Carnaval à la Germania Traditionen der Schwäbisch-allemanischen Fastnacht

Als ich heute morgen mein Kaffee trinken wollte, saß ich gemütlich bei mir zuhause im Wohnzimmer und hörte Trommeln in der Ferne. Das Geräuch erinnerte mich an den Proben der Samba Schulen in Brasilien, und eigentlich sind wir schon im Februar, also könnte es wohl sein, dass es in Tübingen auch eine Samba Schule gäbe. In dieser Stadt habe ich schon so viel "Brasilien" erlebt, mehrere Forró Tanzzgruppen, wöchentliche Capoeira Treffen in den verschiedenen altenativen Wohnprojekten, sodass eine Samba Schule, die durch den Marktplatz umzieht, mich nicht überraschen würde.

Nein, das war keine Samba Schule, sondern der Narrenzug, der diese Woche Tübingen besuchte. Die Straßen zur Innenstadt waren gesperrt, hunderte von Menschen, jung und alt zogen Richtung Altstadt, alle verkleidet, mit Masken und Glocken, und weckten das Interesse mehrerer Stadtbewohner, die neugierig aus ihren Fenstern auf die Straße schauten.

Die Fastnacht, oder auf Schwäbisch „Fastnet“, die im südwestlichen Deutschland gefeiert wird, ist besonders durch die handgefertigte Holzmasken gekennzeichnet. Die Geschichte dieses Festes geht bis zum 13. Jhd. zurück und wird üblicherweise ab dem 6. Januar zelebriert. Am Tag der Dreikönige, als Symbol für Ende der Weihnachtszeit, fängt der „Abstaub“ an. Männer in schwarzen Kostüme klopfen an den Haustüren um die Narrhäs aus dem Schrank zu nehmen und sie so lange zu schütteln, bis das letzte Stäubchen weggeschüttelt wurde. Die Narrenzeit beginnt. In den folgenden Wochen bis zur eigentlichen Fastnet, ziehen die Narren beinahe jede Woche durch die verschiedenen Dörfer der schwäbisch-allemanischen Landschaft, und es wird viel gefeiert, gesungen, reichlich gegessen und getrunken.

Die schwäbisch-allemanische Landschaft
Es ist eine Zeit, in der alle zusammen feiern und beisammen sind

Tradition und Theater verschmelzen in der Faschingszeit. Aufgrund ihre gesonderte Stellung bzw. die fehlende Bindung an gesellschaftliche Normen, haben die Narren, genau so wie Schauspieler auf der Bühne, schon seit mittelalterlichen Zeiten, einen besonders großen Handlungsfreiraum, in dem sie alles sagen und machen dürfen, ohne, dass es ernst genommen wird. Daher kommt der heute noch viel verwendete Begriff der „Narrenfreiheit“. Für die damaligen Hofnarren galt dieses Prinzip, das ihnen ermöglichte, ungestraft Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu üben und sogar die Adeligen zu parodieren.

Im Mittelalter waren Narren diejenigen, die als Spaßmacher für Unterhaltung und Belustigung sorgen sollte

Heutzutage gibt es auch mehrere Kategorien von Narrenfiguren. Ich habe Hexen, Wilde Leute und Narrenkapellen gesehen und jeder hat eine bestimmte Funktion und Geschichte, erzählte mir zwei junge Mädchen aus Hirschau. Sie sind mit ihren Familien bei den Zünften schon immer dabei gewesen und freuen sich jedes Jahr über die Zunftzeit, das ganze Vorbereiten und Feiern.

Gut benehmen, oder keine Süßigkeiten

Die Holzmansken und Kostüme ähneln die aus dem späten 19. Jhd. und wurden mit Sorgfalt geschnitzelt und genäht. Jede Maske, jede Glocke, jede Farbe hat eine Bedeutung und Symbolik, die von Dorf zu Dorf variiert.

Ein Gedanken verließ den Ganzen Nachmittag meinen Kopf nicht, und zwar, dass dieser Umzug, den ich an den heutigen 12. Februar erlebt habe, sehr viele Ähnlichkeiten mit den verschiedensten Karneval Feiern überall auf der Welt hat. Was ich bisher von Fasching in Deutschland wusste war, dass enormen Mengen an Leuten sich in den Stadtzentren treffen um „feiern“ zu gehen, lese hier „sich betrinken“. Diesen Vorurteil hatte ich in Brasilien schon kennen gelernt, und genau solch ein Bild hatte auch ich mit dem Carnaval verbunden. Was ich aber inzwischen gemerkt habe ist, dass diese Bräuche viel mehr Bedeutung haben. Tatsächlich tragen sie in sich mehr als saufen: Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte von Mythen, Werte und Symbole, die wiederaufgelebt werden und Teil der Identität einer Gruppe von Menschen repräsentieren.

Die Tradition lebt und wird weitergegeben

Ja, Carnaval ist Teil der brsilianischen Identität. Das klingt doch sehr logisch und klar. Vor allem, wenn solch ein Ritual anderswo, im exotischen Ausland, wo auch immer es sein mag, stattfindet. Dann ist Carnaval super und es ist selbstverständlich, dass man dabei sein muss und dieses einmalige Erlebniss erfahren haben muss. Aber daheim ist Karneval oder Fastnacht blöd und doof.

Ich will nur anregen, dass wir uns Gedanken darrüber machen, dass ganz nah von uns sehr vieles einzigartiges und interessantes geschieht. Vielleicht sind Reisen doch ein sinnvoller Mittel um solche Erkenntnisse zu kriegen und durch das wundern anderer Kulturen die eigene Traditionen mit einer anderen Perspektive zu betrachten. Vielleicht reicht auch eine Reise im Nachbardorf oder Nachbarbundesland. Ich bin auf jeden Fall zufrieden, solche Vielfalt in Tübingen zu sehen und erfassen zu können.

Interaktion mit den Bürgern ist ein wichter Bestandteil des Narrenzugs

Ein letzter Punkt, den ich sehr interessant fand ist der Symbolismus der riesigen Glocken, die um den Narrhäs umhängen: sie sollen die Geister des Winters abschrecken! Ich werde auch mit einer Glocke durch die Gegend laufen und auf schönes, warmes Wetter hoffen. Möge der Frühling bald kommen!

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Stephanie Kobori
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Credits:

Stephanie Kobori

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