Ein Stück Europa zum Anfassen 30 Gesichter, 30 Gegenstände, 30 Geschichten.

08.08.2017, Redakteurin: Alisa Ritter, Fotos: Manuel Fleig

Am 1. Juli hat die Geisteswissenschaftliche Sektion der Uni Konstanz zum 30. Geburtstag von Erasmus+ eingeladen. Ein Grund zum Feiern und Tanzen. Aber auch ein Tag, der daran erinnern soll, wie wichtig es ist, sich für ein vereintes Europa auszusprechen.

In der Mitte des Wolkensteinsaals im Kulturzentrum am Münster steht eine leuchtend rote Parkbank. Daneben zahlreiche gepackte Rucksäcke, Koffer und Taschen, die an einem aufgestellten Busschild lehnen. Die Haltestelle: Europa. Ausstieg in Fahrtrichtung Solidarität. Sofort werden zahlreiche Assoziationen wachgerufen. Europa und Erasmus verbinden wir mit Reisen, unvergesslichen Erfahrungen und persönlicher Entwicklung. Mit unterschiedlichen Sprachen und kulturell-kulinarischen Genüssen, bis hin zur Verschiedenheit der Städte, Werte und Traditionen – getreu dem Motto „in Vielfalt vereint“. Erasmus, das ist eine einmalige Zeit, ein bedeutsamer Lebensabschnitt, auf den wir oft nostalgisch zurückblicken.

Erasmus-Hochschulkoordinatorin Renate Krüßmann. Foto: Manuel Fleig

Wie sah das Bild noch vor 30 Jahren aus?

Betrachte man die ersten Schritte des EU-Förderprogramms, so galt Erasmus früher als eine große Spielwiese, beginnt Renate Krüßmann ihre Eröffnungsrede. „Eine intensive Betreuung der Studierenden zur Vorbereitung eines Auslandsaufenthalts in Europa war oft nicht möglich, die Reisen waren beschwerlich und die Wohnungssuche abenteuerlich. Vor allem Letzteres ist zum Teil heute noch so.“ Neben dem aufkommenden Bürokratiewahn, den die Bewerber durchlaufen müssen, um einen der begehrten Erasmusplätze zu ergattern, hat sich über die Jahre hinweg noch einiges mehr getan. Mittlerweile können nicht nur ausschließlich Studierende, sondern auch Lehrende und Mitarbeiter eine begrenzte Zeit an einer Gastuniversität verbringen sowie Auszubildende über das baden-württembergische Austausch-Projekt go.for.europe Auslandserfahrungen sammeln.

In diesem Jahr feiert Erasmus+ nun seinen 30. Geburtstag. Zu dem besonderen Anlass haben sich unter der organisatorischen Leitung von Iris Bräuning, Melanie Hochstätter und Albert Kümmel-Schnur insgesamt 30 Teilnehmer zusammengefunden, die ihre eigenen Erfahrungen mit den Besuchern teilen möchten. Jeweils einen Gegenstand haben sie dafür mitgebracht, der für sie repräsentativ für Europa steht und mit persönlichen Erlebnissen verknüpft ist. Der Grundgedanke: Europa aktiv mitzugestalten. Deshalb wird jedes Objekt nach der erzählten Geschichte von kleinen Kisten gerahmt und als anschauliches Exponat ausgestellt, um am Ende ein temporäres Europamonument zu bilden.

Schülerinnen und Schüler aus dem Vorarlberg zu Gast in Konstanz. Von links: Emilie Mahmud, Anna-Katharina Schilder, Muhammad Kudusov und David Feuchtner. Foto: Manuel Fleig

Von der Energiesparlampe zur Dönerbox

Eine Euromünze stellvertretend für die offenen Grenzen, eine Energiesparlampe als Zeichen für den Klimaschutz und ein Collegeblock für das Privileg kostenfreier Bildung: Es sind die jüngsten Schülerinnen und Schüler aus dem Vorarlberg, die an diesem Tag den kontrovers diskutierten Themen der Europapolitik eine Bühne bieten. Einer unter ihnen, David Feuchtner, zieht einen Zauberwürfel aus der Tasche. "Die vielen kleinen Felder ergeben ein Ganzes", erklärt er. "Nur, wenn alle an der richtigen Position sind, gibt es eine Einheit. Für mich bedeutet es, dass die einzelnen Länder miteinander kooperieren müssen, damit alles zusammenhält. Da die Zukunft für Europa gerade sehr ungewiss ist, hoffe ich sehr, dass sich die Leute wieder an den Ursprungsgedanken des Friedensprogramms erinnern."

Abgerundet wurde das Programm mit traditionellen europäischen Rundtänzen und einem breiten kulinarischen Angebot des Café Mondial. Foto: Manuel Fleig

Der Konstanzer Masterstudent Pouyan Maleki überrascht mit einem originellen Beitrag zur Dönerbox. "Erasmus-Studenten sind besonders gut darin Partys zu feiern. Das ist bekannt. Obwohl wir allerdings alle in verschiedenen Ländern zu Hause sind, hören wir oft dieselbe Musik oder bevorzugen bestimmte Drinks. Vor allem aber teilen wir die gemeinsame Liebe für einen Döner nach einer durchzechten Nacht." Für Poyan wird der Dönerladen dann zu einem fast magischen Ort: Dort trifft man sich mit seinen Freunden zu einer ganz bestimmten Zeit. Man isst, redet und lacht über den erlebten Abend. "Darüber hinaus bestärkt die Dönerbox für mich einen wichtigen politischen Aspekt, denn nicht selten arbeiten in solchen Imbissbuden Migranten oder Flüchtlinge, die bei einer geselligen Runde gern mal von den Hintergründen ihrer persönlichen Geschichte, ihrer Heimat und ihrem Aufenthalt in Deutschland berichten."

Einen weiteren kreativen Anteil leistet unter anderem Verena Wallner, die ein selbstgemachtes Gemälde aus ihrer Erasmus-Zeit mitbringt. So ziehen medial vielseitige Beiträge in Form von Videobotschaften und Trailern, Bildern und Briefen das Publikum hautnah mit ins Abenteuer.

„Europa ist bunt und bewegt“

sagte Renate Krüßmann am Ende ihrer Rede. Bewegende Zeiten, die in emotionaler Hinsicht nicht nur hinter uns, sondern vor allem vor uns liegen. Die Bundestagswahl im September rückt näher und mit ihr das allzeit rumorende Thema Europa wieder in den Mittelpunkt. Von erhitzten Gemütern, gereizten Seelen und einer anhaltenden Krise ist die Rede, die wie ein Damoklesschwert über uns schweben soll. Jenen Sorgen will der Europatag mit seinem Motto 30 für Europa entgegen wirken.

Europa gestalten. Das fertige Europamonument. Foto: Alisa Ritter

Auf diese Weise erinnert das wie aus einzelnen Puzzleteilen zusammengesetzte Europamonument stark an ein Zitat von Klaus Dieter-Lehmann, dem Präsident des Goethe Instituts, der die Situation vor knapp fünf Jahren wie folgt beschrieb:

„Europa ist weder ein Schmelztiegel noch eine Salatschüssel, sondern ein Mosaik.“

Im metaphorischen Sinne lässt sich seine Aussage daher nur bestätigen. Denn so individuell wie die Teilnehmer und die Objekte, die sie mitgebracht haben, sind auch ihre Geschichten. Und dennoch haben sie eines gemein: Sie erzählen alle aus der Sicht von Europäern.

Die Idee, die sich also hinter der aufgebauten Kulisse verbirgt und in den Gesichtern der Teilnehmer und Besucher widerspiegelt, ist mehr als deutlich. Es geht darum, den Fokus wieder auf das zu richten, was uns miteinander verbindet, anstatt auf das, was uns trennt. Das haben sich die Veranstalter am 30. Europatag zum Ziel gemacht. Mit Erfolg, denn auch wenn die Endstation der langen Reise letztlich offen bleibt, so sitzen wir alle gemeinsam im selben Bus. Vermutlich mit einer anderen Aussicht und auf einem anderen Platz als vor 30 Jahren, jedoch hoffentlich weiterhin füreinander einstehend. Aber gewiss noch als Europäer.

"30 für Europa"

Die 30 Teilnehmer und ihre Objekte

  1. Emilie Mahmud: 10-Euro-Schein
  2. Anna-Katharina Schilder: Energiesparlampe
  3. Muhammad Kudusov: Collegeblock
  4. David Feuchtner: Zauberwürfel
  5. Seamus McClelland: Reisepass
  6. Verena Wallner: eigenes Gemälde
  7. Verena König: Euromünze
  8. Luisa Maier: Europass Mobility
  9. Dominik Böhringer: Jonglierbälle
  10. Ulrike Endres: Gargoyle
  11. Wolfgang Kleiner und Heinke Hartmann: Buttons und Video von "Pulse of Europe"
  12. Lise Moawad: Dose mit polnischen Keksen
  13. Albert Kümmel-Schnur: Lederjacke
  14. Frauke Kühn: Mindmap
  15. Lena Spindler: Tee
  16. Mario Garvin: Telefonkarte
  17. Olivia Maciejowski: Sneakers
  18. Slammerin: Slam
  19. Carmen Feuchtner: Internationale Zeitungen
  20. Victor Fancelli Capdevilla: Laptop
  21. Georg Kaiser: Langenscheidt Wörterbuch
  22. Renate Krüßmann: Bild der Brücke von Mostar
  23. Anna Czypionka: Foto Großvater
  24. Pouyan Maleki: Dönerbox
  25. Michael Ott: Videobotschaft über den italienischen Roman "Paese Toi" von Cesare Pavese
  26. Katharina Kalouli: Hochzeitskarte
  27. Iris Bräuning: Petit (E)Rasmus
  28. Melanie Hochstätter: E-Mail einer betreuten Studentin aus Spanien
  29. Uwe Braun: Konzertkarten
  30. Didier et Stéphane: Chansons

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