Den Topfahrer nicht ausbremsen Von Michael Ertel

Oberfränkische Unternehmen und Wirtschaftsvertreter sind sich einig: Die deutsche Exportstärke ist Ausdruck wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Beschränkungen seitens der EU, um den Leistungsbilanzüberschuss zu reduzieren, erteilen sie eine eindeutige Absage.

Deutschland steht international in der Kritik: Wegen seiner Rolle als Export-Weltmeister und dem daraus resultierenden Überschuss in der Leistungsbilanz. Das heißt: Die deutschen Ausfuhren – 2016 im Wert von 1,2 Billionen Euro – überflügeln die Importe um ein weites; nach Berechnungen der Deutschen Bundesbank 2016 um 266 Milliarden Euro (2015: 252,6 Milliarden). Der Leistungsbilanzüberschuss ist mit 8,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) größer als je zuvor.

Von Seiten des IWF und insbesondere in Europa bemängelt man die starke Exportwirtschaft Deutschlands und befürchtet „bedeutende wirtschaftliche und auch politische Verzerrungen für die gesamte Eurozone“, so EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici. Die deutsche Volkswirtschaft weise ein wirtschaftliches „Ungleichgewicht“ auf. Erneut hat die EU-Kommission Deutschland wegen des hohen Exportüberschusses zu mehr Investitionen im eigenen Land aufgefordert. „Der anhaltend hohe Leistungsbilanzüberschuss hat grenzüberschreitende Relevanz und spiegelt überschüssige Einsparungen und gedämpfte Investitionen sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich wider.“

Christian Strootmann, BHS Tabletop

Noch belässt es die Brüssler Behörde bei solchen öffentlichen Appellen – dabei wäre sie nicht zahnlos: Ein „Makroökonomisches Überwachungsverfahren“ in der Europäischen Union zur „Vermeidung und Korrektur von Leistungsbilanzüberschüssen“ sieht eine Quote von maximal sechs Prozent des BIP vor. Immerhin gibt es im Rahmen dieses Überwachungsmechanismus bereits Interventionen: Gegen Deutschland wurde eine „vertiefende Analyse“ eingeleitet. Noch einen Schritt weitergedacht: Was würde passieren, wenn die EU der deutschen Wirtschaft eine maximale Ausfuhrquote auferlegen würde? Ist es überhaupt denkbar, dass sich Unternehmen in der täglichen, wirtschaftlichen Praxis an eine Exportbeschränkung halten könnten? Mit welchen Auswirkungen?

Friedrich Herden, IHK Coburg

Verordnete Ausfuhrquoten „nicht realistisch und umsetzbar“

Auf klare Aussage trifft man in der oberfränkischen Unternehmenslandschaft – dort, wo „heimliche Weltmarktführer“ die wirtschaftliche und industrielle Struktur maßgeblich prägen. „Lassen Sie es mich so vergleichen: Erfolgreich exportierende Unternehmen zu bitten, auf weltweite Absatzchancen zu verzichten, wäre in etwa so, als ob die Deutsche Fußball-Liga Bayern München bittet, freiwillig keine neuen Spieler mehr zu kaufen, damit die Bundesliga spannend bleibt. Ist das denkbar?“

Christian Strootmann, Vorstandsvorsitzender der BHS tabletop AG in Selb, macht deutlich, was er von einer verordneten Ausfuhrquote hält. „Nicht realistisch und nicht umsetzbar“ sei es, erfolgreiche, deutsche Unternehmen, die mit „Herzblut und Engagement“ ihre Produkte und Dienstleistungen in vielen Jahren weit nach vorne gebracht hätten, so einzuschränken. Die BHS tabletop AG, die im vergangenen Jahr 121 Millionen Euro Umsatz erzielte und nach eigener Aussage Weltmarktführer für Profiporzellan ist, wäre massiv betroffen. Strootmann: „Unsere Geschäftszahlen resultieren in hohem Maße aus einem erfolgreichen Exportgeschäft in über 120 Ländern.“

Martin Bayer, Raumedic

2016 lag die Exportquote des Unternehmens bei 57,2 Prozent. Mit zwei Tochtergesellschaften ist man im britischen und amerikanischen Markt aktiv. Das heißt: „Obgleich wir von einer erfreulich stabilen Inlandsnachfrage profitieren, würden ,verordnete Exportlimitierungen’ die BHS deutlich treffen.“ Außerdem ist für den Vorstandsvorsitzenden fraglich, ob eine aktive Verringerung des Leistungsbilanzüberschusses den beabsichtigten Effekt mit sich brächte. Strootmann: „Grundsätzlich verstehen wir diese eher volkswirtschaftliche Diskussion deshalb als stark politisch motiviert. In der Realität wird sie die weltweiten Mechanismen von Angebot und Nachfrage für Produkte und Dienstleistungen nur bedingt beeinflussen.“

„Die Wirtschaftsfreiheit ist absolut wichtig“

Martin Bayer, Alleinvorstand der Raumedic AG mit Sitz in Helmbrechts, sieht vor allem die Freiheit unternehmerischen Agierens in Gefahr. Für den Hersteller von Produkten aus thermoplastischen Polymeren und Silikonen für die Medizin- und Pharmaindustrie ist mit einem Exportanteil von 50 Prozent „die Wirtschaftsfreiheit absolut wichtig“. „Staatlich vorgeschriebene Quoten würden das Wachstum ausbremsen, was mittelfristig auch Unternehmen in unserer Region schadet.“

Sonja Weigand, IHK Oberfranken

Nicht zuletzt Raumedic: Rund um den Globus hat das High-Tech-Unternehmen strategisch wichtige Kunden, die von Schwestergesellschaften in der jeweiligen Region betreut werden. Erst im vergangenen Jahr viel der Startschuss für den Betrieb eines Entwicklungs- und Produktionszentrum in Mills River, North Carolina USA, in das man 11 Millionen Euro investiert hat (bis 2022 werden es sogar 27 Millionen Euro sein). Das Unternehmen mit einem Umsatz von 103 Millionen Euro (2016) sieht sich als Partner der internationalen Medizintechnik- und Pharmaindustrie.

Martin Bayer: „Auch wir vertreiben unsere Kunststofferzeugnisse immer stärker in ausländische Märkte.“ In vielen Ländern gäbe es einen großen Nachholbedarf im Gesundheitswesen. Das heißt: „Die medizinische Versorgung nach deutschen Standards und mit Hilfe von Technologien und Produkten, die in Deutschland entwickelt wurden, bietet großes Potenzial.“

„Keine Höchstgeschwindigkeit vorschreiben“

Auch die oberfränkischen IHKs tun sich schwer mit der Vorstellung „verordneter Quoten“, beziehungsweise dass Unternehmen weltweite Geschäftsbeziehungen „auf Eis legen“. Friedrich Herdan, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Coburg meint, „dass die herausragende Exportkraft unserer Wirtschaft kein glücklicher Zufall ist, sondern darauf beruht, dass unsere Unternehmen auf den Weltmärkten hervorragend positioniert sind“. Die Exportquote in der Stadt Coburg liege bei 70 Prozent, im IHK-Bezirk Coburg bei 50 Prozent. „Dass macht deutlich, dass es sich unsere Unternehmen gar nicht leisten können, freiwillig auf Aufträge aus dem Ausland zu verzichten.“ Auch Herdan setzt einen bildhaften Vergleich: „Das wäre ja beispielsweise so, als würde man in der Formel 1 dem Topfahrer eine Höchstgeschwindigkeit vorschreiben, damit die anderen ihn überholen können.“

Firmensitz Raumedic

Für die Präsidentin der IHK für Oberfranken Bayreuth, Sonja Weigand, ist der Außenhandel längst zum zweiten Standbein der oberfränkischen Industrie geworden. 2016 hätten die Unternehmen ihres IHK-Bezirkes zu 49 Prozent ihre Waren ins Ausland geliefert; angeführt vom Maschinenbau, gefolgt von der kunststoffverarbeitenden Industrie und den Möbelherstellern. „Ein dynamisches Exportgeschäft ist ein Indiz für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.“

Ähnlich formuliert die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) ihre Haltung. „Der Exportüberschuss ist Ausdruck unserer Leistungsfähigkeit“, lässt vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt verlauten. „Die Kritik, wonach die Stärke unserer Wirtschaft zu Lasten anderer Staaten in der EU geht, ist völlig unbegründet.“ Vielmehr sei das Gegenteil der Fall: Die Stärke der deutschen Wirtschaft erzeuge nämlich auch eine große Importnachfrage. „Und das sorgt für 4,8 Millionen Jobs in anderen EU-Staaten.“

Credits:

kbuntu, Michael Ertel

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