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ÄGIDIUS GEISSELMANN MALEREI UND GRAFIK

Ägidius Geisselmann in der Galerie 13

von Katja Sebald

„Ich bin zufrieden, wenn der Punkt erreicht ist, wo das Bild eine Energie ausstrahlt, die nicht mehr nachlässt, wo nichts hinzugefügt oder weggenommen werden kann.“ So lautet eines der wenigen Selbstzeugnisse des Malers Ägidius Geisselmann.

Wahrscheinlich bezieht sich dieses Zitat ganz konkret auf den Moment, in dem ein Bild nach Meinung seines Schöpfers fertig ist. Man könnte aber auch eine zweite Ebene in diesem Zufriedensein entdecken und es so interpretieren, dass Geisselmann in seinem künstlerischen Schaffen völlig aufging: Ziel seiner Arbeit war es, gute Bilder zu malen. Bilder, die eine nicht nachlassende Energie ausstrahlen, die also Bestand haben. Nicht mehr und nicht weniger.

Blickt man heute – mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod – noch einmal auf das Werk von Ägidius Geisselmann, dann möchte man sehr der zweiten Interpretationsmöglichkeit zuneigen. Vieles spricht dafür: Die Vita des 1935 in Altusried im Allgäu geborenen Malers enthält nach seinen Studienorten keine Stationen einer „Karriere“. Erwähnung finden ein Besuch bei Alberto Magnelli in Meudon im Jahr 1967 und die Verleihung des Schwabinger Kunstpreises 1995. Vier Jahre später, kurz vor der Eröffnung seiner ersten Ausstellung in der „Galerie 13“, starb Geisselmann im Frühjahr 1999. Schmal ist die Liste der Publikationen zu seinen Arbeiten, beinahe ebenso schmal die der Ausstellungen. Die zeitlichen Abstände, in denen er seine Arbeiten zeigt, werden im Lauf der Jahre immer größer. Vom Kunstmarkt hielt sich der Maler weitgehend fern, er arbeitete nahezu ausschließlich mit der Galerie Ostler in München zusammen. „Ägidius Geisselmann ist ein Stiller im Lande“, schrieb man bereits zu seinen Lebzeiten über ihn, sein Münchner Atelier in unmittelbarer Nähe zu Universität und Akademie sei ein traumhaft stiller Ort inmitten der lauten Stadt – und das in den wilden Siebzigern und den beinahe ebenso wilden Achtzigern.

Eindrücklichster Beleg für diese Auslegung des Zitats und Zeugnis eines künstlerischen Schaffens, das einzig und allein auf die Entstehung von Bildern fokussiert ist, die eine nicht nachlassende Energie ausstrahlen und denen nichts hinzugefügt oder weggenommen werden kann, sind – eben diese Bilder selbst. Eine stattliche Anzahl davon aus verschiedenen Schaffensperioden konnte in der aktuellen Ausstellung in der „Galerie 13“ versammelt werden. Ohne Zweifel stehen sie für die Zeit, in der sie geschaffen wurden, nämlich das letzte Drittel des Zwanzigsten Jahrhunderts. Und ebenfalls ganz ohne Zweifel haben sie bis heute Bestand.

Ägidius Geisselmann wandte sich 1960 der gegenstandslosen Malerei zu. Informel und Action Painting, überhaupt jede Art von gestisch-expressiver Malerei galten zu dieser Zeit als überholt. Von der amerikanischen Westküste kam ein neuer Trend, für den Jules Langsner, Kunstkritiker der „Los Angeles Times“, den Begriff „Hard-Edge Painting“ geprägt hatte. Er bezeichnet die „harten Kanten“, die trennscharfen Grenzen zwischen den einzelnen Farbflächen im Bild, die zusammen mit einfachen geometrischen Grundformen und der Verwendung von wenigen Farben sowie flächig ausgeführten Farbfeldern ohne sichtbaren Pinselduktus als Charakteristika dieser Stilrichtung gelten. Im übertragenen Sinn aber bedeutet der Ausdruck „hard-edged“ auch „kompromisslos“ – und erst wenn man ihn so verwendet, trifft er vollends auf das Werk von Ägidius Geisselmann zu.

Kennzeichnend für Ägidius Geisselmann war in seiner fast vier Jahrzehnte umspannenden Schaffenszeit die gleichwertige Bedeutung von Form und Farbe in seinen Bildern. Mit der größtmöglichen Kompromisslosigkeit ging er – in der Tradition von Josef Albers stehend – Fragen der Wahrnehmung nach. So beschränkte er sich etwa in verschiedenen Bildserien auf ein einziges Motiv, das er in immer neuen Farbkombinationen umsetzte. Kamen in den frühen Jahren auch bei ihm fast ausschließlich die drei Grundfarben zum Einsatz, so führten ihn seine Untersuchungen in späteren Jahren zu differenzierten Zwischentönen, zu Abstufungen von Grau und schließlich auch zum vollständigen Verzicht auf Farbe.

Seine Bildfindungen waren jedoch keine „Konstruktionen“ auf rationaler Ebene, sie entstanden vielmehr auf intuitiven Wegen. So erklären sich die typischen abgerundeten oder zugespitzten Formen einer bestimmten Schaffensperiode, die Vielfarbigkeit einer anderen und die fast malerische Handschrift der späten Jahre. Meist sind die Formen eng ins Bild eingespannt, oftmals weisen sie auch darüber hinaus. Mehrfach geknickte Bänder, sich überschneidende Linien und schließlich gitterartige Anordnungen kennzeichnen eine ganze Reihe von kleineren Formaten.

Zu den späten Arbeiten gehören auch die sogenannten Monatsbilder, deren Motive erst auf der Leinwand und dann auch als Druckgrafiken umgesetzt wurden. Form und Farbe kommt hier eine gleichermaßen konstitutive Bedeutung zu. Diese Bildserie ist ebenso stringent wie vielfältig und erinnert darin an Rupprecht Geigers berühmten Zyklus „Metapher Zahl“.

Kandinsky schreibt in seiner Abhandlung „Über das Geistige in der Kunst“, es bestehe ein „unvermeidliches Verhältnis zwischen Farbe und Form“, das sowohl harmonisch als auch disharmonisch sein könne. Er spricht von weichen und harten, von spitzen und runden, sogar von „duftenden“ Farben und von inneren Klängen, die eine „Vibration der Seele“ auslösen. Und nichts anderes ist gemeint, wenn ein „Bild eine Energie ausstrahlt, die nicht mehr nachlässt, wo nichts hinzugefügt oder weggenommen werden kann“.

Dank

An erster Stelle möchte ich mich herzlich bei Astrid und Ferdinand Geisselmann, Claudia Ritter, Angelika Gegenbauer sowie bei Andrea und Herbert Ostler für die Leihgabe der Arbeiten von Ägidius Geisselmann bedanken. Mein großer Dank gilt aber auch Katja Sebald für ihren gelungenen Einführungstext und meinen beiden Freunden Silke und Paulo, die erneut einen großen Beitrag zum Gelingen dieser schönen und eindrucksvollen Ausstellung geleistet haben.

Die Ausstellung ist bis zum 19. Dezember zu den Öffnungszeiten der Galerie zu besichtigen, selbstverständlich unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften aus Anlass der COVID-19 Pandemie.

Sollten Sie den Wunsch haben, einen Einzeltermin außerhalb der Öffnungszeiten zu erhalten, bitten wir um telefonische Anmeldung.

Je nach Entwicklung der rechtlichen Lage finden evtl. Sonderveranstaltungen statt. Informationen hierzu finden Sie auf der Website der Galerie unter „Aktuelles“.

galerie 13 - fritz dettenhofer

Created By
Paulo Mulatinho
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