Tausend Wege zur Erleuchtung Eine Reise zu berühmten Wallfahrtsorten Nordindiens - um dort Gurus die schwierigste aller Fragen zu stellen (Teil 1)

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„Finde den Sinn des Lebens!", haben Sie mir in der Redaktion eines deutschen Reisemagazins gesagt.

Mehr als 5.000 Kilometer soll ich quer durch den Norden Indiens reisen: zu Fuß, mit Taxi und Flugzeug. Zu den berühmtesten Wallfahrtsorten der Hindus, Buddhisten, Jains und Sikhs. Um dort jeweils einen spirituellen Lehrer um eine Antwort zu bitten – auf die Frage aller Fragen.

Meine erste Station soll die heiligste Stadt der Hindus sein: Varanasi am Ganges.

Ein ruckelnder Zug bringt mich von der Hauptstadt Neu Delhi in 14 Stunden dorthin.

Varanasi begrüßt Besucher mit einer Kakophonie von Geräuschen. Hindi-Schlager schallen aus offenen Fenstern. Lastwagen hupen. Tempelglocken bimmeln. Motorrad-Rikschas schnarren. Das soll ein Ort tiefempfundener Spiritualität sein? Eine der wichtigsten Pilgerstätten Indiens?

Wer verstehen will, warum Varanasi, diese Metropole mit 1,2 Millionen Einwohnern, für Hindus der Ort der Erlösung ist, muss die Stadt mit ihren Augen sehen. Dabei wird mir Ravi Dwiwedi helfen, 36 Jahre alt, Archäologe, Fremdenführer und hier aufgewachsen.

Seit 2.500 Jahren strömen Pilger, Gelehrte und Wanderasketen aus allen Teilen Indiens nach Varanasi, erzählt Ravi. Sie alle zieht es zu den Ghats, den Treppen, die zum Ganges führen. Um sich dort in den Fluten des heiligen Flusses reinzuwaschen von den Sünden …

… oder um dort verbrannt zu werden. Damit ihre Verwandten die Asche danach in den Ganges streuen können und die Verstorbenen so vom Kreislauf der Wiedergeburten erlösen.

"Die Pilger tragen alle ein bestimmtes Bild von Varanasi im Herzen, schon lange bevor sie hier ankommen", sagt Ravi und erzählt von den Mahatmyas, den uralten Lobeshymnen auf den Ort. Sie rühmen Varanasi als Wohnstatt des mächtigen Gottes Shiva, als Furt zwischen diesem Leben und der Erlösung. Varanasi, so heißt es, ist die ewige Stadt des Lichts.

Im Gassengewirr der Altstadt Godaulia sind die indischen Götter allgegenwärtig: Über den Türen zu Tempeln und Wohnungen thront der dicke, elefantenköpfige Ganesha, der Gott für Glück und Erfolg. Zwischendurch immer wieder mit Blumen geschmückte Schreine des Affengottes Hanuman, den Gläubige wegen seiner unbedingten Pflichterfüllung verehren.

In den Teestuben, bei Seidenhändlern und Teppichverkäufern hängen bunte Poster der Göttin Lakshmi. Oder Bilder ihres vierarmigen, blauäugigen Gemahls Vishnu. Die beiden sollen den Besitzern Reichtum bescheren.

"Wie viele Götter gibt es im Hinduismus?", frage ich Ravi. - "330 Millionen", antwortet er. "Aber eigentlich nur einen einzigen: Brahma, eine Art Urkraft, aus der alles hervorgeht. Die anderen Gottheiten sind nur Fassetten davon."

Vögel zwitschern im Innenhof des Mumukshu-Bhavan. Ravi hat mich hierher geführt. Hier soll ich den ersten heiligen Mann treffen, der mir die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten will. Aus Sicht der Hindus. Er heißt Tarkeshwar, ist 85 Jahre alt und hat einst als Chemiker gearbeitet. Lange schweigt er, dann endlich fängt er an zu sprechen …

"Der Sinn des Lebens besteht darin, Moksha zu erreichen. Nur durch Abkehr von der Welt, von der eigenen Familie, von allen Bindungen und durch das Studium der Veden, unserer heiligen Schriften, kann ich auf Erlösung hoffen. Und das ist das Ende aller Wiedergeburten."

Am Abend gehen Ravi und ich zu den Ghats, den Treppen, die zu den Wassern des Ganges führen. Dort entzündet er eine Kerze, die er dem Fluss opfern will. In einem kleinen Blumenschälchen setzt er sie ins Wasser. Zusammen mit Hunderten von anderen Kerzen treibt sie auf dem Strom fort. Und erhellt die einsetzende Dunkelheit.

Text: © by Bernhard Lill. Fotos: © by Bernhard Lill. Außer: Christopher Michel (Cover), Unbekannt (Old Varanasi), Arian Zwegers (Manikarnika Ghat), Michał Huniewicz (Sadhu, Burning Ghat /2/), Vinoth Chandar (indische Götterfiguren), Indi Samarajiva (Vishnu), Edmund Garman (Sonnenuntergang). Diese Fotos unterliegen einer "Creative Commons"-Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Bei Fragen: dermedientyp@gmail.com oder @dermedientyp (Twitter)

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Bernhard Lill
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Fotos: © by Bernhard Lill. Außer: Christopher Michel (Cover), Unbekannt (Old Varanasi), Arian Zwegers (Manikarnika Ghat), Michał Huniewicz (Sadhu), Vinoth Chandar (indische Götterfiguren), Indi Samarajiva (Vishnu), Edmund Garman (Sonnenuntergang). Diese Fotos unterliegen einer "Creative Commons"-Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

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