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Sommer Eine allerletzte Kolumne von Marc-Julien Heinsch

Text: Marc-Julien Heinsch, Bilder und Layout: Nico Talenta

Wenn es besonders heiß ist, muss ich immer an diese eine Liedzeile denken:

„Summer is heating. I’m sweating like cheese.“

Das war Friska Viljor glaube ich. Zwei bärtige Schweden. Ewig nicht mehr gehört. Aber dieser Textfetzen ist mir im Kopf geblieben. Ich liege im Garten meines Elternhauses. Das Thermometer an der hölzernen Terrassenwand zeigt vierzig Grad. Sachte stoße ich mit meinem Fuß gegen die eiserne Treppe neben mir. So bringe ich die Hängematte in Bewegung und erzeuge einen leichten Luftstrom, der mir etwas Abkühlung verschafft. Ich hätte eigentlich viel zu tun. Bewerbungen schreiben und einen Haufen Texte lektorieren. Aber es fehlen ein paar Dokumente, die ich bräuchte, um weitermachen zu können. Also habe ich nur eigentlich viel zu tun. Meine Eltern sind nicht da. Meine Freundin arbeitet. Meine Freunde sind überall aber eben nicht da, wo ich gerade bin. Also liege ich alleine im Garten und schaukle hin und her. Und schwitze. Wie ein Stück Appenzeller in der Sonne. Und warte. In der grandiosen Literaturverfilmung "Call me by your Name" fragt der eine Protagonist den anderen, was er den Sommer über mache. Er antwortet:

„Warten, dass der Sommer vorbei ist.“

Ich schaue in den blauen, flirrenden Himmel und lächle über die Schönheit dieses Satzes.

Nur der Sommer erzeugt in mir dieses ganz besondere Gefühl für die Zeit. Für ihre sprunghafte Natur. Für ihr langsames Dahinschmelzen und ihr gemächliches, aber gnadenloses Rinnen. Oder ihr plötzliches Hinwegstürzen in maximal intensiven Momenten. Die Morgenstunden in denen die Kühle der Nacht noch zu spüren ist vergehen wie ein Wimpernschlag. Schon erhebt sich die Sonne glühend in ihren Zenit und die Hitze drückt die Häuser, Straßen und Landschaften nieder. Am Übergang von Mittag und Nachmittag ist die Zeit dann zäh wie Harz. Und dann am Abend, wenn die Sonne hinter den Bäumen versinkt, beginnt sie zu rasen. Der ganze Tag drängt sich in die wenigen Abendstunden, wird mitgerissen in diesem vor lauter Leben vibrierenden Strudel. Dann ist es Nacht. Grillen zirpen und Schnaken surren. Alles wird geöffnet, die Hitze aus den Häusern gelassen und mit der Nachtluft getauscht. Auch ich bin dann offen. Ich liege in meinem Bett, starre aus dem Fenster und löse mich in meinen Gedanken auf. In die Nacht und den Schlaf. Bis alles wieder beginnt. Erst mit den Wochen des Sommers, in über Tage anhaltender Hitze bekommt man ein Gefühl dafür. Für die Zeit. Bis man nur noch wartet, dass der Sommer vorbei ist. Wisst ihr, was ich meine?

Vermutlich nicht. Vermutlich hat die Hitze mein Gehirn gegrillt, denke ich, als ich mich aus der Hängematte schwinge. Ich steige die Treppe zur Terrasse hoch. Kurz halte ich inne und genieße die gleißenden Sonnenstrahlen auf meinen Schultern. Und das Gefühl von absoluter Untätigkeit, die mich umgibt. Selbst die Insekten halten Siesta. Ich gehe zum Wasserhahn an der Fassade des Hauses und drehe ihn auf. Wasser fließt über meine Hände. Es ist noch warm, weil es den halben Tag im Rohr stand. Dann endlich wird es kalt. Ich beuge mich herunter und schöpfe es mir händeweise ins Gesicht. Tropfen rinnen meinen Rücken und meine Brust herab. Ich fahre mir durch das klatschnasse Haar, drehe mich um und halte mein Gesicht in die Sonne. Wenn sie den Wipfel der großen Trauerweide erreicht hat wird es Zeit. Dann beginnen die Abendstunden. Die so dicht sind im Sommer. Zum Bersten gefüllt mit Leben.

Ich lege mich wieder in die Hängematte und überlege, dass „Zeit werden“ eine merkwürdige Redewendung ist. Viel Tiefgründigeres fällt mir aber nicht mehr ein. Mein Körper beginnt die kurze Abkühlung schon wieder zu vergessen. Meine Gedanken werden ganz leicht und treiben davon. Ich denke daran, dass ich diese Untätigkeit eigentlich hasse. Ich denke, dass ich nie untätig bin. Außer im Sommer. Außer wenn es so heiß ist. Nur dann lege ich mich ohne schlechtes Gewissen alleine irgendwo hin und lasse die Zeit vergehen. Warte bis es Zeit wird und habe die Zeit über das Wesen der Zeit nachzudenken. Die Hängematte und ich schaukeln sanft. Die Schnur mit der sie an Haken in der Schuppenwand befestigt ist, knarzt leise. Hoch oben zieht ein Flugzeug einen weißen Kondensstreifen durch das Blau des Himmels. Ich denke an nichts weiter mehr, als daran, heute Abend zu meiner Freundin zu fahren. Ich habe nichts weiter vor. Es ist Sommer.

Created By
Campuls Hochschulzeitung
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