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Das Akademische Wirtshaus Eine Halbe Zukunft?

MEHR ALS DIE VERGANGENHEIT INTERESSIERT MICH DIE ZUKUNFT, DENN IN DER GEDENKE ICH ZU LEBEN.

Albert Einstein

Wie schaut die Welt, wie sieht Salzburg in 50 Jahren aus? Was sind Fragen, die die Salzburgerinnen und Salzburger für die Zukunft beschäftigen? Für das Akademische Wirtshaus vom 26. September 2020 hatte die SZENE Salzburg sechs Themen ausgesucht, die Salzburgs Zukunft betreffen. „Mit menschlichem Maß“ (Leopold Kohr) ging es bei den Runden im SZENE Theater um nicht weniger als die Zukunft von Verkehr & Mobilität, Wohnen & Leben, Landwirtschaft & Ernährung, Theater & Kunst, Glaube & Spiritualität, Arbeit & Soziales. Wir hatten für jedes Thema je zwei Tischpat*innen eingeladen, um unsere Gäste mit Expertise und Feingefühl durch den Abend zu begleiten. Für unterhaltsame Gedankenanstöße sorgten die Schauspielerinnen Eva Brunner und Anna Mendelssohn wie auch die Musiker Die Skalden und HP Falkner. Das Moderatorenduo Romana Stücklschweiger und Peter Stamer führte durch den aussagekräftigen Abend.

Illustration: Jonas Geise

Das auf den Salzburger Philosophen Leopold Kohr zurückgehende Akademische Wirtshaus versteht sich als Forum für engagierte Bürgerinnen und Bürger, die sich aktiv an gesellschaftspolitischen Problemstellungen beteiligen wollen, um die sie betreffenden Fragen mitzugestalten. Um für dialogischen Austausch in entspannter Atmosphäre zu sorgen, entschieden wir uns für eine Variante des gesprächsorientierten und diskussionsfreudigen Formats des World Café, das wir in einem eigens dafür gestalteten Bühnensetting umgesetzt haben.

Die Themen & ihre Pat*innen

Alfred Winter, Gründungsintendant SZENE Salzburg und Kulturmanager

Claudia Heu, Künstlerin und Performerin

Michaela Gründler, Journalistin und Chefredakteurin der Straßenzeitung Apropos

Georg M. Sorst, Software-Entwickler und Mitglied Runder Tisch Grundeinkommen

Sonja Prlić, Regisseurin und Mitbegründerin des Künstlernetzwerks gold extra

Ulrike Hatzer, Professorin für Theaterpädagogik am Thomas-Bernhard-Institut und Regisseurin

Peter Haibach, Lehrer und Herausgeber der Verkehrsplattfom Forum Mobil

Leo Fellinger, Kunstschaffender und Chief Creative Officer - Head of Mooncity

Ursula Spannberger, Architektin, Stadtplanerin und Entwicklerin der Raum.Wert-Analyse

Stijn Nagels, Architekt und Mitglied der Plattform Next Generation für nachhaltige Stadtentwicklung

Elisabeth „Liesi“ Löcker, Biobäuerin und Obfrau des Lungauer Frauennetzwerks

Christian Rid, Landwirt und Betriebsführer Lielonhof

Wie geht Wirtshaus?

Um eine entspannte, konzentrierte und niederschwellige Arbeits-, Diskussions- und Denkatmosphäre zu schaffen, bediente sich die Veranstaltung des Formats des World Café.

WENN WIR ETWAS VERÄNDERN WOLLEN, MÜSSEN WIR VIEL MEHR KOMMUNIZIEREN.

Romana Stücklschweiger & Peter Stamer, Moderation

Auf zwölf Inseln wurden sechs für die Zukunft in Salzburg dringliche Themen verhandelt: 90 Bürger*innen nahmen sich der zukünftigen Entwicklung von Verkehr & Mobilität, Glaube & Spiritualität, Leben & Wohnen, Theater & Kunst, Landwirtschaft & Ernährung, Arbeit & Soziales an.

Auf jeder Insel begleiteten die Themenpat*innen die Gespräche und sorgten für entsprechende Impulse. Um ein möglichst breites Meinungsbild zu bekommen, wurde jedes Thema parallel in zwei Inseln behandelt. Die Gruppen hielten ihre Diskussionspunkte zum Status Quo während der ersten Runde auf einer Stellwand fest.

ES GEHT DARUM, HALTUNG ZU ENTWICKELN.

Claudia Heu, Themenpatin Glaube & Spiritualität

ICH GLAUB, ES WIRD SEHR REFLEKTIERTE, SELBSTBEWUSSTE UND SICH SELBST ERMÄCHTIGENDE MENSCHEN BRAUCHEN, DAMIT WIR DIE VERSCHIEDENEN KRISEN, DIE IN DEM VERWERTUNGSSYSTEM DES KAPITALS AUFTRETEN, IN 50 JAHREN HINKRIEGEN.

Kay-Michael Dankl, Gemeinderat Stadt Salzburg, KPÖ

WOZU SOLLEN DIE LEUTE 40 STUNDEN ARBEITEN? WOZU? WEN INTERESSIERT DAS?

Anna Stockinger, Teilnehmerin Themenkreis Landwirtschaft & Ernährung

Gitarren, Gstanzln & Gedanken

Die Schauspielerinnen Anna Mendelssohn und Eva Brunner setzten mit ihren Beiträgen zur Freiheit der Rede und den (Un-)Möglichkeiten von Zukunft inhaltlich prägnante Impulse. Die Skalden, Salzburgs Pophoffnung der 70er, die bereits vor 50 Jahren mit ihrem Hit "Der Träumer" von einer anderen Zukunft sangen, wie auch HP Falkner (Attwenger) rundeten mit launigen Gstanzln und Gitarren den Abend musikalisch ab.

WAS WÄRE, WENN WIR HIER DIE LETZTEN MENSCHEN AUF DIESER ERDE WÄREN? WENN WIR, HIER UND JETZT DAVON ERFÜHREN, DASS WIR WIRKLICH DIE LETZTEN MENSCHEN AUF DIESER ERDE WÄREN? WAS, WENN WIR VON NUN AN DIE VERGANGENHEIT, DIE GEGENWART UND DIE ZUKUNFT WÄREN? WAS, WENN WIR UNS MIT DIESEM WISSEN NOCH EINMAL IN DIE AUGEN SCHAUTEN UND NACHDENKEN MÜSSTEN, WIE ES JETZT WEITERGEHT, WIE WIR DAMIT UMGEHEN? (...) UND WAS IST, WENN SIE HEUTE ABEND GENAU DESHALB HIERHERGEKOMMEN SIND?

Was wäre wenn von Peter Stamer mit Eva Brunner

IN MIR IST VIELFALT. ICH HABE DAS RECHT, MIR SELBST ZU WIDERSPRECHEN, MEINE MEINUNG ZU ÄNDERN (...) DER UMSTAND, DASS ICH MEINE ANSICHTEN VOR EINEM MIKROPHON ZUM BESTEN GEBE, GIBT ANLASS ZU ZWEI GRUNDLEGENDEN FRAGEN. DIE ERSTE KLASSISCHE FRAGE, DIE SIE ALLE KENNEN, DIE FRAGE DER RECHTSANWÄLTE, IST DIESE: WIE FREI SOLLTE REDEFREIHEIT SEIN? ABER DIE ZWEITE FRAGE IST GENAUSO WICHTIG, NÄMLICH: WIE SOLLTE FREIE REDE BESCHAFFEN SEIN?

Free Speech von und mit Anna Mendelssohn

A KLOANS BISSL ÄLTER // A KLOANS BISSL KÄLTER // A KLOANS BISSL WEITER // ABER KOA BISSL GSCHEITER // LEIDER.

Text & Musik: Die Skalden

ES GIBT GROSSE UND KLOANE LEIT // UND DIE OAN SAN DUMM UND DIE ONDAN GSCHEIT // UND DIE WOS GOA NIX DUAN, STEHN // KENNAN BLED SCHAUN UND DUMM REDN.

Text & Musik: HP Falkner (Attwenger)

Danach wechselten die Pat*innen die Gruppen, um die jeweiligen Denkanstöße und Fragen auf Begriffe und Schlagwörter zu verdichten und in einem Forderungskatalog an der Stellwand auf ein Kreissegment ('Tortenstück') einzutragen. Jedes dieser Segmente wurde nach Abschluss der zweiten Runde auf einen Kreisumriss gelegt, welcher in der Saalmitte aufgezeichnet war.

12 Thementafeln - 120 Forderungen

An Ende formten damit 12 Themensegmente mit einer Vielzahl von Forderungen und Ideen für Salzburgs Zukunft einen 5m umfassenden Kreis.

Zum Vergrößern anklicken

In großer Gesprächsrunde am Kreis präsentierten je zwei Vertreter*innen die auf den Themeninseln diskutierten Befunde und Anstöße.

Notizen zum Abend

Mehr Kohlköpfe am Mirabellplatz?

Und nun? Nach vier Stunden sprechen, aufzeichnen, austauschen, anmerken und vorstellen? Was nun, angesichts der Katastrophe, die gewiss ist, wie ein Teilnehmer während der Abschlussrunde äußerte. Man müsse kein Pessimist sein, um festzustellen, dass man bereits knietief im Morast stecke. Wie nehmen sich nun also die Anstöße und Visionen für Salzburg angesichts jener Katastrophe aus, die alles zu relativieren scheint?

Das falsche Maß, würde Leopold Kohr diesem Teilnehmer entgegenhalten, das falsche Maß wird hier genommen. Denn angesichts der Auslöschung sich nicht im Großen zu verlieren, sondern beharrlich im Kleinen zu denken, das ist die Herausforderung, der man sich am Ende auch beim Akademischen Wirtshaus stellen sollte. Und es gab viele kleine Dinge in den zwölf Gruppen zu besprechen, die in Summe dann zu einem großen Ganzen führen. Während die beiden Gruppen Glaube & Spiritualität die Notwendigkeit spiritueller Selbsterkenntnis als Voraussetzung dafür sahen, um in dieser (und wohl auch jenseitiger) Welt bestehen zu können, ging es in den Teams Arbeit & Soziales sehr konkret darum, wie dieser Welt zu helfen ist: ein bedingungsloses Grundeinkommen und die Einsicht, dass nicht nur Lohnarbeit Arbeit ist, schaffe die Voraussetzungen, um dem Leben Sinn zu verleihen. Der Unsinn des kapitalistischen Systems aber steht diesem Ziel genauso entgegen wie dem Wunsch, im Einklang mit der Natur dem Menschen seine tägliche Nahrung bereitstellen zu können. Besonders in der Agrarkultur, so die Themengruppen zu Landwirtschaft & Ernährung, würde das Streben nach Gewinnmaximierung zur Verschleuderung von Ressourcen und dem Ausverkauf der Natur führen. Weg von einer mehrwertorientierten, den Boden ausbeutenden Agrarökonomie, hin zu ressourcenschonendem, gerechtem, giftfreiem, verantwortlichem Anbau und Konsum. Ein aparter Vorschlag, der zeigt, wie auch vermeintlich kleine Ideen eine große Faszination entwickeln können: das urbane Brachland in der Innenstadt Salzburg nutzen, also zum Beispiel Kohlköpfe zwischen die Rasenflächen zu setzen, die im Sinne der Allmende-Idee für alle zugänglich sind.

Dass es solche brache, noch nicht betonierte Flächen in Salzburg überhaupt noch gibt, grenzt im Grunde schon an ein Wunder, wenn man den beiden Arbeitsgruppen Verkehr & Mobilität zuhörte. Beeindruckend die genauen Zahlen, mit welcher die Teams aufwarteten: 100.000 Menschen, die täglich mit dem Fahrzeug nach Salzburg-Stadt pendelten, 5 Millionen Autotouristen, die Salzburg jährlich ihre Aufwartung machten, die meisten von ihnen Tagestouristen. Diese Zahlen machten klar, dass nur der Ausbau eines durchgängigen, kostenfreien öffentlichen Personennahverkehrs bei gleichzeitiger Sperrung des Individualverkehrs in der Innenstadt Salzburg mobilitätsfähig erhalten würde. Gegenfinanziert werden könnte das durch Einnahmen aus dem Stadttourismus. Einnahmen, die momentan in die genau entgegengesetzte Richtung fließen, nämlich in den beabsichtigten, 30 Millionen verschlingenden Ausbau der Mönchsberggarage, welcher noch mehr Autos nach Salzburg lockt. Während in der Verkehrspolitik weniger (Autos) de facto mehr (Lebensqualität) ist, gilt diese Gleichung nicht unbedingt für die Wohnungsbaupolitik. Denn, wie die Gruppen Wohnen & Leben wussten, wenn jährlich 4000 Wohnungssuchende auf 300 Wohnungsangebote treffen, braucht es einfach mehr Wohnraum in Salzburg. Im Gegensatz zu den Wohnbauprogrammen der letzten Dekaden, mit deren Hilfe einfach Bauten aus dem Boden gestampft oder auf der grünen Wiese errichtet wurden, gilt es nunmehr, die Wohnanforderungen in ihrem komplexen systemischen Zusammenhang mit Umwelt, Wirtschaft, Stadt oder Verkehr zu begreifen. Entsprechend spannte sich der Forderungskatalog der beiden Teams Wohnen & Leben von der über zwanzig Jahre alten Forderung nach Schaffung einer autofreien Innenstadt über die Erschließung der Salzach als Lebensraum, der Füllung von Wohnungsleerstand oder der Anpassung der Geschossflächenzahl in Salzburg bis zur Einrichtung von Messstationen zur Erfassung des Gummiabriebs von Autoreifen oder zur Schaffung von urbanen Begegnungsräumen – Wohnen heißt nicht nur mehr ein Dach über dem Kopf finden, sondern mittlerweile, das gesamte Umfeld mitzubedenken und mitzugestalten, frei nach dem Motto: wohnst du noch oder lebst du schon?

Und was kann Theater & Kunst zu all diesen Veränderungen beitragen? Wenn Kunst immer sozial und damit in ihrer Wechselwirkung mit Gesellschaft zu denken ist, so der Tenor der beiden Gruppen, dann sollte Kunst und Kultur einen Beitrag zu Teilhabe und Selbstermächtigung der Menschen liefern. Weg von einem elitären Kulturbegriff, hin zur Integration von künstlerischen, persönlichkeitsbildenden, das Denken und Tun öffnenden Prozessen im Leben der Stadtgesellschaft. Und wenn man dazu auf das bedingungslose Grundeinkommen zurückgreifen könne, wie dies in den Gruppe Arbeit & Soziales angesprochen wurde, dann wird das von dem deutschen Liedermacher Peter Licht bereits 2006 angestimmte 'Lied vom Ende des Kapitalismus', zur neuen Hymne der Selbstbestimmten: "Der Kapitalismus, der alte Schlawiner // Is uns lang genug auf der Tasche gelegen // Jetzt isser endlich vorbei // Is auch lang genug gewesen".

Man kann also sagen, dass die zwölf Gruppen, die am Ende mit ihren Themenstücken ein großes, rundes Ganzes formten, um das sie sich dann zusammenfanden, nicht größere Stücke vom Kuchen forderten, sondern nach anderen Rezepten, wie sich die Welt von morgen menschen- und weltfreundlicher gestalten ließe. Am Ende also, auch wenn das Wort auf keiner der Thementafeln auftauchte, ging es um das Glück. Das Glück, trotz tiefen Morasts, in dem man zu stecken scheint, eine Zukunft gestalten zu müssen. Es gibt also noch viel zu tun. Wer macht weiter?

Konzept & Programm: Peter Stamer, in Zusammenarbeit mit Angela Glechner, nach einer Idee von Alfred Winter Moderation: Peter Stamer, Theatermacher und Autor Romana Stücklschweiger, Freie Journalistin und Redakteurin bei Radiofabrik Salzburg Raum & Gestaltung: Peter Stamer und Jonas Geise, Maler und Illustrator Musik: Die Skalden: Sepp Frank, Gitarrist & Sänger und Norbert Lanser, Gitarrist & Sänger; HP Falkner (Attwenger), Musiker & Produzent Performative Beiträge: Was wäre wenn Eva Brunner, Schauspielerin Text: Peter Stamer; Free Speech Anna Mendelssohn, Schauspielerin Fotos: Bernhard Müller, Fotodesigner fokus visuelle kommunikation

Wir bedanken uns bei allen Themenpat*innen und Teilnehmer*innen für ihre wichtigen Diskussionsbeiträge, bei der Leopold-Kohr-Akademie für die gute Zusammenarbeit und bei den Salzburger Festspielen für die großzügige Leihgabe der Bühnenelemente.

Eine Veranstaltung der SZENE Salzburg