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Zu Fuß durch die Namib ein wüstenabenteuer

An einem Freitag um 16.30h befinde ich mich auf der Wüstenforschungsstation Gobabeb mitten in der Namib.

Umrahmt von goldroten Dünenformationen kann man die Station mit ihren kleinen Zinnen und dem weißen prägnanten Wasserturm vom Weiten leicht mit einem Fort aus der Kolonialzeit verwechseln. Der erste Blick ist täuscht. Sobald man der Station näher kommt fällt auf, dass überall kompliziert aussehende wissenschaftliche Gerätschaften herum stehen. Als Stationsklimatologe weiß ich, dass die meisten dieser Gerätschaften für meteorologische Messungen bestimmt sind. Im Team benutzen wir diese täglich für unsere Messungen. Wir erforschen den Einfluss des Klimawandels auf das Ökosystem Wüste. Lange Arbeitszeiten gehören zur Tagesordnung. Seit Wochen habe ich die Station nicht verlassen. Grund genug mir deshalb heute etwas Besonderes zu gönnen: Die kühlen Abend- und Nachtstunden werde ich dazu nutzen so weit möglich in die Namib zu wandern.

Mein Ziel ist es in der Nacht oder zumindest am frühen Morgen die Hauptstraße Richtung Swakopmund zu erreichen und am Vormittag von dort aus nach Swakopmund zu trampen. Von Gobabeb bis Swakopmund sind es rund 90 Meilen. Bis zur Hauptstraße nur knapp 30 Meilen. Meine Abenteuerlust ist erwacht und ich möchte wissen, wie weit ich in dieser Nacht schaffen kann. Es gibt nichts Schöneres, als nachts in der Wüste unter den Sternen der Milchstraße zu wandern. Das Kreuz des Südens weist den Weg. Der Wüstenrausch hat mich gepackt. Den Rucksack geschultert, die Sonnenbrille auf der Nase und meinen Hut tief in ins Gesicht gezogen verlasse ich die Station durch das Haupttor. Ab sofort befinde ich mich ganz allein in der Wildnis der Wüste und vor mir liegen Freiheit, unendlich viele Sandkörner und mein ganz persönliches Abenteuer. Ich mache so etwas nicht zum ersten Mal. Deshalb bin ich sicher an alles gedacht zu haben: ausreichend warme Kleidung, verschiedene Halstücher um den Wind abzuhalten, mein Handy, etwas Proviant und vor allem ausreichend Wasser.

In den Abend hinein wandernd, erlebe ich ein fantastisches Wüstenpanorama. Erst in der Abendsonne kommen die vielfältigen Farben des Sandes so richtig zur Geltung. Dieses einzigartige Farbenspektakel verleiht den Dünen mit ihren perfekten Rundungen und scharf abfallenden Kämmen etwas Majestätisches. Am östlichen Horizont zieht eine Herde Oryx Antilopen an mir vorbei die, genau wie ich, in die Nacht hinein wandert. Während im Westen, unweit von meiner eigenen Position, eine Straußenfamilie an mir vorbeiflaniert. Diese Eindrücke sind für die Ewigkeit, denn ich bin mittendrin statt nur dabei. Sehr bald ist die Station nicht mehr zu sehen. So verlaufen die ersten Kilometer völlig unproblematisch.

Als die Sonne um 18.00h untergeht, ändert sich meine Situation drastisch.

Mit großer Sorge stelle ich fest, dass meine Kräfte stetig schwinden. Mein Leistungsabfall trifft mich völlig überraschend. Zuerst versuche ich diesen Energieabfall weitestgehend zu ignorieren aber schnell wird mir klar, dass ich in Kürze ein riesiges Problem bekommen werde. Es fühlt sich so an, als sei ein Schalter in meinem Körper umgelegt worden, der dafür sorgt, dass meine Energie schubweise gedrosselt wird. Innerhalb weniger Minuten spüre ich ein regelrechtes Absacken meiner Energie: Es geht von 100 % runter auf 80 %, dann auf 60 %, dann 40 %, usw. Mittlerweile komme ich nur sehr mühsam voran und mache immer öfter viele kleine und ab und an auch längere Pausen. Es wäre jetzt der richtige Zeitpunkt abzubrechen und umzukehren. Doch aus falschem Stolz ist Aufgeben für mich keine Option! In meinen Pausen trinke ich viel Wasser und greife auf meinen Proviant zurück. So schwindet beides rasant, ohne dass ich es zunächst bemerke. Als ich es schließlich realisiere, ist es fast zu spät. In der Hoffnung meine Kräfte zurückzugewinnen esse und trinke ich, ohne Rücksicht auf Verluste, einfach weiter. Nur kehren meine Kräfte nicht zurück. Stattdessen werde ich noch schwächer. Gegen 20.00h erkenne ich im Schein meiner Taschenlampe, dass meine Vorräte fast aufgebraucht sind. Obwohl ich den Weg sehr gut kenne, kann ich in dieser völligen Dunkelheit nicht richtig abschätzen auf welchem Streckenabschnitt ich mich befinde. Der Lichtkegel meiner Taschenlampe ist viel zu gering um mich anhand markanter Landmarken orientieren zu können. Wenn ich Glück habe erreiche ich bald das Dorf der Topnaar und werde dort um ein Nachtlager bitten. Die Kälte setzt heute früher ein als sonst und die Temperaturen sinken deutlich tiefer. Mir ist schlecht und trotz meiner warmen Funktionskleidung friere ich sehr stark. Der wie aus dem Nichts einsetzende Wind gibt mir zusätzlich den Rest. Allein meine Halstücher und meine Sonnenbrille, halten den Sand davon ab mir ins Gesicht und in die Augen zu peitschen. Den Hut tiefer ins Gesicht gezogen halte ich meinen Kopf gesenkt. Auf diese Weise bleibt zwar mein Kopf warm, doch ich erkenne beim Gehen nur die Umrisse meiner Boots. Schlagartig setzt die Müdigkeit ein und ich versuche krampfhaft nicht dem innerlichen Drang nachzugeben mich für ein paar Minuten hinzulegen und zu schlafen. Das Einzige was mich davon abhält, ist die Angst anschließend nie mehr aufzustehen. Jeder Schritt wir zur Qual. Was ich am meisten brauche, ist ein Energieschub. Meine Hand fährt in meine Hosentasche und tastet nach einer Schachtel Traubenzucker. Deren Inhalt ist jedoch schon längst aufgebraucht. Der ersehnte Energieschub bleibt aus.

Mein Mund fühlt sich seltsam trocken an und mein Bedürfnis nach Wasser ist stärker als je zuvor.

Am Ende meiner Kräfte bleibe ich stehen und schnalle mir meinen Rucksack ab. Es tut gut den Rücken für einen Moment zu entlasten. Erwartungsvoll greife ich nach meiner Wasserflasche. Der letzte Schluck, dann ist sie leer. Für einen kurzen Moment ist mein Durst gestillt – der Hunger bleibt. Ein Königreich für nur eine trockene Scheibe Brot. Nichts! Ernüchterung macht sich breit und leichte Panik ergreift mich. Ich habe nichts mehr zu essen! Um nicht vor Erschöpfung einzuschlafen, zwinge ich mich weiter zugehen. Erneut schultere ich meinen Rucksack, der auf einmal viel schwerer zu sein scheint. So stolpere ich weiter voran. Mit jedem Schritt, der nun folgt, überschreite ich meine eigene physische und psychische Grenze jedes Mal ein kleines Stückchen mehr. Nur meine Selbstdisziplin kann mir noch helfen. ‚Auf geht’s Junge! Immer schön ein Schritt nach dem andern!‘, ermutige ich mich weiterzugehen. Aber ich bin am Ende und sehne mich danach zu schlafen – egal wo. Der inzwischen heulende Wind ist sehr viel stärker geworden und ich friere extrem. Aufgrund der feuchten Kälte vermute ich, dass der Wüstennebel in dieser Nacht bereits weit in die Wüste vorgedrungen ist. Mit allerletzter Kraft schreie ich mich selbst an: „Geh weiter Jan! Geh bloß weiter! Das kann nicht das Ende sein!“. Mein Fortbewegungsstil hat nichts mehr mit Gehen zu tun. Meine Beine sind weich und schwer. Um ca. 23.00h versagt meine Disziplin vollständig und ich treffe eine folgenschwere Entscheidung: Vor Erschöpfung werfe ich mich in den Sand und versuche die Nacht einfach im Freien zu überleben. Aus der Finsternis erschallen Geräusche, die ich zunächst nicht einordnen kann und sogar den Wind übertönen. Sie halten an und ich lausche aufmerksam. Nach einer Weile stelle ich erschrocken fest: Es ist das Lachen von Hyänen. Nervös schaue ich in die Nacht. Aus meiner Panik wird pure Angst. Sollte das Rudel meine Witterung aufnehmen oder schon aufgenommen haben werde ich zumindest nicht mehr erfrieren. Sarkasmus macht sich breit. An Flucht ist nicht zu denken, denn erstens bin ich viel zu schwach und zweitens gibt es einfach keine Fluchtmöglichkeit. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als abzuwarten was passieren wird. Nichts passiert. Offenbar haben die Hyänen mich nicht bemerkt, denn das Lachen entfernt sich und ist nach einiger Zeit kaum noch hörbar. Glück gehabt.

Unweit meines Standorts gibt es eine Wüstenstraße und ich hoffe, dass noch ein Auto vorbeikommen wird. Um diese Uhrzeit stehen die Chancen dafür allerdings verdammt schlecht. Schon tagsüber wird diese Straße äußerst selten befahren. Lange bete ich für Hilfe. In der Not kommt mir die letzte rettende Idee: Mein Handy. Warum bloß habe ich vorher nicht daran gedacht? In meiner Hosen- und Jackentasche ist es aber nicht. Verzweiflung ergreift mich. Irgendwo muss es sein und ich beginne den Rucksack mit zitternden Händen hektisch zu durchsuchen. Da ist es! Freude und Euphorie steigt in mir auf! Und dann... die große Ernüchterung: Kein Empfang. Eine schier unendlich große Enttäuschung kommt auf.

Erneut fange ich an zu Gott zu beten. Diesmal laut. Ob er mich hört? Nach einiger Zeit stelle ich fest, dass sich der Sand durch den starken Wind mittlerweile über meine Beine gelegt hat und dabei ist mich zu verwehen. Es ist mir egal! Ich weiß, dass ich nun weitergehen muss, aber ich kann einfach nicht mehr. So schön die Wüste auch ist, so grausam kann sie auch sein. Hier überleben nur die, die am besten angepasst sind. Oder solche, welche die Hoffnung nicht aufgeben!

In Namibia sagt man aber auch: „Am Ende wird alles gut. Und ist noch nicht alles gut, so ist dies noch nicht das Ende.“

Als ich mich daran erinnere, keimt in mir eine kleine Flamme der Hoffnung auf. Alles was mir bleibt, ist genau diese Zuversicht. Dann passiert für eine gefühlte Ewigkeit nichts. Inzwischen bin ich so durchgefroren, dass ich meine Extremitäten fast gar nicht mehr spüre. Gegen Mitternacht meine ich in weiter Ferne ein Scheinwerferlicht zu erkennen, das dann aber genauso schnell verschwindet, wie es aufgetaucht ist. Täusche ich mich etwa? Spielen meine Sinne verrückt? Minutenlang blicke ich angestrengt in das Dunkle der Nacht, in die Richtung aus der das Licht kam. Eine gefühlte Ewigkeit vergeht. Schließlich taucht das Licht erneut auf, um im nächsten Augenblick sofort wieder zu verschwinden. Diesmal ist es näher. Eine neuer Funkte der Hoffnung ist entfacht und in meinem Körper pulsiert das Adrenalin. Das Licht bedeutet, dass ich entweder in der Nähe des Topnaar Dorfes bin oder dass in wenigen Minuten diese Stelle von einem Auto passiert werden wird. Langsam stehe ich auf und klopfe mir den Sand von meinen Klamotten. Meine Hände sind auf meine Oberschenkel gestützt – anders kann ich nicht mehr stehen. Minuten vergehen, in denen nichts geschieht, aber hin und wieder blitzt das Scheinwerferlicht auf, das sich meiner Position zu näheren scheint. Meine Gebete wurden erhört. Ich danke Gott! Das Scheinwerferlicht ist ganz nah und ich erkenne die Umrisse eines Autos. In der Gewissheit, dass dieses Auto meine letzte Rettung ist, stelle mich mit winkenden Händen auf den Weg, bereit das Auto um jeden Preis anzuhalten. Koste es, was es wolle. Sollte es mich überfahren, kann ich wenigstens nicht erfrieren.

Man hat mich bemerkt. Das Auto wird langsamer und hält schließlich vor mir an. Um mit dem Fahrer zu sprechen, versuche ich aus dem Lichtkegel des Autos zu gelangen, denn das Licht blendet extrem. Als es mir endlich gelingt aus dem Licht zu treten, erkenne ich, dass neben mir ein großer Pickup zum Stehen gekommen ist. Als ich auf die Fahrerseite zugehe, um den Fahrer meine Situation zu schildern, schauen mich dem Inneren des Autos sieben Augenpaare neugierig aus an. Von der voll bepackten Ladefläche blicken weitere fünf Augenpaare auf mich hinunter. Um nicht zusammenzuklappen, halte ich mich mit letzter Kraft an der Fahrertür fest. Als die Menschen im Auto meine Lage erkennen springen sofort einige von der Ladefläche ab und eilen mir zur Hilfe um mich zu stützen. Ich höre wie sie sagen: „Wir bringen dich ins Krankenhaus!“ Alles Weitere zieht dann wie im Film an mir vorüber in dem ich selbst nur Zuschauer bin. Ich spüre fast gar nichts mehr und fühle mich ganz leicht. Offenbar packt man mich behutsam auf die Ladefläche und bettet mich auf eine Art Matratze. Anschließend werde ich zugedeckt, damit ich nicht weiter auskühle. Ich schließe die Augen. Der Motor heult kurz auf, als der Fahrer den Wagen startet und sich auf der holprigen Straße in Bewegung setzt. Während der Fahrt spüre ich wie der kalte Fahrtwind mein Gesicht umspielt. Als ich die Augen kurzzeitig wieder öffne, blicke ich in einen wunderschönen Sternenhimmel. Das Letzte an das ich denke ist, dass ich möglicherweise ja schon auf dem Weg in den Himmel bin. Dann fallen mir die Augen zu und ich schlafe ein. Erst als der Wagen zum Stehen kommt, komme ich wieder zu mir. Offenbar sind wir angekommen.

Der Ort kommt mir bekannt vor. Es ist das Krankenhaus das zum Dorf der Topnaar gehört. Dieses Gebäude Krankenhaus zu nennen, ist eine Veredelung von dem was es wirklich ist. Das „Krankenhaus“ ist ein rund fünf Quadratmeter großes sandfarbiges Haus, auf dessen grünem Dach ein rotes Kreuz auf einer weißen Kreisfläche gemalt worden ist.

Nach meiner Einschätzung sind wir höchstens 20 Minuten Fahrzeit von der Stelle entfernt, an der ich zusammengebrochen bin. Aber ich kann mich auch irren. Mir wird schnell klar, dass ich es allein bis hierhin ganz sicher nicht mehr geschafft hätte. Mittlerweile herrscht um uns herum allgemeine Aufregung. Ein paar Männer springen aus unserem Auto und informieren andere die uns aus Richtung Krankenhaus entgegengelaufen kommen. Dann werde ich in das kleine Krankenhaus eskortiert. Im Inneren des Krankenhauses gibt es nur Platz für ein Krankenbett, einen Schreibtisch und zwei Stühle. Im Raum befinden sich nunmehr vier Personen. Ich schaue mich um: Überall hängen HIV-Aufklärungszettel und Informationsbroschüren. Jemand reicht mir eine Tasse mit heißem Tee. Dieser wirkt wohltuend, belebend und erfrischend zugleich. Ein Mann in bunten Surfer Shorts stellt sich als Mike vor und nimmt meine Daten auf. Mir kommen Zweifel, ob dies wirklich ein Arzt ist. Wahrscheinlich ist er keiner, aber auch das ist mir absolut egal – immerhin hilft er mir. In wenigen Sätzen fasse ich für ihn die Geschehnisse kurz zusammen. Zu diesem Zeitpunkt merke ich, dass sich mein Kreislauf langsam von den Strapazen erholt. Nachdem ich mit meinen Ausführungen geendet habe, schaut mich Mike lange an und sagt schließlich: „Klar, Du hast ganz einfach einen Kreislaufkollaps gehabt, weil Du offensichtlich viel zu wenig gesessen hast und Dein Körper keine Energie mehr gehabt hat. Was Du brauchst, ist dringend etwas zu essen und ein Bett zum Schlafen. Um das Essen kümmere ich mich sofort und was das Bett angeht werden wir sehen, was wir für dich organisieren können. Du kannst auch hier schlafen.“ und deutet auf das Bett im Raum. Er mustert mich und fügt nach einer Pause hinzu: „Wir finden für dich auch ganz bestimmt etwas Gemütlicheres.“ Offensichtlich hat er bemerkt, dass ich mich in diesem Raum nicht wirklich wohlfühle. Beiläufig fragt er: „Soll ich Dir Blut abnehmen?“ Alle seine bisherigen Vorschläge finde ich gut und ich bin sehr dankbar für die Hilfe, aber mir Blut abnehmen zu lassen möchte ich sicherlich nicht. Also verneine ich dankend, betone, aber dass ich das Übernachtungsangebot überaus gerne annehme. Als Nächstes werde ich in ein Haus geführt. Dort sitzen mindestens zehn Personen eng beisammen und schauen Fußball. Sie stellen sich kurz vor. Es sind zu viele und ich bin zu geschafft um mir alle Namen merken zu können. Offenbar befinde ich mich im Gemeindehaus, denn es ist eines der wenigen Häuser, die aus Stein erbaut worden sind. Außer der Schule, dem Krankenhaus, dem Haus des Häuptlings und diesem Haus besteht das Dorf nur aus Wellblechhütten. Ein Mann namens Dave reicht mir eine Schüssel Nudeln mit Ziegenfleisch, zusammen mit einem süßlich schmeckenden Getränk.

Ich habe das Gefühl niemals etwas Schmackhafteres gegessen zu haben als in diesem Moment.

Während des Essens meldet sich meine Müdigkeit zurück und wieder werde ich schläfrig. Die Männer bemerken das. Sie beraten sich kurz. Schließlich verlässt Dave den Raum und kommt nach wenigen Minuten wieder und winkt mich herbei. „Ich habe für dich eine Hütte zum Übernachten gefunden. Sie gehört meiner Cousine Mary, die heute bei meiner Schwester schlafen wird. Deshalb darfst Du dort schlafen.“ Ich bedanke mich mehrfach über dieses überaus gastfreundliche Angebot. Alles wonach ich mich sehne ist ein Bett – ganz egal wo. Na ja, wenn es geht nicht unbedingt im Krankenhaus. Dave bringt mich zur Hütte seiner Cousine und sagt daraufhin irgendetwas, das sich so anhört wie: „Wir machen dich morgen früh wach. Ruhe dich gut aus und erhol dich gut. Gute Nacht!“ Ich bekomme vor Müdigkeit beinahe nichts mehr mit. In der Hütte gibt es keinen Lichtschalter. Also taste ich mich in der Dunkelheit bis zum Bett vor, ziehe nur das Nötigste aus und lasse mich auf das Bett fallen, auf dem ich sofort einschlafe.

Früh am Morgen klopft es an meiner Tür und jemand macht mich wach. „Komm, wenn Du fertig bist auf den großen Platz. Wir haben Kaffee und ein kleines Frühstück für dich vorbereitet.“ Was für ein unerwarteter Service. Ich mache mich fertig. Bei Tageslicht mustere ich zum ersten Mal das Innere der Hütte: Die Einrichtung ist eine sehr rustikal und ist nur aus ein paar Brettern und Blechen zusammengezimmert worden ist. Der Fußboden besteht aus Lehm. Mein Blick fällt auf einen offenen Kleiderschrank, ein Bett und ein kleiner Waschtisch. Auf einem Nebentisch stehen diverse Frauenparfüms und Schminkutensilien.

Über dem Bett hängt ein Banner auf dem in gewebten Buchstaben geschrieben steht. „Folge immer Deinem eigenen Weg! Gott wird Dich begleiten.“

Als ich vor die Tür trete erwarten mich meine Gastgeber bereits mit frischem Kaffee. Der Kaffee ist stark, tut gut und ist genau das, was ich brauche. Erst langsam realisiere ich, wie knapp ich gestern womöglich meinem eigenen Tod entkommen bin. Tränen der Erleichterung steigen mir ins Gesicht. Ich bin froh am Leben zu sein. Unwillkürlich erinnere ich mich an den Spruch, den ich eben zuvor gelesen hatte. Mein erster Gedanke ist: „Mein Weg hat mich zurück ins Leben geführt!“. Vor Euphorie umarme ich meine Gastgeber die mich daraufhin etwas verwirrt anschauen. Der Tag nimmt seinen Lauf und die Menschen geben mir die Gelegenheit ihre Kultur besser kennenzulernen. Kurzerhand laden sie mich auf eines Ihrer Feste ein welches sie an diesem Tag feiern.

Obwohl ich eine andere Hautfarbe habe, eine andere Sprache spreche und aus einer anderen Kultur stamme, behandeln diese Menschen mich so als wäre ich einer von ihnen. Für einige Stunden gibt es keinen Unterschied zwischen uns. Sie zeigen großes Interesse an mir, schenken mir ihre Aufmerksamkeit und lachen mit mir. Unweigerlich werde ich zu so etwas wie die „Attraktion des Tages“ und ich muss meine Geschichte an diesem Tag ziemlich oft erzählen. So eine Geschichte hören sie nicht jeden Tag.

Am späten Nachmittag fährt mich eine kleine Gruppe der Dorfbewohner nach Swakopmund. Wir verabschieden uns herzlich und ich gehe mit der Gewissheit, neue Freunde gefunden zu haben.

Heute lebe ich längst wieder in Deutschland. Ich wäre bestimmt nicht mehr am Leben, wenn mir diese Menschen nicht eine unglaubliche Hilfsbereitschaft entgegengebracht hätten. Doch ich lebe! Das allein habe ich den Topnaar zu verdanken. Obwohl sie mich nicht kannten, haben sie mich ohne zu zögern gesund gepflegt und in einer ihrer Hütten übernachten lassen. Ich werde mein Leben lang unendlich dankbar dafür bleiben. Nie werde ich diese Nacht vergessen. Nie werde ich dieses Erlebnis vergessen. Nie werde ich die Topnaar vergessen.

Created By
Jan Tolzmann
Appreciate

Credits:

Jan Tolzmann

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