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Determinanten rabbinischer Kunst Einflüsse von "Innen" und "Außen"

Rabbinische Kunst aus zwei verschiedenen Blickwinkeln

Die Entstehung, Entwicklung und Veränderung der jüdischen Kunst zur rabbinischen Zeit soll aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und erklärt werden. Zu Beginn wird der Blick nach „Innen“ gewandt, also auf die Faktoren innerhalb des rabbinischen Judentums, die die jüdische Kunst maßgeblich mitbestimmt haben. Gekennzeichnet ist das Innerjüdische durch eine Kluft zwischen der theoretischen Haltung gegenüber Kunst in der rabbinischen Literatur und dem tatsächlichen Umgang der Juden mit ihr. Ein zentrales Thema ist hierbei der Umgang des rabbinischen Judentums mit figurativer Kunst, da die Abbildung von Mann und Tier der jüdischen Schrift nach eindeutig verboten ist (vgl. Sabar 2007: 494).

Lässt man den Blick nach „Außen“ schweifen, finden sich weitere bestimmende Faktoren für die rabbinische Kunst. Im zweiten Teil soll es also darum gehen, inwiefern die jüdische Kunst zur rabbinischen Zeit von außen, das heißt von anderen Kulturen, Traditionen und Religionen beeinflusst wurde. Die Synagoge aus Dura Europos dient als Beispiel für Einflüsse aus römisch-griechischer und christlicher Tradition.

Historischer Kontext

Rabbinische Kunst entstand und entwickelte sich in einer Zeit des Umbruchs, die beginnend mit der Zerstörung des zweiten Tempels 70 n. Chr., insbesondere gekennzeichnet war von jüdischen Revolten gegen römische Herrschaft, wie den Bar-Kochba-Aufstand 132-125 n. Chr. Auf eine Zeit des strikten Bildverbots unter den Hasmonäern, folgte damit eine weitestgehend tolerante Einstellung bezüglich Kunst und bildlicher Darstellung im religiösen Kontext. (vgl. Levine 2011: 82-83; vgl. Meyers 2006: 175). Die gescheiterten jüdischen Revolten und die damit einhergehende Konsolidierung römischer Herrschaft in Palästina, trieb die Hellenisierung auch im Bereich der Kunst weiter voran. So ist rabbinische Kunst immer auch Ausdruck römisch-griechischer Tradition (vgl. Appelbaum 1961: 227; vgl. Meyers 2006: 176; 188).

Rabbinische Kunst von „Innen“ – Die Kluft zwischen Literatur und Realität

Demnach begannen die Rabbinen zu dieser Zeit das Verbot figurativer Kunst umzudeuten: Kunst, die zu dekorationszwecken entstand, war durchaus erlaubt. Im 5. Jhd. n. Chr. schließlich wurden Freskos und Mosaike sogar in Synagogen zumindest geduldet (vgl. Sabar 2007: 494).

Trotz dieser neu entstandenen Toleranz, bleibt eine Kluft zwischen der Haltung gegenüber Kunst, wie man sie in der rabbinischen Literatur vorfindet und dem tatsächlichen Umgang mit ihr. Den Beweis dafür liefern archäologische Ausgrabungen von Synagogen im damaligen römisch-byzantinischen Palästina (vgl. Levine 2011: 81).

Die Abbildung der Menora ist ein Beispiel für dieses Phänomen. Grundsätzlich wird in rabbinischer Literatur – im Gegensatz zur Thora – nur sehr wenig auf die Erscheinung der Menora eingegangen. Darüber hinaus wird die Abbildung der Menora mit sieben Seitenarmen sogar explizit verboten. Dem entgegen stehen jedoch archelogische Funde, die vermuten lassen, dass das rabbinische Verbot schlichtweg ignoriert wurde. Denn die Menora wurde mit der Zerstörung des zweiten Tempels zu einem omnipräsenten Symbol in der rabbinischen Kunst und ist tausende Male in Palästina und der Diaspora abgebildet worden (vgl. Levine 2011: 89-90).

Eine mögliche Erklärung hierfür liefert Levine. Die Kluft zwischen der Haltung der rabbinischen Literatur und den archäologischen Funden sieht er als einen Hinweis dafür, dass die Rabbinen im synagogalen Kontext eine sehr geringe bis gar keine Rolle gespielt haben. Levine skizziert damit das Bild einer kleinen Gruppe von Rabbinen als Elite, die der großen jüdischen Gemeinschaft und ihrem Leben in den Synagogen gegenübersteht. Ihr Einfluss auf die Gestaltung der jüdischen Kunst im synagogalen Kontext war demnach sehr gering (vgl. Levine 2011: 104).

Rabbinische Kunst von „Außen“ – Einfluss von christlicher und römisch-griechischer Tradition

Wie schon der historische Kontext deutlich macht, unterlag die rabbinische Kunst auch Einflüssen anderer Kulturen und Religionen. Vorlage hierfür soll die Synagoge aus Dura Europos sein, die eines der wichtigsten Beispiele für jüdische Kunst zu dieser Zeit darstellt.

Alle Wände der Synagoge sind mit Gemälden bedeckt, die vor allem biblische Szenen darstellen (vgl. Goodenough & Avi-Yonah 2007: 52). Interessant ist, dass die gezeigten biblischen Szenen besonders jene sind, über deren Auslegung Juden und Christen im späten 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. gestritten haben:

Die Prophezeiung, dass der Messias aus dem Hause David stammen muss, ...

...die Opferung Isaaks

...und die Segnung Jakobs (vgl. Weitzmann, Kessler 1990: 179).

Weitzmann und Kessler sehen die jüdischen Gemälde in der Synagoge als eine Antwort auf den christlichen Anspruch auf das Alte Testament und schreiben damit dem entstehenden Christentum einen großen Einfluss auf die Entwicklung der jüdischen Kunst zu (vgl. Weitzmann, Kessler 1990: 181).

Die Gemälde in Dura Europos dokumentieren aber nicht nur einen Einfluss der christlichen Tradition. Die Synagoge zeigt sehr anschaulich, wie sehr jüdische Kunst zur rabbinischen Zeit der Hellenisierung unterlag. Die wesentlichen biblischen Figuren waren gekleidet mit römischer Tunika und Pallium und die dargestellten Frauen gleichen der griechischen Göttin Tyche. Außerdem finden sich an den Wänden griechische Gottheiten wieder, wie Dionysus, Cybele oder Orpheus (vgl. Goodenough & Avi-Yonah 2007: 52).

Diese kurze Einführung in die Kunst des rabbinischen Judentums soll damit auch wegweisend sein für den grundsätzlichen Umgang mit der rabbinischen Zeit. Mit der Betrachtung der Rabbinischen Kunst, ihren Einflussfaktoren und der Kluft, die sich damit auftut, wird unverkennbar deutlich, dass das Judentum zu dieser Zeit nicht ausschließlich und maßgeblich von den Rabbinen geprägt wurde. Vielmehr gab es eine Vielzahl an Einflüssen, die darauf hinweist, dass die Stellung, die den Rabbinen in der Forschung zugeschrieben wird, noch einmal überdacht werden sollte.

Literaturverzeichnis

Apfelbaum, Simon (1961) - The minor arts of the talmudic period, in: von Roth, Cecil (Hersg.), Jewish art: an illustrated history, New York: McGraw-Hill, S. 226-246

Goodenough, Erwin R.; Avi-Yonah, Michael (2007) - Dura-Europos, in: von Fred Skolnik (Hrsg.) Encyclopaedia Judaica, Bd. 6, 2. Aufl., Detroit: Thomson Gale; Jerusalem: Keter Publishing House, S. 51-55

Levine, Lee (2011) - Synagogue art and the rabbis in late antiquity, in: Journal of Ancient Judaism, Bd. 2, 1, S. 79-114

Meyers, Eric M. (2006) - Jewish art and architecture in the land of Israel, 70 – C. 235, in: Davies, Williams D.; Katz, Steven T. (Hrsg.), The Cambridge History of Judaism: The late Roman-Rabbinic period, Cambridge: Cambridge Univ. Press, S. 174-190

Sabar, Shalom (2007) - Art.Antiquity to 1800, in: von Fred Skolnik (Hrsg.) Encyclopaedia Judaica, Bd. 2, 2. Aufl., Detroit: Thomson Gale; Jerusalem: Keter Publishing House, S. 491-500

Weitzmann, Kurt; Kessler, Herbert L. (1990) - The frescoes of the Dura Synagogue and christian art, Washington DC: Dumbarton Oaks and Research Library and Coll.

Bildnachweis

Bild 1: Dura Europos Fresko, Mose aus dem Fluss; https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/13/Dura_Europos_fresco_Moses_from_river.jpg, entnommen am 03.02.2018

Bild 2: Titus-Bogen; https://www.flickr.com/photos/129501455@N02/23297273015, entnommen am 03.02.2018

Bild 3: Mosaik aus der Beit Alpha Synagoge; https://de.wikipedia.org/wiki/Bet_Alpha#/media/File:Beit_Alfa_Synagogue_Mosaic.jpg, entnommen am 03.02.2018

Bild 4: Mosaik der Menora; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:PikiWiki_Israel_7435_menorah_in_maon_mosaic.jpg#/media/File:PikiWiki_Israel_7435_menorah_in_maon_mosaic.jpg, entnommen am 03.02.2018

Bild 5: Ruinen der Dura Europos Synagoge; https://www.flickr.com/photos/69716881@N02/7431026004/in/photostream/, entnommen am 03.02.2018

Bild 6: Gemälde in der Dura Europos Synagoge; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dara_Europos_replica.jpg#/media/File:Dara_Europos_replica.jpg, entnommen am 03.02.2018

Bild 7: Ruinen der Dura Europos Synagoge; https://www.flickr.com/photos/69716881@N02/7431018558, entnommen am 03.02.2018

Bild 8: Dura Europos Fresko: Opferung Isaaks; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dura_Europos_Synagogue_Sacrifice_of_Isaac.jpg#/media/File:Dura_Europos_Synagogue_Sacrifice_of_Isaac.jpg, entnommen am 03.02.2018

Bild 9: Ruinen der Dura Europos Synagoge; https://www.flickr.com/photos/69716881@N02/7431026004/in/photostream/, entnommen am 03.02.2018

Bild 10: Dura Europos Fresko: Jakobs Segnung; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:DuraSyn-W2-Blessings_and_great_vine.jpg#/media/File:DuraSyn-W2-Blessings_and_great_vine.jpg, entnommen am 03.02.2018

Bild 11: Dura Europos Fresko: Salbung Davids; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dura_Synagogue_WC3_David_anointed_by_Samuel.jpg#/media/File:Dura_Synagogue_WC3_David_anointed_by_Samuel.jpg, entnommen am 03.02.2018

Created By
Franziska Prokopetz
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