Wir sehen uns in Rio ein kinderroman

stell dir vor, die Sonne ginge nicht wieder auf

Es wurde wieder Tag im Naturpark, tief im tropischen Regenwald des Amazonas-Stromes. Die nachtaktiven Tiere kehrten in ihre Behausungen zurück und sagten einander „Guten Morgen“, so wie alle die, die abends schlafen gehen, „Gute Nacht“ sagen.

Nur Rina, die kleinwüchsige Fröschin mit dem grünen Rücken, dem gelben Bauch und den knallroten Augen wollte noch nicht schlafen. Obwohl sie spürte, wie ihre Lider schwer wurden und ihr Körper wie ein Pendel schwankte, bemühte sie sich, gewaltsam wach zu bleiben. Lange schon erzählten ihr die anderen Tiere von den fabelhaften Besuchern des Naturparks, so dass sie die nun endlich auch selbst kennen lernen wollte. Ob wohl alles, was über sie gesagt wurde, stimmte? Dass sie nämlich von allen Ecken und Enden der Welt in den Naturpark kamen, einzig und allein, um sie, die Tiere, zu bewundern? Dass die ersten Besucher bei Sonnenaufgang eintrafen, ungeduldig und hektisch, während die letzten knapp vor Sonnenuntergang weggingen, unzufrieden damit, dass sie es nicht geschafft hatten, alles zu sehen? Ob es stimmte, dass sie von dem einen Ufer des Flusses, wo ihre Schiffe anlegten, losgingen, um dann den Park gründlich zu durchstreifen? Und dass sie sich jedes Mal wie Verrückte aufführten, wenn sie ein neues Tier trafen, egal wie gewöhnlich oder ungewöhnlich es auch war? Und schließlich, ob es stimmte, dass es ihnen nicht die größte Freude machte, einfach die Tiere zu fotografieren, sondern sich selbst mit ihnen fotografieren zu lassen?

„Du schläfst doch nicht etwa?“, sagte Rina, die ihre Augen zufallen spürte, zu sich selbst. „Wach auf! He, wach auf!“, murmelte sie ärgerlich. „Du musst wach bleiben, wenn du auch ein Star werden willst wie die anderen Tiere des Dschungels. Wie lange willst du noch allein in der Dunkelheit herumlaufen? Hast du nicht genug davon? Willst du nicht auch ans strahlende Tageslicht treten? Damit man auch dir nachjagt, um dich einmal, zweimal, dreimal zu fotografieren?“

So sehr sie es auch wollte, es war nicht leicht für sie, sich gegen ihre Natur aufzulehnen. Ob es ihr gefiel oder nicht, sie war nun mal eine nachtaktive Fröschin. Und ihre Nachtspaziergänge halfen ihr nicht gerade dabei, nach den ersten Sonnenstrahlen wach zu bleiben.

„Stell dir vor“, flüsterte sie wenig später zu sich selbst, während sie in einen angenehmen Tiefschlaf glitt, „stell dir vor, die Sonne ginge nicht wieder auf. Stell dir vor, wie anders das Leben wäre. Wohin du auch schauen würdest, du würdest nur Sterne erblicken. Und es gäbe keine Unterschiede. Alle Tiere wären nachtaktiv, so wie auch alle Menschen auf der Erde. Ach ja, ... dann könntest auch du darauf hoffen, endlich wahrgenommen zu werden!“

„Ja, ja ...“, war plötzlich eine schleppende Stimme zu hören.

„Wer – wer hat da gesprochen?“, fragte Rina und rieb sich die Augen.

„Ich“, antwortete ein dickhäutiger Tapir hinter einer Bananenstaude.

„Und was willst du?“

„Ich will gar nichts“, sagte er, ohne aus seinem Versteck zu kommen. „Du bist diejenige, die die Aufmerksamkeit aller Leute will.“

„Moment mal!“, sagte Rina, die es störte, dass ein Unbekannter nun ihren Traum kannte. „Ist das so schlimm?“

„Dass du ab und zu ein bisschen Aufmerksamkeit suchst, nein. Dass du sie von morgens bis abends möchtest, ja“, antwortete der Tapir und rieb seinen Bauch so heftig an dem Stamm, dass durch das starke Rütteln ein Büschel reifer Bananen auf den Boden fiel. „Weißt du, um bei den Menschen wirklich beliebt zu werden, musst du dich in etwas anderes verwandeln, als du jetzt bist.“

Die Worte des Tapirs weckten sofort die Neugier der Fröschin. Und so begann sie in seine Richtung zu hüpfen, ungeduldig, mehr zu erfahren.

„Halt! Weg von den Bananen!“, rief der, ohne sich jedoch auch nur einen Millimeter von der Stelle zu rühren, um sie zu verteidigen, obwohl er sehr viel größer war als die Fröschin.

„Die Bananen interessieren mich nicht! Mir geht´s nur um dein Wissen“, rief Rina mit einem Grinsen bis über beide Ohren.

„Na gut, aber freu dich nicht zu früh“, warnte sie der Tapir und blies in seinen kleinen Rüssel, als sei er eine verstopfte Trompete.

„Warum?“

„Weil du ihr Imitator werden musst.“

„Imi....was?“

„Imitator. Wie die Papageien, die die Worte der Parkbesucher nachahmen. Oder die Affen, die ihre Bewegungen nachmachen.“

„Was du nicht sagst.“ Rina war begeistert. „Ist das alles?“

„Ist das alles?“, wunderte sich der Tapir und warf ihr einen schiefen Blick zu. „Das

ist so, als ob du deine Seele an die Menschen verkauftest. Und um was

zu gewinnen? Fünfzehn Minuten Ruhm?“

„Meinst du das ernst?“ Die Fröschin riss ihre hervorstehenden Augen auf.

„Ganze fünfzehn Minuten? Tagtäglich? Sag mir nur, was ich tun soll! Na los!

Sag schon!“

„Na gut...“, sagte der schüchterne Tapir, blies wieder in seinen Rüssel, und, nachdem er tief Luft geholt hatte, schoss er aus seinem Versteck, schnappte mit den Zähnen das Büschel Bananen und lief eilig davon, so dass Rina wieder allein zurück blieb.

Das war´s also, dachte Rina. Ich muss nichts anderes tun, als die Menschen nachzuahmen, damit sie mich bewundern. Wie schwierig kann das schon sein? Soviel ich gehört habe, gehen sie auf zwei Beinen statt auf vier. Und ich kann immerhin auf den Hinterbeinen hüpfen. Das macht doch kaum einen Unterschied.

„Los!“, rief sie laut. „Um sicher auf den Hinterbeinen gehen zu können, wie deine morgigen Bewunderer, musst du dich ans Training machen. Was sitzt du rum und starrst Löcher in die Luft?“

So begann sie aus dem Stand Luftsprünge zu machen, bis sie so hoch hinauf kam, dass sie sich den Kopf an einem harten Ast anstieß und plötzlich leblos zu Boden fiel.

bist du ein Imitator?

Als Rina wieder zu sich kam, war die Sonne bereits vom Himmel verschwunden und die Besucher des Tages hatten sich alle aus dem Naturpark zurückgezogen. Die zarte Fröschin litt an schrecklichen Kopfschmerzen, hatte eine große Beule auf der Stirn und haderte mit sich.

„Was hast du mit der Morgengymnastik bezweckt, sag schon? Aus damit und mach besser Stimmübungen. Komm schon. Probier es doch noch einmal. Sag langsam und deutlich: Ich will ein Star werden...ich will ein Star werden... ich will ein Star werden... und jetzt sag: Ich will, dass mich die Massen verehren...“

„Falsch!“, war plötzlich eine heisere Stimme aus dem dichten Laub eines ungeheuer hohen Urwaldbaumes zu hören.

„Was?“, kreischte Rina, blutrot vor Scham, weil zum zweiten Mal an diesem Tag ein Tier heimlich ihre innersten Wünsche mitangehört hatte.

„Natürlich falsch“, fuhr die geheimnisvolle Stimme hochtrabend fort. Hast du noch nie gehört, dass du nicht fragen darfst, was die Masse für dich tun kann, sondern was du für die Masse tun kannst?“

„Nein.“

„Nein?“

„Äh, also, ich meine...“, versuchte Rina sich zu sammeln.

„Du meinst...?“

Ein Imitator! folgerte die Fröschin überrascht mit angehaltenem Atem. Was habe ich doch für ein Glück im Unglück!

„Bist du wirklich ein ... Imitator?“, fragte sie dann, stockend vor Aufregung.

„Imitator?“, wiederholte noch einmal die heisere Stimme.

Ohne Zweifel, dachte Rina wieder und ihr Herz klopfte wie wild.

„Wie ich schon sagte“, erklärte da eine auffällige Papageiin, die sich blitzschnell von dem Ast, auf dem sie saß, vor die Füße der Fröschin fallen ließ, „damit dich die Masse verehrt, musst zuerst du sie bezaubern.“

„Mit Worten, stimmt´s?“

„In deinem Fall versteht sich das von selbst.“

„Das verstehe ich nicht. Warum?“

„Was gibt es da zu fragen? Weil du nicht über das passende Aussehen verfügst.“

Sind alle Imitatoren so hochmütig?, fragte sich Rina und schluckte mit Mühe die Beleidigung wegen ihrer Körperformen hinunter.

„Und was ist mit meinem Aussehen?“, fragte sie erregt.

„Was gibt es dazu zu sagen...“, sagte die Papageiin, wobei sie ihren geschmeidigen Körper nach rechts und links bog, als müsste sie sich aufwärmen für das, was sie Rina nun aufzählen würde.

„Nun, sag schon. Warum auch nicht!... Ist es viel?“

„Nur viel?“

Dadurch am Boden zerstört hätte es nicht viel gebraucht und Rina hätte eine Kehrtwendung gemacht und wäre fortgelaufen, um sich im Dunkeln, das sie ein Leben lang beherbergt hatte, zu verstecken. Wenn sie das aber täte, würde sie ihre einzige Chance verspielen. Aus diesem Grund verscheuchte sie den Zorn und die Scham, die sie fühlte. Sie streckte ihren gebeugten Körper so lang wie möglich und bat die Papageiin sie zu lehren, wie sie die Besucher des Naturparks bezaubern könnte.

Wie ihr jene sodann erklärte, gab es für Tiere, die danach strebten, den Menschen zu gefallen, grundsätzlich drei Erfolgskriterien: natürliche Schönheit, Körperpflege und Opferbereitschaft. Und um ihr das klar vor Augen zu führen, begann sie, sich selbst mit Rina zu vergleichen.

„Nehmen wir mal mich als Beispiel für natürliche Schönheit, und dich als Beispiel für natürliche Hässlichkeit“, begann sie ohne eine Spur von Einfühlsamkeit zu plappern. „Erstens: Ich habe eine wohlgeformte Figur mit perfekten Proportionen, während du auf deinem Rücken einen kreuzschiefen Buckel herumträgst! Zweitens: Ich habe zwei reizende rote Flügel mit gelben, orangen und blauen Schattierungen, du hast zwei abstoßende rote Augen! Drittens: braucht es noch ein Drittens? Nein! Stell dir nur vor, wie du aussehen würdest, wenn man dich mit deinen hervorquellenden Augen, deinem grünen Buckel und deinem gelben Bauch fotografieren würde. Keine Frage: Wie ein Ungeheuer!“, sagte die Papageiin, und nachdem sie eine tiefe Verbeugung gemacht hatte, stellte sie sich mit reichlich geschwollenem Ton vor: „Modesta, die Berühmte.“

„Pah“, sagte Rina giftig, „ich glaube nicht, dass ich von dir schon gehört habe.“

„Und wenn du auch weiterhin nicht auf mich hörst, wirst du niemals das Klick-Klick der Fotoapparate hören. Noch die bewundernden Ausrufe der Leute. Jetzt reicht es aber. Du hast mich lange genug aufgehalten. Ich muss meine Flügel für morgen herrichten. Meine Stimme ausruhen, meine Augen, meinen Körper. Mit anderen Worten, ich muss mich meiner Pflege widmen.“

„Das zweite Kriterium, richtig?“

„Richtig“, antwortete Modesta und breitete ihre beeindruckenden Flügel aus, um davonzufliegen.

„Halt! Wohin fliegst du?“, rief Rina, die auch das dritte Kriterium erfahren wollte.

„Du hast mir noch nichts über das Opfer gesagt, das ich bringen muss, damit

mich die Leute lieben.“

„Isst du gerne?“, fragte die Papageiin sie.

„Und ob!“

„Schlecht!“

„Warum?“

„Weil du das vergessen musst“, sagte Modesta, wobei sie bedeutungsvoll mit ihrer Flügelspitze auf Rinas breites Maul zeigte.

„Völlig?“

„Du bist nun mal hässlich und ungepflegt. Wenn du kein Opfer bringst, welche Hoffnung gibt es dann für dich, dass du auch nur einen Verehrer findest?“

„Während du -“

„Scharen von solchen haben werde!“, brüstete sich Modesta. „Mir laufen sie den ganzen Tag nach! Sie stürzen sich auf mich mit Hosentaschen voller köstlicher Körner und Nüsse. Händevoll legen sie sie mir zu Füßen, für nur einmal posieren. Aber ich zeige Charakterstärke! Hörst du? Wenn ich sie auch bis auf das letzte Körnchen verschlingen will, ich tu es nicht, um mir nicht die Figur zu verderben. Das heißt es, für sein Lebensziel Opfer zu bringen.“

„Und was ist das genau?“

„Na...dass man dich verehrt!“

Die Worte der Papageiin machten die Fröschin nachdenklich. Modestas Erfahrung war sicherlich wertvoll, betraf aber Tiere, die von Natur aus schön waren. Was Rina interessierte, war, was all die anderen Tiere machen konnten, die eben keine perfekten Proportionen oder die ansprechendste Färbung geerbt hatten. Ob es nicht etwas Einfacheres und Praktischeres gab, was eine gewöhnliche Fröschin tun konnte, um sich ein bisschen von dem Charme einer Papageiin wie Modesta zu leihen?

„Plastische Chirurgie vielleicht“, war die Antwort der Papageiin. „Aber darüber musst du die Menschen befragen. Und damit das geht, musst du sie zuerst auf dich aufmerksam machen.“

„Das ist das Einfachste?“

„Genau.“

„Und das Praktischste?“

„Den Bauch einziehen.“

„Oh ja. Das geht!“ Die Fröschin war begeistert und zog sofort fest den Bauch ein.

„Und den Buckel“, ergänzte Modesta. „Und falls du es schaffst, zieh auch deine hervorstehenden Glupschaugen ein, damit sie wieder in dein Gesicht zurückkehren!“

„Aber wie soll das gehen?“

„Wenn du nicht von Natur aus schön bist, trickse die Natur aus, indem du Schönheit vorgaukelst!“

„In Ordnung, kapiert“, sagte Rina. „Um jemanden zu bezaubern, muss ich ihm etwas vormachen. Nur so werde ich eines Tages ein Star erster Klasse wie du werden.“

„Falsch!“, war in diesem Augenblick eine dritte, dröhnende Stimme zu hören, hoch über den Köpfen der beiden anderen.

„Oh, das ist Michail!“ Die Papageiin erstarrte plötzlich, als sie an der Stimme einen Bekannten von ihr erkannte.

Noch ein Imitator, sagte sich die Fröschin und sah bewundernd einem kleinwüchsigen Affen mit langem Schwanz zu, wie er von einem Baum mit wunderschönen blauen Blüten kletterte, wobei er eine Reihe akrobatischer Kunststücke vollführte.

„Ich weiß, ich weiß“, sagte Rina hastig zu dem Affen, sobald dieser auf sie zukam und vor ihr stehen blieb. „Ich muss mich ans Training machen, wenn ich möchte, dass meine Beine stärker werden und auch ich eines Tages wie ein Mensch gehen kann. Richtig?“

„Bist du verrückt geworden?“, brüllte dieser mit einer für seine Größe unverhältnismäßig kräftigen Stimme. „Das ist dein Ziel? Dass du jemandem anderen ähnelst?“

„Aber was soll ich denn sonst tun?“

„Sieh zu, dass du an dir arbeitest...“

„Aber mein Buckel wird nicht glatt! Und nie werden meine hervorquellenden Augen in ihre Höhlen passen!“

„Ich meine nicht dein Aussehen“, sagte Michail mit schiefem Blick in Modestas Richtung. „Ich meine, dass du die Stärken deines Charakters erkennen und kultivieren sollst, so dass zuallererst du selbst dich liebst.“

Und ohne Zeit zu verlieren, präsentierte er sich ihr selbst als Beispiel. Brüllaffen wie er waren von Natur aus fauler als seine anderen, höherstehenden Cousins, da sich seine Artgenossen mit der Routine des Alltagslebens zufrieden gaben und so die Gaben, mit denen die Natur sie ausgestattet hatte, nicht nutzten und sich in der Folge oft vernachlässigten. Hingegen ließ er selbst sich aber keine Gelegenheit entgehen, ein bisschen lauter zu brüllen, ein bisschen schneller zu rennen oder ein bisschen weiter zu springen. Und vor allem: mit Leib und Seele zu tanzen.

„Ich bin verrückt nach Tanzen!“, rief er ihr zu und begann mit einer ausgelassenen Tanzvorführung, die sowohl Kastagnetten und Pirouetten als auch einen kurzen, aber überaus leidenschaftlichen Tango, mit Rina als Partnerin, umfasste.

„Hat´s Spaß gemacht?“, fragte er, sobald er sie wieder hinunterließ.

„Ja“, antwortete sie ihm schwindlig und mit heraushängender Zunge.

„Hast du also gesehen, wie du ein wirklicher Star werden kannst? Nicht, indem du die anderen beeindruckst, sondern dich selbst...“

Als sie am gleichen Abend wieder allein war und einen der vielen, das Innere des Naturparks durchziehenden Pfade überquerte, überdachte Rina alles, was die Papageiin und der Affe ihr gesagt hatten. Zum einen freute sie sich über das Wissen, das sie gewonnen hatte, andererseits war sie betrübt, weil Modestas Methode den Genuss des täglichen Essens opferte, während Michails Methode ihr unbeschreibliche Müdigkeit und Schwindel verursachte.

Und warum, fragte sie sich, konnte sie nicht so, wie sie war, geliebt werden? Warum war es von Bedeutung, dass sie vor jedem Sprung einen Buckel machte? Dass sie ein bisschen zuviel Bauch mit sich herumtrug? Oder dass ihre Augen rot und hervorquellend waren wie kleine Tomaten? Unterschied sie sich denn nicht genügend von den anderen Tieren des Parks dank dieser ihrer Eigenheiten, so dass sie der Aufmerksamkeit der Menschen wert war?

Während sie diese Überlegungen anstellte, begann Rina vor Freude zu hüpfen, weil sie sich das erste Mal glücklich fühlte, dass sie als Fröschin geboren worden war. Doch plötzlich verdarb ihr ein neuer Gedanke die gute Laune.

Schön und gut ihre Andersartigkeit, aber wie sollten die morgendlichen Parkbesucher diese entdecken, solange sie weiterhin den ganzen Tag schlief und nur in der Nacht unterwegs war?

Auf der Suche nach einer Antwort wanderte Rina lange mürrisch und mit gesenktem Kopf umher, bis der Pfad, den sie eingeschlagen hatte, sie ans Ufer des Amazonas-Stromes führte, vor einige riesige Bootsstege, die sie zum ersten Mal in ihrem Leben zu Augen bekam.

„Na bitte! Ich hab´s!“, rief sie aus. „Ich werde hier, wo ihre Schiffe anlegen, warten, bis die Sonne wieder aufgeht. So müssen die Leute, die uns morgen besuchen kommen, über mich stolpern, selbst wenn ich einschlafe!“

Und mit diesem Gedanken verbrachte sie geduldig die Nacht, bis ihr kurz vor Sonnenaufgang die Lider schwer wurden und sie in den süßesten Schlaf ihres Lebens sank.

ein Flussdampfer wie ein riesiges Glühwürmchen

Als sie bei der Abenddämmerung des nächsten Tages wieder erwachte, erblickte Rina statt einer Menge neugieriger Besucher leider ein weiteres Mal nur Modesta und Michail.

„Wo sind die Leute?“, schrie sie sie an, sobald sie erkannte, dass sie weit vom Flussufer entfernt aufgewacht war. „Und was mache ich hier?“

„Wir haben dich hergebracht“, sagte der Affe, fröhlich mit seinem Schwanz spielend.

„Und warum habt ihr das getan? Habt ihr mich denn gefragt? Oder habt ihr vielleicht gefürchtet, dass die Parkbesucher alle ihre Filme auf mich verwenden würden und kein einziges Bild für euch übrig bliebe?“

„Aber wenn wir dich von dort, wo du geschlafen hast, nicht weggeholt hätten, wären die ersten Touristen beim Aussteigen auf dich getreten“, erklärte Michail.

„Wie auf einen grüngelben Fußabstreifer mit zwei knallroten Flecken!“, ergänzte Modesta.

„Ihr wollt mir jetzt also erklären, dass ich nicht einmal zu einem Fußabstreifer tauge...“ Die Augen der Fröschin füllten sich mit Tränen.

„He, was stellst du dich so an?“, wunderte sich die Papageiin. „Hast du noch nie gehört, dass auch ein blinder Hund ein Korn findet?“

„Huhn, Modesta“ verbesserte sie der Affe sofort und zwinkerte Rina zu, als wollte er ihr sagen, dass solche Fehler auch bei den besten Imitatoren zu erwarten seien.

„Hund hier, Huhn da, wenn es blind ist, ist das doch egal...“, sagte Modesta, breitete ihre prächtigen Flügel aus und flog weg.

Und wo soll ich dieses Korn mitten in der Nacht finden, fragte sich Rina etwas später, als sie wieder einsam und verlassen war. Wie mir scheint, ist es mein Schicksal, im Wald herumzulaufen, wenn die Menschen nicht da sind.

„Menschen, Menschen, seid ihr da?“, rief sie verzweifelt so laut sie konnte. „Na bitte“, sagte sie dann, nachdem sie keine Antwort bekommen hatte. „Ich habe weder eine Stimme noch ein Publikum. Da ist nichts zu machen. Ich bin ein hoffnungsloser Fall!“

So vergingen einige Tage damit, dass die Fröschin morgens in Tiefschlaf fiel und von Abend zu Abend immer unglücklicher aufwachte. Und selbst dann hatte sie jedoch nicht den Mut, im Naturpark herumzulaufen, sondern blieb reglos unter breiten Blättern sitzen, die wie ein Umhang ihren Buckel bedeckten, während sie ihre knallroten Augen trotzig geschlossen hielt, als ob sie dadurch irgendwie schöner würde.

Bis sie eines Abends mit Vollmond, der die Nacht zum Tag machte, die Papageiin und den Affen wieder nach ihr rufen hörte.

„Was wollt denn ihr schon wieder?“, seufzte die Fröschin. „Mir sagen, dass euch die Menschen angeboten haben, euch mit sich zu nehmen? Oder dass sie versprochen haben, euch zu adoptieren?“

„Ach, noch nicht“, seufzte nun wiederum Modesta, die im weißen, fahlen Mondlicht verblasst und statt rot nun rosa war. „Dein Wort in Lottes Ohr.“

„Gottes Ohr, Modesta! Gottes Ohr“, korrigierte sie Michail und erklärte Rina flüsternd, dass die Papageiin nicht die größte Attraktion des Naturparks geworden wäre, wenn sie nicht ständig Fehler bei den Sprichwörtern machen würde, die ihre Verehrer sie gelehrt hatten.

„Übrigens, Rina, du wirst es nicht glauben!“, brüllte der Affe dann und hüpfte vor Freude so hoch, dass er beinahe den Mond berührte. „Du wirst es nicht glauben, aber heute Abend ist der zentrale Bootssteg nicht leer. Das Schiff, das heute morgen dort angelegt hat, ist noch nicht abgefahren. Und was das Beste ist, Rina? Es ist voller Leute, hörst du? Es ist zum Bersten voll mit Besuchern, sag ich dir! Das ist also deine Chance. Schau nur dazu, dass du sie nicht versäumst.“

Ob das wohl stimmte, fragte sich insgeheim die Fröschin, sobald sie gemeinsam mit ihren beiden nicht zusammenpassenden Gefährten den zentralen Schiffsanlegeplatz des Naturparks erreichte und einen großen, beleuchteten Flussdampfer erblickte, der in der Nacht wie ein riesiges Glühwürmchen aussah.

„Wau...“, war sie nur zu stammeln imstande, sprachlos vor Ergriffenheit, während sie sich nicht an den drei Decks, den zwei hohen Schornsteinen, den zahllosen Bullaugen und dem riesigen seitlichen Schaufelrad satt sehen konnte.

„He, wir werden die ganze Nacht kein Auge zumachen!“, rief Modesta, die von diesem Anblick genauso beeindruckt war. „Worauf wartet ihr noch? Gehen wir!“, kreischte sie, breitete ihre Flügel aus und flog, ohne weiter nachzudenken, auf den linken Schornstein des Schiffes zu.

„Komm!“, schlug Michail Rina vor. „Spring auf meinen Rücken und ich bringe dich sicher da hinauf. Halt dich bloß gut fest“, warnte er sie, sobald sie auf seine linke Schulter geklettert war. „Und werd mir ja nicht schwindlig: Schließ kurz deine süßen Kulleraugen und stell dir dich von Menschen umgeben vor!“

der Kaviar des Lebens

„Und jetzt“, sagte Michail zur Fröschin, „kannst du die Augen wieder aufmachen, wir sind an Bord.“

„He!“, kreischte Modesta. „Aufmachen, hat er gesagt, nicht sie aufblasen wie zwei rote Ballone! Du wirst ausflippen vor Freude. Und dabei ist das noch gar nichts. Warte erst ab, bis du deinen ersten Menschen siehst!“

Obwohl sie schon wieder beleidigt worden war, verspürte Rina doch nicht die geringste Lust, auf die Papageiin eingeschnappt zu sein. Allein ihre Anwesenheit auf dem obersten Deck dieses glanzvollen Flussdampfers war Balsam für ihre Seele. Und zwar so sehr, dass sie sprachlos war.

„Wo...Wo...Wo?“, schaffte sie schließlich zu stammeln.

„Wo das Essen ist?“, ergänzte eine Stimme hinter ihr.

Als sie sich umdrehten, sahen sich die drei Tiere von Angesicht zu Angesicht mit einer Gruppe äußerst fetter Ratten, deren Mundgeruch erst kürzlich verdautes Essen verriet.

„Pech gehabt!“, rief die erste.

„Fehlanzeige!“, sagte die zweite.

„Ihr habt ja keine Ahnung, wo ihr da eingeschifft habt!“, sagte die dritte.

„Nicht einmal die Elend ist damit zu vergleichen“, sagte die vierte. „Ein Schiff, das sogar die Frachträume mit Passagieren vollstopfte, statt sie mit Verpflegung zu füllen. Habt ihr vielleicht davon gehört?“

„Nicht einmal die Hunger kann es damit aufnehmen, das einzige Schiff der Welt ohne Frachträume!“, sagte die fünfte, sich ihren Schnurrbart putzend.

„Das Letzte, wie gesagt“, fügte die sechste in der Reihe hinzu und zeigte ihre kaputten Zähne. „Wisst ihr, wie die verfault sind? Aus Futtermangel.“

„Was gibt es also zu sagen...“, ergänzte die siebte Ratte, die nur mit Mühe ihren aufgeblähten Bauch über den Boden schleifte. „Lasst euch nicht von der Größe des Schiffes täuschen. Noch von den blendenden Lichtern. Nichts als schöne Fassade. Für die Augen der Menschen. Ein bisschen weiter unter Deck ist das Leben ein Trübsal. Die haben riesige Schlösser vor ihren Lagerräumen, die nicht mal mit den modernsten Dietrichen zu knacken sind. Und was von den Mahlzeiten übrig bleibt, werfen sie für die Fische in den Fluss. Als ob die Hunger leiden würden, die Vielfräße!“

„He, ihr, was macht ihr hier oben? Husch, zurück in die Lagerräume!“, ließ sich plötzlich eine neue Stimme vernehmen, die die Ratten in die Flucht schlug.

Noch verwirrt von den Worten der Nager drehten sich Michail, Modesta und Rina zum zweiten Mal um, konnten aber dieses Mal niemanden zwischen den leeren Stühlen und Tischen des Decks sehen.

„Hier!“, hörten sie es wieder, diesmal näher. „Hier, sag ich, auf dem ersten Stuhl! Seht mal genauer hin...“

„Ah!“, riefen die drei aus, als sie ein unbekanntes Tier entdeckten, das wie eine Kreuzung zwischen Eidechse und Drachen aussah und genau die gleiche Farbe wie der Stuhl hatte.

„Ihr habt mich gesehen? Bravo. Und jetzt? Wo bin ich jetzt?“, fragte es sie, sprang vom Stuhl und verschwand wie durch Zauberhand vor ihren Augen.

„Äh...“

„Hier, werte Trüffel! Hier vor euch bin ich. Auf dem Deck!“, fuhr das seltsame Tier fort und präsentierte seine neue Farbe, die die gleiche wie die des hölzernen Decks war.

„Wer bist denn du?“, fragte Michail.

„Ich heiße Cosanova, und ich bin der Kaviar des Lebens!“

„Du bist was?“

„Der Kaviar des Lebens natürlich!“

„Sieh mal einer an, wie-heißt-du?“, fuhr Modesta dazwischen. „Wenn du nicht in unserer Sprache sprichst, werden wir uns wohl nicht verständigen können. Was ist das, Kaviar? Willst du uns das bitte mal erklären?“

„Das ist das teuerste Essen der Welt. Zusammen mit Trüffeln, einigen seltenen Muscheln, Austern, und so weiter und so fort...“

„Und was, bitte schön, macht dich so einzigartig?“, wollte Modesta wissen.

„Meine unerschöpflichen Verwandlungen! Wir ihr gesehen habt, kann ich ganz nach Lust und Laune die Farbe wechseln. Genauso wie die Menschen ihre Kleidung also.“

„Du bist also auch ein Imitator!“, rief Rina begeistert. „Aber warum ist keine Menschenseele an Bord zu sehen? Michail und Modesta haben mir versprochen, mich mit den Menschen bekannt zu machen. Sie haben mir ihr Wort gegeben, dass auch ich mich wie ein wirklicher Star fühlen werde - und sei es nur für einen Abend!“

„Star hast du gesagt? Hier, bitte, ein Star! Erster Klasse.“ Cosanova zeigte sofort auf sich selbst. „Ich bin der Kaviar der Stars! Seht nur her...“, forderte er sie auf, ihm bis zum nächstgelegenen Rettungsboot zu folgen, auf dem in Großbuchstaben der Name des Schiffes geschrieben stand. „Was steht hier? Könnt ihr lesen? Nein? Macht nichts. Ich werden es euch buchstabieren: C-o-s-a-n-o-v-a! Seht ihr? Nach mir ist das Schiff benannt! Wer weiß, bald könnte sogar dieser Fluss einen anderen Namen bekommen und mir zu Ehren Cosanova heißen. Das hört sich gut an, nicht? Der Cosanova-Strom... fließt durch den tropischen Cosanova- Dschungel... um ins Cosanova-Delta zu münden... Worauf wartet ihr also? Bewundert mich, bevor die Stunde meines endgültigen Ruhmes gekommen ist!“

„Schön für dich, aber was wird aus mir?“, fragte Rina gespannt, die nicht bis zum Morgenrot auf dem leeren Deck warten wollte, ohne wenigstens einen Menschen getroffen zu haben. „Ist es nicht an der Zeit, dass auch ich ein bisschen etwas von dieser wundervollen Welt kennen lerne?“

„Welt nennst du das?“, fragte Cosanova sie und starrte die Fröschin mit seinen noch runderen Augen als den ihren an.

„Und wie soll ich sie nennen?“

„Warum nennst du sie nicht Pizza?“

„Pizza?“

„Oder noch gewöhnlicher als Pizza.“

„Noch gewöhnlicher als Pizza?“, fragte die Fröschin nochmals, ohne zu fragen zu wagen, was diese von Cosanova erwähnte Pizza war und warum sie so gewöhnlich war.

„Nenn sie besser... Spaghetti!“

„Spaghetti, äh?“

„Und zwar ohne Sauce!“

„Und zwar ohne Sauce...“, wiederholte Rina beeindruckt, aber auch verwirrt von den Kenntnissen ihres eigenartigen Gastgebers.

In diesem Augenblick begann ein Orchester in einem der unteren Salons des Schiffes Samba zu spielen und lenkte die Aufmerksamkeit aller auf den Rhythmus der Musik. Die Noten, leicht und beschwingt, schwebten in die Nacht wie unzählige Schmetterlinge und rührten mit ihrer Schönheit Michail, Rina und Modesta.

„Ich weiß, was ihr denkt“, sagte Cosanova sofort. „Ihr hört die Musik, stellt euch ein Orchester vor, wie es in der Ecke eines großen Salons spielt, die Menge, wie sie tanzt, und sagt euch: Ist es möglich, dass es etwas Beeindruckenderes gibt als diese Welt hier? Stimmt´s? Nun, das gibt es aber! All diese Lichter, die Musik, das Tanzen, das Gelächter und die Stimmen sind nichts, aber auch gar nichts, im Vergleich zu -“

„Was?“, fragten die drei gleichzeitig.

„Na, na, na, na, na!“ Cosanova tat so, als würde er sich von ihnen entfernen. „Ihr lasst euch noch von all dem beeindrucken. Verzeihung, meine unreifen Auberginen. Es war ein Fehler von mir, dass ich überhaupt den Mund aufgemacht habe. Aber wisst ihr, so bin ich nun mal. Freigiebig mit Worten. Großzügig mit Geplauder. Aber nur bis hierher. Jedes Rezept hat auch seine Geheimnisse...“

„Jetzt hör mal zu, Kaviar!“, protestierte Modesta. „Wenn es etwas Besseres gibt als all das, etwas Bedeutenderes, Selteneres und Einzigartigeres als den Naturpark und die Touristen, die uns täglich besuchen, dann verlange ich, es sofort zu erfahren!“

„Es gibt etwas, was ihr euch nicht einmal träumen lassen könnt, wenn ihr es nicht zuerst erlebt habt“, sagte Cosanova da und kletterte auf einen hohen Tisch, so dass er sich vor dem Hintergrund des Himmels mit seinen Millionen Sternen in eine strahlende Galaxie verwandelte.

„Es gibt Rio! Der Kaviar der Vergnügungen und Ausgelassenheit!“

„Nämlich?“, fragten Michail, Rina und Modesta.

„Nämlich den berühmtesten, blendendsten Karneval der Welt! Ich spreche von einer ganzen Stadt, die an dem rauschendsten Fest teilnimmt, das ihr euch vorstellen könnt! Ich spreche von Rio, wo die Menschen in dem Moment, wo der eine Karneval zu Ende ist, mit den Vorbereitungen für den nächsten beginnen! Dort, wo jeder seinen Traum lebt! Das gibt es da draußen“, sagte Cosanova, wobei er mit dem Schwanz auf einen unbestimmten Punkt am dunklen Horizont zeigte.

Denk nur an die Kostüme! Die müssen alle der letzte Schrei der Mode sein, dachte Modesta sofort.

Denk nur an die Tänze! Da kann ich so viel von den besten Tänzern der Welt lernen, dachte Michail.

Ich denk mir, dass mich dort, wo auch immer das ist, nicht einmal einer bemerkt, dachte Rina melancholisch und senkte den Kopf. Da werden alle vom Tanzen so müde sein, dass sie vor Müdigkeit umfallen, sobald es dunkel wird.

„Und wie kommt man zu diesem Rio?“, fragte Michail dann. „Ist es sehr weit von hier?“

„Nicht die Entfernung zählt, sondern die Entscheidung“, sagte Cosanova ein bisschen geheimnisvoll.

„Ich habe jedenfalls nichts dagegen, mit diesem Flussdampfer wie lange auch immer zu reisen, bis wir an unser Ziel gelangen“, rief Modesta aus, die sich sicher war, dass sie das Interesse der Passagiere für die Dauer der ganzen Reise für sich allein gewinnen würde.

„Dieses Schiff fährt nicht nach Rio, mein rosiges Hummerchen. Aber ich kann dich dorthin bringen. Ich kenne den Weg gut. Es ist immer nur geradeaus. Also, was sagst du?“

„Hol die Anker ein, Kürbiskernchen meines Lebens. Das sage ich!“

„Moment mal, meine Täubchen!“, fuhr Michail wie ein Keil zwischen Modesta und Cosanova. „Und wer sagt uns, dass es Rio wirklich gibt?“

„Ich!“, sagte Cosanova.

„Und was wissen wir von dir, um dir zu vertrauen?“

„Er ist doch der Kaviar des Lebens!“, sagten Rina und Modesta gleichzeitig.

Und egal wie Cosanova dann auch jeden Festwagen, jeden Tänzer und jede Tänzerin, jeden Musiker und jedes Kostüm, von denen er schwor, dass er sie direkt an ihm vorbeiziehen gesehen hatte, bis in Kleinste beschrieb - wobei er sogar seine Farbe je nach seinen Beschreibungen wechselte - egal, wie er ihnen auch versprach, dass Rio ein Regenbogen aus Farben sei, ein nicht endender Fluss von Glücksgefühlen, ein ununterbrochener rhythmischer Herzschlag, je mehr Michail über Rio hörte, desto weniger begeisterte er sich für die Idee, den Naturpark zu verlassen.

Und er wäre auch bis zum Schluss unnachgiebig gewesen, wenn er nicht irgendwann bemerkt hätte, dass aus den knallroten Glupschaugen Rinas dicke Tränen rollten, sowie die Fröschin eines hörte: Die Leute auf dem Karneval von Rio tanzten, sangen und vergnügten sich ausgelassen sogar bis in die Nacht hinein.

die Ungeheuer

„Du kannst noch immer deine Meinung ändern“, flüsterte Michail Modesta am nächsten Tag leise zu, als sie kurz still vor dem Zaun standen, der den Naturpark vom Amazonas-Dschungel trennte. „Du weißt schon, damit wir umkehren und zurückgehen. Es ist noch nicht zu spät. Außerdem haben wir beide Rio nicht nötig. Du hast im Park deine eigenen Verehrer, die dir den ganzen Tag unerbittlich folgen. Und ich brauche niemanden. Deshalb, Modesta, sage ich dir, du kannst jetzt noch deine Meinung ändern. Und mir helfen, Rina zur Vernunft zu bringen.“

„Kommt nicht in Frage. Wo wir schon so weit gekommen sind?“, wunderte sich Modesta und schätzte mit Blicken ab, wie hoch sie fliegen musste, um über das erste echte Hindernis zu gelangen, das sich ihnen an diesem Tag in den Weg stellte.

„Aber wir sind doch noch nicht irgendwohin gekommen“, bemerkte der Affe. „Es geht erst jetzt los!“

„Schon gut“, kreischte die Papageiin fröhlich, breitete ihre herrlichen Flügel aus und schwang sich mit der ihr eigenen Anmut über den Zaun.

„Also, worauf wartest du noch?“ Cosanova kam, stieß Michail an und bedeutete ihm gestikulierend, endlich über den Maschendrahtzaun zu klettern. „Sag mir nur, wo ich mich festhalten soll...“

Wo bin ich da nur hineingeraten, dachte Michail für einen Augenblick. Nicht genug, dass ich für Rina das Tragetier mache, die seit dem Moment, wo wir losgegangen sind, ununterbrochen auf meiner linken Schulter schläft. Jetzt werde ich mir noch einen zweiten Passagier auf den Rücken laden. Macht aber nichts. Auch das ist Training. Gymnastik, damit meine Muskeln kräftiger werden. Damit ich, wenn wir glücklich an unserem Ziel angelangt sind, Unterricht bei den besten Tanzlehrern des Karnevals nehmen kann.

So nahm Michail also Cosanova auf den Rücken und begann, auf den Zaun zu klettern. In der Hälfte des Aufstiegs jedoch packte ihn Cosanova völlig unerwartet am Hals und flehte ihn an, keine Handbreit mehr weiter zu klettern.

„Was ist denn los mit dir?“, fragte der Affe überrascht. „Wovor hast du denn Angst? Selbst wenn wir fallen, was wir aber nicht tun werden, was wird uns schon passieren? Wir werden aufstehen und wieder hinaufklettern. So ein kleines Hindernis kann uns doch nicht aufhalten. Ich bin auf Bäume geklettert, die waren so hoch wie zweiundzwanzig Zäune. Und nimm...“

„Verstehst du denn nicht! Ich bin nicht wie du. Ich habe Höhenangst!“, erklärte Cosanova, der inzwischen wegen ihres engen Körperkontakts die Farbe des Affen angenommen hatte. „Dreh um, hörst du! Wohin gehst du?“

„Nach Rio natürlich“, brüllte ihn Michail an, der schon ganz oben auf dem Zaun angekommen war.

„Welches Rio?“, schrie Cosanova da, zitternd wie Espenlaub. „Lass Rio bleiben und gehen wir zurück zum Schiff!“

„Wie bitte?“

„Hör auf zu fragen und mach einfach kehrt!“

Irgendetwas stimmt da nicht, überlegte Michail. Und um Cosanova zu erschrecken und dazu zu zwingen, ihm das zu erklären, begann er, sein Gewicht abwechselnd nach vorne und nach hinten zu verlagern, als sei er im Begriff, das Gleichgewicht zu verlieren und vom Zaun zu fallen.

„Hast du denn gar kein Mitleid mit mir?“, flehte Cosanova ihn an und biss sich vor Angst in die Zunge. „Lass mich hinunter, hörst du, und dann sage ich dir...“

„Nein, sag es mir jetzt! Gibt es Rio oder nicht?“

„Ja...“, antwortete jener zögernd.

„Bist du sicher?“

„Nein...“

„Ah, was du nicht sagst, Cosanova! Und was soll das heißen?“

„Ich kann es aber nicht anders sagen!“

„Dann kann ich dich auch nicht hinunterbringen“, sagte Michail, packte ihn am Schwanz, drehte ihn um und schwenkte ihn über dem Abgrund hin und her, als würde er einen Sack ausschütteln.

Sogar nun war Cosanova aber nicht konsequent bei seinen Antworten. Das eine Mal gab er sein Wort, dass es Rio gab, und gleich beim nächsten Mal nahm er es zurück. Das ging eine ganze Weile so, bis es Michail nicht mehr aushielt und Cosanovas Baumeln ein Ende machte. Dann änderte er seine Taktik, und, um es mit Schmeicheln zu versuchen, schwang er sich schnell auf die andere Seite des Zaunes und begann den Abstieg zum Boden.

„Also was ist, hast du nicht von Rio gesprochen, als ob du selbst dort gewesen wärst?“, fragte er ihn so ruhig er konnte. „Was ist aus dem berühmten Regenbogen geworden? Dem Fluss der Glücksgefühle? Dem rhythmischen Herzschlag?“

„Äh, also...“, Cosanova schluckte, als ränge er innerlich mit der Kraft, die ihn zum Reden drängte, und der Kraft, die ihn zum Schweigen brachte. „Beides stimmt...“

„Und wie ist das möglich?“

Statt jedoch eine direkte Antwort zu geben, sprang Cosanova vom Rücken des Affen und schlug heftig auf dem Boden auf, doch zum Glück ohne dass ihm etwas passierte. Dann ergriff er die Flucht, wobei seine lange Zunge im Wind wehte wie eine Fahne, bis er hörte, wie Michail ihm versprach, dass er ihm keine weiteren Fragen mehr stellen und ihn in Ruhe lassen würde.

„Sicher?“, fragte Cosanova.

„Du hast mein Ehrenwort“, antwortete Michail. „Und ich halte mein Wort immer.“

Nach dieser Abmachung setzten die Tiere ohne Lust auf viele Worte ihren Weg durch den Dschungel fort. Und als es Nacht wurde, kamen sie überein, sich alle zusammen auf einer kleinen Lichtung schlafen zu legen, da Cosanova sich wegen seiner Höhenangst weigerte, sich oben auf einem Baum hinzulegen, wo es bestimmt sicherer gewesen wäre.

„Aber ja, ihr könnt ruhig schlafen!“, versicherte ihnen Rina, die inzwischen aufgewacht war. Ich werde Nachtwache halten, bis die Sonne wieder aufgeht.“

„Sicher?“, fragten sie die anderen.

„Keine Frage.“

„Wir können dir also vertrauen, dass du nicht davonläufst, sobald du auch nur das leiseste Geräusch hörst?“, beharrte Modesta.

„Wo denkst du hin!“

„Und dass du, sobald du die erste verdächtige Bewegung siehst, uns alle sofort aufweckst?“, ergänzte Michail.

„Ich werde die Augen offen halten!“

„Auf dein Wort?“

„Auf mein Wort!“, sagte Rina von Herzen.

Trotzdem schaffte es Rina nicht, lange an der Seite ihrer Gefährten zu bleiben. Ganz versunken in den Gedanken an Rio ließ sie sie den Schlaf der Gerechten schlafen und begann, Kreise um die Lichtung zu ziehen, als ob sie von einem übermächtigen Magneten angezogen würde. Lange Zeit durchwanderte sie so den stillen Dschungel, bis sie sich so weit entfernt hatte, dass sie das Schnarchen der anderen nicht mehr hörte.

„Was ist denn das für eine Stille?“, wunderte sie sich irgendwann verzagt. Wenn wir uns auf dem richtigen Weg befinden, warum ist dann keine einzige Note oder Liedzeile vom Karneval zu hören? Feiern die Menschen in Rio etwa doch nicht nachts? Oder schlimmer noch, haben – haben wir uns gar verirrt?“, fragte sie sich mit einem Zittern in der Stimme.

„Und wenn wir uns nicht verlaufen haben, warum gibt es dann keinen einzigen Weg an diesem Ort?“, schimpfte sie später, als sie bei dem Versuch, über einen umgefallenen Baumstamm zu springen, eine so kräftige Ohrfeige von einer riesigen Pflanze mit länglichen Blättern wie Baseballschlägern bekam, so dass nur wenig fehlte, und sie wäre tot umgefallen. „Ein ganzes Rio und es gibt keinen noch so kleinen ordentlichen Weg? Ist das denn die Möglichkeit?“

Dann senkte sie den Kopf und schlug den Heimweg ein, mit der blinden Wut eines Stieres, der nur mehr rot sieht. In der Eile stolperte sie aber neuerlich und empfing von einer Pflanze mit blauen Blüten in der Form von Boxhandschuhen einen zweiten Schlag genau auf das rechte Auge.

In diesem üblen Zustand, das Gesicht geschwollen von den Schlägen und das Herz gebrochen von den Enttäuschungen, kehrte sie endlich zu dem Ort zurück, wo sie Michail, Modesta und Cosanova schlafend zurückgelassen hatte. Nur, dass dort eine weitere böse Überraschung auf sie wartete.

„Himmel!“, schluckte sie, einsam und allein auf der verlassenen Lichtung stehend. „Wo können die denn bloß alle hingekommen sein?“, fragte sie sich, als sie mit Hilfe ihres heilen linken Auges an der Stelle, wo ihre Freunde sich schlafen gelegt hatten, gerade nur drei kleine Hügelchen ausmachte, eines neben dem anderen. „Das kann nicht sein! Sie würden nicht einfach so weggehen, ohne mich zu suchen, wenn... sie nicht irgendetwas erschreckt hat...etwas Furchtbares...etwas...etwas...was ich mir nicht einmal vorstellen will!“

Erschrocken kletterte sie auf das höchste der drei Hügelchen und fing an, um Hilfe zu rufen und dabei in die Luft zu springen, jedes Mal ein bisschen höher. Und sie hätte nicht aufgehört, den Dschungel mit ihrem Gekreisch aufzuscheuchen, wenn sie nicht plötzlich die weiche Erde unter ihren Füssen wegrutschen gespürt hätte, so dass sie der Länge nach hinfiel.

Ihre Verwirrung wurde noch größer, als aus den Erdbrocken neben ihr Michail auftauchte, offensichtlich schlaftrunken und den Körper voller roter Male.

Der Affe gab ihr ein Zeichen, dass er noch nicht sprechen konnte, atmete mehrmals tief durch, und als er ganz zu sich kam, begann er, sich wie verrückt am ganzen Körper zu kratzen.

„Darf ich fragen, was passiert ist?“, sagte Rina zögernd.

„Später“, brüllte Michail und schüttelte auch die letzten Reste Erde von sich ab. „Zuerst müssen wir die anderen ausgraben. Sonst zerstückeln die sie noch!“

„Die... die... die... Ungeheuer?“ fragte die Fröschin erschrocken und sah im Geiste die größten fleischfressenden Raubtiere des Dschungels vor sich.

„Die blutrünstigen Ameisen, die uns angegriffen haben, Rina! Die, die du offensichtlich nicht bemerkt hast. Scheint, als ob sie unter deiner Nase vorbeigelaufen wären. Also lass das Gerede und fang an zu graben!“

„Sofort...“, antwortete die Fröschin voller Schuldgefühle. „Aber ich weiß nicht, wie lange ich durchhalten werde. Schau mal, ich hab heute Nacht den halben Dschungel durchstreift. Abgesehen davon, dass ich die Prügel meines Lebens eingesteckt habe...“

„Vielleicht zu Recht. Mach dir jedenfalls keine Sorgen. Du kannst eine ganze Woche lang auf meinem Rücken schlafen. Aber nicht, bevor du Cosanova ausgegraben hast“, warnte sie Michail, während er mit allen Vieren die Erde, die Modesta bedeckte, wegbaggerte.

Während ihnen der Schweiß in Strömen herunterlief, gelang es Rina und Michail schließlich, die beiden anderen lebendig aus ihren Gräbern zu ziehen und sie irgendwie von der gefährlichen Lichtung zu entfernen. Und nachdem sie ihnen geholfen hatten, wieder zu sich zu kommen, stiegen sie alle zusammen auf den niedrigsten Ast, den sie finden konnten (damit Cosanova kein neuerliches Schwindelgefühl überkam), gerade so hoch, dass ihre Füße den Boden nicht berührten, und dort blieben sie, bis sie wieder Mut gefasst hatten.

„Das, was ich einfach nicht glauben kann“, sagte Rina irgendwann, „ist, dass diese Ameisen ganze Baue um euch herum errichtet haben...“

„Nun, das finde ich gar nicht so unglaublich“, antwortete der Affe, der seinen Körper von den letzten lästigen Insekten säuberte. „Nachdem wir nicht in ihre unterirdischen Gänge passten, war es logisch, dass sie einen Stollen in unserer Größe gebaut haben. Ich will dir aber sagen, was ich nicht verstehe“, sagte er und wandte sich dabei an Cosanova. „Wie ist es möglich, dass Modesta und ich völlig zerstochen sind und du keinen einzigen Stich abbekommen hast?“

wem willst du von nun an ähneln?

„Das ist doch ganz einfach“, antwortete Cosanova Michail. „Die Ameisen haben mich nicht gestochen, weil ich ein Chamäleon bin.“

„Ein Chamäleon!“, wiederholte Modesta affektiert, ohne eine Ahnung zu haben, was Cosanova damit meinte. „Das heißt, sozusagen...?“

„Dass mein Geheimnis, das aber kein Geheimnis ist für die, die auch nur das Allergeringste über Chamäleons wissen, in meinen Verwandlungen liegt. Ihr werdet euch ja erinnern, mit welcher Leichtigkeit ich mich an jenem Abend, als wir uns auf dem Schiff kennen lernten, tarnte. Na, das gleiche habe ich bei den Ameisen gemacht. Sobald sie auf mich zukamen, nahm ich ihre Züge an, und so hielten sie mich für einen...sehr groß gebauten Verwandten von ihnen.“

„Toll!“, kreischte die Papageiin. „Los! Sag, wann wir mit dem Unterricht anfangen! Keine Widerrede. Ich will mich unbedingt in die Karnevalskönigin verwandeln, sobald wir in Rio ankommen.“

„Ich auch! Ich auch!“, sagte Rina, die daneben saß.

„Was du nicht sagst!“, fuhr Modesta sie an. „Auf einem Karneval ist nicht Platz für zwei Königinnen. So wie ein Diener nicht zwei Herden dienen kann.“

„Herren!“ korrigierte Michail sie.

„Für zwei Königinnen ist jedenfalls sicher nicht Platz“, beharrte sie.

„Schön, lasst uns zuerst nach Rio kommen und dann sehen wir weiter“, sagte Michail wieder, dessen Vertrauen in Cosanova durch den Zwischenfall auf dem Zaun erschüttert war.

„Genau“, sagte auch das Chamäleon und sprang vom Ast auf den Boden, als ob es der Diskussion ein endgültiges Ende setzen wollte. „Lasst uns zuerst nach Rio kommen und dann sehen wir weiter...“

Aber Modesta hatte nicht die nötige Geduld so lange zu warten. So begann sie schon am nächsten Tag, nachdem sie ihre zerknitterten Flügel gesäubert und geglättet hatte, um den Kopf des Chamäleons zu flattern, und verlangte, alle seine Geheimnisse zu erfahren.

„Jetzt reicht´s, Modesta!“, sagte dieses irgendwann, nachdem sie es völlig schwindlig gemacht hatte. „Was glaubst du denn? Dass ich über meine ständigen Veränderungen glücklich bin?“

„Sicher“, antwortete sie ihm mit Gewissheit.

„Na, da irrst du dich aber gewaltig. Denn wenn jemand so sehr den anderen ähnelt, bedeutet das, dass er keine eigene Persönlichkeit besitzt. Und dass das, was er will, nichts ist als das, was die anderen wollen!“

„Komm schon, mein Kürbiskernchen“, lächelte Modesta ihn geziert an, „glaubst du nicht, dass du da ein bisschen übertreibst?“

„Überhaupt nicht!“, schrie Cosanova sie an, wodurch er einen Schwarm Vögel erschreckte, der sich auf die Äste eines nahe stehenden Baumes gehockt hatte.

„Warum, meinst du wohl, habe ich euch am Abend unserer ersten Bekanntschaft von Rio erzählt? Denn so wie ihr die Menschen beeindrucken wolltet, so wollte auch ich euch beeindrucken! Mit anderen Worten: Ich habe euch nachgemacht!“

„Und das hast du geschafft. Bravo. Was ist denn so schlimm daran?“

„Schlimm, Modesta, daran ist, dass ich nicht weiß, in welcher Richtung Rio liegt!“

„Aber - aber wie konntest du uns das antun?“, fragte Michail und hielt mit Mühe Modesta zurück, sich auf Cosanova zu stürzen, um mit ihrem krummen Schnabel auf ihn einzuhacken.

„Warum? Hätte ich etwas anderes tun können? Meine Gabe ist auch meine Strafe. Leider verwandle ich mich nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Deshalb, Michail, wäre ich auch beinahe ehrlich und aufrichtig geworden wie du, als wir zusammen über den Zaun geklettert sind. Erinnerst du dich daran?“

„Dann habe ich dich also zu Recht verdächtigt!“

„Genau. Deshalb habe ich auch versucht, dir fern zu bleiben. Um nicht alles zu verraten...“

„Schande!“, rief Modesta da. „Schäm dich! Dir gebührt... was weiß ich was!“, sagte sie und flog schnell auf den Wipfel des Baumes, den die anderen Vögel verlassen hatten, um besser darüber nachdenken zu können, welche Strafe Cosanova gebührte.

„Und jetzt?“, fragte das Chamäleon mit eingezogenem Schwanz.

„Was weiß ich...“, murmelte Michail. „Lass mal Rina aufwachen und dann sehen wir weiter.“

So vergingen die Stunden und es wurde wieder Abend. Und als die kleine Fröschin aufwachte, übernahm es der Affe schweren Herzens, sie über die neuesten Entwicklungen zu informieren.

„Was soll das heißen? Haben wir uns verlaufen?“, stammelte diese, sobald sie die Einzelheiten erfahren hatte.

„Wir haben uns nicht nur verlaufen, sondern auch alles verloren!“, kreischte Modesta vom Wipfel ihres Baumes. „Die Bands! Die Festwagen! Die Kostüme! Die Lichter! Die Leute! Alles, hörst du? Alles!“

„Es sei denn, wir machen uns nach New York auf“, sagte Cosanova, der sich hinter einem Baumstamm versteckt hatte und nicht leicht seine Gewohnheiten ändern konnte. „Die Stadt, die niemals schläft. Was es dort nicht alles zu sehen gibt! Ihr werdet euren Augen nicht trauen, so viele Lichter, Leute, Hochhäuser -“

„Das kannst du vergessen!“, unterbrachen ihn die anderen sofort.

„Und wohin gehen wir dann?“

„In den Naturpark!“, schlug Modesta augenblicklich vor.

„Nach Rio!“, war Rinas Gegenvorschlag.

„Moment mal“, griff Michail ein. „Weißt du vielleicht, Rina, wie wir nach Rio kommen?“

Rina musste den Kopf schütteln.

„Nein“, gab auch die Papageiin zu. „Aber ich weiß, dass wir mit unserer Feigheit am Ende sind.“

„Welcher Feigheit, Modesta?“ Michail schauderte. „Mit unserer Weisheit sind wir am Ende! Und daran seid ihr schuld, weil ihr so egoistisch seid. Ist es denn möglich, dass ihr euch selbst wichtiger nehmt als die Gruppe? Jetzt hört mal zu. Kann sein, dass ist nicht weiß, wo Rio liegt oder der Naturpark, aber ich weiß, dass wir nur gemeinsam aus diesem Dschungel hinauskommen. Lasst daher eure Streitigkeiten bleiben und denkt an das Wohl aller. Und was dich betrifft, Cosanova, musst du dir nur ernsthaft überlegen, wem du von nun an ähneln willst...“

ich möchte nicht in meiner Haut stecken

Die nächsten Tage irrten die Tiere im Dschungel umher wie Gespenster in einem fremden Haus. Welche Richtung sie auch einschlugen, immer wieder landeten sie in einer Sackgasse. Und als ob das nicht genug wäre, mussten sie auch gegen die Naturgewalten kämpfen. Starke Gewitter, die ohne Vorwarnung losbrachen, überschwemmten Flüsse, Sümpfe und den Wald und zwangen sie zu zeitaufwendigen und mühsamen Umwegen, mit dem Ergebnis, dass sie langsam aber sicher die Kräfte verließen.

Essen war freilich rund um sie reichlich vorhanden. Sie aßen aber nicht alle das gleiche. Michail und Rina, die es gewöhnt waren, sich allein ihre Nahrung zu suchen, ließen sich keine einfache Mahlzeit entgehen. Modesta und Cosanova hingegen, die gelernt hatten, aus den Händen der Menschen zu fressen, taten sich schwer, ihre Mägen zu füllen und verloren täglich an Gewicht.

Als ihre Hoffnungen und ihr Mut langsam schwanden, kamen sie irgendwann in einen Urwald, der in Feuchtigkeit und Nebel getaucht war. Ein dichter grauer Schleier hüllte alles ein, von der niedrigsten Staude bis zum höchsten Baum, und eine unwirkliche Stille schluckte jedes Geräusch, ob laut oder leise.

Mit dem Gefühl, völlig allein auf der Erde zurückgeblieben zu sein, liefen Michail, Rina, Modesta und Cosanova blindlings und schweigend weiter, unfähig sogar, die Tage von den Nächten zu unterscheiden, bis sie auf einen reißenden Nebenfluss des Amazonas stießen, den sie nicht leicht umgehen konnten.

Kann jemand von euch schwimmen?, fragte Michail mit Gesten, weil seine Stimme von der Feuchtigkeit geschluckt wurde.

Die anderen schüttelten den Kopf.

Aber ich kann hinüber fliegen, sagte Modesta, indem sie mit Mühe ihre Flügel bewegte, um im Nebel zu verschwinden, ohne sich um die anderen zu kümmern.

Und wir?, deutete Cosanova mit seinem Schwanz.

Da. Michail zeigte auf einen halbversunkenen Stamm am Ufer des Flusses zwischen ein paar riesigen, im Wasser stehenden Gewächsen.

Ausgeschlossen, wackelte das Chamäleon wieder mit seinem Schwanz und wich gleich zurück, weil es nicht schwimmen konnte.

Mit der Geduld, die Modesta vorher nicht aufgebracht hatte, ließ Michail Cosanova die Zeit, die er brauchte, um sich an die Idee zu gewöhnen, dass dies die einzige Möglichkeit war, hinüberzukommen. Und als sich das Chamäleon schließlich damit abfand, stiegen sie mit Rina zusammen auf den Baumstamm und steuerten auf das unsichtbare gegenüberliegende Ufer zu.

Es vergingen aber keine fünf Minuten, da begann der Stamm unter ihren Füßen zu schaukeln, als ob er plötzlich lebendig geworden wäre.

„Michail!“, schrie Cosanova, als die reißende Strömung des Flusses sie an den Rand des Nebels gespült hatte, dorthin, wo die Sonnenstrahlen erste Löcher in den Schleier der Natur gerissen hatten. „He, Michail, hörst du mich?“

„Was ist los?“, fragte der Affe, der nur daran dachte, dass ihm Rina, die aber ruhig auf seiner Schulter schlief, nicht hinunterfiel.

„Sag... vier...“, stammelte das Chamäleon.

„Vier!“, rief Michail unglaublich froh darüber, dass er endlich wieder die Stimme seines Freundes hörte.

„Eine...Schlan...ge...ist...hin...ter...dir...“

„Eine ...was?“ Der Affe drehte sich zum Chamäleon und erblickte überrascht den Kopf einer riesigen Schlange, der aus dem schäumenden Wasser des Flusses ragte und ihn ebenso überrascht ansah.

„Und jetzt sag mir, Michail“, sagte Cosanova zitternd vor Angst. „Was möchtest du lieber? Dass wir ins Wasser fallen und ertrinken oder dass uns die Schlange an Land bringt, um uns dort zu verschlingen?“

Da Michail nicht wusste, was er antworten sollte, weil das Ergebnis in beiden Fällen dasselbe wäre, schloss er die Augen und umklammerte den dicken Bauch des riesigen Kriechtiers so fest er konnte.

Aus Michails Reaktion folgerte Cosanova, dass der Affe es vorzog, sich im Schlund einer Schlange als auf dem Grund des Flusses zu befinden. Deshalb schloss auch er, ohne weiter nachzudenken, die Augen, krallte sich an den Hals der Schlange und machte es damit auf seine Art Michail nach.

„Vorsicht! Ihr erdrückt mich!“, protestierte da die Schlange, während aus ihrem langen Körper ein langgezogener Rülpser kam.

„Nein! Sie lügt euch an“, rief Modesta aus der Höhe und ließ einen Haufen rote Federn auf ihre Gefährten fallen. „Sie will euch als Vor-, Haupt- und Nachspeise! Sie will den Kaviar des Lebens, eine halbe Portion Froschschenkel und eine Platte Affenfleisch verzehren!“

„Hm! Was du nicht sagst“, murmelte die Schlange verstimmt und sah Modesta dabei schief an. „Eine Anakonda wird nicht von kleinen Häppchen und mickrigen Portionen satt. Ihr habt Glück, dass ich vollgefressen bin...“ Sie stockte und befreite ein zweites tiefes Rülpsen aus ihren Eingeweiden.

Und nachdem sie eilig bis ans andere Ufer geschwommen war, glitt sie hinaus, rollte sich wie eine Sprungfeder zusammen und entrollte sich dann mit solcher Kraft, dass sie Michail, Rina und Cosanova viele Meter von sich schleuderte.

„Ach, das ist kein Leben für mich“, gab Modesta gegen Ende des Tages zu, wobei sie die Federn zählte, die sie allein beim Anblick der gewaltigen Anakonda verloren hatte. „Ich habe meine Federn zum Herzeigen, nicht zum Arbeiten. Um die Blicke der Menschen auf mich zu ziehen. Seht her! Seht, in welchem Zustand sie sind!“, schrie sie, wobei sie auf ihren gerupften Körper zeigte. „Wie lange soll diese Qual noch dauern, könnt ihr mir das sagen? Ich möchte nicht in meiner Haut stecken!“

„Bravo, Modesta“, sagte Michail und sah die zerzauste Papageiin überrascht an. „Ich weiß nicht, ob du es bemerkt hast, aber zum ersten Mal hast du keinen Fehler bei einem Sprichwort gemacht.“

„Schon gut“, murmelte diese melancholisch. „Dein Trost ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“

„Zwei von zwei richtig! Gratuliere!“, sagte der Affe wieder, der alles getan hätte, um seinen Gefährten ein wenig Mut zu machen. „Wenn du so weiter machst, Modesta, kann es zwar sein, dass dir keine Feder bleibt, aber dass du dich in die weiseste Papageiin verwandelst. Und der, der dich beneiden wird, wird niemand anderer sein als Cosanova.“

in welche Netze sind wir da geraten?

Nachdem sie die Nacht in Sicherheit in einem Unterschlupf verbracht hatten, den Michail für sie gefunden hatte, standen die vier Tiere am anderen Morgen wieder bereit und brachen ins Unbekannte auf, nur mit ihrer Hoffnung als Führer.

Auf dem Weg trafen sie Kuckucke, die ihre Eier in fremde Nester legten, riesige und winzige Kolibris, denen Blütennektar vom Schnabel tropfte, und junge Libellen, die gerade geschlüpft waren und darauf warteten, dass ihre Flügel trockneten, um das erste Mal zu fliegen. Sie lernten lässige schwerfüßige und ständig verspätete Tausendfüßler kennen, gelangweilte Käfer und schamhafte Nacktschnecken, aber auch eine Familie von übertrieben sozialen Erdhörnchen, die ihnen für immer ihre Gastfreundschaft aufdrängen wollten. Wie vielen Tieren sie aber auch begegneten, sie fanden keines, das von Rio oder seinem berühmten Karneval gehört hatte.

Modesta, die inzwischen bei dem Versuch, ihren Rückweg mit roten Federn zu markieren, ihren Schwanz gerupft hatte, rebellierte deshalb gegen Michail. Sie warf ihm vor, sich im Geheimen mit Rina verbündet zu haben, und verlangte, dass sie auf der Stelle umkehrten und sofort in den Naturpark zurückkehrten. Und als dieser den Vorwurf zurückwies, erinnerte sie ihn an die zahllosen Meinungsverschiedenheiten, die sie daheim im Naturpark gehabt hatten, und sagte, dass er sich tausendmal lieber im Dschungel verliefe als einmal auf ihrer Seite zu sein.

Außer sich über diese Anschuldigungen schlug da der Affe vor, dass sich alle in einem Kreis versammeln sollten, um über ihr zukünftiges Ziel abzustimmen. Die Abstimmung sei offen und die Entscheidung der Mehrheit bindend für alle.

Zuallererst gab Modesta ihre Stimme ab, indem sie „Zurück!“ kreischte und unbestimmt in eine Himmelsrichtung zeigte. Gleich danach Rina, die „Vorwärts!“ schrie und ebenso unbestimmt in die Richtung wies, die der von Modesta angegebenen entgegengesetzt war. Bei dieser Stimmengleichheit kam dann Cosanova an die Reihe. Er, der zwischen der Papageiin und der Fröschin eingeklemmt saß, fühlte sich jedoch so sehr von beiden beeinflusst, dass er nicht wusste, wofür er stimmen sollte. Einmal sagte er „Zurück“, das andere Mal „Vorwärts“, wie eine hängen gebliebene Nadel. Bis seine Stimme im Schnellverfahren zurückgezogen wurde, da niemand das Recht hatte, zwei Mal bei derselben Wahl seine Stimme abzugeben.

Der Ausschluss des Chamäleons hatte zur Folge, dass Michail das letzte Wort hatte.

Und als er, ohne weitere Erklärungen abzugeben, für „Vorwärts“ stimmte, feierte Modesta wie eine Verrückte das gegen sie ausgefallene Ergebnis. Freilich nicht, weil sie verrückt geworden wäre. Sondern weil sie dachte, dass die Masken gefallen seien und das geheime Bündnis des Affen mit der Fröschin in seinem ganzen Ausmaß aufgedeckt sei.

Nach dieser ereignisreichen Abstimmung schlugen sich die vier Weggefährten für einige Tage weiterhin durch den Dschungel. Und ebenso wie Michail diese ganze Zeit hindurch nicht aufhörte, links und rechts nach dem Weg nach Rio zu fragen, so hörte auch Modesta nicht auf, Vorwände zu finden, um mit ihm zu streiten.

Bis sie an einem Morgen wie jedem anderen beim Durchqueren eines besonders dunklen Teils des Waldes, wo nur vereinzelte Sonnenstrahlen das dichte Laub durchdrangen, ohne es zu bemerken in eine wahrhaft unsichtbare Falle gerieten.

„Himmel! Kann mir jemand sagen, warum ich meine Flügel nicht mehr bewegen kann?“, schrie Modesta und kämpfte vergeblich darum, sich aus irgendwelchen Fesseln zu befreien, die sie nicht sah, aber von denen sie spürte, wie sie sie in der Luft fest hielten.

„Mich fragst du?“, antwortete Michail, der Gefangener der gleichen Falle war, die sich von den Wurzeln bis zu den himmelhohen Baumwipfeln spannte. „In welche Netze sind wir denn da geraten?“

„Netze?“, kreischte Modesta hoch über den Köpfen ihrer Freunde. „He, ihr da, hört mich jemand? Ich bin kein Fisch! Es kann schon sein, dass ich fern des Naturparks wie ein Fisch auf dem Trockenen bin, aber wenn ihr mich freilasst, werde ich euch beweisen dass ich keineswegs ein Fisch bin, sondern ein Vogel!“

„Und ich auch“, rief Cosanova.

„Ein Vogel?“

„Nein, aber ich kann beweisen, dass ich kein Fisch bin!“

„Aber was redet ihr da über Fische!“, brüllte der Affe, der inzwischen seine Fesseln genauer untersucht hatte. „Das sind keine Fischernetze, sondern außergewöhnlich widerstandsfähige Spinnweben!“

„Von nur einer Spinne?“, fragten alle beide und schauderten bei der Vorstellung einer riesigen Spinne, die imstande war, ihre Netze viele Duzend Meter hoch und breit zu spannen.

„Denkt euch nur ihre Kiefer!“, kreischte Modesta.

„Denkt euch nur ihren Bauch!“, schrie Cosanova.

„Denkt euch besser eine Lösung aus, statt um das Problem zu kreisen!“, schlug Michail vor.

„Ich hab´s euch ja gesagt! Hab ich euch nicht gesagt, dass wir in den Naturpark zurückkehren sollen?“, jammerte Modesta, die zusehen musste, wie sich ihre wunderschönen Federn von ihrem Körper lösten und in dem Netz kleben blieben, sowie sie einen neuerlichen Versuch machte, sich zu befreien. „Was für ein Rio und das Blaue vom Himmel? Ich hatte alles, was man sich nur wünschen kann! Verehrer hatte ich. Fotografen hatte ich. Futter so viel ich wollte, hatte ich. Und jetzt? Ich habe Hunger und ein anderer wird mich fressen...“

„Kannst du, bitte sehr, weniger laut schreien?“, flüsterte der Affe, der fürchtete, dass das Gekreische der Papageiin die Aufmerksamkeit der einen oder vielen Spinnen, die dieses riesige Netz gewebt hatten, erregen würde.

„Nein, kann ich nicht!“, fuhr diese fort. „Ich halte das nicht mehr aus! Hallo? Hört mich jemand? Falls ich jemals zurückkehren werde, werde ich mich ändern, das verspreche ich! Ich werde so wie Rina werden: Ein Fußabstreifer für die anderen! Was rede ich da? Sogar noch bescheidener als Rina. Ich werde nicht nur den Diäten abschwören, den Fotografen und meinen Verehrern. Ich werde sogar meine Flügel stutzen. Ich werde mich wirklich bis zur Unkenntlichkeit ändern, ich verspreche es! Wenn ich nur entkomme, dann kehre ich zurück!“

„Wart mal!“ Michail, der sich einen Plan ausgedacht hatte, solange Modesta ihre Selbstgespräche geführt hatte, wandte sich plötzlich an Cosanova. „Weißt du noch, was du uns unlängst erzählt hast? Dass du dazu verurteilt bist, anderen zu ähneln...“

„Ja und?“

„Und nun ist die Zeit gekommen, wo du dich in eine Spinne verwandeln musst!“

„Und warum nicht in einen Fisch?“, fragte die Papageiin sofort.

„Weil wir nicht aus Fischernetzen fliehen müssen, sondern aus Spinnweben. Klebrigen!“

„Wie sirupgetränktes Baklava!“, ergänzte Cosanova.

„Verstehst du, Modesta?“, fragte Michail etwas ratlos, da er noch nie in seinem Leben Baklava gekostet hatte.

„Schon möglich...“, murmelte jene.

„Ich habe mir also gedacht“, sprach Michail weiter zu Cosanova, „dass du wie eine Spinne die Fäden, die uns festhalten, zu einem Knäuel zusammenrollen und uns so von unseren Fesseln befreien könntest.“

„Ich habe nichts dagegen!“, antwortete das Chamäleon. „Nur gibt es da bei diesem Plan ein kleines Problem. Um mich in eine Spinne zu verwandeln und ihr Verhalten nachahmen zu können, muss ich sie zuerst sehen - “

Cosanova konnte seinen Satz fast nicht zu Ende sprechen, als aus der Dunkelheit eine winzige braune Spinne auftauchte, die kurz im Licht eines Sonnenstrahls stehen blieb wie eine Primadonna auf der Bühne.

Diese Spinne war so klein im Vergleich zu dem Spinnennetz, dass sie ihnen anfänglich ein Lächeln entlockte, statt sie zu schrecken. Sobald sie aber feststellten, dass hinter ihr ein ganzes Heer von ebensolchen Spinnen folgte, fror ihnen das Lächeln auf den Gesichtern ein. Sie erinnerten sich an ihre schlechten Erfahrungen mit den genauso winzigen, aber blutrünstigen Ameisen, und ihre Todesangst erreichte ihren Höhepunkt.

„Worauf wartest du noch?“, rief der Affe dem Chamäleon zu. „Los, verwandle dich! Und vergiss nicht, dass du auf unserer Seite bist!“

ein Flussdampfer fast so wie der von Cosanova

Dank des Chamäleons gelang es den vier Tieren, im allerletzten Moment aus der Falle der Spinnen zu entkommen. Ihre Qualen nahmen jedoch kein Ende. Erschöpft von der endlosen Reise und verängstigt durch die bösen Erlebnisse begannen sie mit der Zeit, verschiedene seltsame Symptome zu entwickeln.

Am schlimmsten von allen stand es mit Modesta. Nachdem sie zuerst ihre Schwanzfedern selbst ausgerupft und dann noch einmal so viele im klebrigen Spinnennetz gelassen hatte, fühlte sie sich hässlicher denn je. Wenn sie sich in irgendeiner Wasserlacke betrachtete, schloss sie anfangs bloß die Augen und stellte sich vor, wie sie daheim im Naturpark gewesen war. Nämlich schön, strahlend und ein Star erster Klasse. Wie aber die Tage vergingen, litt sie immer öfter an Halluzinationen, bei denen sie fantasierte, tatsächlich daheim im Naturpark zu sein, mit dem Ergebnis, dass sie stundenlang mit eingebildeten Bewunderern auf einem ebenso eingebildeten Kreuzfahrtschiff sprach.

Cosanova wiederum hatte im Schlaf immer den gleichen Albtraum: Dass sich alle Tiere, die er jemals in seinem Leben nachgeahmt hatte, rund um ihn versammelten und von ihm verlangten, dass er eine eigene, selbstständige Persönlichkeit entwickeln sollte. So verging keine Nacht, wo er nicht nach rechts und links ausschlug und erregt rief: „Setzt mich nicht unter Druck!“, „Lasst mir Zeit!“, „Ich suche meine Identität!“, „Das ist nicht so leicht!“, bis er eine Reihe nervöser Ticks bekam, die ihm auch im Wachzustand blieben.

Verglichen mit Modestas verlorener Schönheit und Cosanovas verwirrter Identität erschien Michails Verlust den anderen wirklich unbedeutend. Für einen Brüllaffen jedoch war sein Stimmverlust eine traumatische Erfahrung. Da, wo ein Flüstern von ihm einst dem Schrei eines ganzen Tierrudels gleichgekommen war, hörten sich die Töne, die er nun von sich gab, nicht lauter an als das Summen eines Insekts. Und dadurch fühlte er sich in seinem tiefsten Inneren weniger als Affe als früher.

Ganz anders verhielt es sich mit Rina. Sie reiste den ganzen Tag auf dem Rücken des Affen, ohne eine Minute ihres Tagesschlafes zu versäumen, und erwachte jeden Abend ausgeruht und erfrischt. Und obwohl sie ihr Wort gegeben hatte, für Michail, Modesta und Cosanova Wache zu halten, solange diese schliefen, damit sie sich nicht wieder lebendig begraben fänden, begann sie irgendwann doch wieder, von ihrer Seite zu weichen. Ungeduldig, so schnell wie möglich an ihr Ziel zu gelangen, stöberte sie hier und dort, hartnäckig auf der Suche nach jenem Weg, der sie vor die Tore Rios brächte.

Nur dass das, was sie in einer Vollmondnacht an einem abgelegenen ruhigen Seitenarm des Amazonas entdeckte, keine große Schar ausgelassener Karnevalsbesucher war, sondern ein einsamer, stockdunkler Flussdampfer ohne jede Spur von Leben.

Als sie eine ganze Weile mit offenem Mund dagestanden hatte, als müsste sie den unerwarteten Anblick erst verdauen, machte sie eine jähe Kehrtwendung und rannte schnell zu ihren Freunden, wobei sie mit ihrem Gekreische den halben Dschungel aufschreckte.

„Wacht auf!“, rief sie ihnen aus der Nähe zu, als wären sie nicht schon aufgesprungen. „Wir haben Besuch!“

„Sag ihnen, sie sollen warten“, sagte Modesta, den Schlaf noch in den Augen. „Bis zum Morgen, ja?“

„Aber dann können sie schon weg sein“, antwortete Rina. „Wir müssen sie jetzt treffen! Jetzt gleich!“

„Nicht jetzt, ausgeschlossen.“ Modesta blieb stur und ließ ein tiefes Gähnen hören. „Die müssen auch lernen, auf einige Dinge Rücksicht zu nehmen. Wie zum Beispiel auf meinen Schlaf, der mich immer so hübsch und strahlend erhält. Was für Bewunderer sind das schließlich, wenn sie nicht ein bisschen Verständnis zeigen können? Als täte ich das, was ich tue, nicht für sie, sondern für mich!“

Da die drei anderen mit Bedauern feststellten, dass Modesta verwirrt in ihrer Fantasiewelt gefangen war, schüttelten sie nur die Köpfe und halfen Michail, sie unter den Arm zu nehmen, so dass sie alle gemeinsam zum Flussufer aufbrechen konnten, wo sich jenes sagenhafte Schiff befand.

„Und?“, fragte Rina. „Wie findet ihr es? Ist es nicht fast so wie das von Cosanova?“

„Machst du Witze?“, murmelte das Chamäleon. „Das hat keinerlei Ähnlichkeit mit meinem!“

„Aber ja doch!“ Rina riss ihre knallroten Augen auf. „Es hat auch einen Schornstein. Und eine Kapitänsbrücke. Und ein Deck. Und Bullaugen. Und ein seitliches Schaufelrad...“

„Das alles hat es, aber nicht so wie meines!“ Cosanova betrachtete misstrauisch das Schiff. „Abgesehen davon, dass es viel kleiner ist als meines. Wo sind die drei Decks der Cosanova? Und die doppelten Schornsteine? Die beleuchteten Bullaugen? Die strahlenden Tanzsäle? Die blendenden Restaurants? Die luxuriösen Salons? Nein, meine gebratene Zucchiniblüte. Dieses hier ist sehr viel kleiner als mein Schiff. Und sehr viel älter.“

„Und sehr viel heruntergekommener!“, platzte Modesta heraus, mit einer Klarsicht, die auf jeden Fall darauf zurückzuführen war, dass sie sich wieder in Reichweite von Menschen befand. „Man kann sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Cosanovas Flussdampfer war so richtig aristokratisch. Ohne jeden Makel. Während dieser hier ein richtiges Wrack ist. Da, bitte, seht euch den Schornstein an und sagt mit, ob der nicht reif zum Einstürzen ist, so wie sich der nach hinten lehnt. Den haben sie doch an drei Seiten festgemacht, damit er ihnen nicht umfällt! Was gibt es da also zu sagen. Seht euch doch auch das Schaufelrad an, die Hälfte der Schaufeln ist gebrochen. Ich wundere mich, wie dieses Schiff überhaupt noch fährt. Wie es schwimmt! Und wo wir schon von Aristokratie sprechen... kann mir jemand sagen, wo all die Lichter geblieben sind?“

„Aber...ja doch!“, verteidigte sich Rina. „Ist dort oben nicht eine Lampe an, auf der Kapitänsbrücke?“

„Nur eine Lampe?“, fuhr die Papageiin fort, die plötzlich wieder ihren Hochmut besaß. „Was ist schon eine Lampe? Darf ich dich an das blendende Licht der Cosanova erinnern? Was rede ich da, das war kein Licht, das war die Sonne selbst, die im Fluss badete. Wie kann man das vergessen, Rina? Und noch etwas Letztes: Wo sind die Leute? Wo ist die Mannschaft? Seht ihr irgendwen?“

„Seid still!“, sagte Michail da.

„Ein Geisterschiff, das ist es!“, ergänzte Modesta, die nach langer Zeit wieder einmal das letzte Wort haben wollte.

„Psst!“ Der Affe machte ein Zeichen, dass sie die Ohren spitzen sollten und auf die gedämpften Geräusche hören, die aus dem Schiff zu ihnen drangen. „Hört ihr das auch? Was glaubt ihr, ist das? Geplauder? Gelächter? Gesang?“

Aus dem Inneren des Schiffes drangen tatsächlich allmählich immer mehr Geräusche, und je näher sie kamen, desto klarer und verständlicher wurden sie für die vier Tiere.

„Das ist leicht!“, sagte Rina. „Das ist nichts anderes als quakende Frösche!“

„Und das sind brüllende Jaguare!“, erklärte Cosanova. „Wie oft hab ich solche schon nachgemacht...“

„Und das sind Flamingos, sie sich die Seele aus dem Leib schreien“, sagte Modesta mit ihrem bekannten arroganten Ausdruck. „Und die anderen, die Ärmsten, sind Pfaue, die -“

„In Ordnung, ich hab´s!“ Der Affe hüpfte vor Freude. „Jetzt macht alles einen Sinn. Der Flussdampfer, den ihr vor euch seht, meine Freunde, ist von seinen vielen Fahrten verschlissen! Und alle diese Tiere müssen auf dieses Schiff gegangen sein -“

„Mit dem Karneval von Rio als Ziel!“, kreischte Rina.

„Und wenn dem doch nicht so ist?“, murmelte Cosanova.

„Aber ja doch! Es gibt keine andere Erklärung“, brüllte Michail mit einer kräftigen Stimme, die sie alle an sein altes, gesundes Selbst erinnerte. Und noch bevor ihn jemand aufhalten konnte, sprang er wie von der Tarantel gestochen auf und rannte so schnell er konnte auf das Schiff zu.

eine Klasse unter der dritten

Es brauchte nur drei Salti und Michail befand sich auf dem Deck. Nachdem er dann einen Blick um sich geworfen hatte, um sich zu vergewissern, dass er allein war, stieg er schnell über eine schmale Holztreppe auf die Kapitänsbrücke und schlüpfte durch eine halboffene Luke ins Innere.

Wie ein Dieb, den keine Gegenstände, sondern Informationen interessierten, durchwühlte er eins nach dem anderen die überall verstreuten Papiere, Landkarten und Kalender, um sich zu vergewissern, dass das Schiff Rio zum Ziel hatte. Aber je mehr er durchsuchte, desto mehr befürchtete er, dass hier irgendetwas nicht in Ordnung war.

Jedes Buch, Blatt, Notizheft und Geschäftsbuch, das er durchblätterte, war voll von hässlichem winzigem Gekritzel, und oben auf jeder Seite war jeweils ein anderes Tier des Dschungels in allen Einzelheiten aufgezeichnet.

Als er die Bände mit Hilfe eines Vergrößerungsglases durchsah, erkannte Michail Jaguare, Alligatoren, Ameisenbären, Fledermäuse, Tapire, Schmetterlinge, Anakondas, Ozelote, Piranhas, Flamingos, Pumas, Falken, Papageien, Taranteln, Affen, Schildkröten, Geier, Fischreiher, Boas, Frösche, Turteltauben, Eidechsen, Aale, Skorpione und eine Menge anderer Kriechtiere, Amphibien, Säugetiere, Vögel und Fische, die er selbst nicht kannte.

Schwindlig vom vielen Lesen schloss er irgendwann die Hefte und Bücher, ohne mehr erfahren zu haben, als er schon gewusst hatte, bevor er auf das Schiff gekommen war. Und nachdem er die Papiere, Navigationsinstrumente und hier und da verstreuten persönlichen Gegenstände des Kapitäns geordnet hatte, machte er wieder einen Sprung hinaus.

Sobald er sich vergewissert hatte, dass er immer noch allein war, begann er einen schnellen Rundgang auf dem Deck und hielt nach einer Türe, Falltüre oder Luke Ausschau, von wo aus er ins Innere des Schiffes hätte schlüpfen können, um die Tiere selbst zu fragen, wohin sie fuhren. Doch so sehr er auch suchte - und sogar mit der Hilfe des Vergrößerungsglases, das er für alle Fälle mitgenommen hatte - es gelang ihm einfach nicht, einen auch nur noch so kleinen Spalt zu finden.

„Na so was“, wunderte er sich und betrachtete überrascht den Schmutz und Schlamm, die das ganze Schiff bedeckten. „Wenn das das Deck erster Klasse ist, wie schauen dann die Kabinen und der Salon der dritten aus? Und wohin haben sie die Tiere gepfercht? Eine Klasse unter der dritten? Oder noch weiter unten?“

Ohne eine befriedigende Antwort zu finden, kletterte er vorsichtig über die Kabel, Seile, Ketten, Reserveanker und Winden, die da und dort durcheinander lagen, und nachdem er einen beunruhigten Blick auf jeden verbeulten Käfig und jede abgenützte Falle geworfen hatte, die er beiseite geworfen in einer Ecke entdeckte, entschloss er sich schweren Herzens, zu seinen Freunden zurückzukehren.

Im letzten Moment jedoch, als er schon zum Sprung ansetzte, um sich gleich wieder an Land zu befinden, bremste er abrupt.

„Nein“, sagte er entschlossen. „Das kann ich den anderen nicht antun. Ich muss unbedingt herausfinden, wohin das Schiff fährt. Und vor allem muss ich herausfinden, ob die Menschen hier wirklich so tierlieb sind, wie aus ihren Schriften hervorgeht.“

Dann wickelte er seine Schwanzspitze um die Rehling, klemmte sich das Vergrößerungsglas ins rechte Auge, atmete tief ein und ließ sich außen am Schiff verkehrt hinunterhängen. So gelang es ihm, unter Lebensgefahr über dem Wasser des Flusses zu baumeln und das nächstgelegene Bullauge zu erreichen.

Ungeputzt und schmierig wie es war, wischte er es gut ab, bevor er sein Gesicht an die Scheibe drückte. In diesem Augenblick war plötzlich ein langgezogenes Pfeifen aus dem Urwald zu hören und kurz darauf blitzte hoch am Himmel eine weiße Leuchtrakete auf, die die Nacht zum Tag machte.

„Gütiger Himmel!“, entfuhr es Michail.

Was er sehen konnte, ehe die Leuchtrakete in das Wasser des Flusses fiel und verlosch, ließ ihm das Blut gerinnen.

Jaguare, Alligatoren, Ameisenbären, Fledermäuse, Tapire, Schmetterlinge, Anakondas, Ozelote, Piranhas, Flamingos, Pumas, Falken, Papageien, Taranteln, Affen, Schildkröten, Geier, Fischreiher, Boas, Frösche, Turteltauben, Eidechsen, Aale, Skorpione und eine Menge Tiere, denen er noch nie in seinem Leben begegnet war, waren an Pfähle gebunden oder in enge Käfige und Behälter mit nur ganz wenig Wasser gesperrt, Gefangene in einem Frachtraum, dessen Klasse es auf keinem Schiff der Welt gab.

die Wilderer

„Nun?“, fragte Modesta gespannt, sowie Michail zurückkam. „Was hast du gesehen? Schieß los! Mach schon! Erzähl mir von den französischen Kronleuchtern und dem englischen Porzellan! Von den italienischen Gemälden und den deutschen Spiegeln! Von den persischen Teppichen und den schweizer Uhren! Erzähl mir vom dicken Pianisten mit dem Doppelkinn im Speisesaal und dem großen Orchester im geräumigen Tanzsaal! Beschreib mir die lächelnden Stewards und schüchternen Zimmermädchen. Den weltgewandten Kapitän und seine hohen Gäste. Komm schon. Hinter dem schäbigen Aussehen dieses Schiffes müssen sich Schätze und Wunder verbergen!“

„Soweit hast du nicht Unrecht...“, sagte Michail zögernd

„Natürlich hab ich nicht Unrecht“, fuhr die Papageiin fort, die ihr verlorenes Selbstbewusstsein wiedergefunden hatte. „Darum druckse nicht herum. Ich möchte alles bis ins Kleinste wissen. Ich sterbe für ein bisschen Glanz und Gloria nach so vielen Strapazen. Ach, Michail, ich sterbe für ein bisschen Aristokratie!“

„Nur, Modesta...“ Der Affe stockte neuerlich.

„Was? Gibt es keine Kronleuchter?“

„Was für Kronleuchter...“

„Und kein Porzellan?“

„Was für Porzellan...“

„Und auch keine Spiegel? Gemälde? Teppiche? Uhren? Pianisten? Orchester?“

„Leider gibt es nichts von alledem.“

„Nicht einmal einen Steward?“

„Nein.“

„Und das Feuerwerk?“

„Das war doch nur eine Rakete, und die war kein Feuerwerkskörper, sondern eine Leuchtrakete...“

„Warum sagst du uns dann nicht lieber, was das Schiff hat?“, fragte Rina, genauso enttäuscht wie Modesta über die Nachrichten, die Michail ihnen gebracht hatte.

„Was gibt es da zu fragen! Es hat das Nötigste“, sagte die Papageiin statt des Affen. „Da kann man nichts machen. Macht nichts. Ich habe mich sowieso geändert. Einen Eimer frisches Wasser brauche ich für meine wenigen Federn. Und eine Handvoll Körner für meinen Bauch. Ist das zuviel verlangt?“

„Das ist vielleicht nicht zuviel verlangt. Die Frage ist aber, ob dir der Kapitän auch dieses Wenige geben will“, sagte wiederum Michail.

„Ja, aber, was für eine Art Schiff ist denn das?“, kreischte da Modesta.

„Ein ...Gefangenenschiff“, musste der Affe zugeben.

Die Nachricht, dass das Schiff ihrer Hoffnungen ein schwimmendes Gefängnis für Tiere war, schlug wie der Blitz bei der Papageiin und der Fröschin ein.

„Und warum haben sie alle diese Tiere in ein Gefängnis geworfen, wenn sie nichts tun müssen, außer den Naturpark zu besuchen?“, fragte Rina mit Mühe, als ob sie sich nicht mit der Realität abfinden könnte.

„Weil davon die Wilderer leben“, erklärte Cosanova, der die ganze Zeit kein Wort gesagt hatte.

In diesem Augenblick stieg eine weitere Leuchtrakete in den Nachthimmel, während gleichzeitig der durchdringende Ton einer Trillerpfeife zu hören war. Wie Wachsfiguren erstarrten die vier Tiere auf ihrem Platz, bis die Leuchtrakete ihre Bahn beschrieben hatte und im Fluss verlosch. In der Zwischenzeit ließ jeder Laut, der die nächtliche Stille störte, vom zufälligen Knacken eines Zweiges bis zum Plätschern des Flusses, ihre Herzen stillstehen.

„Die Sache ist klar: Wir sind in Gefahr!“, sagte Cosanova schließlich, der weiß wie ein Gespenst blieb, auch nachdem die Leuchtrakete verloschen war.

„Und was schlagt ihr vor, dass wir tun sollen?“, fragte Michail.

„Die Sache ist klar: Wir müssen uns aufteilen“, sagte Modesta. „So haben wir größere Chancen, dass sie uns nicht alle fangen.“

„Nein! Die Sache ist klar: Wir müssen zusammen bleiben“, sagte als nächste Rina und sprang auf den Rücken des Affen. „Nur so haben wir größere Chancen, dass sie keinen von uns fangen.“

„Glaubst du das jetzt wirklich, was du da sagst oder sagst du es nur, um mir zu widersprechen?“, fragte Modesta grimmig die Fröschin.

„Welche Bedeutung hat das schon“, fuhr Michail dazwischen, indem er ein weiteres Mal die Rolle des Vermittlers übernahm. „Ich bin sowieso auch nicht dafür, dass wir jetzt anfangen, blindlings drauflos zu rennen. Ich glaube, das Beste, was wir tun können, ist, uns einen Plan auszudenken, um mit den Wilderern fertig zu werden. Und dazu“, ergänzte er mit schiefem Blick auf Cosanova, „brauchen wir Informationen.“

„Aber ich weiß überhaupt nichts“, antwortete dieser und machte zwei Schritte zurück.

„Na komm schon!“, Michail packte ihn am Nacken. „Bist du dir sicher?“

„Völlig sicher.“

„So sicher wie du dir bei Rio warst?“

Cosanova, der nicht wusste, wie er das Unerklärbare erklären sollte, machte keinen Mucks. Er senkte bloß den Kopf, wurde noch blasser als zuvor und klemmte den Schwanz zwischen die Beine.

„Sag schon!“, spornte ihn der Affe an. „Wie viele Wilderer sind es? Sind sie erfahren? Organisiert? Geduldig? Gewöhnt daran, in der Nacht zu jagen? Und was für Fallen stellen sie? Je mehr wir über sie wissen, desto besser.“

„Richtig“, stimmte Modesta zu, die ihre eigenen Fragen hatte. „Woher kommen sie? Was ist ihr Lieblingsessen? Und warum haben sie kein Porzellan? Keine Kronleuchter, Gemälde, Teppiche, Uhren? Pianisten? Orchester?“

„Schon gut, ich werde reden!“, stimmte Cosanova unwillig zu. „Obwohl ich über diese Wilderer hier nichts weiß. Weder woher sie kommen, noch wie viele es sind, noch, was für Tiere sie jagen. Ich weiß nur etwas über jene, die vor einem Jahr gekommen sind und mich aus meiner Heimat entführt haben, dem fernen Madagaskar, einer großen, berühmten Insel östlich von Afrika, weit weg von hier. Die haben mich buchstäblich über die sieben Meere geschleppt. Vom Indischen Ozean in den Pazifischen Ozean, und von dort in die Karibik. Und all das, um mich dem erstbesten Käufer zu geben, der mich zu einem überhöhten Preis in seinen illegalen Tierpark bringen wollte.“

„Moment mal!“, krächzte die Papageiin und streckte ihren gerupften Körper, wie sie es in den guten alten Zeiten daheim im Naturpark getan hatte. „Solche Käufer müssen wohl sehr reich sein, wenn sie ganze Sammlungen von Tieren besitzen. Und das, wo wir gerade dabei sind, hört sich für mich nicht so schlecht an. Das hat...Perspektiven.“

„Das kommt darauf an, in wessen Hände du gerätst“, warnte sie Cosanova. „Was mich betrifft, ich geriet von Anfang an in die schlechtesten. Das einzige, was diese meine elenden Entführer erreichten, war, dass sie mich um die halbe Welt schleppten, um meine Wenigkeit verkommenen philippinischen Aristokraten, gestürzten peruanischen Prinzen und bankrotten kubanischen Magnaten zum Verkauf anzubieten. Bis sie es endlich schafften, mich an einen brasilianischen...Hilfskoch der...Cosanova zu verscherbeln.“

„Des Schiffes, das von dir den Namen hatte?“, quakte die Fröschin.

„Okay! Ich habe mir meinen Namen von dem Schiff geliehen, und nicht das Schiff von mir“, gestand er. „Und ich verschweige euch nicht, dass ich mich selbst getauft habe, da mein Herr seine Zwiebelsuppen und Meeresfrüchtespießchen mehr im Kopf hatte als mich.“

„Und wie ist nun dein echter Name?“, fragte Michail.

„Qua Simodo. Mir ist Cosanova aber lieber, weil es sich besser anhört.“

„Und hast du von all den Speisen, die du uns immer wieder aufgezählt hast“, fragte Modesta, „auch nur eine einzige gekostet? Oder hast du dir das auch ausgedacht?“

„Keinen Bissen hab ich probiert, auch wenn es sie alle gibt“, gestand Cosanova, der vor Scham soweit war, seinen Kopf in Nachahmung eines Vogel Strauß‘ in die Erde zu stecken.

„So viele Lügen“, murmelte die Fröschin.

„So viele versäumte Genüsse!“, kommentierte die Papageiin.

„Okay, ich hab es zu weit getrieben, ich streite es nicht ab! Sagt mir nur, wie sich unser Schicksal ändern kann, jetzt, wo ihr die ganze Wahrheit über mich kennt“, fragte Cosanova.

Wenn wir ehrlich sind, kann sich vieles ändern, wollte Michail gerade sagen. Bevor er jedoch sprechen konnte, war ein durchdringendes Pfeifen von einer Gruppe Wasserpflanzen zu hören, und die Stimme versagte ihm.

„Papa, Papa!“, rief ein Junge hysterisch. „Schieß noch eine Leuchtrakete ab, Papa! Ich glaube, ich habe da hinten meinen Jaguar gesehen!“

der Feind meines Feindes

Kalter Schweiß überströmte die vier Tiere, als sie diese schrille Kinderstimme hörten und die allgemeine Aufregung, die darauf folgte. Da, wo sie gedacht hatten, dass sie es mit einer Gefahr zu tun hatten, sahen sie sich plötzlich zweien gegenüber. Von der einen Seite näherten sich die Wilderer, die sich mit ihren Buschmessern gewaltsam einen Weg durch den Dschungel schlugen, und von der anderen umkreiste sie völlig lautlos eines der schrecklichsten Raubtiere des Dschungels.

Mit Todesangst sahen sie dann den Abschuss dreier weiterer Leuchtraketen in den Himmel, die die Nacht zum Tag machten. Und wie Modesta anfänglich mit vor Staunen offenem Schnabel da saß, geblendet von dem Anblick, der sie an einige seltene Nächte daheim im Naturpark erinnerte, wenn die Besucher dort übernachtet und ihren Aufenthalt mit hunderten Feuerwerkskörpern gefeiert hatten, so blieb Rina, Michail und Cosanova das Maul offen, sobald sie einen mageren Jaguar wie einen Blitz an sich vorbeiflitzen und sich mehr schlecht als recht in die Höhlung eines nahen Baumes zwängen sahen.

Wie war es möglich, fragten sie sich, sobald sie wieder Dunkelheit umgab, dass ein ausgewachsener Jaguar an ihnen vorbeikam, ohne in Versuchung zu geraten, sie zu jagen, und sei es auch nur für einen Moment? Und wie kam es, dass ein solches Tier zu Haut und Knochen abgemagert war?

„Beruhigt euch“, flüsterte Cosanova den anderen dreien zu, deren Herzen zum Zerspringen klopften. „Habt ihr vielleicht vergessen, was das Kind gerufen hat?“

„Dass es seinen Jaguar gesehen hat“, sagte Rina. „Und nun?“

„Und nun, meine dreifarbigen Plappermäuler mit Pilzen und Thymian, ganz einfach“, fuhr Cosanova fort und sah die anderen an, wobei seine Augen wie Goldmünzen in der Nacht glänzten. „Dieser magere, erschrockene Jaguar ist offenbar von dem Schiff ausgerissen, und das bedeutet, dass wir nichts anderes tun müssen als ihn den Wilderern auszuliefern, und als Gegenleistung...“

„Sollen sie uns in Ruhe lassen?“, fragte Modesta.

„Im Gegenteil! Als Gegenleistung sollen sie uns in einer Kabine erster Klasse bis nach Rio bringen!“

„Das schlag dir aus dem Kopf!“, antworteten Michail und Rina wie aus einem Munde, wobei sie riskierten, die Aufmerksamkeit der Wilderer etwas früher auf sich zu ziehen.

„Aber warum?“, wunderte sich das Chamäleon. „Auch wenn der Flussdampfer nicht in Rio anlegt, bietet uns irgendeine andere Stadt das, was wir suchen. Denk nur an die Blitze der Fotoapparate, Modesta, die wieder rund um dich aufleuchten werden! Denk an den Andrang deiner Verehrer! Und du, Rina, denk an das Nachtleben, das auf dich wartet! Denk an den ersten Abend, an dem dich die Menschen unter sich entdecken werden, als wären sie über einen verlorenen Schatz gestolpert! Und was dich betrifft, Michail -“

„Hältst du dich raus!“

„Wie du meinst. Dieser Jaguar ist aber bei jeder Versteigerung in England, Frankreich oder Russland ein Vermögen wert. Und wir haben diesen Schatz als erste gefunden. Warum sollen wir ihn uns durch die Finger gehen lassen?“

Die Lichtstrahlen aus den Taschenlampen der Wilderer durchbohrten das Dickicht rundherum wie Lanzen und die vier Tiere mussten endlich eine der wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens treffen. Und da sie wie üblich nicht einer Meinung waren, blieb ihnen nichts anderes übrig als abzustimmen.

„Ich handle nicht zum Schaden des Jaguars oder irgendeines anderen Tieres“, stellte Michail klar. „Deshalb stimme ich dafür, uns gemeinsam mit dem Jaguar zu verstecken.“

„Wo? In der Baumhöhle?“, kreischte Modesta und flog schwankend hin und her, um den Lichtstrahlen auszuweichen, die die Nacht wie Blitze durchzuckten.

„Siehst du irgendein besseres Versteck?“

„Aber...zusammen mit dem Jaguar?“

„Du weißt ja, was man sagt: der Feind meines Feindes ist mein Freund...“

„Also dann bin ich auch dafür!“, sagte Rina, mehr aus Trotz gegen Modesta als im Vertrauen auf den Jaguar. „Für...meinen Feind!“

„Und ich stimme mit -„

Cosanova, hätte Modesta gesagt, wenn sie nicht wie von einer Spritze von einem Narkosepfeil in den Hintern gestochen worden wäre, was sie einschläferte, noch bevor sie zu Boden fiel.

„Schnell, alle in die Baumhöhle!“, befahl der Affe und fing die Papageiin in der Luft auf. „Die offiziellen Stimmen sind 2:1 für meinen Vorschlag!“

Dann wand er seinen Schwanz wie eine Schlinge um die bewusstlose Modesta, nahm Cosanova unter den Arm und, nachdem er sich vergewissert hatte, dass sich Rina auf seinem Rücken festhielt, rannte er auf das Versteck des Jaguars zu.

Als er aber vor der Baumhöhlung ankam, wurden ihm die Knie schwach. Und wenn er sich irrte und der Jaguar keine Ahnung von ungewöhnlichen Bündnissen hatte? Und wenn er so hungrig war, wie sein zum Skelett abgemagerter Körper bezeugte? Dann wäre sein Sprung in die Baumhöhlung wie der Sprung in ein weit geöffnetes Maul. Und er hätte sogar noch die anderen drei auf dem Gewissen. Wenn er aber nicht sprang, fiel er bestimmt den Wilderern in die Hände, deren Stimmen jetzt schon deutlich hinter einer nahen Gruppe von Bananenstauden zu vernehmen waren.

In seiner Verzweiflung kletterte der Affe den Stamm hinauf und glitt, ohne weiter nachzudenken, in die dunkle Höhle hinein. Dort empfing sie der Jaguar zur Erleichterung aller wie ein vollendeter Gastgeber. Statt sich auf sie zu stürzen, rückte er sofort auf den Boden des engen Verstecks, wo er sich einrollte, so dass er ihnen soviel Platz wie nur möglich machte. Und kaum hatten sie sich zurechtgesetzt, begann er, sich an sie zu schmiegen und sie von Kopf bis Fuß abzulecken wie eine verwöhnte Hauskatze.

Was ging aber zur gleichen Zeit draußen vor sich? Waren die Wilderer an ihnen vorbeigegangen? Oder zog sich langsam aber sicher die Schlinge um sie zusammen?

„Papa, Papa! Hör auf, den dummen Vogel, den du getroffen hast, zu suchen, und komm meinen Jaguar fangen. Ich gehe hier nicht weg, wenn wir ihn nicht finden, hörst du?“, war wieder die schrille Stimme des Kindes in der Nacht zu hören.

„Aber ich bin doch sicher, dass ich ihn getroffen habe“, sagte der Vater des Kindes rau, als wäre seine Zunge aus härtestem Sandpapier. „Hier irgendwo muss er sein. Warte, bis wir ihn finden und dann suchen wir weiter.“

„Und ich sage dir, wenn wir meinen Jaguar nicht finden, dann spreche ich nie wieder mit dir!“, war zum letzten Mal die Stimme des Kindes zu hören.

„Psst! Rührt euch nicht vom Fleck!“, sagte Michail bald darauf zu seinen Gefährten und schwang sich wieder bis zur Öffnung der Höhle, um aufgeregt die Bewegungen der Menschen in der Dunkelheit zu verfolgen.

Von seinem Beobachtungsstand aus sah er kurz fünf oder sechs grobschlächtige schwarze Umrisse in ungefähr zehn Meter Entfernung stehen bleiben, als ahnten sie etwas. Zwei von ihnen, der Vater und der Sohn, wenn er es aufgrund ihres Größenunterschiedes richtig beurteilte, gaben den anderen Zeichen, auf ihrem Platz zu bleiben, während sie selbst mit langsamen sicheren Schritten auf das Versteck der Tiere zukamen. Die Höhlung war freilich zu hoch im Baum, als dass jemand einfach so einen Blick hätte hineinwerfen können. Sollte aber der Vater den Sohn auf seine Schultern heben, so könnte das Kind seinen Kopf hineinstecken und sie alle ohne weiteres sehen.

„Runter mit den Köpfen!“, flüsterte Michail.

„Aber tiefer geht es nicht!“, jammerte Cosanova.

„Und ob es tiefer geht!“, flüsterte der Affe mit strenger Miene und ließ sich jäh auf seine Freunde zurückfallen, die sich in einer Ecke der Höhlung zu einem dichten weichen Knäuel zusammenkauert hatten.

Der eine mit einem Fuß im Gesicht, ein anderer mit einem Schwanz um seinen Hals geschlungen, und wieder ein anderer mit ein paar Federn im Maul, warteten sie dort mit angehaltenem Atem auf den Moment, wo man sie auf frischer Tat ertappen würde. Und als das Licht der Taschenlampen für einen Augenblick, der ihnen wie eine Ewigkeit vorkam, das Innere ihres Verstecks in Licht tauchte, erwartete keines der Tiere mehr, mit heiler Haut davonzukommen.

Doch so schnell wie die Gefahr gekommen war, so schnell ging sie auch wieder vorüber. Plötzlich entfernte sich das Licht, ohne dass die Wilderer sich die Mühe machten, die Baumhöhle genauer zu erforschen, und die fünf Tiere sanken erleichtert zurück in die Dunkelheit.

Alle bis auf Cosanova, der es nicht erwarten konnte, den schmusigen Jaguar abzuschütteln.

„Schluss, jetzt reicht es aber. Du hast mich schon ganz voll gemacht mit deinen Haaren und deinem Sabber!“, beschwerte er sich, bevor der Affe ihn zum Schweigen brachte.

endlich frei

Michail, Rina, Modesta, Cosanova und der Jaguar verbrachten jene Nacht eingekeilt in ihrem Baumversteck. Doch die Wilderer gaben nicht leicht auf. Nun wirklich starrsinnig geworden suchten sie weiter nach dem Jaguar des kleinen Jungen, wobei sie duzende weiße Leuchtraketen abschossen, die den Dschungel wie die Blitze eines Tropengewitters erleuchteten. Und nur weil es schon zu dämmern begann, beendeten sie ihre Suche und kehrten mit leeren Händen zum Schiff zurück. Wo sie gegangen waren, hinterließen sie eine von ihren scharfen Buschmessern zerstückelte und schweren Stiefeln zertrampelte Natur. Aber selbst dann wagte es keines der fünf Tiere, sofort herauszukommen. Völlig verschreckt wie sie waren, blieben sie noch bis zum Mittag in der Baumhöhle, als sie sich dann endlich entschlossen, ihr Versteck zu verlassen.

Ihre Angst und die stundenlange Bewegungslosigkeit hatten, was ganz natürlich war, bei jedem von ihnen Spuren hinterlassen. Modesta hatte schon wieder eine Menge Federn verloren. Cosanova hatte einen nach links verdrehten steifen Hals. Michail litt an Muskelschmerzen im Rücken und Rina, abgesehen davon, dass sie das erste Mal in ihrem Leben von Schlaflosigkeit gequält wurde und kein Auge schließen konnte, schielte außerdem wegen des für sie ungewohnten Sonnenlichts.

Nur der magere Jaguar zeigte sich nicht beeinträchtigt von seinem stundenlangen Aufenthalt in der engen Höhle. Er sprang da- und dorthin, rieb freudig seinen Kopf mal an dem einen, mal an dem anderen Tier, während er zwischendurch mit ungeheurem Appetit die Pflanzen verschlang, die die Wilderer auf ihrem Weg durch den Dschungel abgeschnitten hatten.

„Hör mal...“, flüsterte Modesta irgendwann Michail zu und nickte in Richtung der mit gesundem Appetit gesegneten Raubkatze. „Glaubst du, er bereitet sich darauf vor, uns in Stücke zu reißen?“

„Und hat damit bis jetzt gewartet, Modesta, wo wir doch stundenlang da drinnen zusammen eingepfercht waren?“, fragte der Affe und verzog das Gesicht wegen eines plötzlichen stechenden Schmerzes im Rücken.

„Woher willst du das wissen?“, rief Cosanova aus, der nicht zum Jaguar schauen konnte, da sich dieser zu seiner Rechten befand. „Und wenn er Grünzeug als Vorspeise isst? Weißt du, wie viele Salate man täglich in der Küche der Cosanova zubereitet hat? Ich sage es dir, ich weiß sie noch in- und auswendig: Salat mit Paprika, Tomate und Haloumi-Käse. Salat mit Zucchini und Oliven. Salat mit Kabeljau, Zwiebel und Orange. Salat mit Bulgur, Linsen und Kichererbsen. Couscous-Salat mit Huhn, Mandeln und Pinienkernen. Salat mit -“

„Himmel!“ Michail hatte es satt, ihn Salate aufzählen zu hören. „Und wenn es eine einfachere Erklärung für sein Verhalten gibt? Wenn der Jaguar zum Beispiel Vegetarier ist? Dann brauchen wir uns vor nichts zu fürchten, richtig? Wie auch immer, es wäre gut, wenn wir ein bisschen mehr Vertrauen zueinander hätten. Haben wir denn nicht schon viel gemeinsam durchgemacht?“

Doch, mussten die anderen schweigend zugeben.

„Schön. Und jetzt schlage ich vor, dass wir langsam von hier verschwinden. An diesen Ort möchte ich mich nicht einmal mehr erinnern...“ Seine Stimme brach, als seine Gedanken zu den im Frachtraum des Wildererschiffes gefangenen Tieren zurückkehrten.

„Und wohin, meinst du, sollen wir gehen?“, fragte Cosanova dann.

„Geradeaus.“

„Geradeaus, wie ich schaue“, fragte neuerlich das Chamäleon, „oder wie du schaust?“

„Was bedeutet das schon“, sagte Michail resigniert.

Als er aber sah, wie sich seine Gefährten folgsam in Reih und Glied aufstellten, um ihre Reise fortzusetzen, überdachte der Affe Cosanovas Frage.

Wohin gingen sie denn wirklich? Suchten sie immer noch Rio? Und falls sie es jemals fänden, wie könnten sie am Karneval teilnehmen? Würde Modesta, die bis jetzt eine ganze Schicht Federn verloren hatte, zu den wundervollen Schönheiten des Karnevals passen? Würde sich jemand von Rina bezaubern lassen, so wie sie beim ersten starken Licht, das auf sie fiel, schielte? Und wie sollte er selbst bei den besten Samba-Lehrern Tanzunterricht nehmen, so wie ihn sein Rücken schmerzte?

Anders freilich, wenn sie in einer kleineren und unbedeutenderen Stadt als Rio landeten, wie auch Cosanova gesagt hatte. Eine Stadt, in der sie wie eine elende Sehenswürdigkeit herumliefen und mit ihren Possen und ihrem Tanz für eine Handvoll Essen, ein Lächeln und ein Streicheln die Aufmerksamkeit der Leute auf sich ziehen würden. Mit anderen Worten, wenn sie es schafften, eine schlechtere Ausgabe des Lebens, das sie im Naturpark gehabt hatten, zu leben!

„Im Nachhinein schätzt man erst, was man hatte...“, entfuhr es ihm.

„Was hast du da gesagt?“, Modesta brach in unkontrolliertes Schluchzen aus.

„Komm, nimm es nicht so schwer, Modesta“, sagte der Affe sofort, der es nicht ertrug jemanden zu sehen, der im Begriff war zusammenzubrechen, und schon gar nicht seine unversöhnliche Freundin. „Im Übrigen war das Leben, das wir zurückgelassen haben, nicht so anders als das Leben, das jedes Tier in Gefangenschaft erwartet.“

„Was redest du denn da, Michail!“, fuhr sie ihn an, die Stimme von Schluchzern erstickt. „Das meinst du nicht ernst...“

„Im Gegenteil! Hör mich mal an. Hört mal alle her und strengt euer Gehirn an. Können wir in diesem Moment gehen, wohin wir wollen, ja oder nein? Können wir machen, was wir wollen, oder auch absolut gar nichts tun, ja oder nein? Sind wir völlig von den Menschen unabhängig, ja oder nein? Oder meint ihr, die dunklen Frachträume der Wilderer unterscheiden sich so sehr vom goldenen Käfig des Naturparks?“

„Daheim im Park haben wir doch ein sorgloses Leben gehabt, Michail!“, beschwerte sich die Papageiin.

„Nur, dass wir dort nicht wir selbst waren, sondern für unsere Besucher gelebt haben! Ich frage dich, Modesta: Hast du auf der Schulter eines Unbekannten immer die selbe Pose gemacht, ja oder nein? Musstest du dich immer auf die gleiche Art und Weise hinstellen und verhalten, ja oder nein? Wen hingegen hast du jetzt, der dir vorschreibt, wie du zu leben hast? Nur dich selbst. Wann auch immer du magst, breitest du deine Flügel aus und fliegst frei auf den weiten Horizont zu. Ohne jemanden nachahmen zu müssen.“

„Um wo genau hinzufliegen, kannst du mir das sagen?“

„Wohin dich das Leben führt, natürlich.“

„Und wo ist das?“, fragte nun die Fröschin und ihre beiden Augen waren drauf und dran, vor Tränen überzufließen.

„Das, Rina, wirst du erst erfahren, wenn du an deinem Ziel angekommen bist...“, war die einzige ehrliche Antwort, die ihr der Affe geben konnte.

„Danke, das war uns jetzt aber eine große Hilfe“, gurrte Modesta wie in alten Zeiten. „Und ich will dir noch etwas sagen, Michail: Ich mache meine Flügel nicht mehr auf, bis ich neue Federn bekommen habe! Hörst du? Ich mache sie nicht auf!“

„Und du freust dich nicht? Auch das ist deine Entscheidung“, sagte er zu ihr und umarmte sie herzlich. „Und jetzt los! Es ist an der Zeit, weiterzugehen. Und da unser Freund, der Jaguar, die meisten Kräfte zu haben scheint, auch wenn er Haut und Knochen ist, schlage ich vor, dass wir uns auf seinen Rücken setzen. Zumindest, bis wir uns ein wenig erholt haben.“

der Jaguar, der ein Schmuse-Kätzchen wurde

So reisten sie einige Tage lang auf dem Rücken des Jaguars. Am Anfang fühlten sie sich freilich ein bisschen unwohl. Der Jaguar, weil er von Natur aus scheu war, und die übrigen, weil sie im Grunde ihres Herzens besorgt waren, dass er seine Ernährungsgewohnheiten ändern und vom Vegetarier wieder zum Fleischfresser werden könnte. Mit der Zeit aber gewöhnten sie sich daran, dass er zarte Halme und Früchte fraß wie sie, und sie wurden ihm gegenüber mutiger.

Zuerst suchten sie einen passenden Namen für ihn. Modesta schlug Gelbling vor und Rina Blondie, wegen der Farbe seines Fells. Cosanova sagte, sie sollten ihn Fleck rufen, wegen der schwarzen Flecken, die seinen ganzen Körper bedeckten, während Michail von den Punkten, die sich in den schwarzen Kreisen befanden, inspiriert wurde und ihn Kreisauge nennen wollte, und nicht Schwarzauge, wie es die Papageiin logisch fand. Da allerdings bei jeder Abstimmung jeder für den von ihm erdachten Namen stimmte, erreichte keiner die Mehrheit und schließlich überließen sie es dem Jaguar, sich selbst zu taufen. Und so endete es dabei, dass sie ihn einfach Schecker nannten.

Um sich die Zeit zu vertreiben und einander besser kennen zu lernen, erzählten sie dann, von wo sie losgegangen und wie sie in der Baumhöhle gelandet waren, und baten ihn, ihnen seine Geschichte zu erzählen.

Wie er ihnen erklärte, hatte alles mit seiner gewaltsamen Entführung aus der Höhle seiner Mutter begonnen. Gerade als diese in den Dschungel gegangen war, um für ihn und seine zwei Geschwister Futter zu holen, streifte der Vater des Kindes mit der schrillen Stimme und der durchdringenden Trillerpfeife durch jene Gegend. Und da sie alle noch Babys waren und nicht gehen konnte, war es nicht schwer für ihn, sie am Nacken zu packen, alle drei in einen Sack zu werfen und schnell von dort fortzubringen, bevor es ihre Mutter bemerkte. Nach dem Sack steckte er sie dann in eine längliche dunkle Kiste mit ein paar winzigen Löchern, gerade groß genug, dass sie nicht erstickten. Aus dieser holte er sie bis zu der Stunde nicht mehr heraus, als er sie für immer trennte.

„Und du weißt nicht, was aus deinen Geschwistern geworden ist?“, fragte Michail.

„Nein“, antwortete Schecker. „Das einzig Sichere ist, dass sie an den verkauft wurden, der das meiste Geld bot. Und dabei müsst ihr wissen, dass wir eine der besten und liebevollsten Jaguarfamilien gewesen sind...“

„So richtige Kätzchen, nicht wahr, Schecker?“, hänselte ihn Modesta.

„Du nimmst mir das Wort aus dem Munde“, sagte er, ohne verletzt zu sein. „Siehst du, das war mein Schicksal. Mich von einem Jaguar in ein Schmuse-Kätzchen zu verwandeln.“

„Aber so etwas geht doch gar nicht!“

„Und wie so etwas geht. Es genügt, in den Händen dieses Kindes zu landen, als Weihnachtsgeschenk. Mit einer engen roten Masche um den Hals, die dich weder schlucken noch Luft holen lässt.“

„Aber das genügt doch sicher nicht...“, sagte Michail mit rauer Stimme.

„Nein, das allein genügt nicht“, stimmte Schecker zu. „Er hatte aber auch eine schreckliche Lederpeitsche, die die Luft zerschnitt und auf meiner Haut für Tage tiefe Wunden hinterließ. Oft schlug er mich, noch bevor er mir sagte, was ich tun sollte. Andere Male gab er mir einen Befehl, und wenn ich ihn ausgeführt hatte, bestand er darauf, dass ich es falsch gemacht hatte, um einen Vorwand zu haben, mich wieder zu schlagen. So lernte ich, mich auf Sofas und in Lehnsesseln zusammenzurollen, stundenlang reglos dazuliegen, so dass meine Kräfte schwanden, die mir die Natur freigiebig geschenkt hatte. Ich lernte auch, die Tage damit zu verbringen, mein Fell zu lecken und zu säubern, und so bildete ich meinen Raubtierinstinkt nicht aus, den ich von meinen Eltern geerbt hatte. Und schließlich lernte ich, meine Krallen an einem speziellen Holzstock bis auf ihre Wurzeln abzuwetzen, und so auf meine wirksamsten Waffen zu verzichten.“

„Du hättest sie aber beißen können, wenn du gewollt hättest!“, kreischte die Papageiin verstört.

„Was du nicht übst, verlernst du“, sagte der Jaguar schlicht. „Und mir warf man nicht einmal ein Knöchelchen hin. Meine einzige Nahrung war Katzenfutter aus der Dose. So wurden mit der Zeit mein Zahnfleisch weich und meine Zähne stumpf, so dass ich nicht mehr allein im Dschungel überleben konnte und zu Haut und Knochen abmagerte, als ich vor wenigen Tagen endlich die Gelegenheit fand, davonzulaufen...“

„Mach dir keine Sorgen", beruhigte Michail den Jaguar und streichelte ihm mit seinem Schwanz den Kopf. „Du wirst einfach alles von Anfang an neu lernen müssen. Im Übrigen wirst auch du jetzt, wo du deine Freiheit gefunden hast, eine Menge Dinge an dir neu entdecken.“

es geht bergab mit der Welt!

Auf Scheckers Rücken setzten sie noch einige Tage bequem ihre Reise fort. Unterwegs gelang es ihnen zwar, ihre geschundenen Körper auszuruhen, aber nicht, in ihren Geist und ihre Seele Frieden einkehren zu lassen.

Rina, die wieder den ganzen Tag hindurch schlief, träumte ständig das gleiche: Dass sie im heiß ersehnten Rio immer zu spät ankam, dann, wenn der berühmteste Karneval der Welt zu Ende war. Bei ihrer Ankunft hörte sie immer das gleiche letzte Lied, und während rund um sie die Lichter eins nach dem anderen ausgingen, spazierte sie einsam über die Hauptstraße, auf der vorher noch all die geschmückten Festwagen mit den Bands und den Tänzern vorübergefahren waren, und ihre Augen suchten nach ihren unsichtbaren Bewunderern.

Modesta wiederum reiste geistig in den Naturpark zurück, dorthin, wo die ganze Aufmerksamkeit der Touristen auf sie gerichtet war.

„Seht nur, wie weit es mit mir gekommen ist!“, murmelte sie alle paar Minuten und bastelte aus Blättern eine Abendrobe mit langer Schleppe, einen Hut mit breiter Krempe und ein Sonnenschirmchen, um ihre Nacktheit zu verbergen. „Wo ist nur mein alter Glanz geblieben? Meine Federn? Die Tausende von Blitzen, die meine bunten Federn wie Strass glitzern ließen? Wo sind die Bewunderung und die freudigen Ausrufe derer geblieben, die sich um mich scharten und mich anflehten, mich mit ihnen fotografieren zu lassen? Wehe! Von nun an werde ich mich nur mehr kostümiert zeigen. Und daran ist Rio schuld. Rio, das nur in der Fantasie von Rina, Michail und Cosanova existiert!“

Erinnerungen an die Vergangenheit quälten auch Michail. Nur hatten die nichts mit seinem eigenen Leben zu tun, sondern mit dem Leben der Tiere, die die Wilderer auf ihrem Schiff eingesperrt hatten. Er konnte ihr Leid nicht vergessen und fühlte sich immer schuldiger, dass er nichts unternommen hatte, um ihnen zu helfen.

„Ich hätte sie nicht so zurücklassen sollen“, flüsterte er beharrlich zu sich und entlauste seinen Körper mit Hilfe des Vergrößerungsglases. „Noch dazu, wo ich wusste, dass die Wilderer damit beschäftigt waren, nach dem Jaguar zu suchen! Trotzdem war ich feige und habe mich in einer Baumhöhle versteckt. Wenn ich aber an ihrer Stelle wäre, würde ich dann nicht darauf warten, dass mir irgendwer zu Hilfe kommt? Welche Schande! In schweren Zeiten zeigt sich unser Wert. Und ich bin im entscheidenden Augenblick davongelaufen!“

Was Cosanova betraf...hatte er, beeinflusst durch die zahllosen Stunden, die er auf dem Rücken des Jaguars verbrachte, das Aussehen der Raubkatze angenommen und lief mit gelblichem Rücken und schwarzen Kreisen und Punkten auf dem ganzen Körper herum. Und als sei das nicht genug, begann er irgendwann, sich an die anderen zu schmiegen, wie es der Jaguar gerne tat. Daraufhin verwirrten ihn seine verschiedenen Persönlichkeiten und er fand keine Ruhe.

Abgesehen von ihren persönlichen Problemen begann aber ein unbekanntes Gefühl die fünf Tiere von Tag zu Tag mehr zu verhexen: Die Einsamkeit, die ihre Herzen wie ein Schraubstock zusammenschnürte, solange sie den Urwald durchquerten.

„Das ist also die Freiheit?“, fragte Modesta einmal. „So zum Verzweifeln einsam?“

„Ich weiß nicht“, antwortete Michail. „Ich hab sie mir auch anders vorgestellt...“

„Jetzt einmal ernst. Erinnert sich einer an das letzte Mal, als wir irgendeinem Tier begegnet sind?“, fragte die Papageiin etwas später am selben Tag wieder und schüttelte zum x-ten Mal die Schleppe ihrer Abendrobe in der Luft aus.

„Das war...damals, als wir jene Käfer getroffen haben“, antwortete Schecker. „Könnt ihr euch erinnern, wie sie einer dicht hinter dem anderen gingen, wie ein Kreis ohne Ende?“

„Ich erinnere mich auch noch an das, was mich besonders beeindruckt hat“, ergänzte der Affe. „Dass sie die Wörter aneinander hängten und dauernd den gleichen Satz wiederholten:

Ichweißnichtichsahnichtichhörtenichtichsprechenicht. Als wären sie verrückt geworden.“

„Und seit damals?“, fragte Modesta

„Keine Seele“, sagten die anderen zugleich.

Diese unerklärliche Einsamkeit dauerte lange Zeit an. Der Dschungel selbst hatte sich freilich überhaupt nicht geändert. Der Boden unter ihren Füssen war noch, wie immer, schattig und bedeckt mit abgestorbenen Pflanzen in unterschiedlichsten Stadien der Verwesung. Die niedrigeren Pflanzen strebten wie auch anderswo nach einem besseren Platz nahe dem wenigen Licht, das durch das dichte Laub der Bäume drang. Und die riesigen Bäume wetteiferten darum, wer am nächsten an die Sonne herankäme. Das einzige, was fehlte, war die Gegenwart von Tieren, die anderswo solche Orte bewohnten.

Eine Antwort auf diese quälende Frage erhielten sie jedoch nicht einmal, als sie nach langer Zeit einen Fischschwarm buchstäblich auf dem Trockenen antrafen.

An jenem Tag hatten sie an einem kleinen Nebenfluss des Amazonas angehalten, damit der Jaguar, der dies von den Tieren am nötigsten hatte, seinen Durst löschen konnte. Und wie sie sich über das Wasser beugten, der eine, um sich zu erfrischen, der andere, um sich zu waschen, und Modesta, um ihre Abendrobe zu bewundern, erblickten sie hinter etwas Schilf ein Dutzend Fische, die etwa einen halben Meter über dem Wasser schwebten.

„He! Was ist los mit euch? Geht´s euch gut?“, rief ihnen Michail zu.

„Scheint dir, dass es uns gut geht?“, fragte einer von ihnen und ruderte mit seinen ungewöhnlich langen Brustflossen wie verrückt in der Luft herum.

„Kann ich euch dann fragen, was ihr außerhalb des Flusses macht“, fuhr Michail fort.

„Wir versuchen, den Fischottern, die uns jagen, zu entkommen“, antwortete der Fisch außer Atem und verlor langsam an Höhe.

„Und wie können wir euch helfen?“, fragte Michail nochmals, der wieder einmal wegen der Tiere, denen er zuvor nicht geholfen hatte, ein schlechtes Gewissen hatte.

„Nur ein Jaguar wie dein Freund kann die Otter verscheuchen“, antwortete ein anderer fliegender Fisch, der auch völlig erschöpft war von der Anstrengung, sich in der Luft zu halten.

„Aber meine Mama hat keine Zeit gehabt, mir schwimmen zu lernen“, antwortete Schecker entwaffnend.

„Ein Jaguar, der nicht schwimmen kann?“, rief ein dritter Fisch, der drauf und dran war zu ersticken, so lange war er schon außerhalb des Wassers. „Aus, es geht bergab mit der Welt!“

„Na gut, ich geh rein“, sagte er da. „Aber nur soweit ich stehen kann...“

Er stieg zögernd in den Fluss und platschte hier und da herum, so sehr, dass das sowieso schon schlammige Wasser noch trüber wurde.

„Genug!“, schrie bald der erste Fisch, der an der frischen Luft erstickte. „So, wie du dich anstellst, bietest du den Ottern die perfekte Deckung, damit sie uns überraschen können.“

„Und was soll ich sonst machen?“

„Ganz still stehen, damit du sie überraschst!“, antwortete der Fisch mit stockendem Atem.

„Ein Jaguar, der nicht jagen kann?“, wunderte sich ein vierter Fisch gleich daneben. „Vorbei, mit der Welt geht es wirklich bergab!“

„In Ordnung, ich hab verstanden“, sagte Schecker beschämt und blieb ganz still im Wasser stehen, bis sich der meiste Schlamm gesetzt hatte und er sich besser umsehen konnte. „Aber ich sehe keinen Fischotter!“, rief er bald.

„Ausgeschlossen“, sagte der erste Fisch, bevor er völlig erledigt in den Fluss fiel. „Ich weiß nicht, wie du das gemacht hast, aber da ist keine Spur von einem Otter in unserem Wasser! Du bist ja doch ein Könner!“

„Und wenn das nicht ich gemacht habe?“, fragte sich Schecker leise und stieg erleichtert an Land, während ihn die anderen wie einen echten Helden umjubelten.

von ihrem Land verjagt

In jener Nacht konnte Michail kein Auge schließen. Er dachte ständig an die fliegenden Fische und ihre Überraschung, als ihnen bewusst wurde, dass die Otter schon vor langem aufgehört hatten, nach ihnen zu jagen. Ihr unerklärliches Verschwinden, zusammen mit dem Fehlen aller übrigen Tiere in diesem Teil des Dschungels, reichte, um ihm den Schlaf zu rauben.

Sich von einer Seite auf die andere wälzend fragte er sich, wie es möglich war, dass in einem Dschungel, der einst vor Leben pulsiert hatte, nicht einmal das kleinste Zirpen, kein Schrei oder Brüllen zu hören war. Was war wohl mit einem ganzen Tierreich geschehen? War es von einer tödlichen Krankheit heimgesucht worden? Oder einer Naturkatastrophe? Und wenn ja, warum war ihnen selbst dann nichts geschehen?

„Ich fürchte, dass die Abwesenheit der Tiere auf diese schrecklichen Wilderer zurückzuführen ist“, sagte Michail früh am nächsten Morgen, während er, Rina, Modesta und Cosanova sich wieder fertig machten, auf Scheckers Schultern zu steigen. „Ich wette, dass sie sie alle gefangen haben, vom kleinsten bis zum größten!“

„Ich habe auch die Wilderer im Verdacht“, stimmte der Jaguar zu. „Aber nicht aus dem gleichen Grund. Die Frachträume ihres Schiffes waren zum Bersten voll. Aber selbst wenn sie leer wären, ist es unmöglich, dass so viele Tiere da hineinpassten.“

„Und warum sind dann alle verschwunden?“

„Ich fürchte, dass...ich an allem schuld bin!“

„Na, du hast ja eine hohe Meinung von dir!“, rief Modesta neben ihm aus, die dank der Abendtoilette, von der sie sich nicht trennte, begonnen hatte, wieder ganz die Alte zu sein. „Wir sind von deiner Gegenwart noch nicht völlig geblendet, weißt du.“

„Versteh mich nicht falsch“, antwortete er ihr da. „Ich wollte nur sagen, dass die Wilderer nicht aufhören werden, den ganzen Dschungel auf den Kopf zu stellen, bis sie mich wieder eingefangen haben. Siehst du, seit der Zeit, als meine Grundausbildung abgeschlossen war, war ich das Lieblingsspielzeug dieses verwöhnten Kindes. Wir haben zusammen Dompteur und wildes Tier gespielt. Wie man eben so sagt: Wir haben gespielt. Das Kind trug einen schwarzen Zylinder, ein auffälliges rotes Jackett mit goldenen, glänzend polierten Knöpfen und ein Paar Lederstiefel, und nachdem er irgendwelche Militärmärsche auf volle Lautstärke gedreht hatte, amüsierte er sich, indem er mich jeden Tag stundenlang tyrannisierte. Und nun frage ich dich: Glaubst du, dass ein so herrschsüchtiges Kind die Rebellion seines Spielzeuges hinnimmt?“

„Wahrscheinlich nicht“, musste Modesta zustimmen.

„Deshalb wird es auch niemals aufhören, nach mir zu suchen. Weder es noch sein Vater. Und meinetwegen werden sie Schrecken säen, wohin auch immer sie ihren Fuß setzen, und alle Tiere, die sich auf ihrem Weg befinden, zwingen, die Flucht zu ergreifen.“

„Falf!“, ertönte plötzlich ein gekünstelter Bariton.

Die fünf Freunde drehten sich überrascht um und erblickten einen Alligator, der mit langsamen Bewegungen aus einer Gruppe von Büschen hervortrat und zwei zierliche rote Flamingos auf seinem Rücken trug. Vom Erscheinen des riesigen Kriechtiers erschreckt, aber auch verwirrt durch den eigenartigen Anblick, den dieser mit den zwei Flamingos bot, machten sie keinen Schritt zurück.

„Ich heife Jofé Armando Ruif Fan Miguél“, stellt sich ihnen da der lispelnde Alligator vor, mit einem Lächeln, das sein zahnloses Maul in seiner ganzen Breite entblößte. „Aber meine Freunde rufen mich Pako. Und die auf meinem Rücken find Fran und Frank, meine Dolmedfer. He, Fran, Frank!“, rief er ihnen zu. „Fagt den Leutchen Hallo!“

„Ich heiße José Armando Ruiz San Miguél. Aber meine Freunde rufen mich Pako. Und die auf meinem Rücken sind Fran und Frank, meine Dolmetscher. He, Fran, Frank! Sagt den Leutchen Hallo!“, wiederholte Fran mit absoluter Genauigkeit.

„„Ich heiße José, aber man ruft mich Pako. Und...Hallo!“ verkürzte Frank die gleiche Botschaft.

„Ich muff mich bei euch entdfuldigen, wenn ich euch überrafft habe, aber ich muffte die Dinge inf rechte Licht rücken. Hört alfo, daff an der Abwefenheit der Tiere ein paar Menfen mit riefigen Mafinen fuld find, die allef auf ihrem Weg dem Erdboden gleichmachen. Und wenn ihr euren Weg fortfetft, lauft ihr ihnen geradewegf in die Arme!“

„Ich muss mich bei euch entschuldigen, wenn ich euch überrascht habe, aber ich musste die Dinge ins rechte Licht rücken. Hört also, dass an der Abwesenheit der Tiere ein paar Menschen mit riesigen Maschinen schuld sind, die alles auf ihrem Weg dem Erdboden gleichmachen. Und wenn ihr euren Weg fortsetzt, lauft ihr ihnen geradewegs in die Arme!“

„Au ja! Bravo! Bravo!“, rief Modesta da und applaudierte mit ihren Flügeln, noch bevor Frank ein Wort sagen konnte.

„Was hast du denn verstanden, dass du dich so aufführst?“, wunderte sich Michail.

„Ist das nicht sonnenklar?“, kreischte die Papageiin voller Freude. „Diese guten Menschen arbeiten an einem neuen Naturpark! Nur, dass er sehr viel größer, sehr viel moderner und sehr viel kosmopolitischer sein wird als der, den wir verlassen haben. Ist das nicht unglaublich? Nach all den Mühen und Plagen werden wir wieder wie Fürsten leben.“

„Wie Flüchtlinge, solltest du sagen“, verbesserte sie der Affe. „Denn falls du es nicht verstanden haben solltest, Modesta, das sind Pako, Fran und Frank. Flüchtlinge, von ihrem Land verjagt!“

„Fffft! Hört!“, sprach der Alligator wieder und zwang sie, auf einige entfernte Geräusche zu lauschen. „ Fie kommen. Gebt Acht. In höchftenf ein, zwei Wochen find fie da!“

„Sssst! Hört! Sie kommen. Gebt Acht. In höchstens ein, zwei Wochen sind sie da!“ wiederholte Fran exakt.

„Höchstens!“ sagte Frank mit Nachdruck.

Kaum schwieg er, wurden die entfernten Geräusch für alle hörbar. Da Michail, Rina, Modesta, Cosanova und Schecker aber nicht verstanden, was sie hörten, weil sie noch nie zuvor etwas Ähnliches gehört hatten, baten sie den Alligator und die zwei rosa Flamingos ihnen die Ursache der Geräusche zu erklären. So lernten sie, das Geräusch der Motorsägen, die Bäume durchschnitten, vom Lärm der Bagger, die in der Erde gruben, zu unterscheiden, und das Geräusch der Raupenketten eines Bulldozers vom Lärm der Pflugscharen.

Als erster und am meisten geriet das Chamäleon durch den Lärm der Bauarbeiten der Menschen in Panik. Es sprang vom Rücken des Jaguars, rannte wie verrückt in Achterschleifen um die anderen Tiere herum, bis es schwindlig auf dem Alligator landete, in der Umarmung der Flamingos. Und nachdem es auch rosa geworden war, wollte es wissen, was sie nun tun sollten.

„Wir können nichts tun als weiterzugehen!“, rief Modesta. „Was schaut ihr mich so groß an? Los, in schnellem Schritt. Eins-zwei, eins-zwei. Für ein besseres Morgen! Für einen wunderbaren neuen Naturpark. Mit doppelt so vielen Landestegen und dreimal so vielen Wegen. Mit superluxuriösen Hotels und Freiluftbühnen für Konzerte, Tanz und Modeschauen. Mit vielen Lichtern überall. Mit Profi-Fotografen hinter jedem Baum und Strauch!“

„Überstürzt du das nicht ein bisschen?“, bremste der Affe ihren Überschwang. „Vergisst du, dass wir zuerst abstimmen müssen? Und dass Rina dafür zuerst aufwachen muss?“

„Wenn es sein muss...“, murmelte die Papageiin.

So warteten sie ungeduldig darauf, bis die Sonne unterging und die Fröschin aufwachte. In der Zwischenzeit hörte der Lärm der Maschinen nicht auf, ihre Ohren zu martern, was den meisten unerträgliche Kopfschmerzen und Modesta ein unerhörtes Glücksgefühl bereitete. Und als es dunkel wurde und Rina wieder ihre knallroten Augen öffnete, stellten sich alle im Kreis auf um abzustimmen.

„Vorwärts natürlich!“, krähte Modesta ungeduldig.

„Ah ja, vorwärts natürlich!“, wiederholte der rosa Cosanova.

„Und ich fage tfurück“, sagte Pako.

„Und ich sage zurück“, wiederholte Fran.

„Und ich sage zurück“, wiederholte zum zweiten Mal Cosanova.

„Zurück“, sagte Frank trocken.

„Und ich habe mich verzählt“, beschwerte sich Modesta. „Wie viele haben nun für vorwärts und wie viele für zurück gestimmt? Und wie oft hat Cosanova gestimmt?“

Nachdem die Tiere die doppelte Stimmabgabe des Chamäleons, das sich um nichts in der Welt eine eigene Meinung bilden konnte, für ungültig erklärt hatten, wählten sie Michail zum Vorsitzenden der Stimmauszählungskommission und teilten sich in zwei Gruppen, je nachdem, wohin sie gehen wollten. Auf der einen Seite versammelten sich Pako, Fran und Frank, die so weit weg wie möglich von den Menschen mit ihren großen Maschinen gehen wollten. Auf der anderen Seite versammelten sich Modesta, Rina und Michael, die, jeder aus seinen eigenen Gründen, weiter gehen wollten. Zwischen ihnen, verwirrt und isoliert, blieb Cosanova. Und etwas weiter hinten, stumm und nachdenklich, Schecker.

„Deine Stimme ist die ausschlaggebende“, spornte Michail den Jaguar an. „Wofür stimmst du?“

„Ich dachte mir, für eine Rückkehr zu den Wilderern zu stimmen“, antwortete er zögernd. „Wenn ich mich ihnen ausliefere, dann haben sie keinen Grund mehr, hier an diesem Ort zu bleiben. Sie werden ihre Frachträume voller Tiere haben, und mich im Salon, das Haustier spielend. Und ihr, meine lieben Freunde, werdet endlich wirklich frei sein.“

„Schecker, es wäre gut, wenn du nicht darüber nachdenken würdest, wie du den anderen helfen kannst, indem du dir selbst etwas Schlechtes antust“, riet Michail ihm. „Finde besser einen Weg, wie du uns helfen kannst und gleichzeitig dir hilfst.“

„Und wie soll das gehen?“

„Das wirst du im richtigen Moment erkennen. Zuerst musst du aber an dich glauben. Bist du bereit, den wirklichen Jaguar, der in dir steckt, zu lieben?“

„Weiß ich denn, wer ich bin?“, wunderte sich Schecker. „Das einzige, was ich gelernt habe, als ich bei den Wilderern aufwuchs, war, verängstigt zu sein.“

„Dann beweise uns, dass du dich nicht mehr fürchtest. Und stimme dafür, dass wir vorwärts gehen. Bereit, dein bestes Ich zu geben.“

„Also gut“, sagte er und stimmte dafür, weiter zu gehen, ungeduldig, dass sich ihm eine Gelegenheit bieten würde, sie alle in Erstaunen zu versetzen.

wir leisten Widerstand

Nach der letzten Abstimmung setzten die acht Tiere ihren einsamen Weg noch eine Woche lang fort, Rina, Modesta und Michail auf dem Rücken des Jaguars, und die zwei Flamingos und Cosanova auf dem Rücken des Alligators. Und als sie sich am Ende des siebten Tages dem Rand des Urwaldes näherten und das katastrophale Werk der Menschen sahen, wurden ihre Herzen vor Trauer ganz schwer.

Vor ihnen breitete sich auf einer Fläche, die sich von dem einen Amazonasufer bis zum Horizont, dort, wo die Sonne unterging, erstreckte, die Erde ohne die geringste Spur von Vegetation aus. An Stelle der Bäume waren hohe, grelle Scheinwerfer aus dem Boden geschossen, die die Nacht zum Tag machten und es Menschen und Maschinen erlaubten, ohne Pause zu arbeiten, vierundzwanzig Stunden am Tag. Arbeiter mit harten Arbeitshelmen, Masken und Schutzbrillen liefen überall herum wie fleißige Ameisen, während riesige Bagger, Kräne, Lastwagen und Sattelschlepper ununterbrochen kamen und gingen und bei jeder Fahrt die sowieso schon geschundene Erde noch mehr verletzten.

„Ich würde es nicht glauben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen sähe“, murmelte Michail und sah dichte Staub- und Rauchwolken hier und dort wie giftige Pilze aufsteigen.

„Haft du dich jetft davon übertfeugt, daff ef eine flechte Idee war, vorwärtf tfu gehen?“, fragte ihn Pako, der den Boden wegen der Baumaschinen unter seinen Füssen zittern spürte.

Der Affe war schon bereit, seinen Fehler zuzugeben und die Tiere zu einer neuen Abstimmung aufzufordern, als ein winziges Insekt auf seine Nasenspitze sprang und so seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

„He, Mann! Sucht ihr ein Haus?“, rief er ihm zu. „Will sagen: Sucht ihr vielleicht nach einer guten Investition?“

„Wer bist denn du?“, wunderte sich Michail, der bei dem Versuch, auf seine Nasenspitze zu gucken, schielte.

„Ich bin Jerry Terramit!“, antwortete das Insekt in geschwollenem Tonfall. „Aus der bekannten Familie der Termiten. Und die hier“, deutete er auf drei weitere Termiten, die gerade ihren Platz neben ihm einnahmen, „sind meine Kumpel: Perry, seine Freundin Sherry und meine Verlobte Mary. Und dort drüben, zwischen den Beinen deiner Gefährten, sind noch weitere zehntausend Termiten verstreut.“

„Schön, und was genau seid ihr?“, fragte Michail und untersuchte die vier Termiten mit Hilfe seines Vergrößerungsglases. „Makler?“

„Makler?“ Jerry lachte los, wobei er Perry, Sherry und Mary mit seinem Gekicher ansteckte. „Warum nicht gar Hochstapler!“

„Nein, Telefonverkabler!“

„Nein, Holzschnabler!“

„Nein, Erdkrabbler!“, antworteten sie nacheinander.

„Und was macht ihr dann noch da?“

„Wir leisten Widerstand!“, schrie Jerry mit Leidenschaft. „Wir, die wir dir kein Vertrauen einflößen, sind die letzten unserer Art. Was sage ich da? Die letzten jedweder Art. Einst lebten hier tausende Tierarten. Manche in Kolonien, manche in umherziehenden Herden, manche in Paaren und wieder andere für sich allein. Alle aber hatten ihren Platz in diesem Dschungel hier gefunden. Bis die Landräuber mit ihren Werkzeugen und Maschinen kamen und sie eins nach dem anderen vertrieben. So sind wir alleine zurückgeblieben, um uns das Land, das uns gehört, zurückzuholen. Und dabei ist es uns noch schlechter als allen anderen ergangen. Denn wir dachten, dass wir Holzfresser sogar in einem gerodeten Urwald irgendetwas zu fressen finden würden. Und sei es auch nur ein hinuntergefallenes Rindenstückchen oder ein paar Sägespäne. Bis uns bewusst wurde, dass diese Menschen aber auch gar nichts übrig lassen. So sind wir hier in die Falle gegangen, ohne Futter oder Fluchtweg. Bis ihr gekommen seid!“

„Und was können wir für euch tun?“, wunderte sich Michail.

„Ihr könnt uns auf die gegenüberliegende Seite des Flusses bringen, dorthin, wo die Natur von den Menschen noch unberührt ist. Was meinst du? Werdet ihr uns diesen kleinen Dienst erweisen?“

„Ja“, antwortete dieser sogleich, getrieben von seinen Schuldgefühlen wegen der Tiere, die er ohne Hilfe in den Frachträumen des Wildererschiffes zurückgelassen hatte.

„Und wie soll das funktionieren?“, fragte Cosanova, sobald der Affe seine Freunde über die Bitte der Termiten informierte. „Hast du vielleicht vergessen, was uns beinahe passiert wäre, als wir das letzte Mal einen sehr viel kleineren Fluss überquert haben?“, fragte er und betrachtete mit Furcht die Entfernung, die die beiden Ufer des Amazonas voneinander trennte.

„Nein“, sagte der Affe, der niemals ihr Abenteuer auf dem Rücken der Schlange mit dem starken Mundgeruch würde vergessen können. Aber ich bin sicher, dass wir uns etwas ausdenken werden...“

„Denkt nur daran, was euch auf der anderen Seite erwartet!“, sagte Jerry hastig und hüpfte wie ein Floh von der Nase des Affen auf die Stirn des Chamäleons. „Ich rede nicht nur von einem einfachen Fünf-Stern-Hotel, sondern von einem Millionen-Sterne-Hotel! Stellt euch nur vor, wie es sein wird, wenn ihr wieder den Nachthimmel seht, ohne dass euch die Lichter und Scheinwerfer der Menschen blenden. Und was das Futter betrifft -“

„Was? Wird es auch pikante gekochte Garnelen geben?“, fragte Cosanova begeistert. „Gibt es vielleicht auch Pescatrice mit Kapern?“

„Ich kann jedenfalls nicht schwimmen“, sagte Schecker und machte vorsichtig einen Schritt auf die Seite, um nicht auf einen Verwandten von Jerry zu treten.

„Ich glaube auch nicht, dass ich das schaffen kann“, sagte auch Rina, die nur in seichten Tümpeln zu plantschen gewöhnt war.

„Dann brauchen wir also ein Transportmittel, das uns alle trägt...“, überlegte Michail.

„Du!“, wandte sich Jerry jäh an Modesta. „Du eignest dich ausgezeichnet dafür. Du kannst uns nicht nur tragen, sondern auch mit uns abheben. Wie viele von uns passen wohl auf deine Flügel? So wie du mir aussiehst, würde ich sagen, zumindest eintausend!“

„Brausend!“, schrie Perry.

„Sausend!“, ergänzte Sherry.

„Schmausend!“, fügte Mary hinzu.

„Seid ihr völlig verrückt geworden?“, kreischte die Papageiin und schlang die Schleppe ihrer Abendrobe wie einen Umhang um ihren Körper. „Das könnt ihr vergessen. Alles hat seine Grenzen!“

„Dann ihr da“, wandte sich Jerry verzweifelt an die rosa Flamingos. „Und da ihr zwei seid, werdet ihr uns im Nu hinüberfliegen.“

„Nein, nein, nein!“, sagten Fran und Frank zugleich und schlangen ihre Hälse umeinander.

„Alfo gut, ich bring euch alle hinüber“, bot sich Pako an und schleppte seinen voluminösen Körper ans Ufer. „Ef wird Ftunden dauern, aber ich glaube, wir werden ef faffen.“

„Hervorragend!“, rief Jerry, noch bevor die beiden Flamingos die Worte des zahnlosen Alligators wiederholen konnten. „Habt ihr das gehört, Brüder?“, fragte er dann seine Verwandten. Was sagt ihr also? Werden wir es schaffen?“

„Ja!“, schrieen die.

„Und warum werden wir es schaffen?“

„Weil wir Sieger sind!“, sagten die meisten.

„Krieger!“, sagten die übrigen.

„Los, Marsch!“, gab Jerry da das Signal und befehligte eine ganze Armee von begeisterten Termiten, Pakos Spur zu folgen.

So war wenig später alles bereit für die erste gefährliche Überfahrt. Dreitausend Termiten, alles Frauen und Kinder, waren auf den Rücken des Alligators geklettert und nachdem sie sich mit ihren Kiefern an der ledrigen Haut des Kriechtieres festgeklammert hatten, warteten sie auf das Signal zum Start.

Doch während Jerry bereit war, das Signal zu geben, und Pako vor der ersten Überfahrt noch einmal tief Luft holte, ließ ein schrecklicher Schrei aus Michails Richtung allen das Blut in den Adern gerinnen und stoppte abrupt ihre Abreise.

der Köder

„Das gibt es nicht! Wir müssen verflucht sein!“, schrie Modesta, als auch sie das Schiff der Wilderer erblickte, welches plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war, um auf dem Amazonas wie ein Geist herumzuspuken.

Dunkel und wegen seines kaputten Schaufelrads langsam, hatte der schon fast zum Wrack gewordene Flussdampfer Schwierigkeiten, die notwendigen Manöver auszuführen, um an einem der Landestege, die der Versorgung der Arbeiter dienten, anzulegen. Sein kaputter Schornstein spuckte kranke weiße Rauchwölkchen aus, während die gealterten Motoren wie die Lungen eines jahrelangen Rauchers ächzten. Doch selbst in diesem Zustand genügte seine Gegenwart, um den Tieren kalte Schauer über den Rücken zu jagen. Die, die wussten, was der Schiffsbauch barg, wollten nicht glauben, dass sie es schon wieder vor sich sahen. Die, die es aber zum ersten Mal sahen, waren von seinem Aussehen schockiert. Und als aus den Lautsprechern auf dem Deck der erste Militärmarsch zu hören war, wusste kein Tier, was es sagen und wie es reagieren sollte.

„Na bitte. Ein Kunststück kommt selten allein!“, sagte schließlich die Papageiin.

„Und wenn es auch ein Unglück wäre, Modesta, jetzt ist es gekommen“, verbesserte sie der Affe, der der Meinung war, dass sich ihm eine unverhoffte zweite Chance bot, den eingesperrten Tieren zu helfen. „Aber was ist mit dir los, dass du wieder die Worte verwechselst?“

„Was weiß ich. Auf alle Fälle werde ich meine Kleider verkehrt herum anziehen. Nur so, damit mich nicht der böse Blick trifft“, sagte sie und schlüpfte schnell aus der Abendrobe mit der langen Schleppe, um sie mit der Innenseite nach außen wieder anzuziehen.

Ich weiß, was mir ihr los ist, dachte der Affe, der verblüfft den ehemals gerupften Körper der Papageiin von glänzenden, neuen Federn bedeckt sah. Jetzt, wo sie wieder schön ist, hat sie wieder zu spinnen begonnen.

Sie selbst, die es in letzter Zeit gewohnt war, sich nicht zu betrachten, bemerkte ihre Verwandlung nicht. Erst als sie sah, wie die anderen sie anstarrten, bemerkte sie, dass etwas an ihr anders war. Und als sie sich von oben bis unten musterte, stieß sie einen nie dagewesenen Schrei aus und schleuderte demonstrativ die Abendrobe weit von sich.

Im gleichen Moment zog, zu Modestas großer Enttäuschung, eine weitere Aufregung die Blicke der anderen von ihr ab und sie wandten sich dem Flussufer zu. Pako, der in der Zwischenzeit die dreitausend Termiten gebeten hatte, von seinem Rücken zu steigen, war außer Rand und Band und peitschte mit seinem Schwanz das Flusswasser.

„Ich will nicht Jofé Armando Ruif Fan Miguél heifen, wenn daf nicht daf Fiff von denen ift, die mir die Tfähne getfogen haben!“

„Aber wie ist das möglich?“, fragte Michail, bevor Fran und Frank zu Wort kamen und sich in einem Labyrinth von Wiederholungen verloren. „Hast du uns nicht gesagt, dass du ein Flüchtling bist?“

„Flüchtling vor den Landräubern. Aber vorher haben mir die Wilderer die Tfähne aufgeflagen!“, erklärte Pako, und hörte plötzlich damit auf, ins Wasser zu schlagen. „Werden wilde Tiere tfahm? Werden fie nicht. Und weil fie mit der Peitfe nichtf erreicht haben, haben fie eine Tfange genommen und mir alle Tfähne aufgeriffen. Nur daff fie“, er riss sein Maul auf, „wieder nachwachfen. Daff ift daf Gute an unf Alligatoren!“

„Und ich dachte, du bist bloß alt und hässlich!“, sagte Modesta und drehte sich einmal um sich selbst, als wäre sie auf einer Modeschau. „Was ich sagen will, ist, dass ich verstehe, dass man hässlich wird, wenn die Jahre vergehen. Das ist unvermeidlich. Die Zeit hinterlässt bei uns allen ihre Spuren. Sie zieht und zerrt an uns, bis wir ausgeleiert sind. Aber wenn jemand schon als Junger hässlich wird? Vor seiner Zeit? Und durch jemandes anderen Schuld? Nein! Das ist un-ent-schuld-bar!“

„Un-ent-schuld-bar!“, wiederholte auch das rosa Chamäleon.

„Deshalb darf das Verbrechen, dem Alligator die Zähne ausgerissen zu haben, auch nicht ungestraft bleiben!“ Die Papageiin hob noch mehr ihre Stimme. „Wenn es ein Verbrechen ist, wenn sie einen aus seiner Heimat reißen, dann ist es ein doppeltes Verbrechen, wenn man einem die Zähne ausreißt.“

„Verbrechen! Verbrechen!“, sekundierte Cosanova.

„Ich weiß nicht wie, aber wir müssen diesen Menschen eine Lektion erteilen! Eine Lektion, die sie ihr ganzes Leben nicht vergessen werden. Stimmt ihr zu?“

„Wir stimmen zu!“, sagte das Chamäleon wieder.

„Ah, und noch etwas!“, sagte Modesta, die es sehr persönlich nahm, dass dem Alligator die Zähne gezogen worden waren. „Hat jemand von uns jemals irgendein anderes Tier gequält? Ich glaube nicht. Und doch haben wir alle jemanden Schöneren, Schnelleren, Stärkeren als wir es sind, beneidet. Ist es nicht so? Ich allen voran, das gebe ich zu! Denkt ihr, ich war nicht neidig auf den großen orangen Schnabel eines Tukan? Auf die zwei Meter langen Beine des Storches? Den aerodynamischen Flug eines Seeadlers? Aber ich habe nie einen Schnabel da und ein Bein dort ausgerissen, ganz nach Lust und Laune. Einfach, weil diese Verhaltensweise nicht meiner Natur entspricht. Da ist nichts zu machen. Nur die Menschen können auf diese Art quälen. Deshalb sage ich euch noch einmal: Diesem Verbrechen gebührt die härteste Strafe.“

„Strafe! Strafe!“, rief noch einmal Cosanova.

„Und jetzt ruft mit mir zusammen: Es lebe die äußere Erscheinung!“

„Sie lebe hoch!“, jubelte Cosanova allen voran.

„Sie lebe hoch!“, schrieen auch die anderen Tiere begeistert.

„Es lebe die Schönheit! Es lebe Modesta!“

„Hoch sollen sie leben!“

„Hoch sollen sie leben!“

Die feurige Rede der Papageiin tat allen Tieren gut. Nach allem, was sie durchgemacht hatten, hatten sie es nötig, sich für etwas zu begeistern und von Herzen zu jubeln. Kaum verhallten jedoch die Hochrufe, erkannten sie, dass die Zeit für gewisse schwierige Entscheidungen gekommen war.

Als erstes mussten sie Cosanovas Problem angehen, der seine Meinungen und Ansichten genauso leicht wie sein Aussehen änderte. Welchen Standpunkt würde er wohl einnehmen, wenn er mit einem Menschen in Kontakt käme? Würde er den Tieren treu bleiben oder sie verraten?

Bei der nun folgenden Vertrauensabstimmung bekam das Chamäleon alles in allem zwei Stimmen. Eine von Modesta, als Gegenleistung für die enthusiastische Unterstützung, die er ihr soeben gewährt hatte, und eine von ihm selbst, da er tat, was sie tat. Alle anderen Stimmen, zehntausendundvier von der Familie Terramit, und je eine von Michail, Rina, Schecker, Pako, Fran und Frank, wurden gegen ihn abgegeben.

Danach mussten sie entscheiden, was sie mit ihm tun sollten. Die Fröschin war dafür, ihn in Pakos Maul sperren, bis sie mit den Menschen fertig waren. Der Affe dagegen war der Meinung, ihn auf seinen Rücken zu binden, damit er sich nicht völlig ausgestoßen fühlte.

Nach einer weiteren Stimmengleichheit hing Cosanovas Schicksal von den winzigen Lippen des Jerry Terramit ab.

„Was wollen wir?“, fragte der Anführer der Termiten seine Familie. „Ihn bestrafen, weil ihn die Natur so geschaffen hat? Denn das geschieht, wenn wir ihn in das Maul des Alligators sperren.“

„Nein!“, riefen die meisten Termiten.

„Stimmenthaltung!“, rief eine Minderheit.

„Gut. Lasst ihn uns also auf den Rücken des Affen binden“, beendete Jerry die Sache. „Und lasst uns hoffen, dass Michail Cosanova und nicht Cosanova Michail beeinflusst.“

Nachdem dieses Problem also gelöst war, mussten die Tiere eine Art finden, wie sie die Wilderer bestrafen und gleichzeitig alle Tiere befreien konnten, die im Bauch deren Schiffes gefangen waren. Auch dafür bot Jerry die Lösung. Da das Schiff der Wilderer aus Holz gemacht war, würden er und seine Familie es übernehmen, es aufzufressen. Er versprach ihnen sogar, wenn sie erst an dem alten Schiff zu nagen begännen, dann würde bis zum anderen Morgen kein einziges Brett mehr auf dem Fluss schwimmen, da sie seit Tagen keinen Bissen mehr gegessen hatten.

„Moment mal! Und warum fresst ihr das Schiff nicht, nachdem wir hinübergefahren sind?“, fragte der Affe plötzlich.

„Und wer von uns soll einen ganzen Flussdampfer steuern?“, wollte Rina wissen und rieb sich die Augen, die von dem grellen Licht der Baustelle gereizt waren.

„Ich!“, antwortete Michail. „Wozu habe ich denn bei jedem Besuch auf den Stegen des Naturparks die Abzeichen von den Schultern der besten Kapitäne des Amazonas bekommen? Was hab ich nicht für Manöver gelernt...“

„Von wegen kannst du!“, kreischte die Papageiin. „Kannst du mir sagen, wie du einen skrupellosen Wilderer dazu zwingen willst, dir das Steuer zu überlassen? Hast du vor, ihn mit deinen Tanzfiguren schwindlig zu machen, oder hoffst du etwa, an sein Ehrgefühl zu appellieren?“

„Das müsst ihr nur mir überlassen!“, rief Schecker, der lange geschwiegen hatte, dazwischen. „Suchen sie nicht die ganze Zeit nach mir? Na also, es wird genügen, wenn sie mich wieder vor sich sehen, damit sie alles liegen und stehen lassen, um mir nachzujagen. Dann braucht ihr nichts zu tun, als das verlassene Schiff zu entern und ohne die geringste Verzögerung zum anderen Ufer aufzubrechen.“

„Und du machst uns zuliebe den Köder?“, fragte Michail.

„Ich muss. Um zu lernen, von nun an ohne Angst zu leben. Wie ein richtiger Jaguar...“

„Wenn das so ist...“

„Und noch etwas“, ergänzte Schecker, bevor er sich zum Schiff der Wilderer aufmachte. „Versprecht mir, dass ihr nicht zurückschauen werdet. Eure ganze Reise lang. Kein einziges Mal. Habt ihr gehört: Was auch immer passiert. Ihr müsst völlig auf das, was ihr tut, konzentriert bleiben. Denn das ist nicht wenig. Ihr müsst sicher den Fluss überqueren, die gefangenen Tiere befreien und das Schiff vernichten. Besonders ihr Termiten dürft kein Stückchen Holz übrig lassen! In Ordnung? Dieses Schiff darf keine Reise mehr machen. Auf dass eure Reise eine Reise in die Freiheit wird!“, sagte er, streckte seine Beine zum Sprung, ließ das Dunkel der Nacht hinter sich und rannte auf das grelle Licht der Scheinwerfer zu.

einmal sie und einmal wir

Um sich dem Schiff der Wilderer zu nähern, musste der Jaguar zuerst die Rodung überqueren, die die Landräuber in den Dschungel geschlagen hatten. Das war der kürzeste Weg. Aber nicht der einfachste, da der Ort überfüllt war mit vielbeschäftigten Arbeitern, die von einigen grimmigen Aufsehern mit eisigen Augen und ausdruckslosen Gesichtern wie Zerberusse überwacht wurden. Außerdem machten ganze Kolonnen von Baggern, Bulldozern, Kränen und Lastwagen ununterbrochen ihre Fahrten durch das Gebiet als patrouillierten sie mit militärischer Disziplin auf der Baustelle.

Trotzdem bemerkte niemand Schecker. Er war schnell wie ein Pfeil und schaffte es, mit kurzen Sprüngen von Versteck zu Versteck zu laufen, mal unter einem stehenden Fahrzeug, mal hinter einem Gesträuch, das die Arbeiter zu fällen vergessen hatten, Zuflucht zu finden, bis er sicher an sein Ziel kam.

Kaum aber zeichnete sich seine Gestalt auf dem Steg ab, um die Wilderer zu provozieren, ihn zu jagen, überlief seine Gefährten ein Schauer. Und als der Militärmarsch, der aus den Lautsprechern des Schiffes zu hören gewesen war, zu spielen aufhörte, als hätte eine Hand das Kabel mit Gewalt aus der Steckdose gezogen, und wieder der schauerliche Ton der Trillerpfeife des unbarmherzigen Kindes ertönte, senkten die Tiere ihren Blick, als glaubten sie nicht, dass Scheckers Abenteuer ein gutes Ende nehmen würde.

Der einzige, der weiter hinsah, war Michail. Mit einem Kloß im Hals sah er den Jaguar eine plötzliche Kehrtwendung machen und mit seiner ganzen Kraft auf die Rodung zurücklaufen. Zur gleichen Zeit kamen die Wilderer vom Schiff gestolpert. Da sie aus dem Schlaf aufgestört worden waren, trugen sie nichts als weiße Unterhemden und Unterhosen, die sie wie die Karikaturen von Gespenstern aussehen ließen. Sie waren alle sehr dick, hatten riesige Bäuche, die bei jeder Bewegung wie Pudding wackelten, und fleischige Arme, die wie Gelee schwabbelten. Ungekämmt und schlecht gelaunt versuchten sie noch ihre Stiefel zuzuschnüren, während sie die Leiter des Schiffes hinunterstiegen, weshalb sie übereinander stolperten und einander in fehlerlosem Französisch Schimpfworte an den Kopf warfen.

Wenn auch ihre Erscheinung und allgemeines Verhalten nicht dazu angetan waren, Schrecken zu verbreiten, so war doch ihre Bewaffnung mehr als furchterregend. Jeder von ihnen trug ein Gewehr mit langem Lauf und Präzisionszielfernrohr und eine scharfe Machete, die im Licht der Scheinwerfer aufblitzten. Zwei von ihnen trugen auf ihren breiten haarigen Schultern einen Stahlkäfig, der offensichtlich für Schecker bestimmt war. Und auf dem Käfig saß wie ein kleiner Kaiser das herrschsüchtige Kind, seine Lederpeitsche in der Luft schwingend.

Dieses grausame Bild zwang Michail dazu, sich vor Angst zusammenzukauern. Da das Terrain zwischen dem Jaguar und den Wilderern offen und sehr gut beleuchtet war, war die Wahrscheinlichkeit, dass ihn keiner von ihnen treffen würde, wirklich äußerst gering. Tot oder lebendig, Schecker schien dazu verurteilt, ihnen in die Hände zu fallen. Aus diesem Grund schloss sogar der sonst so optimistische Affe die Augen und wartete mit angehaltenem Atem auf den schicksalhaften Schuss aus den Waffen der Wilderer.

„Also, was passiert?“, fragte irgendwann Modesta, die eins von den ersten Tieren gewesen war, das die Augen geschlossen hatte.

„Was glaubst du denn, das passiert? Siehst du nicht?“, fragte nun wiederum Rina, ohne dass auch sie es wagte, in Richtung der Rodung zu schauen.

„Psss! Sie bereiten sich darauf vor, auf Schecker zu schießen“, flüsterte Michail.

„Und worauf warten wir? Lasst uns auf sie schießen!“, kreischte die Papageiin. „Einmal sie und einmal wir! Wie es ihnen gebührt.“

„Aber was sollen wir denn auf sie schießen?“, wunderte sich Cosanova.

„Verwünschungen natürlich! Was sonst?“

„Wie bitte?“

„Dass sie von den Scheinwerfern erblinden sollen! So wie mich alle diese Lichter blenden!“, rief Rina aus und machte blindlings einen Sprung hoch in die Luft.

„Und dass ihnen die Unterhosen hinunterrutschen sollen, so wie mir die Federn ausgefallen sind!“, fügte die Papageiin hinzu, einen verstohlenen Blick in ihre Richtung werfend. „Damit sie sich in ihnen verwickeln und stolpern und der Länge nach hinfallen!“

„Und daff ihnen die Kugeln auf den Gewehrläufen fallen, wie auf meinem Maul die Tfähne heraufgefallen find!“, ergänzte der zahnlose Alligator. „Damit fie nie wieder ihr Tfiel treffen!“

Die Augen fest geschlossen, begannen da die Tiere die Wilderer zu verfluchen, indem sie rhythmisch die Verwünschungen Rinas, Modestas und Pakos nachsprachen. Und als die Zeit verging und sie keinen Schuss hörten, fassten sie wieder Mut und glaubten, dass ihre Worte angefangen hatten, Wirkung zu zeigen.

Doch was war in Wirklichkeit geschehen?

Was geschehen war, wie Michail schließlich feststellte, sobald er die Augen öffnete, hatte nichts mit ihren Verwünschungen zu tun, sondern mit dem unglaublichen Mut Scheckers. Denn bei seinem Versuch, die Wilderer weit von ihrem Schiff wegzulocken, war er ohne jede Deckung zwischen den Arbeitern hindurchgelaufen, wodurch er Panik auf der Baustelle ausgelöst hatte. Und weil diese noch nie zuvor eine so große Raubkatze aus der Nähe gesehen hatten, begannen sie nach links und rechts auseinander zu laufen und boten somit dem Jaguar die perfekte Deckung für seinen Körper.

„Los! Macht die Augen auf!“, schrie da der Affe, der sah, wie die Wilderer die Waffen senkten, ihre Unterhosen über den Nabel zogen und verärgert Schecker folgten. „Unser Freund hat seine Pflicht getan. Jetzt sind wir an der Reihe!“

Anweisungen an die Matrosen

Beim ersten Sturm auf den Flussdampfer der Wilderer herrschte wilde Begeisterung. Da die Tiere nicht gut untereinander abgesprochen waren, stürmten die einen schneller, die anderen langsamer los, jedes seinen Kräften entsprechend, und in der Folge waren sie in der Hälfte des Weges so verstreut, als ob sie in einen Taifun geraten wären.

Im darauf folgenden Durcheinander behielt nur Michail seine Ruhe. Nach links und nach rechts laufend, um seine ratlosen Gefährten einzusammeln, setzte er dann dem Chaos des Angriffs ein Ende. Und nachdem er sich als Anführer an ihre Spitze gesetzt hatte, führte er sie durch die verschlungenen Binsen und das Schilfrohr der Flussufers bis zum Steg, der friedlich dalag.

Dort erwartete sie eine angenehme Überraschung. In der Eile bei ihrer Jagd auf Schecker hatten die Wilderer beim Verlassen des Schiffes vergessen, die Leiter hinaufzuziehen!

„Zögert nicht!“, schrie der Affe begeistert. „Steigt schnell alle hinauf! Das Schiff ist zur Abfahrt bereit!“

„Und Schecker?“, fragte Rina und drehte sich um, um mit ihren Blicken den mutigen Jaguar zu suchen.

„Halt ihn in deinem Herzen fest“, riet er ihr und schubste sie Richtung Deck. „Halte aber auch das Versprechen, das du ihm gegeben hast, nicht zurückzuschauen. Denn nur so bleibst du ganz auf deine Pflicht konzentriert.“

„Und was kann ich tun?“ Die kleinwüchsige Fröschin glotzte ihn an.

„Das, was auch die Menschen tun!“, antwortete Michail kurz, und wartetet ungeduldig, dass auch die letzte Termite an Bord kam, damit sie so schnell wie möglich in See stechen konnten.

„Warte mal!“, krächzte da die Papageiin. „Hast du es nicht abgelehnt, die Menschen nachzumachen? Was ist los mit dir, dass du plötzlich deine Meinung geändert hast?“

„Ich habe viel erlebt und viel gelernt, Modesta! Hast du nicht gesehen, wie organisiert und tüchtig die Arbeiter sind? Eben, und damit wir genauso tüchtig sind, müssen wir uns sofort in Teams aufteilen. Nur so werden wir den Fluss überqueren, die Tiere befreien und dieses verfluchte Schiff zerstören. Hast du das jetzt verstanden?“

„Hab ich, natürlich“, sagte Modesta schadenfroh, die dachte, dass sie einen Wettkampf, der schon seit dem Naturpark andauerte, gewonnen hatte. „Ich habe verstanden, dass auch du ein Imitator der Menschen geworden bist!“

„Das wäre ich, wenn ich die Natur zerstören würde“, verbesserte sie Michail, der gleichzeitig zur großen Befriedigung seiner Gefährten die Leiter vom Schiff warf. „Doch das einzige, was ich zerstören will, ist dieses Gefängnisschiff.“

„Schon gut...schon gut...“, murmelte die Papageiin, bevor sie gekränkt auf den schiefen Schornstein des Schiffes flog.

„Los!“, rief danach der Affe, der keine wertvolle Zeit mehr verlieren wollte. „Was sagt ihr? Stimmt ihr mir alle zu?“

„Ja“, riefen sie alle einstimmig.

Als allererste begannen sodann die Termiten mit der Arbeit. Hungrig wie sie waren, stürzten sie sich auf die Taue, die das Schiff an den Steg banden und nagten die dicken Seile mit ihren scharfen Kiefern durch. Zur gleichen Zeit schlug Michail am Bug seine Schlacht, um den schweren Anker vom Grund des Flusses einzuholen. Er gab sein Bestes und schaffte es schließlich, ihn aus den Wurzeln der im Wasser stehenden Bäume zu befreien und an Deck zu ziehen. Cosanova die ganze Zeit auf seinen Rücken gebunden, stürmte er dann in den Maschinenraum, wo ihn zwei riesige Heizkessel erwarteten, die schon nach Kohlen lechzten. Inzwischen hatten Fran und Frank überall nach einer starken Zange zu suchen begonnen, mit der der Affe die Ketten durchtrennen wollte, die die anderen Tiere in den Frachträumen gefangen hielten. Währenddessen ging Rina tückisch in Richtung Heck, um weiter nach Schecker Ausschau zu halten – trotz Michails gegensätzlicher Meinung. Angesichts dieser weltbewegenden Ereignisse konnte nicht einmal Modesta ungerührt bleiben. Ihren Trotz beiseite schiebend flog sie mit aller Kraft gegen den schiefen Schornstein und richtete ihn gerade in dem Augenblick auf, als die ersten schwarzen Wölkchen aus ihm kamen.

Und während die Papageiin wie betrunken und mit vom Zusammenstoß mit dem Schornstein brummendem Schädel über den Köpfen ihrer Gefährten torkelte, warf der Affe ein Zündholz ins Ofenloch und schoss wie ein Pfeil zur Kapitänsbrücke, wo er das Steuerrad wie ein alter Seebär ergriff. Das ganze Schiff erbebte beim Anfahren. Scheiben begannen zu klirren, Scharnieren zu quietschen, Bretter zu knarren. Noch schauerlicher aber klangen die versperrten Falltüren, die vibrierten, als trommelten von innen die Geister der Tiere dagegen, die im Inneren dieses Schiffes spukten.

„Alles okay bis jetzt?“, fragte Michail Cosanova, sobald der alte Flussdampfer endlich ein bisschen Geschwindigkeit erreichte und den Anlegeplatz der Arbeiter hinter sich ließ.

„Ja und nein“, war die Antwort des Chamäleons.

„Geht das schon wieder los?“ Der Affe wurde wütend.

„Du hast mich nicht verstanden, Michail. Ich bin nicht mehr unentschlossen. Ja habe ich für uns geantwortet. Und nein für Pako, den ich nicht mehr zu Gesicht bekommen habe, seitdem wir auf den Steg gekommen sind. Meinst du, wir haben ihn im Durcheinander dort vergessen?“

„Wie soll ich das wissen?“, sagte Michail und verlor keine Zeit, mit Cosanova ins Freie zu springen, um den vielgeplagten Alligator zu suchen.

Wo auch immer und soviel sie auch suchten, sie fanden keine Spur von Pako. Aber sie trafen überall Mitglieder der Familie Terramit. Noch immer gefräßig, als hätten sie nicht vorhin die dicken Taue gefressen, hatten sich die Termiten bis in jeden Winkel des Schiffes ausgebreitet, vom Bug bis zum Heck und vom Dach der Brücke bis zum Kiel des Schiffes, und fraßen unersättlich das Holz, aus dem der Flussdampfer gemacht war, ohne an die Folgen ihres Tuns zu denken.

„Himmel!“, sagte Michail, alarmiert von dem Anblick der gierigen Termiten. „Wenn wir nicht rasch eine Durchsage machen, sehe ich schwarz für uns. Wir werden untergehen!“

„Ich stimme zu und erhöhe!“, sagte Cosanova, dessen Augen verzückt in der Nacht leuchteten. „Wir müssen nicht nur eine, sondern zwei Durchsagen machen, Michail! Eine für die Termiten und eine für Pako. Was meinst du? Lässt du sie mich ausrufen? Tust du mir diesen Gefallen? Ich möchte mich so gerne auch bei irgendetwas nützlich machen. Ich verspreche, dich nicht zu enttäuschen. Aber was sage ich da? Ich verspreche dir, dass ich dich wirklich überraschen werde!“

„In Ordnung, in Ordnung!“, gab Michail schließlich seine Einwilligung, sobald

sie wieder zurück auf der Brücke waren, nachdem ihm das Chamäleon mit seinen Bitten die Ohren vollgeredet hatte. „Von nun an ernenne ich dich zum Kommunikationsbeauftragten. Pass nur auf, dass du dein neues Amt nicht missbrauchst. Einverstanden?“, warnte er ihn, während er ihn von seinem Rücken losmachte, um ihn an das Mikrophon zu binden.

„Das schwöre ich dir!“, antwortete Cosanova außer sich vor Begeisterung. „Du musst kein Wort mehr sagen. Kein einziges. Du warst äußerst deutlich und absolut verständlich. Ich muss auf meine Pflicht konzentriert bleiben, richtig? Wir haben ja so viel zu tun. Den Fluss überqueren, die Tiere befreien und das Schiff vernichten. Eins, zwei, drei. Siehst du, wie ich alles weiß? Siehst du, wie nützlich es war, dass ich auf deinen Rücken gebunden war? Siehst du –“

„Ich sehe es, ich sehe es!“, sagte Michail resigniert.

„So, nachdem du es siehst, hör jetzt“, fuhr das Chamäleon gut gelaunt fort, und nachdem es gehüstelt hatte, um seine Stimmbänder zu lockern, rief er auf die offiziellste Art und Weise den Passagier Juan Armando José Ruiz San Miguél auf, sich dringendst auf der Brücke einzufinden, und die Familie Terramit, sofort damit aufzuhören, die unter dem Wasserspiegel liegenden Teile des Schiffs aufzufressen.

Aber Cosanovas ständige Durchsagen, die von den Lautsprechern des Schiffes übertragen wurden, hatten keinerlei Erfolg. Nach einiger Zeit wurde Pako immer noch vermisst und die Termiten fraßen weiterhin mit ihren Beißwerkzeugen Löcher in das ganze Schiff. Anscheinend war die einzige Möglichkeit, sie davon abzuhalten, dass sie das Oberhaupt der Familie dazu zwang. Und damit das geschah, musste Jerry gefunden werden, der ebenso verschwunden war wie Pako.

„Pass auf, Unseliger!“, sagte Michail und öffnete die Türe, um sich noch einmal zu einem Rundgang über das Schiff aufzumachen. „Wenn du anfängst, deinen Unsinn zu erzählen, dann kannst du was von mir erleben!“

„Ich?“, fragten da Modesta, Rina, Fran und Frank der Reihe nach und fielen wie Dominosteine durch die halb geöffnete Türe.

„Aber... was macht ihr denn hier?“, wollte der Affe wissen, sobald er sich von der ersten Überraschung erholt hatte.

„Verstehst du nicht...“ Frank stockte und schlang aufgeregt seinen langen Hals um den seiner Gefährtin, die nicht sicher auf ihren Beinen zu stehen schien, da ihre Knie alle paar Sekunden nach hinten einknickten.

„Was verstehe ich hier eigentlich nicht? Dass ihr vor Angst zittert, dass wir womöglich untergehen? Aber ihr, Fran und Modesta, seid Vögel! Ihr müsst nur eure Flügel ausbreiten, um euch zu retten!“

„Nein, Michail. Du verstehst wirklich nicht!“, kreischte Modesta und flog nervös um eine Glühbirne, die in der Mitte des Raumes hing. „Wir haben keine Angst um uns, sondern...“

„Um wen? Um Rina?“

„Nein, nein, auch nicht um mich!“, antwortete die und sprang wie eine Feder auf den unordentlichen Schreibtisch des Kapitäns, von wo aus sie begann, eine Menge Notizbücher auf den Boden zu werfen.

„Aber...“, stammelte Michail, der Modesta und Frank dabei zusah, wie sie den Papierwust, der sich unten ansammelte, mit ihren Schnäbeln zerrissen und die Papierfetzchen genau in der Mitte des Raumes zu einem Hügel anordneten. „Sagt mir endlich einer von euch, was ihr macht?“

„Ein Nest!“, antwortete Rina gerade, als sich Fran auf die zerkleinerten Papierstücke setzte und einen Seufzer der Erleichterung ausstieß. „Denn wir haben eine Geburt!“

„Welche...Freude!“, sagte der Affe schwach und sah erstaunt, wie Fran sich anspannte, die Farbe wechselte und von rosa zuerst dunkelrot und dann purpurfarben wurde, aus Ohren und Nasenlöchern Dampf ausstieß, bis sie es schließlich schaffte, vor aller Augen ein großes schneeweißes Ei zu legen.

Unter anderen Umständen hätte eine so unerwartete Geburt den Tieren Anlass zu einem rauschenden Fest geboten. Ihre Freude wurde aber durch die schwierige Lage, in der sie sich befanden, gedämpft. Plötzlich waren ihre Köpfe nahe daran, vor Sorge zu platzen. Zum ersten Mal in ihrem Leben befanden sie sich in der Notlage, allein ein ganzes Schiff steuern zu müssen. Und als wäre das noch nicht genug, fuhren die Termiten fort, ihr Schiff auf See aufzufressen, anstatt sich zurückzuhalten, bis sie an ihrem Ziel anlangten. Außerdem hatten sie noch keinen Weg gefunden, die in den Frachträumen eingesperrten Tiere zu befreien, während sie jetzt auch noch einen Passagier zu umsorgen hatten, der noch nicht einmal aus seinem Ei geschlüpft war!

„Also?“, fragte Cosanova mit Mühe, da seine Zunge von den vielen Durchsagen trocken geworden war. „Was tun wir?“

„Ich muss dringend Jerry finden“, sagte Michail. „Und unbedingt noch mehr Kohlen in die Kessel werfen. Umso schneller wir auf der anderen Seite ankommen, desto besser für alle.“

„Und wer übernimmt derweil das Kommando über das Schiff?“, fragten Rina, Modesta, Fran und Frank.

„Ihr!“, antwortete der Affe.

„Wir?“

„Es gibt niemand anderen. Darum seht zu, dass ihr gut zusammenarbeitet. Schnell! Spitzt eure Ohren, denn es folgen die Anweisungen an die Matrosen: Frank, Rina und Modesta ans Steuerrad. Cosanova ans Mikrophon. Und Fran auf ihr Ei!“, sagte Michail im Telegrammstil und rannte dann so schnell er konnte zum Maschinenraum, in der Hoffnung, dass seine Worte befolgt würden.

von den Ställen in die Salons

Nachdem er im Maschinenraum einen kurzen Halt gemacht hatte, um die Kessel mit weiteren Kohlen zu füttern, machte sich der Affe auf die Suche nach Jerry und seinen drei Kumpanen. Doch es war gar nicht leicht, sie aufzustöbern. Vier Termiten auf einem Flussdampfer zu suchen war wie vier Nadeln auf einem Heuboden zu suchen. Seine Aufgabe wurde noch dadurch erschwert, dass die übrigen Terramits eine Unmenge Löcher ins Deck gebohrt hatten, manche klein wie Nadelköpfe, manche groß wie Brunnen, die ihn dazu zwangen, hier- und dorthin zu springen und mit Mühe auf den Zehenspitzen zu landen, als würde er auf einem Emmentaler Ballett tanzen.

Bei einem solchen Sprung wurde plötzlich das Unterste zu oberst gekehrt. Um einem länglichen Loch in Form einer Badewanne auszuweichen, sprang er ohne nachzudenken auf den Deckel einer Falltür, an deren Rahmen seit einer ganzen Weile ungefähr Hundert Termiten knabberten. Auf einmal spürte Michail den Boden unter seinen Füssen nachgeben, schwebte für Bruchteile einer Sekunde in der Luft und fiel dann schwer wie ein Stein in undurchdringliche Dunkelheit.

„Au!“, schrie er, als er mit einem Krach auf dem Boden landete.

„Bist du okay?“

„Lebst du noch?“

„Gibt es noch mehr zu fressen da unten?“, hörte er benommen die Termiten von oben fragen, während Trümmer und Späne von der zersplitterten Falltür weiterhin auf ihn herabfielen.

„Ich bin in Ordnung...“, murmelte der zerschundene Affe, ohne es zu wagen, sich zu rühren. „Nur, dass ich hier drinnen nicht mal meine Nasenspitze sehen kann!“

„Warum? Ist sie weg?“, fragten neben ihm dünne Stimmen im Chor.

In diesem Moment erleuchtete ein Schwarm Glühwürmchen, gefangen in einem leeren, verstaubten Aquarium, mit dutzenden zitternden Lichtern ihr gläsernes Gefängnis. Das aber, was das fahle Licht der winzigen Insekten enthüllte, war noch schlimmer als die schrecklichste Dunkelheit. Denn der Raum, in dem sich Michail befand, war nichts anderes als einer der glitschigen Frachträume der Wilderer. Um ihn herum befanden sich dutzende Arten von Urwaldtieren, mit Stricken angebunden oder in abgenützte Holzkäfige gesperrt, von denen ihn die meisten stumm und kalt anblickten, als seien sie bereits gestorben.

„Willkommen in den Ställen, Genosse aus den Salons!“, sagten die Glühwürmchen und schalteten plötzlich ihr Licht aus, wodurch sie den modrigen Frachtraum wieder in Dunkelheit hüllten.

„Moment mal...“, wollte der protestieren.

„Gewöhn dich dran, denn das ist unser Leben“, sagten wieder die Glühwürmchen. „Stumm, dunkel und für immer!“

„Darum braucht ihr ein bisschen Mitgefühl!“, platzte eine bekannte Stimme in die eisige Stille, die niemandem anderen als Jerry Terramit gehören konnte.

„Und ein bisschen Seifenspül!“, sagten Perry, Sherry und Mary gleichzeitig. „Bei so einem Dreck, wie da herunten herrscht...“

Manchmal, sogar in einem Gefängnis, hören sich gute Reime besser an als eine gute Feile, dachte Michail erleichtert, indem er sich seinen eigenen Reim schmiedete. Und ohne eine Minute zu verlieren, rief er die vier Insekten zu sich, um ihnen die Gefahr zu erklären, in der sie wegen des großen Appetits ihrer Verwandten schwebten.

„Aber ja. Glaubst du, ich habe nicht versucht, die Familie zur Ordnung zu rufen?“, antwortete Jerry verstimmt. „Aber du kennst ja Familien...“

„Jeder macht, was er glaubt“, erklärte Perry.

„Was er raubt“, ergänzte Sherry.

„Was er taugt“, sagte Mary.

„Dann musst du es noch einmal versuchen!“ Michail blieb hartnäckig. Gleich darauf bat er alle vier, in sein Ohr zu schlüpfen, damit er sie auf der Stelle auf die Brücke bringen konnte, von wo aus Jerry durch das Mikrophon seinen zehntausend Verwandten befehlen konnte, die im Wasser liegenden Teile des Schiffes unberührt zu lassen und einzig und allein die Frachträume zu verspeisen, in denen die anderen Tiere gefangen gehalten wurden. „Zum Wohle aller. Auch zu eurem!“

„Na gut“, sagte Jerry und schlüpfte schnell in das Ohr des Affen. „Lassen wir den Worten Taten folgen, wie schon Homer sagte“, verblüffte er Michail mit seinem Wissen, das er von einer Gruppe griechischer Archäologen erworben hatte, die einmal auf der Suche nach dem verschwundenen Atlantis bis zum Amazonas gekommen waren.

„Wie du sagst, Kumpel!“, stimmte Perry zu, der keinen Schimmer von Altgriechisch, Geschichte oder Geographie hatte.

„Zu deinen Diensten, mio generale!“ salutierte Sherry, die viele Jahre, bevor die Landräuber gekommen waren, einige Brocken Italienisch von einer Gruppe italienischer Touristen, die sich in ihre Gegend verlaufen hatten, aufgeschnappt hatte.

„Und auf...zum Finale!“, begeisterte sich Mary einfach.

„Da sind wir wieder!“, sagte Michail etwas später, als er auf die Brücke zurückkam, schweißgebadet von der Anstrengung, aus dem dunklen Frachtraum hinauszuklettern. „Wie steht´s? Sind wir bald da?“

„Sag besser, wir sind bald auf dem Grund des Flusses!“, kreischte Modesta, als das Schiff sich gefährlich nach links zu neigen begann, offenbar wegen eines neuen Spalts im Schiffsbauch, den die gefräßigen Termiten verursacht hatten.

Weil der Flussdampfer Gefahr lief, umzukippen, und Frank, Rina und Modesta nicht in der Lage waren, ihn wieder aufzurichten, musste Michail sie, zugegebenermaßen ein bisschen grob, zur Seite schieben und selbst das Steuer in die Hand nehmen. Nicht, dass einer von den dreien auf seinem Posten bleiben wollte. Im Gegenteil! Solange sie am Steuer gewesen waren, hatten sie die größten Schwierigkeiten gehabt. Rina und Modesta, weil sie ständig um nichts und wieder nichts stritten, und Frank, weil er in Gedanken ausschließlich bei dem frisch gelegten Ei war. Als sie nun von der unerträglichen Pflicht befreit waren, verzog sich jeder in eine Ecke, den gleichen Abstand zu den anderen haltend. Frank lief an Frans Seite, Modesta schlüpfte in einen offenstehenden Schrank, in dem der Kapitän seine Getränke aufbewahrt hatte, und Rina kroch unter eine Kommode, die bei jeder plötzlichen Schieflage des Schiffes gefährlich auf- und zuging.

Der einzige, der versuchte, sich dem Affen zu widersetzen, als dieser Jerry aus seinem Ohr nahm und ihn auf das Mikrophon setzen wollte, war Cosanova.

Er peitschte mit seinem Schwanz die Luft, schrie herum, weinte, flehte, drohte und beschimpfte Michail wie noch nie zuvor.

Aber selbst als der Affe gezwungen war, ihn wie eine Salami an das Kabel der Glühbirne zu binden, die in der Mitte des Raumes hing, drehte er sich weiterhin um die eigene Achse und wand sich wie ein Verrückter, bis er plötzlich erschöpft verkehrt hängen blieb, lahm von der Anstrengung und mit heraushängender Zunge.

In der Pause, die nun folgte, erklomm Jerry das Mikrophon und sprach mit unmissverständlichen Worten zu seinen Verwandten, indem er anführte, dass sie die Pflicht hatten, zuerst die gefangenen Tiere zu befreien, bevor sie sich die Bäuche voll schlugen. So vermittelte er seinen Gefährten schlicht und einfach die Botschaft, die er wollte. Und nachdem er sie ein paar Mal wiederholt hatte, übergab er wieder Michail das Mirophon.

„Wird das wirken?“, fragte ihn dieser und versuchte, so gut er konnte, den Dampfer zu steuern, der durch das viele Wasser, das er aufgenommen hatte, in seiner Lenkbarkeit noch störrischer geworden war als ein Maultier.

„Wir sind Termiten! Wir haben Ehrgefühl!“, antwortete Jerry, sich seiner selbst und seiner Familie sicher.

Und wirklich, so geschah es. Eine nach der anderen unterbrachen insgesamt zehntausend Termiten ihre Mahlzeit und klappten ihre Kinnladen zu, und der alte Flussdampfer hörte auf, seltsam zu knirschen und von einer Seite auf die andere zu schwanken.

Michail richtete schnell das Steuer gerade, brachte so das Schiff zur Besinnung und steuerte wieder das gegenüberliegende Ufer an, wobei er hoffte, dass sie dort sicher ankämen, bevor das schwer gewordene Schiff seinen Spalten erlag, die ihm die Termiten zugefügt hatten.

Die Wiederherstellung der Ordnung innerhalb und außerhalb der Kommandobrücke gab den Tieren neuen Mut. Fran und Frank ließen sich sogleich neben ihrem schneeweißen Ei nieder und begannen, es zärtlich mit ihren Schnäbeln zu reiben, wobei sie ihm fröhliche Kinderreime vorsangen. Nachdem Rina sich von der gefährlichen Kommode entfernt und ein wenig den Raum erforscht hatte, hüpfte sie dann mit leichten kleinen Sprüngen zu den beiden rosa Flamingos und setzte sich neben sie. Dort gab sie ihr Bestes, um auch die Worte der Kinderlieder zu erlernen, da sie es nicht erwarten konnte, selber Mutter zu werden wie Fran. Modesta schließlich flog so stürmisch aus dem Schrank mit den alkoholischen Getränken in Richtung der halboffenen Türe, dass sie alle Flaschen des Kapitäns zerbrach und nur Scherben zurückließ.

Es vergingen keine zwei Minuten, da kam die Papageiin mit angehaltenem Atem zurück. Nervös mit den Flügeln flatternd und ohne ein Wort herauszubekommen, zeigte sie auf die Türe und forderte damit alle auf, hinauszukommen.

„Was willst du denn jetzt, Modesta?“, fragte Michail.

„Schwarze Schwärze hat sich herabgesenkt...“, stammelte diese mit Mühe.

„Ja, Modesta, kohlrabenschwarze. Wo es doch noch Nacht ist. Und die Nächte sind meistens schwarz.“

„Überall, Michail?“

„Sicher.“

„Sogar auf der...Baustelle?“

„Aber was willst du denn, bitte schön?“ Der Affe wurde wütend. „Haben wir nicht abgemacht, nicht mehr zurückzuschauen?“

„Aber ich wollte nicht zurückschauen! Ich wollte einen Blick nach vorne werfen, ans andere Ufer! Nur dass ich mich vertan habe, so stockdunkel wie beide Ufer jetzt sind! Und ich frage dich: Wie können wir sicher sein, ob wir nach vorne oder nach hinten fahren, wenn sich das eine Ufer in nichts vom anderen unterscheidet?“

„Ausgeschlossen!“, rief Michail und ließ das Steuer los, um hinauszulaufen und mit eigenen Augen zu sehen, wie die Dinge standen.

Der Anblick, der sich ihm bot, sobald er auf die oberste Stufe trat, war wahrhaftig seltsam. Dort, wo er gedacht hatte, dass er die grellen Scheinwerfer der Arbeiter sehen würde, herrschte völlige Dunkelheit. Aber auch am gegenüberliegenden Ufer, dort, wo er gedacht hatte, dass sie hinfuhren, breitete sich ebenfalls tiefste Nacht aus. Was war wohl geschehen? Wie konnte eine ganze Baustelle in der Dunkelheit versinken?

„Und?“, fragte Modesta

„Ich weiß nicht...“

„Doch, du musst es wissen! Ich verlange, dass du weißt, was wir jetzt tun sollen. Es geht nicht, dass du uns in solche Abenteuer verwickelst und dann nicht weißt, wie du uns wieder herausbringst! Hörst du?“ Sie blieb hartnäckig wie in den guten alten Zeiten, ganz die aufbrausende Papageiin.

Aber bevor ihr der Affe noch antworten konnte, warf ein ohrenbetäubender Knall das Schiff wie durch eine Flutwelle von der einen Seite auf die andere.

„Was ist los? Gehen wir unter?“, fragte Frank von drinnen und bedeckte mit seinen Flügeln beschützend das große weiße Ei von Fran.

„Ich weiß nicht...“, antwortete Michail zum zweiten Mal und dann blieb ihm der Mund offen beim neuen, unerwarteten Anblick, der sich ihm bot.

Genau ihm gegenüber begannen die Holzwände des Großen Salons heftig zu beben und von innen drang ein schreckliches Grollen. Je mehr der Lärm anschwoll, desto heftiger wurde das Beben, bis sich die Bretter einzeln zu bewegen begannen, wie die Tasten eines riesigen Klaviers.

„Was ist das?“, fragte Modesta zitternd. „Ein Erdbeben?“

„Ich weiß nicht...“, sagte Michail, dem die Erklärungen ausgingen, zum dritten Mal.

Und während die beiden sprachlos beobachteten, wie der Salon von oben bis unten vibrierte, erfolgte ein zweites erschütterndes Krachen, das das Schiff erneut durchrüttelte. Plötzlich barst die erste Wand des Salons und Staub- und Spänewolken erhoben sich in die Luft. Und bevor sich der Staub auf die Trümmer senken konnte, stürzten nacheinander die zweite, dritte und vierte Wand ein und rissen dabei die Decke mit sich.

Aus den Trümmern, die einst ihr Gefängnis gewesen waren, strömten gleich darauf alle nur erdenklichen Tiere aufs Deck und erzeugten ein unglaubliches Chaos. Weichtiere, Gliederfüßer, Amphibien, Kriechtiere und Säugetiere krochen, krabbelten, rutschten, liefen und sprangen hier- und dorthin, das erste Mal seit langem ihre Freiheit genießend. Gleichzeitig flogen Schwärme von Vögeln, die vor Freude fast bis zu den Sternen kamen, über den Köpfen von Michail und Modesta.

„Willkommen zurück aus den Ställen in den Salons!“, rief der Affe begeistert, der an den Willkommensgruß der winzigen Glühwürmchen dachte, als er in den Frachtraum gefallen war.

„Land in Sicht!“, war im gleichen Moment Rina von der Brücke zu hören.

„Land?“, wiederholte Modesta einigermaßen ungläubig.

„Ja, Land! Land! Land!“, schrieen Fischreiher, Adler, Eulen, Kolibris und Papageie, sowie Tapire, Schmetterlinge, Taranteln, Libellen und Glühwürmchen durcheinander, worauf ein verrücktes Freudenfest losging, das andauerte, bis das Schiff in den seichten Gewässern des Flusses auflief.

Die Tiere gingen dann dem Plan des Affen folgend an Land, der bestimmte, dass alle Vögel und Säugetiere, die schwimmen konnten, jene Tiere an Land brachten, die alleine schon in einem Löffel Wasser ertrinken würden. Und nachdem alle an Land waren, beschlossen sie, Waffenstillstand bis zum Sonnenaufgang zu schließen, so dass sie, Jäger und Beutetiere zusammen, die unverhoffte Freiheit feiern konnten.

Das Fest erreichte kurz darauf seinen Höhepunkt, als das von den Termiten halbzernagte Schiff vor den erstaunten Augen aller auseinander zu fallen begann. Jedes Mal, wenn ein weiteres Stück aus dem Schiffsbauch mit einem lauten Platschen in den Amazonas fiel, umarmten die einzelnen Tiere einander und tanzten, als hätten sie noch nie zuvor in ihrem Leben eine solche Freude erlebt. Und erst als die letzte Termite von den Überresten stieg und nur wenige vereinzelte Bretter, die am Flussufer dümpelten, übrig waren, beschlossen die Tiere, in Frieden auseinander zu gehen und jeder seinen Weg ins Innere des unberührten Dschungels einzuschlagen.

eine neue Morgendämmerung

Nicht mehr lange und es würde wieder Tag werden. Erschöpft von ihrem Abenteuer standen Michail, Rina, Modesta, Cosanova, Fran und Frank still am Ufer des Amazonas-Stromes und starrten wie hypnotisiert auf das Ufer, das sie zurückgelassen hatten.

„Denkt ihr, was ich denke?“, fragte Michail irgendwann.

„Ich weiß nicht“, sagte Frank und schlang seinen langen Hals um den von Fran. „Ich jedenfalls frage mich, in was für einem Dschungel mein Sohn – oder meine Tochter – aufwachsen wird.“

„Und ich denke wiederum etwas anderes“, antwortete Cosanova und fischte schnell einen lädierten Lautsprecher, der zwischen ein paar Schilfrohren herumschwamm, aus dem Wasser. „Ich überlege, ob ich mir mit diesem Lautsprecher und dem Mikrophon, das ich beim Sinken des Schiffes gerettet habe, wohl ein eigenes Kommunikationssystem im Dschungel aufbauen kann. Könnt ihr euch vorstellen, wie weit ich zu hören sein werde, wenn es mir gelingt, sie wieder in Betrieb zu nehmen?“

„Und Schecker? Und Pako? An sie denkt niemand?“, fragte der Affe. „Wenn sie für uns ihr Leben gelassen haben, so ist das Mindeste, was wir tun können, eine Schweigeminute zu ihrem Gedächtnis einzulegen.“

Plötzlich verloren alle ihre gute Laune. In der Stille, die nun folgte, war nur ihr schwaches, trauriges Herzklopfen zu hören.

Und da machte Rina plötzlich einen hohen Salto in die Luft und rief: „Dort! Dort! Seht nur dort!“

„He, was ist los mit dir?“, fragte Modesta, die sah, wie der Bauch der Fröschin wie ein chinesischer Lampion aufleuchtete, jedes Mal wenn sie ihre Beine wieder auf den Boden setzte.

Statt ihr zu antworten, hüpfte diese aber weiterhin auf und ab, wobei sie immer wieder aufglühte, und rief: „Da, bitte! Seht dorthin! Dorthin, sage ich euch!“

Und sowohl wegen des unerklärlichen Anblicks ihres rhythmischen Aufleuchtens als auch wegen der letzten tiefen Dunkelheit der Nacht konnten die anderen Tiere das, was Rina ihnen zeigte, nicht sehen. Genau in diesem Augenblick wurde vom anderen Ufer aus wieder eine Leuchtrakete abgeschossen. Und in den wenigen Minuten, in denen das weiße Licht am Himmel blieb, konnten die Tiere endlich das, was ihnen die Fröschin mit solcher Beharrlichkeit gezeigt hatte, sehen: Wie Schecker, der nicht schwimmen konnte, auf Pakos dickhäutigem unebenen Rücken furchtlos auf dem Amazonas surfte!

Als sie ihre beiden Gefährten wieder erblickten, brachen die Tiere in neuerlichen Jubel aus. Aber dieser Freudentaumel dauerte nicht lange. Knapp bevor die Leuchtrakete im Wasser des Flusses erlosch, sahen Michail, Modesta, Cosanova, Fran und Frank mit Schrecken die Wilderer auf den verlassenen Landesteg laufen, sich hilflos nach ihrem Schiff umsehen, und dann, blind vor Wut, ihre ausgeleierten Unterhosen bis fast zu den Achseln ziehen und ihre Gewehre mit den langen Läufen laden.

Plötzlich schien alles, was sie an diesem Abend geschafft hatten, völlig vergebens gewesen zu sein. Die Besetzung des Wildererschiffes, die abenteuerliche Überquerung des Amazonas, die Befreiung der gefangenen Tiere und das Versenken des Dampfers ähnelten einem trügerischen Traum, aus dem sie auf die schlimmste Art und Weise erwacht waren.

„Und? Hat niemand eine Idee, wie wir ihnen helfen können?“, fragte Michail aufgeregt. „Los! Sagt irgendetwas! Und schnell noch dazu! Wenn wir nichts unternehmen, bevor die Wilderer die nächste Leuchtrakete anzünden, dann werden die beiden ein unrühmliches Ende nehmen.“

„Überlasst das nur uns!“, sagte Frank da und rollte vorsichtig das große weiße Ei bis vor die Füße der Fröschin. „Wir sind bereit zur Tat. Nur muss Rina während unserer Abwesenheit auf unseren Sohn – oder unsere Tochter – aufpassen. Und ihm – oder ihr – ein paar Liedchen vorsingen...“

„Und da fragst du noch?“, sagte die Fröschin und strahlte sowohl vor Freude als auch wegen des seltsamen Lichtes, das in ihrem Bauch schien.

Da trippelten Fran und Frank auf ihren zierlichen Beinen bis ans Flussufer, wo sie ihre Flügel in ihrer ganzen Spanne öffneten, um wie Pfeile in die Lüfte abzuheben.

„Aber was wollen sie denn nur tun? Lufttransport spielen?“, wunderte sich Modesta. „Sind sie nun völlig übergeschnappt, bloß weil sie ein Ei gelegt haben? Wo wir doch alle wissen, dass es keinen Vogel auf der Welt gibt, der einen Jaguar aufheben kann. Und schon gar keinen Alligator wie Pako!“

Ihre Antwort erhielt sie, sobald zwei weitere Leuchtraketen am Himmel aufflammten. In perfektem Gleichklang wie sie waren, schnappten die rosa Flamingos mit ihren Krallen je eine Rakete in der Luft, und noch bevor die Wilderer auf Schecker und Pako schießen konnten, schossen sie kopfüber in die Tiefe und löschten die Raketen im Wasser des Amazonas.

Auf diese Weise patrouillierten Fran und Frank am Himmel und fingen erfolgreich alle Leuchtraketen der Wilderer ab, bis der Jaguar und der Alligator sicher an ihrem Ziel anlangten. Das Willkommen, das ihnen Michail, Rina, Modesta und Cosanova bereiteten, war ohne seinesgleichen. Als sie dann noch von Pako erfuhren, dass er die allgemeine Finsternis auf der Baustelle verursacht hatte, indem er mit seinen neuen scharfen Zähnchen das Hauptkabel, das alle Scheinwerfer mit Strom versorgt hatte, durchgekaut hatte, da waren ihre Tänze und Lieder bis in die entfernteste Ecke der endlosen Baustelle zu hören.

„Seht ihr nun?“, rief Michail irgendwann. „Dieses Fest steht Rio um nichts nach!“

„Was ist Rio?“, fragte Pako, der diesen Namen noch nie in seinem Leben gehört hatte.

„Was Rio ist?“, schrie Cosanova in sein Mikrophon, das noch tropfte und natürlich nicht funktionierte. „Rio, mein Freund, ist die Stadt mit dem berühmtesten Karneval der Welt! Rio nimmt dir den Atem und raubt dir die Sprache! Es ist ein Regenbogen aus Farben! Ein nicht endender Fluss von Glücksgefühlen! Ein ununterbrochener rhythmischer Herzschlag! Rio ist –„

„Eine Lüge!“, unterbrach ihn Rina da. „Rio, Pako, gibt es nicht!“

„Gibt es doch!“, beharrte das Chamäleon.

„Nein, gibt es nicht“, blieb diese stur.

„Ist das so wichtig?“, fragte der Affe da. „Das wahre Rio ist kein exzentrischer Karneval, der, falls es ihn gibt, einmal im Jahr für die Augen der Welt veranstaltet wird. Das wahre Rio ist das alltägliche Fest, das unsere Herzen erleuchtet. Es ist das Licht, Pako, das nur wir beide sehen können. Verstehst du jetzt?“

„Genau dazu habe ich eine Frage...“, sagte nun Modesta, die voller Neugier in der Luft um die winzige Fröschin kreiste. „Wird mir endlich irgendwer erklären, was für ein Zauberlicht das ist, das alle paar Sekunden in Rinas Bauch an- und ausgeht?“

„Das kann ich dir sagen“, antwortete diese bereitwillig. „Im Chaos beim Verlassen des Schiffes, während es begann, sich in seine Einzelteile aufzulösen, habe ich unabsichtlich eine Taschenlampe verschluckt, die...mir im Magen liegt! Das ist alles. Ich habe das nicht gewollt, aber...Was meint ihr? Steht es mir?“

„Und da fragst du noch, Rina? Deine Suche könnte kein besseres Ende haben!“, sagte Michail, während die beiden rosa Flamingos neben der Fröschin und ihrem weißen Ei landeten. „Du hast diese weite Reise begonnen, weil du ein Star werden wolltest. Und sei es auch nur für einen Abend. Erinnerst du dich? Ein richtiger Star! Und heute Nacht hast du bei jedem zweiten Sprung die Chance, für kurze Zeit hoch in die Luft zu fliegen und in der Dunkelheit zu leuchten wie ein strahlender Stern! Ist das nicht großartig?“

„Meinst du?“, fragte Rina, und nachdem sie Modesta bedeutungsvoll zugezwinkert hatte, machte sie mit einem einfachen Hüpfer den Traum ihres Lebens zur Wirklichkeit.

ENDE

Phedon Konstantinidis

www.aboutphedon.com

aboutphedon@gmail.com

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