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Am schönsten Fersensporn der Welt Der Gargano im September – Urlaub im Norden Apuliens

Text und Bilder: Marc Heinsch, Layout: Leonie Thiel

In den Abendstunden, wenn die Sonne tief steht, ist der Gargano am schönsten. Sein Meer ist tiefblau, seine bewaldeten Berge und Felsen leuchten golden und der Sand zwischen den Zehen ist noch warm aber nicht mehr so heiß, dass man gezwungen wäre, einen albernen Tanz aufzuführen. Die Hitze des Tages vergeht und eine salzige Meeresbrise trägt Kühle und den Duft von Muscheln, Pinien und Steinofenpizza übers Land. Der Gargano ist unverkennbar Süditalien. Aber die Region ist so abwechslungsreich, dass einem immer wieder der Mund vor lauter Staunen offensteht. Geht mit Campuls Online auf eine Reise entlang seiner Küste, von West nach Ost. Von der Spiaggia di Capoiale bis zur Spiaggia di Vignanotica.

Eine kleine Karte zur Orientierung. Hier sind einige der besuchten Orte zu sehen: Isole Trémiti, Pèschici und Vieste.
Eine größere Karte zur Einordnung. Die rote Stecknadel markiert den Startpunkt der Reise.

Spiaggia di Capoiale

Im Osten der Küstenstadt Rodi Gargánico erstrecken sich entlang der beiden küstennahen Binnenseen Lago di Varano und Lago di Lésina kilometerlange Sandstrände. Auf der Küstenstraße geht es eine gefühlte Ewigkeit geradeaus. Vorbei an Campingplätzen und in die Jahre gekommenen Hotels führen immer wieder unscheinbare Pfade zwischen Nadelbäumen und Gestrüpp zum Meer. Über einen von ihnen erreicht ihr reichlich holprig die Spiaggia di Capoiale. Einen magischen Ort. Entweder wegen der Nachsaison im September oder weil eher Einheimische als Touristen diesen Strand aufsuchen, herrscht dort eine zauberhafte Atmosphäre. Keine Sonnenschirmparade,stattdessen herumliegende Boote und halbfertige Strandhäuser. In einem flachen Holzbau sitzen ein paar olivfarben gebräunte Italiener um leere Kanister und Peronikästen herum. In ihrer Mitte steht ein altes Radio aus dem, zwischen reichlich Rauschen, gelegentlich ein italienischer Schlager tönt. Ein Hund mit abstehenden Ohren, die ihn aussehen lassen wie einen Kobold, streunt einsam zwischen hohem Gras und Sanddünen entlang. Bis zum Horizont, wo sich im Westen die Silhouette der Stadt Capoiale und im Osten die von Rodi Gargánico abzeichnet, erstreckt sich der schmale Sandstrand. Vereinzelt spazieren ein paar Badegäste entlang. Ansonsten rauschen einzig die Wellen.

Vico del Gargano

Wer behauptet in Konstanz liege der Hund begraben, der war noch nicht in der Altstadt von Vico del Gargano. Manch einer würde die engen Gässchen, Passagen und Torbögen verwunschen nennen. Andere - vor allem nachts - gespenstisch.

Von 13:30 Uhr bis 17:30 Uhr erstirbt das öffentliche Leben in Süditalien, bevor es am Abend wieder zu brodeln beginnt. Nur ein paar versprengte Touristen treiben durch die mittägliche Stille von Vico. Ihnen scheint es, als hätte sich ein Wurmloch aufgetan. Eine Passage in ein lange zurückliegendes Jahrhundert.

Die Stadtmauer gibt den Rahmen der mittelalterlichen Altstadt vor. In ihren Grenzen drängen sich Häuschen und schmiegen sich Türme an absurd verwinkelte Durchgänge. In der Nacht braucht ihr im Gassenlabyrinth einen gesunden Orientierungssinn. Glücklich könnt ihr euch schätzen, wenn er euch zum Restaurant Il Trappeto führt. In einer mittelalterlichen Ölmühle liegt die urige Gaststätte mit riesiger Weinauswahl. Der Besitzer Eduardo Tomaiuoli spricht gut Deutsch und macht einem den Aufenthalt unter beeindruckender Gewölbedecke sehr angenehm. Er erzählt, dass er sechs Monate im Ruhrpott gelebt und gearbeitet habe. Nach der Rückkehr in seine Heimat kaufte er die alte Ölmühle und baute sie zu seinem Restaurant um. Die Pizza ist dort fantastisch und mit 5 bis 10 Euro auch günstig. Außerdem steht das traditionelle Teiggericht Paposcia - Tomaiuoli erklärt: "Wie eine Calzone nur trockener." - neben zahlreichen Fisch- und Fleischgerichten auf der Karte. Gegessen wird auf Tischen aus alten Mühlsteinen und in den Winkeln des Trappeto begegnet euch schon einmal eine Gruppe Franziskanermönche beim Abendessen.

Von Rodi Gargánico auf die Isole Trémiti

Nordwestlich von Vico del Gargano liegt das Küstenstädtchen Rodi Gargánico. Von dort starten regelmäßig Schiffe (für 35 Euro pro Person hin und zurück) zum Trémiti-Archipel vor der Küste des Gargano. In der Hauptsaison fast unerträglich überlaufen, lohnt sich eine Überfahrt im September sehr. Nach einstündiger Schifffahrt erreicht ihr den Archipel. Die Isole Trémiti bestehen aus den Inseln San Nicola, San Dómino, Cretáccio, Capraia und Pianosa. Mit 208 Hektar ist San Dómino zwar die größte Insel des Archipels aber damit immer noch recht überschaubar.

Im Hafen von San Nicola legen die Touristenschiffe vom Festland an. Darüber erhebt sich majestätisch die Abbazia di Santa Maria a Mare. Eine zur Festung ausgebaute Abtei, die in ihrer bewegten Geschichte verschiedene Mönchsorden beherbergte. Der steile Aufstieg über ausgetretene Pflastersteine ist in der Mittagssonne eine Herausforderung. Aber eine, die euch für jeden Schweißtropfen belohnt. Immer wieder öffnen sich Durchgänge zu Terrassen, die einen spektakulären Blick auf das Meer und die umliegenden Inseln gewähren. Der Mosaikboden der Klosterkirche ist fast ebenso schön.

Die Abbazia, eine der weltgrößten Festungen inmitten des Ozeans, strahlt karibisches Flair aus. Und wer an die Karibik denkt, der denkt seit Captain Jack Sparrow auch an Piraten. 1334 gelang es Seeräubern aus Dalmatien, die als uneinnehmbar geltende Abbazia einzunehmen. Die Legende besagt, dass die Piraten den Tod ihres Anführers vortäuschten und die Mönche um einen Begräbnisritus in ihren Mauern baten. Diese willigten ein und empfingen den Sarg samt Gefolge. Aus dem Sarg jedoch sprang der quicklebendige Pirat, der darin mit den Waffen seiner Männer verharrt hatte. Durch diese List gelang es den Seeräubern die Festung einzunehmen. Sie ließen keinen der Mönche am Leben. Und als wäre das nicht schon faszinierend genug, soll sich auf San Nicola auch noch das Grab von Diomedes befinden. Einem Kampfgefährten von Odysseus aus den trojanischen Kriegen, die Homer in seiner Ilias geschildert hat.

Nach der Geschichtsstunde auf San Nicola befördert einen ein Wassertaxi hinüber zum Badeparadies San Dómino. Dicht bewachsen mit Pinienwald ist die größte Insel des Archipels ein Paradies für Naturliebhaber und Taucher. Zahlreiche Felsbuchten erlauben das Baden und Schnorcheln im kristallklaren Wasser. Wer etwas Zeit mitbringt, sollte die Insel auf der Suche nach seiner Lieblingsbucht erkunden. Alle anderen landen am einzigen Sandstrand direkt neben dem Anleger, der Cala delle Arene. Im herrlichen Abendlicht geht es dann auf dem offenen Deck zurück nach Rodi Gargánico.

Eco del Mare in San Menaio

Auf der Reise die Garganoküste entlang kann man sich San Menaio getrost sparen. Mit der Schönheit der anderen Küstenorte kann sich das touristisch geprägte Städtchen nicht messen - trotz ellenlangen Sandstrandes.

Einen kulinarischen Trip lohnt San Menaio aber allemal. Das schönste Strandlokal ist auch das beste und hört auf den Namen Eco del Mare. Der Neffe von Eduardo Tomaiouli vom Trappeto in Vico del Gargano betreibt das Restaurant mit Terrasse direkt am Meer. Auf der Karte findet ihr gute Weine, eine große Auswahl internationaler Bierspezialitäten, hervorragende Pizza, Paposcia, Fisch- und Fleischgerichte. Und wirklich alle Speisen sind empfehlenswert. Vor allem aber Fisch und Meeresfrüchte. Von Muschen bis Dorade bleibt kaum ein kulinarischer Wunsch offen. Hausgemachte Taglioni mit einem halben Hummer etwa kosten 23 Euro und sind einfach nur hervorragend.

Ein Abstecher ins Landesinnere – Foresta Umbra

Weltnaturerbe der Unesco, etwa 11000 Hektar Wald und Zentrum des Naturschutzgebietes Gargano. Der Foresta Umbra liegt ein Stück südlich von Vico in den Bergen des Gargano und lädt zu tagelangen Wanderungen ein. Im örtlichen Naturkundemuseum erklären euch die hilfsbereiten Parkranger, welche Route für eure Bedürfnisse geeignet ist. Und schon kann sie losgehen.

Die Reise in das grüne Paradies. Auf gut gekennzeichneten Wegen geht es in eine faszinierende Welt. Gewaltige Bäume, leuchtende Farne, moosbewachsene Felsen und kleine Seen. Der perfekte Ort, um sich von der Hitze des Tages zu erholen und wieder Sehnsucht nach Meer zu bekommen.

Pèschici

Östlich von San Menaio erhebt sich auf der nördlichsten Felsspitze des Gargano die weiße Stadt Pèschici. Die pittoresken Häuschen zieren zahlreiche, Mugnali genannte, Außentreppen und es ist faszinierend, wie der alte Stadtkern an und auf den Felsen gebaut wurde. Kleine Läden und Cafés laden zum Verweilen ein und nie ist die Brandung fern.

Umgeben ist Pèschici von Buchten, Stränden, Küstenwachtürmen und Trabucci. "Tra-was?", fragt ihr?

Al Trabucco da Mimi

Ein Trabucco ist eine traditionelle apulische Apparatur zum Küstenfischfang. Auf Holzstelzen steht eine Plattform direkt an der Felsküste über dem Wasser. Zahlreiche Masten ragen in wirrem Geäst und mit Schnüren bespannt über das Meer hinaus. Vom Trabucco aus kann so ein Fischernetz ins Wasser gelassen und wieder eingeholt werden. Zahlreiche Trabucci ragen um Pèschici herum in die See und einige von ihnen sind noch immer in Betrieb.

Und an einem Trabucco liegt - wenig überraschend - das herausragende Fischrestaurant Al Trabucco da Mimi. Romantischer könnt ihr einen Restaurantbesuch nicht verleben. Die Wellen rauschen an den Felsen, Möwen flattern umher, die rote Sonne versinkt über dem Meer und taucht die Felsküste in ihr ausgehendes Licht.

Und mittendrin liegen die charmant-maritim dekorierten Bauten des Restaurants auf den Felsen. Gekrönt von einem alten Trabucco. Das Personal sieht aus als würde es den Winter über eine Hipsterkneipe im Hamburger Schanzenviertel betreiben, spricht Englisch und teilweise Deutsch und sucht gemeinsam mit den Gästen den perfekten Fisch fürs Abendessen aus der Vitrine aus. Meeresfrüchte, Fisch und Beilagen werden roh mariniert oder vom Grill serviert und kommen sehr puristisch daher. Ein wenig Olivenöl, Zitronensaft und ein paar Blatt Petersilie. Mehr ist da nicht. Mehr braucht es aber auch nicht. Denn besser und stimmungsvoller wird Meeresküche selten serviert. Für Vegetarier oder Fleischfans taugt Al Trabucco da Mimi eher weniger. Alle anderen werden einen unvergesslichen Restaurantbesuch erleben.

Baia San Nicola

Direkt nebenan liegt die Sandbucht der Baia San Nicola. Mit Ferienappartements und Campingplatz klar touristisch ausgerichtet, bietet sie trotzdem einen der schönsten Strände der Region. Restaurants und Cafés, Duschen, Volleyballfeld und diverse Wassersportgeräte zum Ausleihen findet ihr dort. An seinem östlichen Ende wird der Strand von einem Felssporn abgeschlossen, der kleine Höhlen an Land und im Wasser beherbergt.

Ein herrlicher Ort um seine Strandtage zu verbringen. Wer im Urlaub keinen Deutschen begegnen möchte, sollte die Baia San Nicola allerdings meiden. Fast alle Campingwägen dort tragen ein D auf ihrem Kennzeichen.

Vieste

Die gewundene Küstenstraße entlang, geht es zur östlichen Spitze des Gargano. Dort überwuchert eine weitere weiße Stadt den Kalkfelsen – Vieste.

Als Zentrum des Gargano-Tourismus solltet ihr die Stadt in der Hauptsaison wohl eher meiden. Im September aber macht eine Erkundung der verwinkelten Gässchen einfach nur Freude.

Zahlreiche hübsche Restaurants und der stets aufs Neue atemberaubende Ausblick auf die Felsküste belohnen den ausdauernden Stadtbesucher. Ein prächtiges Kastell thront am höchsten Punkt der Stadt und auch die Cattedrale Santa Maria di Merino ist einen Besuch wert. Außerdem bietet Vieste eine der meistausgezeichneten Eisdielen des Gargano, die Gelateria Maggiore.

Spiaggia di Vignanotica

Den Abschluss dieser kleinen Reise entlang der Küste des Gargano bildet eine weitere Bucht. Eine gut 30-minütige Fahrt südlich von Vieste liegt die Spiaggia di Vignanotica. Für fünf Euro könnt ihr das Auto zwischen Olivenbäumen auf einem bewachten Parkplatz stehen lassen. Mit laufendem Motor wartet bereits ein mit Sitzbänken bestückter Kleinbus, der einen rumpelnd hinunter zur Bucht bringt. Dort erstreckt sich ein riesiger Strand mit grobem Kies. Eingefasst von weißen Kalkfelsen, die immer wieder schattenspendende Vorsprünge und Höhlen bilden.

Eine Bucht typisch für den Gargano. Rau und sanft zugleich, ein Kleinod der Natur. In Apulien, am wohl schönsten Fersensporn der Welt.

Created By
Campuls Hochschulzeitung
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Credits:

Marc Heinsch

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