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Prag 2018 Frühling, Herbst - eine scheinbare Identität des Ungleichen.

Dieser Tage entscheiden knappe Mehrheiten über große Richtungsänderungen in Europa. Die Perspektiven hinter den Fragen, die dabei debattiert werden, sind vielfältig und unklar. Durchsetzt von Interpretationen, die unbewusst bleiben, weil sie als Selbstverständlichkeiten gelten und damit unsichtbar sind. Ich will die Dramaturgie eines Missverstehens beschreiben, an dem ich letzte Woche in Prag beteiligt war.

Im September 2017 ist in Tschechien ein Dokumentationsfim erschienen, "The limits of work" von Sasa Uhlova und Apolena Rychlikova. Der Film wird in Tschechien diskutiert, er steht für einen Aufbruch, die Ahnung eines möglichen Neuanfangs im Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Der Film erzählt von der Lebenswirklichkeit der Arbeit im Niedriglohnsektor. Leid, Demütigung, Überforderung, Zerstörung von Familien - bei einem Lohn, der nicht einmal die einfachsten Grundbedürfnisse der Menschen befriedigen kann. Das führt der Film vor Augen, im Miterleben eines sehr persönlichen und distanzlos erzählten Selbstversuches von Saša Uhlová.

Diesen Film zeigte die Tschechin Adela einer deutschen Reisegruppe, zu der ich gehörte. Je länger er dauerte, desto unbehaglicher wurde die Atmosphäre. Wie ging es uns dabei?

DEUTSCHE GRUPPE: Die meisten langweilten sich. Die Botschaft des Films schien nach den ersten Szenen klar und sie wiederholte sich danach langatmig. Irgendwann verlor sich die Hoffnung, dass noch eine neue Wendung kommen würde. Wir hielten aus Höflichkeit durch, Adela schien ja sehr an dem Film zu liegen. Adela merkte das und fragte dann, ob wir den Film zu Ende sehen wollten. Stille. Wir wollten nicht unhöflich sein, aber auch nicht lügen. Adela machte den Film aus, zwischen uns war eine Kluft entstanden. Auf dem offiziellen Programm stand nun „die Diskussion des Films", die wir sehr förmlich in Gang setzten. Sie führte zu nichts. Jemand begann, Regietips und Verbesserungsvorschläge zu machen. Es war ein hilfloser Versuch, Desinteresse konstruktiv zu bemänteln. Wir mochten und schätzten uns doch, Adela und die Gruppe? Gegenseitig, gerade eben noch. Die Deutschen waren ratlos.

ADELA: Adela dagegen wollte uns etwas zeigen, das für sie eine offene Wunde in der Seele ihres Landes ist - eine Seite Tschechiens, für die sie sich schämt. Adela hatte sich gewappnet, dass wir empört und angewidert sein könnte gegenüber den Zuständen, die der Film zeigt. Sie war darauf vorbereitet, ihr Land verteidigen zu müssen - für etwas, das sie selbst unentschuldbar findet. Adela wollte, dass wir verstehen, dass diese Zustände jetzt erkannt worden sind und das man nun darum kämpfen wird, sie zu ändern. Auf dem Weg zur Verwirklichung der allgemeinen Menschenwürde, für die „Europa“ steht. Konnte unser offensichtliches Desinteresse doch irgendwie Ausdruck eines Ekels und einer moralischen Ablehnung sein? Die anschließende Diskussionen führte zu nichts. Adela war ratlos.

WIEDER-BEGEGNUNG: In den folgenden Tagen wurde langsam klar, was passiert war. Adela und wir Deutschen haben auf etwas geschaut, das an der Oberfläche das Gleiche war - obwohl sich darunter ganz verschiedene Phänomene verbargen.

Tschechien hat ein jährliches Wirtschaftswachstum von 8% und Vollbeschäftigung. Eines der wenigen Länder in der Welt, die gegen Deutschland in einer positiven Aussenhandelsbilanz stehen. Die Lebenshaltungskosten in Prag sind höher als in Berlin, die Löhne allerdings weit niedriger.

In diesem Umfeld ist nun denkbar geworden, dass jeder einzelne Tscheche und jede einzelne Tschechin das persönliche Recht auf ein würdevolles Leben haben. Das heißt nicht, das die Mehrheitsgesellschaft in Tschechien nun erkannt hätte, dass eine Veränderung hin zu menschenwürdigeren Arbeitsbedingungen, Entlohnung usw. notwendig ist und die Politik schon in den Startlöchern stünde, um entsprechende Maßnahmen umzusetzen. Aber der Film öffnet, (zumindest einem Teil) der Bildungs- und Politelite und der Mittelschicht die Augen für existierende Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Seit den 90ern war man fast ausschließlich dem (neo)liberalen Diskurs ausgesetzt und glaubt, dass der Markt schon alles regelt und jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Aber diese Glaube bröckelt nun. Es ist eben nicht so, dass jeder, der fleissig und hart arbeitet, das bekommt, was er verdient. Und das ist nicht in Ordnung – das ist die Botschaft des Films.

In der tschechischen Gesellschaft entsteht gerade etwas Neues, vielleicht eine Änderung des Menschenbildes, mit dem aufregenden Anflug eines frühlingshaften Aufbruchs. Wie eine konkrete Forderung an das Leben, ein Imperativ, der umzusetzen ist, jetzt und hier.

In Deutschland dagegen sind die persönlichen Rechte auf individuelle Würde in der Arbeitswelt ein Thema, das seit Jahrzehnten immer wieder beschworen wird. Es ist ein etwas mühsamer Dauerbrenner, eine Sache, die einzufordern zur deutschen Lebenswirklichkeit gehört. Oft genug ist es dabei bei einem vergeblichen Lamento geblieben. Es ist eines der Themen, die wir lieber einigen AktivistInnen und einigen SpezialistInnen überlassen. Kompliziert und irgendwie „Verflochten-mit-allem: unlösbar!“. Wir machen es uns nicht ausdrücklich klar, aber wir meinen, dieses Thema hinter uns zu haben. Im genervten Gefühl einer herbstlichen Überbeanspruchung. Die Forderung der allgemeinen Menschenwürde gilt, natürlich! Aber es ist eines dieser Prinzipen für immer und überall - im wirklichen Leben gibt es viele Ausnahmen.

Adela hatte mit uns Deutschen auf das selbe Bild geschaut. Aber für sie war es ein Frühlingsstück, für uns eine Herbstlandschaft.

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