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alt eine Zeitreise

Prolog

Was inspiriert dich? Hin und wieder stelle ich mir diese Frage. Und ich denke, es sind immer sehr unterschiedliche Aspekte: Natürlich Menschen, die mir nahestehen. Oder Situationen. Oder Zufälle - die vielleicht gar keine sind. Oder am Ende ganz banale Dinge - wie ein Artikel. Oder die Kombination aus alledem.

Beim Blättern durch die einzige physische Fotozeitschrift, die ich besitze - obwohl inhaltlich aktuell, ein haptisches Überbleibsel aus einer anderen Zeit - bin ich über eine Reihe von Artikeln gestolpert, die sich mit den alten, aus der Zeit gefallenen Methoden der Photographie beschäftigen. Von der einfachsten Lochkamera bis hin zu Vollplastikbilligkameras wird hier das Lied des bewusst unperfekten gesungen. Wollen wir das in Zeiten, in denen Smartphones technisch bessere Bilder machen als ganz viele Kameras, in Zeiten ungekannten Megapixelwachstums, lesen und wissen?

Vielleicht. Zu einem Zeitpunkt im Leben, an dem ich mir sicher bin, mehr Jahre hinter mir als vor mir zu haben, will ich das. Einmal zurückschauen. Eine Art Zeitreise antreten. Und nachschauen, was ich dort finde.

Bin ich alt? Aus Sicht des Teenagers, der ich vor vierzig Jahren war - wahrscheinlich schon. Ich könnte meinen Sohn fragen. Vermutlich würde er mir eher ausweichend antworten um mich nicht zu verletzen. Ich frage ihn nicht. Aber was hier zählt, ist meine Perspektive. Und aus meiner Perspektive bin ich genau das nicht - alt.

Vierzig Jahre - das fand ich früher immer eine verdammt lange Zeit. Vor vierzig Jahren habe ich fast legal mein erstes Bier getrunken. Erste Entscheidungen getroffen. Tanzkurs gemacht. Und sah ungefähr so aus:

Vor vierzig Jahren hatte ich Prägungen erfahren, die mich bis heute begleiten und ausmachen. Und heute?

Photographie ist heute eine meiner Leidenschaften. Ohne es genau zu wissen datiere ich deren Beginn auf einen Zeitpunkt vor vierzig Jahren - auch geprägt von den Aktivtäten meines Vaters. Und dann finde ich diesen Artikel, der sich damit beschäftigt, unbelichtetes Filmmaterial, das sein Mindesthaltbarkeitsdatum längst überschritten hat, zu belichten und gespannt darauf zu lauern, was die Jahre mit dem Zeug angestellt haben.

Ein spannender Ansatz. Der Angang: umständlich, nicht einfach, nicht leicht. Das Ergebnis: unvorhersehbar, im besten Fall charmant, auf jeden Fall NICHT perfekt. Und mit all diesen Adjektiven das komplette Gegenteil zu allem, was heute gefragt ist. Ein echter Anachronismus also. Genau mein Ding.

Ich kann mich zwar nur dunkel daran erinnern, wie es ist, einen Kleinbildfilm in eine Kamera einzulegen (das letzte Mal ist vermutlich zwanzig Jahre her....) - aber ich habe noch einiges "frisches" altes Material - und beschließe, dies im Rahmen eines kleinen Projektes zu belichten. Und die Ergebnisse hier zu veröffentlichen.

Ich nenne das Zeitreiseprojekt: "alt". Aus den vielen Gründen, die ich oben beschrieben habe. Und ich bin gespannt, was und wem ich auf meiner Reise begegnen werde.

Willkommen bei meinem kleinen Projektblog...

12. März: der Keller

Def.: Keller, der, m: Raum in einem Haus ganz unten, in dem sich enorm viel Kram ansammelt, von dem man überzeugt ist, dass man ihn nochmal irgendwann braucht. Manchmal auch ein feuchtes, dunkles Loch...

Es gibt Dinge, die man der Kellerluft nicht auf Dauer aussetzen sollte. In eben diesem Keller habe ich meine alte Fotoausrüstung aufbewahrt. Alte Filme haben hoffentlich überlebt und sind wie guter Wein irgendwie gereift. Die alten Kameras?

Schön anzuschauen - aber leider Schrott. Alle....

Angetan hat es mir aber der alte ORWO Chrom Diafilm. Der, der schon im Neuzustand ein echtes Farbproblem hatte. Selbst Sonnenuntergänge sahen schon in den 80er Jahren - als der Film frisch den VEB Film- und Chemiefaserwerk Agfa Wolfen verlassen hatte - aus wie Maisfelder in der Mittagssonne. Mindestens haltbar bis Dezember 1989 - aber was sind schon knapp 32 Jahre für ein ostdeutsches Qualitätsprodukt?

Erkenntnis des Tages: Ich brauche eine neue gebrauchte Kamera. Und starte das Projekt "alt".

19. März: die Kamera

Nachdem die Entscheidung einmal gefallen ist, in eine neue alte Kamera zu investieren, ist es wieder da - das Jagdfieber. It's not the having - it's the getting... Nun - in diesem Fall ist es auch das having, ist es doch die Grundlage für mein Projekt.

Wieder vierzig Jahre zurück - ein Zeitpunkt, zu dem ich mich für eine Kamera entscheiden durfte. Es wurde eine der oben abgebildeten Ricohs, die den traurigen Feuchtigkeitstod im dunklen Keller erleiden mussten. Ich erinnere mich aber noch dunkel daran, dass ich einen Prospekt einer Nikon FE hatte - und daran, dass die für mich der heilige Gral der Spiegelreflexwelt war. Aber wie das so mit heiligen Grälen ist - unerreichbar. Zumindest damals. Und heute? Wird sie häufig angeboten - und auch in erstaunlich gepflegten Zuständen. So ein wenig wie Opas Benz, der in der Garage steht und nur einmal pro Jahr behutsam warmgefahren zur Inspektion gebracht wird.

Auf meiner "getting-Reise" begegne ich dem netten Mann aus Wiesbaden, der das Material des verstorbenen Vaters verkauft. Ein wildes Sammelsurium aus untereinander nicht kompatiblen Kameras von Nikon, Minolta und Revue. Ich frage ihn, warum sein Vater das gemacht hat. Er zuckt mit den Schultern - die Photographie war nur das Ding seines Vaters - er selber hat das Foto-Gen wohl nicht geerbt. Er überlässt mir die gepflegte Nikon FE für achtzig Euro. Die Zeitreise beginnt...

Es fühlt sich tatsächlich ungewohnt, aber doch irgendwie vertraut an. Das "Speichermedium" einzulegen ist fummelig und geht Nikon-typisch andersrum als bei den Ricohs und der Pentax - klappt aber unfallfrei. Das Einstellen der Filmempfindlichkeit - heute eher kreatives Mittel der Bildgestaltung, aber damals sehr notwendig um überhaupt richtig belichtete Bilder erhalten zu können - wirft ein paar kleinere Fragezeichen auf. Aber da ich nichts falsch machen möchte, schaue ich in die Betriebsanleitung.

Und hier kommt der erste Konnex in die Neuzeit. Der Kamera liegt keine Anleitung bei, aber google hat eine in petto. Natürlich. Handy gezückt und schnell mal nachgelesen. Heute selbstverständlich - aber vor vierzig Jahren? Undenkbar.

Ich nehme die Kamera hoch. Sie ist mit ihrer 50 mm Festbrennweite im Vergleich zu einer mit Akkugriff und Immerdrauf-Zoomobjektiv ausgerüsteten Canon 5D MkIII ein Leichtgewicht. Kühl liegt sie in der Hand. Alle Bedienelemente sind aus Metall und fühlen sich massiv an - genau wie die ganze Kamera. Jeder Knopf, jedes Rad widersetzt sich sanft der Bedienung - ganz so als ob die Kamera sagen wollte: hey, wenn du mit mir Bilder machen willst, dann ist das Arbeit.

Bildgestaltung? Braucht Zeit. Die richtige Blende wählen. Fokussieren. Das alles will bewusst erledigt werden. Ein Schnappschuss? Nimm das Handy. Jedes einzelne Foto musst du dir erarbeiten. Automatisches Auslösen, wenn dein Gegenüber lächelt? Träum weiter. Diese Kamera wirft dich zurück auf vor langer Zeit gelerntes. Die alte Nikon verlangt von dir das, was heute die kameragewordenen Computer für dich machen.

Erstes Foto geschossen - der Blick auf die Kamerarückwand offenbart: nix. Hallo, das hier ist echt old school. Da musste schon Geduld haben. Wir befinden uns in einer prä-digitalen Ära - da brauchten wir für die Photographie noch Zeit. Auch das - heute undenkbar. Wie soll ich denn damit aktuelle Fotos auf Instagram veröffentlichen? Schalt mal einen Gang zurück! Alter!

27. März: Der erste Film

Es hat nicht lange gedauert bis ich den ersten Film "vollgeknipst" habe.

Auf diese Weise zu photographieren ist anders als sonst. Bewusster. Sorgfältiger. Und immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass du die Bilder nicht sofort sehen kannst. Wie lange "nicht sofort" tatsächlich sein wird? Das weiß ich heute nicht mehr. Mehr dazu gleich.

Im Prolog schreibe ich, dass ich gespannt bin, wem ich auf meiner Zeitreise begegnen würde. Nun - gestern habe ich zwei Begegnungen. Nicht spektakulär. Aber passend zu meiner Zeitreise mit interessantem Bezug zur Vergangenheit in dem einen Fall und zur Gegenwart in dem anderen.

Auf meinem Fußweg in die Frankfurter Innenstadt spricht mich eine ältere Dame an. Sie zieht einen Einkaufstrolley hinter sich her und ist offenbar guter Dinge. Sie sieht die Kamera in meiner Hand und fragt mich, ob das eine Digitalkamera sei. Ich stutze. Normalerweise trage ich natürlich eine Digitalkamera mit mir rum - wenn ich eine mit mir rumtrage. Seit 15 Jahren. So wie eigentlich alle Menschen, die heute eine Kamera mit sich rumschleppen und sich nicht mit einem Handy als Fotoapparat zufrieden geben wollen.

Nun - es ist in diesem Fall aber keine Digitalkamera. Aber mehr als ein freundliches "nein" und ein Lächeln-hinter-Maske als Antwort halte ich nicht für angebracht. Eine Erklärung, was ich da tue und warum und wie mich das und meine Arbeit von (fast) allen anderen unterscheidet und warum mich das auch ein wenig stolz macht - all das würde diese Frau vermutlich nicht verstehen. Glaube ich in diesem Moment.

Sie entschuldigt sich höflich und wendet sich zum Gehen. Meine Neugierde jedoch ist geweckt - und ich erkundige mich nach dem Grund ihrere Frage. Ach, meint sie, sie hätte da eine Digitalkamera und würde gerne die Bilder auf ihren PC bekommen. Ich erkläre ihr in kurzen Worten, wie sie das hinbekommt. Einen Moment schaut sie mich wortlos an. Dann lächelt sie wieder (soweit ich das hinter FFP2 erkennen kann), bedankt sich für die Auskunft und meint, dass es doch ein Glück gewesen sei, dass sie mich angesprochen hat. Eine Begegnung wie aus der Zeit gefallen.

Ich finde es immer schwierig, fremde Menschen anzusprechen und sie zu fragen, ob ich sie fotografieren darf. Datenschutz lässt grüßen. Normalerweise tue ich das nicht. Als mich ein maskierter Obdachloser mit einem interessanten Gesicht auf eine Gabe anspricht, nutze ich die Gelegenheit, einen Deal vorzuschlagen: ein Euro gegen ein Foto. Der Mann nickt. Nachdem er mit regloser Miene das Geld eingesteckt hat, hebe ich die Kamera. Er meint "nix Foto" - was er wiederholt nachdem ich ihn verwundert anschaue. Eine Begegnung typisch für unsere Zeit?

Ein paar interessante Motive später ist der Film voll - und wird direkt gegen einen im Vergleich jungen Fujifilm Superia 200 Farbnegativfilm getauscht, der nur 17 Jahre über seinem Verfallsdatum liegt und seit 20 Jahren im Kühlschrank lungert.

Wieder zuhause - die nächste Erkenntnis. Den alten DDR-Film entwickeln zu lassen dürfte schwer werden. Es gibt da wohl eine Adresse in Aurora im US-Bundesstat Colorado. Aha. Google führt mich auf einige weitere Spuren - aber so richtig heiß ist keine davon.

Selber machen? Die hochgiftige Chemie kann man selber anmischen und die notwenigen Apparaturen sind bei ebay zu bekommen. Ein wenig recherchieren macht schon ein ganzes Stück schlauer - und zeigt dir recht deutlich, ob und in welcher Tiefe du dich mit einem Thema wirklich auseinandersetzen willst. E6, C41, ORWO C-9156... Och, lass mal stecken... Ich finde schon einen Weg - auch wenn es etwas dauert. Was mein digital-sofort-verwöhntes Ich schon schade findet...

Erkenntnis des Tages: Schlechte Vorbereitung ist die Grundlage für manche Überraschung

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Credits:

All Fotos (c) Stefan Mantel mantel | fuchs PHOTOGRAPHIE