen

Tourorganisator: Brandon Cole, http://www.brandoncole.com/

Boot: Seven Seas, www.thesevenseas.net

www.abgetaucht.ch, www.roberthansen.ch, kontakt@roberthansen.ch

© Robert Hansen, Februar 2019

Created By
Robert Hansen
Appreciate

Credits:

© Robert Hansen, www.abgetaucht.ch, kontakt@roberthansen.ch

Report Abuse

If you feel that this video content violates the Adobe Terms of Use, you may report this content by filling out this quick form.

To report a copyright violation, please follow the DMCA section in the Terms of Use.