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Eine Reise in die Quarantäne Freitag, 17. April 2020

Hier in Deutschland sagt man jetzt, dass das Schlimmste mit der Covid19-Pandemie vielleicht überstanden ist. Die Ausbreitungsrate des Virus ist gefallen und liegt jetzt so, dass es unter dem Strich jeden Tag weniger akute Fälle gibt. Hier und jetzt.

Gleichzeitig sind die Beschreibungen der Zustände in der Welt in den Nachrichten voller Superlative und Kriegsmetaphern. Eine alte Ordnung scheint ihrem Ende zuzugehen. Dieses Gefühl war schon nach der Finanzkrise vor 10 Jahren greifbar geworden. Zug um Zug deutlicher, mit den vielen unvorgestellten Dingen, die seitdem passiert sind. Wer und was will die Europäische Union sein? Welche Regeln sollen für die globalisierende Welt gelten und wer bestimmt darüber?

Vor 20 Jahren war das Fanal der einstürzenden Türme des Word-Trade-Centers wie ein erster scharfer Riss in der brüchigen Haut des alten Milleniums. Und jetzt fühlt es sich an, als sei der Dreiklang der Zerstörung und Veränderung nun komplett. Das neue Jahrtausend erscheint und die Welt schreit in den Presswehen einer mühsamen Geburt. Wohin wird das führen? Ich weiß es nicht und will darüber auch jetzt nicht schreiben - sondern ich möchte von der Reise dieses Augenblicks erzählen. Denn diese Gegenwart, nennen wir sie „Quarantäne“, fühlt sich fremd an, wie eine fremde Kultur nach einer langen Anreise.

Noch ist nichts entschieden, weder in Deuschland noch auf dem Globus. Aber schon ist die Vergangenheit Geschichte geworden, zu weit weg, um direkt fortgesetzt werden zu können. Vor einem Monat ... lebten wir in einer anderen Epoche. Seitdem, mit einer eigenartigen Gemächlichkeit und hier in Deutschland fast aggressionslos, bricht eine neue Epoche durch in die Wirklichkeit.

Aber diese neue Epoche hat noch keine Besitzrechte, keine Definitionsgewalt über die Welt. Noch nicht. Momentan herrscht eine unaufdringliche Anarchie, zumindest hier in dem Zauberberg unserer Nachbarschaft. Eine Ratlosigkeit, aber nicht verzweifelt. Ein entschlossenes Sich-Wappnen mit offenem Visier. Wir machen uns gefasst auf die neue Epoche und wissen, dass wir vermutlich bald von ihr überflutet und davon gerissen werden.

Unsere Träume und Lebensentwürfe werden in scharfe Revision geraten und wir wissen nicht, ob wir uns etwas davon werden erhalten können. Vielleicht werden wir, oder viele von uns, bald viel zu sehr beschäftigt sein mit einem neuen Lebenskampf. Zu sehr involviert, um noch einen Blick auf das große Ganze werfen zu können.

Aber jetzt ... noch nicht. Jetzt hat sich die Flut der alten Zeit zurück gezogen und wir schauen für einen langen Augenblick der Ebbe auf die seltsam fremd-vertraute Ebene zwischen den Gezeiten.

Es ist ein Innehalten. Ein Entschleunigt-Sein. Vor einigen Tagen sah ich an der Autobahn ein Reh äsen. Friedlich. Das habe ich so noch nie gesehen, ein verblüffender Anblick. Durch die Medien ging die Meldung, in den Kanälen von Venedig seien Delphine gesehen worden. Die Vögel sind laut und die Bienen. Lauter als die Autos und der Flugverkehr, hier in der Nachbarschaft, unter der Einflugschneise eines der großen Welt-Flughäfen (Frankfurt Airport).

Am lautesten sind die Kinder - und die Musik, die wir jeden Abend zusammen machen im Innenhof. Ob das überall so ist? Ich weiß es nicht, zuerst dachte ich es. Viel erfährt man nicht von außerhalb der direkten Nachbarschaft. Manchmal, beim Einkaufen ein wenig. Am Telefon mit Verwandten und Freunden. In den Medien, mit ihrem seltsamem, aufbauschendem Getöse, das aus Banalitäten gutgelaunte Sensationen zu machen versucht - und dabei die eigentliche Sensation nicht zu fassen bekommt. Trotz gutem Willen. Oder doch: wenn die Nachrichtensprecher*in plötzlich ihre eigenen Kinder erwähnt in einem Nebensatz. Oder die Wettervorhersager*in im Homeoffice ihren Hund krault, vor dem Greenscreen in ihrem Garten oder Wohnzimmer.

Der gemeinsame berufliche Ort verlagert sich ins Virtuelle, ganz schnell und vermutlich unumkehrbar. Das gehört eigentlich zu meinen Themen, zu den Dingen, die ich seit langem beobachte. Aber nicht jetzt. Jetzt sehe ich - verblüfft, schon wieder -, wie die privaten Menschen um mich herum auftauchen, freigelegt wie Strandgut in der Ebbe. Aber kostbar - und sich gegenseitig auch kostbar findend. Es ist ein Moment, der die kommende Flut nicht überdauern wird - die gemeinsame Erinnerung an diesen Moment aber schon. Ein Paradiesgärtlein, in dem wir jetzt sind, von dem aber etwas bleiben wird, wie ein Bild des Verstecks aus der Kindheit. Dort, wo man gemeinsam sich selbst wird gewesen sein.

Wegen all dem möchte ich diesen Moment in die virtuelle Landschaft meiner Kunst einbauen. Aufnehmen. Irgendwie geht es mir ja immer darum, das was wichtig ist zu bewahren ... oder zu zeigen. Von diesen wichtigen Dingen sind gerade viele sehr deutlich zu sehen. Umgeben von massiven und alles betreffenden Drohungen, von denen auch zu sprechen ist - aber nicht hier und jetzt.

Stefan Budian, in Mainz, am 18. April 2020

Created By
Stefan Budian
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