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Am Tag, als der Frieden nach Verden kam Web-Dokumentation von Martin Drichel zum Vortrag von Andrea Lutter über das Kriegsende bzw. die Befreiung Verdens durch britische Soldaten am 17. April 1945.

Diese Web-Doku enthält Auszüge der geplanten Veranstaltung des Dokumentationszentrums Verden doz20 e.V. im Rathaus Verden, die wegen der Corona-Krise nicht wie geplant durchgeführt werden kann. Sie wird leider auf unbestimmte Zeit verschoben. Um des »Tages der Befreiung von Verden« trotzdem gebührend zu gedenken, präsentiert Ihnen das doz20 e.V. ausgewählte Teile des Vortrages - vorab und gekürzt - im Internet.

»Es war ein Tag der Befreiung – er hat uns alle befreit vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft!« (Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag der Kapitulation am 8. Mai 1985)
Kriegspropaganda: Falschmeldungen und Durchhalteparolen für die Verdener Bevölkerung in der letzten Ausgabe des Verdener Anzeigenblattes.
»Verden (Aller) fiel nach stundenlangen schweren Straßen- und Häuserkämpfen in Feindeshand…« verkündete der Wehrmachtsbericht vom 18. April 1945.

Der Deutsche Dienst der BBC (Radio London) ist während des 2. Weltkriegs eine verbotene Informationsquelle für viele gewesen, die sich unabhängig von der deutschen Propaganda informierten. Der Hinweis auf das Abhörverbot ausländischer Sender war jedem Volksempfänger beim Kauf als ultimative Warnung beigelegt.

Die britischen Soldaten stoßen über Kirchlinteln nach Verden vor

Dorf für Dorf und vorsichtig über die Landstraße aus Richtung Kirchlinteln kommend, rücken die Einheiten der 53. Welsh Infantry Division mit Churchill-Panzern auf die Stadt Verden vor. Schwerste Kämpfe unter Einsatz von Artillerie, Flammenwerfern und Bomben führen zu Bränden in der Nähe von Kirchlinteln.

Luftaufnahmen am 16. April 1945 vom Gebiet um Verden: zu erkennen sind die Allerwiesen, im Hintergrund Brände in der Gemeinde Kirchlinteln und die provisorische Brücke an der Kirche in der Ortschaft Westen. Quelle: IWM A70 301-4

Verdener Südbrücke: Die Sprengung erfolgte am 13. April 1945 durch deutsche Soldaten. Quelle: Jürgen Thiele
Die Sprengung der Südbrücke hatte zur Folge, dass in weiten Teilen der Stadt die Fenster zu Bruch gegangen waren. Quelle: Verdener Anzeigenblatt, 16. April 1945
Zerstörte St. Josef Kirche: britisches Artilleriefeuer traf am 14. April 1945 den Glockenturm, zwei Fliegerbomben beschädigten am Nachmittag Decke und Dachstuhl. Bomben auf die Pestalozzischule: Fotoaufnahme aus Richtung Südstraße. Quelle: Jürgen Siemers/Foto Staffa, Stadtarchiv Verden.

Zeitzeugen berichten…

Otto Hartmann, Landrat Dr. Karl Weber, Gertraud Ulrich; Quelle: Privat, Dr. Joachim Woock, GaW
»In der Stadt hier aber gibt es immer noch Idioten, die an den Sieg glauben.« Otto Hartmann, Rektor der Pestalozzischule.
»Es ist aus mit Deutschland und mit mir…« Am 15. April 1945 hatte Landrat Dr. Weber in Kellerräumen des Kreishauses Feuer gelegt und danach seine Frau und sich erschossen.
»Ein neuer Bombeneinschlag! Ein zweiter, dann ein dritter… Eng zusammengedrängt standen wir im Kellergang – niemand sprach ein Wort…« Gertraud Ulrich, spätere Direktorin des Gymnasiums am Wall, über die Nächte im Keller.

Der Nazi und der Sozialdemoktrat: zwei konträre Persönlichkeiten

Hermann Lindemann (Mitglied im Verdener SA-Sturm seit 1933, Landgerichtspräsident ab 1938) und Johann Thies (Sozialdemokrat, 1933 aus dem Schuldienst entlassen). Quelle: Dr. Joachim Woock
»Ich habe erhebliche Zweifel an dem Sinn des Kampfes um Verden.« Hermann Lindemann, Anfang April 1945. Lindemann war Landgerichtspräsident von 1938 bis 1945 und stellv. Verdener Bürgermeister von Oktober 1942 bis April 1945. Quelle: Landgericht Verden
»Für mich war klar, Verden durfte nicht verteidigt werden.« Johann Thies (SPD), Leiter des Ernährungs- und Wirtschaftsamtes in den letzten Kriegsjahren.

Britische Truppen haben Verden am 17. April 1945 eingenommen

Ruhepause: Soldaten des 1st Batt. Glasgow Highlanders (156. Brigade) warteten auf ihren Befehl zum Vormarsch auf Dauelsen. (Norderstädtischer Markt, im Hintergrund Hotel Deutsches Haus und Eisenwaren Carl Müller). Quelle: Kreisarchiv Verden/IWM
Bremer Straße/Höhe Bürgerpark: Truppen des 6th Batt. Cameronians (156. Brigade) durchquerten Verden auf ihrem Weg nach Dauelsen. Quelle: Kreisarchiv Verden/IWM
Deutsche Kriegsgefangene heben Gräber für gefallene Soldaten der britischen 53. Division aus. Quelle: IWM

Für sie ist der Krieg zu Ende: Deutsche Soldaten, die in den Schlachten um Verden kämpften, auf ihrem Weg in die Kriegsgefangenschaft. Quelle: Kreisarchiv Verden/IWM

Panzer am Lugenstein: Soldaten der 53. (Welsh) Division durchsuchen die Häuser der Stadt nach deutschen Soldaten. Sie transportieren die Kriegsgefangenen am 18. April 1945 mit einem »Bren Carrier« ab. Quelle: Kreisarchiv Verden/IWM

Selbst in Kriegszeiten müssen die sich kämpfenden Parteien hin und wieder direkt mit Informationen austauschen. Sie winken hierzu mit einer weißen Flagge und treffen mit dem Gegner zusammen. Ihnen werden die Augen verbunden, damit sie auf dem Weg ins gegnerische Quartier nichts ausspähen können. Dort werden ihnen die Binden wieder abgenommen, um Auge in Auge mit dem Befehlshaber der gegnerischen Seite zu verhandeln. Sie sind während dieses Vorganges keine Kriegsgefangenen und behalten deshalb auch ihre Waffen. Quelle: British Pathé, www.youtube.com/watch?v=5jXvJZCU7s

Luftschutzräume für die Verdener Bevölkerung

Ab 1940 wurden zahlreiche Keller zu Luftschutzkellern (LSK) oder Luftschutzräumen (LSR) ausgebaut. Ein zweiter Ausgang diente als Notausstieg (NA). Die Hinweise waren mit weißer, fluoreszierender Farbe aufgemalt.

Bis Anfang der 1970er Jahre sichtbar: Hinweis auf einen öffentlichen Luftschutzraum, Ostertorstraße. Noch heute zu erkennen: vorhandene Markierungen von Luftschutzkellern in den Straßen »Sandberg« und »Mühlentor«. Direkt am Bahnhof soll ein Luftschutzbunker unter dem Rondell auf dem Vorplatz existiert haben. Quelle: Foto privat und Troue

Tag der Befreiung – Tag der Besetzung

Wie geht es weiter in der Stadt?

Schutt und Trümmer werden gemeinsam weggeräumt (Lugenstein). Quelle: IWM
Abbau der Panzersperren in der Zollstraße. Quelle: Kreisarchiv Verden/IWM

Quelle: IWM

Auf Anordnung der Briten: Auch hier räumen einige Verdener die Reste der hölzernen Panzersperre beiseite, die die Zufahrt zur Großen Straße (Ecke Herrlichkeit) verbarrikadierte. Quelle: Kreisarchiv Verden/IWM

Quelle: IWM

Es lief nicht alles immer korrekt: Beschwerde über die Plünderung durch britische Soldaten. Quelle: Stadtarchiv Verden
Eine »Bailey Bridge« der Briten ersetzte die zerstörte Südbrücke bereits nach wenigen Tagen – und sollte noch über viele JAhre hinweg ihren Dienst tun. Quelle: Jürgen Siemers

Die britische Besatzungsmacht etabliert sich

Das beschlagnahmte »Hotel Hannoverscher Hof« Große Straße, erster Sitz der britischen Militärregierung in Verden. Arbeitsszene im Büro der Briten, wie es auch in Verden ausgesehen haben mag. Quelle: Troue und Dokumentation »A defeated People«

Der Fragebogen zur Entnazifizierung

Original Entnazifzierungsbogen, 4-seitig. Quelle: Jürgen Siemers

Verordnungen und Bekanntmachungen der britischen Militärregierung regeln den Alltag

Mangelernährung durch schlechte Versorgungslage: »Normalverbraucher« konnten sich wiegen lassen. Quelle: Bekanntmachung im Amtlichen Verordnungsblatt 1945.
Lebensmittelkarte für eine Zuteilungsperiode (= 4 Wochen). Quelle: Kreisarchiv Verden
Zwei deutsche Hilfspolizisten begegneten einem britischen Soldaten in der Großen Straße (vor dem Hotel Hannoverscher Hof/Ecke Brückstraße) im April 1945. Quelle: Kreisarchiv Verden
Mittel der Abschreckung von Straftaten: öffentliche Bekanntmachung, Zeitungspublikation, Plakate… Quelle: Amtliches Verordnungsblatt

War Is Over

Der Krieg ist aus! Headline des »Daily Mirror« Am 8. Mai 1945. Quelle: IWM
Die Proklamation Montgomerys wurde in der gesamten britischen Besatzungszone per Aushang bekannt gemacht. Quelle: Kreisarchiv Verden

Die Befreiung von Bergen-Belsen

Am 15. April 1945, nachmittags um drei, erreichten britische Streitkräfte des 63. Panzerabwehrregiments unter Oberst Taylor das Konzentrationslager in der Südheide. Die Britischen Truppen konnten das Lager kampflos einnehmen.
Unter den entkräfteten Häftlingen grassierten Ruhr, Bauchtyphus und Tuberkulose. Seit rund zwei Monaten wütete eine Fleckfieberepidemie.
Kameramann Sergeant Mike Lewis und seine »Army Film Production Unit« hielten diesen unmenschlichen Eindrücken stand.
Die britischen Soldaten dokumentierten ein unvollstellbares Grauen.
Die Briten entdeckten über 10.000 Tote, die noch nicht in den Massengräbern verscharrt waren. Weitere 13.000 KZ-Häftlinge überlebten ihre Befreiung nur kurz und verstarben in den nächsten Wochen.
Die Briten ordneten an, dass die Toten von SS-Angehörigen bzw. KZ-Aufseher*innen in Massengräbern beerdigt werden sollten. Die Einwohner zeigten sich schockiert, als sie bei der Begehung des Vernichtungslagers das wahre Ausmass des Grauens sahen …
»Dieser Tag in Belsen«, so der brit. Kriegsreporter Dimbleby, »war der schrecklichste in meinem Leben«.

Fraternisierungsverbot

Hinweisschilder an den deutschen grenzen: Fraternisierung war von den Militärbehörden nicht erwünscht…
… und offiziell streng verboten. zunächst – Doch nach und nach…
Das beschlagnahmte Rats-Café war ein beliebter Treffpunkt. In der 2. Etage links befand sich bis zum Einmarsch der Briten die Gestapo-Dienststelle. Quelle: Volker Wolters

Weiter auf dem Weg ins »normale« Leben…

Die erste Friedensweihnacht: ein ehemaliger Kriegsgefangener versuchte auf seine Situation aufmerksam zu machen… Quelle: Verdener Verordnungsblatt
Zeitungsannoncen spiegelten Alltagsnöte und -sorgen der Bevölkerung. Quelle: Verdener Verordnungsblatt
Es durfte wieder getanzt werden! Quelle: Verdener Verordnungsblatt
»Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.«

(Originaltext: Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.) George de Santayana, spanisch-amerikanischer Philosoph und Schriftsteller, 1863 – 1952

Dies ist eine stark gekürzte Web-Doku zum Vortragsabend des doz20 e.V., Dokumentationszentrum Verden, anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung unserer Stadt. Detaillierte Zeitzeugenberichte, weitere Fotos und Filme präsentieren wir Ihnen im Rahmen der Veranstaltung im Rathaus Verden.

Vielleicht sind Sie im Besitz von weiteren Informationen über das Kriegsende in Verden? Sprechen Sie mit uns: doz20 e.V., Holzmarkt 13, 27283 Verden, Öffnungszeiten: Mo. und Mi. 16:00 – 18:00 Uhr Telefon: 04231 92 81 553, eMail: doz20-verden@ewe.net

Copyrights: Andrea Lutter (Content) und Martin Drichel (Web-Doku), 2020. Veröffentlichung von z.B. Textauszügen, Zitaten, Bildern, Videos o.ä. nur nach vorheriger Anfrage bei der Autorin unter eMail: lutter-verden@t-online.de

Freuen Sie sich mit uns auf einen neuen Veranstaltungstermin im Herbst 2020 – und bleiben Sie gesund!