Loading

«Das beste Velo kommt aus meiner Werkstatt» Pablo Giacobbo ist passionierter Velomechaniker. Dieses Jahr entschied sich der 24-Jährige für den Schritt in die Selbständigkeit. Der Start ist gelungen – trotz Corona. Sein Kundenkreis wächst, nicht zuletzt wegen seines einzigartigen Lieferservice.

Ein Verkaufsgeschäft von Biciservici sucht man vergebens. Die Wirkungsstätte von Pablo Giacobbo befindet sich in einem Wohnhaus in Zürich-Oerlikon. Die Parterrewohnung teilt der 24-Jährige mit zwei Kollegen, Werkstatt und Lager sind im Keller untergebracht.

Was auf den ersten Blick selbstgebastelt aussieht, bietet alles, was ein Velomechaniker für Reparaturen braucht. «Für die nächsten ein bis zwei Jahre genügen mir diese Räume, später leiste ich mir eine grössere Werkstatt und irgendwann ein Geschäft mit Showroom», gibt sich der Jungunternehmer zuversichtlich.

Giacobbo ist mit Biciservici erst seit April 2020 im Geschäft. Nach dem Lehrabschluss nahm er sich eine Auszeit, um nachzudenken und zu jobben. Ersteres, um herauszufinden, wohin die Reise gehen soll, und Letzteres, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, für den er nach dem Auszug aus der elterlichen Wohnung selber aufkommen muss. «Meine erste Idee war, den Veloshop Radzfaz gemeinsam mit meinem ehemaligen Lehrmeister zu führen. Er entschied sich aber, das Geschäft aufzugeben.» Beim Radzfaz machte Pablo die Lehre zum Velomechaniker. Das Velogeschäft war ein beliebter Quartiertreffpunk. Das war eine gute Zeit für den jungen Giacobbo, der die Mittelschule abbrach, um sich in einem Handwerksberuf zu beweisen. Nach dem negativen Bescheid seines Ex-Chefs und einigen Gastro-Teilzeitjobs entschied er, dem gelernten Beruf treu zu bleiben und im Alleingang ein Geschäft – wenn auch ein bescheideneres – aufzubauen.

Corona als Glücksfall

Der Start fiel in eine denkbar ungünstige Zeit. Die Schweiz befand sich seit Mitte März im Corona-Lockdown, die meisten Leute arbeiteten im Home-Office, und fast alle Geschäfte blieben geschlossen. Doch was für viele KMU eine mittlere Katastrophe bedeutete, entpuppte sich für Biciservici als Glücksfall. Die Leute verbrachten viel Zeit zu Hause, und im Home-Office kamen Sport und Bewegung zu kurz. Die Fitnessstudios blieben geschlossen, deshalb nahmen Outdoor-Aktivitäten zu. Viele entdeckten ihre Lust am Velofahren wieder und holten die verstaubten Räder aus dem Keller. Nicht wenige davon waren reparaturbedürftig, und Pablo war der Mann der Stunde.

«Ich schaffte meinen Geschäftsstart fast ohne Werbung. Darum bin ich zufrieden, wie sich das Geschäft in den vergangenen Monaten entwickelte. Natürlich gibt es viel Luft nach oben.»

Die ersten Kundinnen und Kunden kamen vorwiegend aus dem Freundeskreis, aber nicht nur. Giacobbo verstand schnell, dass er sich mit einzigartigen Angeboten von seiner Konkurrenz unterscheiden muss. So kam er bald auf die Idee, einen Lieferdienst anzubieten. Ein Anruf oder eine SMS bei Biciservici genügt, und Pablo holt das kaputte Velo ab. Der Reparaturaufwand ist schnell geklärt, die daraus entstehenden Kosten ebenfalls. Nach wenigen Tagen bekommen die Kunden ihr geflicktes Zweirad zurück.

Die Kundinnen und Kunden waren zufrieden, die Dienstleistung sprach sich schnell herum, und der Kundenkreis vergrösserte sich. Giacobbo meint: «Ich schaffte meinen Geschäftsstart fast ohne Werbung. Darum bin ich zufrieden, wie sich das Geschäft in vergangenen Monaten entwickelte. Natürlich gibt es viel Luft nach oben.» Zuversicht und Mut zum Risiko, gepaart mit einem gesunden Geschäftssinn, zeichnen den Jungunternehmer aus. Inzwischen investiert er mehr Zeit ins Bewerben seiner Angebote. Ihm ist klar, dass er fürs Weiterkommen viel Effort in die Kommunikation investieren muss. Er legt jetzt vermehrt Flyer in Briefkästen und verteilt sie in Cafés und Bars in der ganzen Stadt. Natürlich bedient er auch die sozialen Medien, vor allem Instagram und Facebook.

Biciservici - ist das italienisch?

Der Name «Biciservici» ist das Resultat eines Brainstormings mit Vater Patrik Giacobbo, einem Fotografen und Designer. Trotz italienischem Familiennamen haben sie keine Verwandten im südlichen Nachbarland. Aber die Sprache gefällt, und so landen sie schnell beim Wort «Bici», die italienische Abkürzung für «Bicicletta». «Servici» tönt zwar italienisch, ist es aber nicht. Es ist ein Fantasiewort und bringt auf den Punkt, was Pablo macht: Er bietet Velo-Serviceleistungen an. «‹Biciservici› tönt cool und bleibt hängen», sagt er nicht ohne Stolz.

Neben dem Lieferservice finden sich auf der Website biciservici.ch weitere Angebote. Die unterscheiden sich – so Giacobbo – nicht grundsätzlich von anderen Velowerkstätten, sind aber in attraktiven Service- und Reparaturleistungspaketen zusammengefasst, die vom kleinen Check für 55 Franken bis hin zum grossen Service für 220 Franken reichen. Der Lieferservice ist in diesen Angeboten nicht inbegriffen, kostet aber nicht mehr als 20 Franken im Stadtgebiet. Ausserhalb von Zürich zählen die Kilometer. Da er keine Marken vertritt, die er bedienen muss, nimmt er Velos aller Marken entgegen, auch die sogenannten Internetvelos. Das sind Fahrräder, die ausschliesslich im Internet angeboten werden und meistens günstig und darum beliebt sind. «Viele Mechanikerinnen und Mechaniker wollen keine Internetvelos flicken, wegen der billigen Bauweise und weil sie unserem Geschäft schaden. Ich mach’s trotzdem. Junge Leute haben wenig Geld und bestellen darum solche Velos», sagt er.

«Biciservice tönt cool und bleibt hängen.»

Recylingvelos made by biciservici

Zufällig entdeckte Pablo Giacobbo ein weiteres Geschäftsfeld. Bei einem Freundesbesuch in Zürich-Altstetten fällt ihm in der Tiefgarage auf, wie viele alte Velos herumstehen. Auf seine Nachfrage hin, wem die gehören, erhält er die Nummer des Hauswarts. Ein Anruf genügte, und Giacobbo holte Dutzende verwaiste Velos ab. Bei Umzügen lassen viele Leute ihre alten, kaputten Zweiräder einfach stehen – ein Glücksfall für Pablo. Inzwischen wird er regelmässig von mehreren Hauswarten grösserer Siedlungen kontaktiert, die ihn mit liegengebliebenen Velos versorgen. Die Velos zerlegt Giacobbo in ihre Bestandteile und setzt diese für Reparaturen ein. Aber nicht nur: Aus einigen Teilen fertigt er seine Biciservici-Recyclingvelos. «Meine Occasionen sind beliebt, sie sind professionell gebaut und günstig zu haben. Ihr Preis entspricht der Zeit, die ich in die Montage und Reparatur stecke. Das finde ich fair, denn die Veloteile habe ich gratis bekommen.» Nicht verwertbare Teile bringt er zu Velafrica. Die gemeinnützige Organisation fördert seit vielen Jahren die Fahrradmobilität in Afrika, indem sie ausrangierte Velos sammelt, repariert und in zahlreiche Länder in Ost-, West- und Südafrika transportiert.

Pablo Giacobbo gefällt sein Beruf. Er ist Mechaniker mit Leib und Seele, kontaktfreudig und mit seinem Kleinunternehmen Biciservici sein eigener Herr. Er trägt gerne Verantwortung und leistet mit seinen Recyclingvelos einen Beitrag zur Ressourcenschonung und für mehr Nachhaltigkeit. Darum weiss er, welches das beste Velo der Welt ist: «Natürlich eines aus meiner Werkstatt.»

Weitere Infos: www.biciservici.ch

Impressum: Konzept, Text und Produktion: Claudia Spörri – Fotos: Claudio Frasca – Gesamtverantwortung: Robert Hansen, Chefredaktion – redaktion@derarbeitsmarkt.chwww.derarbeitsmarkt.ch

Created By
Claudia Spörri
Appreciate