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«Smoke ‘N’ Flame» spielt Haarspray-Metal «Swiss made»

Glamrock – darunter stellen sich die meisten Leute Männer in bunten Leggings und mit wallender Föhnmähne vor. Im Fall der Schweizer Glamrock-Band «Smoke ‘N’ Flame» liegt man damit absolut richtig.

Text: Malini Gloor, Fotos: Malini Gloor, Smoke 'N' Flame, Ralph Wyssenbach

Wirbelwind auf der Bühne

Sänger Crazy Harry Jetzer wirbelt in der Flokati-Jacke mit integrierter LED-Beleuchtung über die Bühne, während Bassist Lärmi Miller seine langen Haare durch die Luft schwingt. Gitarrist Alex Kiss und Schlagzeuger Beat Zuber mögen es haartechnisch etwas kürzer, aber dennoch keinen Millimeter weniger rockig.

Die Band besteht nicht aus jungen Newcomern: Die Musiker sind gestandene Männer, die den Rock seit Jahrzehnten im Blut haben und ihn auf der Bühne und privat leben.

Zweimal pro Woche treffen sich die vier Musiker im Regensdorfer Übungsraum, zu dem sie aus der halben Schweiz anreisen: Crazy Harry aus der Region Brugg, Bassist Lärmi aus dem Kanton Solothurn, Drummer Beat aus dem Thurgau und Gitarrist Alex aus Zürich.

Gitarrist bis in die Fussspitzen: Alex Kiss.

Songs im amerikanischen Glamrock-Stil

Soeben hat die Band «Smoke ‘N’ Flame» ihren neuesten Song «Tonight’s on Fire» veröffentlicht. Ein melodiöser Ohrwurm, der klingt, als ob er direkt aus der Rockschmiede Los Angeles käme, dabei ist er «Swiss made», wie die Männer mit einem Lachen sagen.

Fans des eingängigen, melodiösen und immer partymässigen Glamrock-Stils kommen beim neuen Song voll auf ihre Kosten. Der Refrain bleibt einem auch noch Stunden nach dem Hören in Endlosschleife im Kopf. Das kann einen freuen oder aber einem auch etwas auf die Nerven gehen – die perfekte Voraussetzung für einen Radiohit, hätten die Schweizer Mainstream-Radiostationen Glamrock auf ihren Playlists.

«Für uns gehört dieser Musikstil unverzichtbar zum Leben dazu.»

Crazy Harry Jetzer, 45, aufgewachsen in Dübendorf, Sänger, aber nicht Bandleader, darauf legt er Wert, sagt, er sei schon immer ein Glamrock-Fan gewesen. «Wie die anderen Bandmitglieder habe auch ich in Schülerbands musiziert. 2016 gründeten wir ‹Smoke ‘N’ Flame›. Bassist Lärmi Miller kam vor drei Jahren dazu. Unser Gitarrist Alex Kiss, Schlagzeuger Beat Zuber und ich spielten bereits zuvor zusammen in der Band ‹Firemoon›.»

Laut des extravertierten Sängers, der auf der Bühne so richtig auflebt und keine Sekunde stillsteht, existiert in der Schweiz ein Markt für Glamrock: «Es gibt eine kleine Szene in der Schweiz, die diesem Musikstil sehr treu ist. Wie für uns Musiker gehört für diese Szene dieser Musikstil einfach unverzichtbar zum Leben dazu. Wir versuchen, dem Publikum an unseren Konzerten das zu bieten, was wir selbst als Zuschauer von einer coolen Band erwarten. Natürlich ist das Geschmackssache, aber das ist ja mit vielem im Leben so!»

Crazy Harry Jetzer: «Ich habe unheimlich schlecht Gitarre gespielt.»

Spielte Crazy Harry als junger Mann noch Schlagzeug und «unheimlich schlecht» Gitarre, wie er lachend anmerkt, kam er zufällig zum Gesang: «In einer Band fehlte ein Sänger, und so fand ich, ich könne es ja mal versuchen.» Aus diesem Versuch ist eine Passion entstanden. «Mein Weg ist schon ziemlich lustig: Als Siebenjähriger wollte ich Schlagzeuger werden und war in der 6. Klasse in der Tambourenschule. Doch Rock ’n’ Roll klingt definitiv anders, und so trat ich Schülerbands bei und bei den Tambouren aus.»

Der Musikstil der Schülerbands war damals in den Neunzigerjahren noch wild gemischt: Von Mundart, Hochdeutsch über Englisch und von Punk bis zu Hardrock probierten Harry und seine Mitmusiker munter alles aus und schnupperten an Schülerbandfestivals Bühnenluft.

Bedruckte Leggings und BH's am Mikrofonständer: Ein Must!

Von der RS an den Sunset Boulevard

Mit 14 Jahren fing Crazy Harry an, Songs zu schreiben: «Sobald ich drei Noten gerade spielen konnte, fing ich damit an. Meine Helden waren die damals angesagten Rockbands: ‹Europe›, ‹Mötley Crüe›, ‹Guns ’N’ Roses› und ‹Bon Jovi›. Ein Rockstar: So wollte ich auch sein!»

Er lernte Carrosseriespengler, absolvierte die Rekrutenschule und reiste mit 21 Jahren für drei Monate nach San Diego. «Als ich einen Ausflug nach Los Angeles unternahm und auf dem berühmten Sunset Strip, wo sich viele Musikclubs befinden, flanierte, wurde mir vollends klar: Ich kann und will nicht ohne Rock leben!»

«In Zebra-Leggings zur Arbeit? Niemals!»

Musik ist Crazy Harry genauso wichtig, wie an seinem Auto-Oldtimer von 1977, einem AMC Pacer, «herumzuschrauben» und mit viel Geschick zu heimwerken. «Beruflich bin ich seit vielen Jahren als Teamleiter im Logistikbereich tätig. Meinen privaten Kleidungsstil – sozusagen meine persönliche Fasnacht – kann man peinlich finden. Das ist mir egal. Ich würde aber nie in Zebra-Leggings zur Arbeit gehen, das passt einfach nicht. Jeans und ein Shirt sind dort angebracht.»

Seine Bandkollegen sind für ihn nicht nur Freunde, sondern in gewisser Weise auch Arbeitskollegen, denn Musik zu machen, sei «auch anstrengend, aber unheimlich befriedigend».

Alex Kiss: «Einmal Musiker, immer Musiker.»

Gitarrist Alex Kiss, 52, ist Ungar, kommt ursprünglich aus der Slowakei und lebt seit 14 Jahren in der Schweiz. Sein Nachname ist übrigens echt und kein Künstlername mit Bezug zur legendären Hardrockband «Kiss». Er arbeitet ebenfalls in der Logistik und hat Baumaschinenzeichner gelernt – vor langer Zeit. Denn von 1995 bis 2007 war er Berufsmusiker und spielte in diversen Formationen Gitarre.

«Mit 13 Jahren fing ich an, Gitarre zu spielen. Ich gab keine Ruhe, bis ich endlich eine eigene Gitarre bekam. Im Militär in Prag spielte ich bei der Militärtanzkapelle und hatte schon in der Mittelschule Bands. Einmal Musiker, immer Musiker!», so der talentierte Saitenzauberer.

«Als Berufsmusiker spielte ich bei der Top-40-Band ‹Top Secret›. Wir wurden in Hotels und Dancings in der Schweiz, Deutschland und Österreich gebucht. Aber irgendwann hatte ich das einfach gesehen. Man ist nie zu Hause, immer in Hotelzimmern und kommt nie zur Ruhe, ganz zu schweigen vom Familienleben, das zu kurz kommt.» Er änderte sein Leben, hat nun einen Beruf, bei dem er nicht reisen muss, und ist zufrieden.

«Menschen musikalisch aus dem Alltag entführen.»

So, wie es jetzt läuft, gefällt es Alex Kiss: Arbeit sei Alltag, und Musik sei dazu da, die Kreativität auszuleben, für die es im Alltag keinen Platz gebe. «Die Kreativität bleibt sonst in mir stecken, das ist nicht gut. Nebst Gitarre spielen male ich Ölbilder, von denen ich bereits einige verkauft habe. Musik ist mein Lebenselixier. Solange ich Gitarre spielen kann, bin ich glücklich.» Das sieht man ihm auch auf der Bühne an: Virtuos spielt er Gitarre, immer ein Lächeln auf den Lippen und den Schalk in den Augen.

Alex Kiss sieht das Leben manchmal auch von einer ernsteren Seite: «Unser Ziel ist es, die Menschen zu unterhalten und von ihren alltäglichen Sorgen für kurze Zeit etwas abzulenken. Gelingt dies mit unserer Gute-Laune-Musik, macht mich das glücklich.»

Die Interaktion mit dem Publikum ist der Band extrem wichtig.

Beat Zuber: «Uf dene Chübel umescheppere.»

Beat Zuber, 46, liebt es, als Drummer «uf dene Chübel umezscheppere wie en Hoole», wie er seine Schlagzeugaktivität lachend umschreibt. Er spielt seit seinem 16. Lebensjahr Schlagzeug.

«Als Bub hatte ich zehn Jahre lang Trompetenunterricht, zuvor spielte ich Flöte. Mit 16 fand ich klassische Musik dann nicht mehr so cool. Ich fing an, in der Mundartrock-Gruppe ‹Spontan› zu spielen. Wir schafften es prompt einmal, als Vorband des Schweizer Mundartrock-Sängers Polo Hofer engagiert zu werden. Zu Beginn war Mundart nicht so mein Stil, ich bevorzugte Rock, Funk, Jazz und Bluesrock und spielte Schlagzeug in verschiedenen Bands dieser Stilrichtungen.»

«Auf der Bühne fühle ich mich eins mit meinen Leuten.»

Nachdem er eine Zeitlang im Tessin gelebt und dort in einer Rockband gespielt hatte, wollte er nach seinem Umzug in den Thurgau unbedingt weiterhin in einer Band Schlagzeug spielen. «So kam ich zu ‹Smoke ‘N’ Flame›, da kann ich meine Rock-Ader so richtig ausleben. Ich bin zwar der Jeanstyp und würde keine bunten Leggings anziehen, aber die Jungs aus der Band sind mir extrem ans Herz gewachsen.» Obwohl er nicht so der Bühnentiger wie Harry sei, fühle er sich auch auf der Bühne «absolut eins mit meinen Leuten».

Der Schweiss rinnt – am Schlagzeug und beim Steineschleppen

Für Beat Zuber ist die Band ein Ausgleich zur Arbeit und sein einziges Hobby – obwohl ihm Schlagzeugspielen manchmal auch wie Arbeit vorkommt. «Es ist streng an den Drums, mir rinnt immer der Schweiss», so der Landschaftsgärtner-Vorarbeiter, der zudem Verantwortlicher eines grossen Friedhofs ist.

«Ich habe meine Berufung gefunden: Ich war Automechaniker, Lastwagenfahrer, arbeitete zehn Jahre im kaufmännischen Bereich und bin jetzt Landschaftsgärtner. Ich liebe die Farben, Formen und Düfte der Blumen und Pflanzen und auch das anstrengende Steineschleppen.»

Jedes Detail beim Glamrock-Stil ruft: «Schau hin!»

Lärmi Miller: «Die Band suchte auf Facebook einen Bassisten – ich meldete mich.»

Die Basssaiten zupft Lärmi Miller, 57, aus Solothurn. «Ich kam auf eine lustige Weise zu ‹Smoke ‘N’ Flame›: Die Band suchte auf Facebook einen Bassisten für den Videodreh des Songs ‹Rock My Heart›, und ich meldete mich. Am Tag des Drehs haben wir uns zum ersten Mal gesehen, und es hat sofort gepasst, ich blieb und wurde festes Bandmitglied.»

Lärmi Miller spielt seit seinem 15. Lebensjahr in Bands Bass und Gitarre, ein Hobby, das ihn nie losliess. «Musikmachen ist mein Ausgleich zum Berufsleben, das bei mir ziemlich abwechslungsreich verlief – vom kaufmännischen Angestellten bis zum Dachdecker war alles dabei, auch der Logistikbereich wie bei Alex und Harry. Musik schenkt mir Befriedigung, Freude an der Sache und ganz wichtig: Freunde. Alex, Beat und Harry sind meine wichtigsten Freunde, das Musikmachen ist ein Schaffen, ein Herausfinden, ein kreativer Prozess, den wir gemeinsam angehen, und das macht Freude. An den Proben kann es darum auch gut mal vorkommen, dass wir einfach reden und gar nicht üben.»

Auch wenn während einer Probe einmal nicht gespielt wird: Auf der Bühne sitzt es!

Bei den Fans präsent bleiben

Die rund 25 Songs, welche «Smoke ‘N’ Flame» im Repertoire hat, werden Corona-bedingt in nächster Zeit wohl nicht live zu hören sein, doch auf Facebook posten die Bandmitglieder immer mal wieder Songs, witzige Fotos und Anekdoten, um im Gedächtnis der Fans zu bleiben und Lebenszeichen zu senden. «Wir sind da, auch wenn man uns nicht live erleben kann. Wir hoffen, dass dies bald wieder möglich ist, denn wir wollen auf die Bühne, nicht nur unseren Fans zuliebe, sondern auch uns selbst», so die Musiker unisono.

Ende Januar 2021 erscheint zudem das erste Studioalbum mit dem Namen «On Fire», welches bereits jetzt über die bandeigene Facebook-Seite bestellbar ist.

Alle Infos zu «Smoke ‘N’ Flame» sind auf Facebook zu finden: www.facebook.com/smokenflameband

Impressum: Konzept, Text, Fotos und Produktion: Malini Gloor – Gesamtverantwortung: Robert Hansen, Chefredaktion – redaktion@derarbeitsmarkt.ch, www.derarbeitsmarkt.ch

Created By
Malini Gloor
Appreciate

Credits:

Fotos: Malini Gloor, Ralph Wyssenbach (Foto von Beat Zuber), Smoke 'N' Flame (Bandfoto Studio)