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"Mein Kampf" Inszeniert von Serdar Somuncu

Konstanz, den 05. Juni '18

Text: Saskia Volknant; Bilder: Ilja Mess/Theater Konstanz; Layout: Theresa Gielnik

Das Theater Konstanz führte bis Ende letzten Monats die Farce „Mein Kampf“ von George Tabori auf. Serdar Somuncu, bundesweit bekannter Kabarettist, führte Regie und sorgte bereits im Vorfeld der Premiere für Aufruhr rund um das Theaterstück. Zur ersten Aufführung erschien die New York Times und mindestens zwanzig weitere Presseteams. Hat sich der Wirbel gelohnt oder muss es im Nachhinein, wenn wir schon mal beim Theater sind, heißen: Viel Lärm um Nichts?

Der Gipfel der Kontroverse rund um das Stück „Mein Kampf“ von George Tabori am Theater Konstanz wurde sicherlich mit der Nachricht erreicht, wer immer ein Hakenkreuz bei der Premiere trage, würde sich den Eintrittspreis sparen.

„Geschmacklos!“

schrie die Presse. Strafanzeigen gingen bei der Staatsanwaltschaft ein. Konstanz‘ Kulturbürgermeister Andreas Osner zeigt sich entsetzt. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft in der Bodenseeregion und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Konstanz riefen zum Boykott auf.

Doch vor der Premiere ist nach der Premiere und es ist kaum zu verleugnen, dass der Wirbel um das Stück in den Medien schlagartig abnahm. Auch der Regisseur selbst zog sich zurück: nicht nur aus Konstanz, sondern auch aus Twitter. Was hat das zu bedeuten? Fragte sich niemand, außer der SÜDKURIER. Der Inhalt des Stücks erntete wenig Aufmerksamkeit, eine ernsthafte Debatte darüber blieb sogar gänzlich aus. Dabei stellt sich die Frage, ob Serdar Somuncu mit seiner Inszenierung den Zuschauern tatsächlich etwas mitteilen wollte, oder ob die Provokation vor der Premiere nicht nur das Highlight, sondern auch den Zweck des Stückes darstellten.

Es spielt in den sogenannten „Wiener Jahren“ Hitlers um 1910 als dieser noch annahm, seine Berufung liege in der Schaffung künstlerischer Gemälde. Hierzu zeichnete er nachweislich Tag für Tag, wohnte in einem Männerwohnheim und bediente sich für den Verkauf seiner Werke mehreren jüdischenn Gefährten. Ihre Namen waren unter anderem Josef Neumann und Samuel Morgenstern.

Im Theaterstück hingegen hießen sie Schlomo und Lobkowitz. Letzteren inszenierte Somuncu als Donald Trump, der gelegentlich „Fake News!“ oder „Make America Great Again!“ rief, damit auch jeder den Seitenhieb verstand. Schlomo hingegen war ein einfallsloser Autor, dem für sein Buch sowohl der Inhalt, als auch der Titel fehlte. Jedoch nur solange, bis der junge Hitler selbst die Bühne betrat und seine Kunst vorstellt: „Muschi im Zwielicht“ rief er, erfüllt von kindlichem Stolz. Sowieso ließ die Beschreibung seiner Figur kaum eine andere als die eines hoffnungslos naiven Müttersöhnchens zu. Von Schlomo ließ er sich die Hosenknöpfe annähen, das Fieber messen und über Sex aufklären. Er trieb es mit einem schwarzen Dildo und hörte dabei Helene Fischer, wurde von Schlomos Freundin Gretchen entjungfert und bekam plötzlich die Erleuchtung:

„Der Jude ist an Allem Schuld!“

Gemeint war nicht Schlomo in concreto, oder sein Freund Lobkowitz. Gemeint waren generell alle Anhänger der jüdischen Religion.

Wo war der Zusammenhang? Richtig, es gab keinen. Und auch sonst vermisste man einen Roten Faden in dem Stück. Gretchen sah irgendwann aus wie Frauke Petry und brachte ein Flüchtlingskind zur Welt. Ständig war vom „Geschichtslehrer Dr. Björn Höcke“ die Rede, auch Theresa May hatte einen Auftritt. Zu Beginn des Stücks stürmten als Neo-Nazis verkleidete Schauspieler den Saal und verprügelten einen vermeintlichen Zuschauer, dessen Krawatte stark an die von Alexander Gauland erinnerte. Schon hier stand fest: Somuncu wollte sich auch tagespolitisch äußern und bemühte sich dabei etwas zu sehr.

Als am Ende der Jude Schlomo, von Anhängern des Ku-Klux-Klans umgeben, gekreuzigt werden sollte und sein Freund Lobkowitz – inzwischen Trump und Gott in einer Person – ihn gerade noch rechtzeitig rettete, war ein Level an Absurdität erreicht, das man nicht einmal aus der heute-show kennt. Der Zuschauer wurde mit dem Schuss einer Pistole aus dem Theater entlassen und nahm, ob er wollte oder nicht, ein dickes Fragezeichen im Gesicht mit.

Auf der Suche nach dem Sinn und Zweck dieser Inszenierung gibt es, wie immer in der Kunst, unzählige Wege der Auslegung. Am plausibelsten erscheint es jedoch, an die antisemitische Denkweise Hitlers anzuknüpfen. George Taboris Stück bescheinigt Hitlers Erkenntnis, den Juden eine Erbsünde aufzuerlegen die Absurdität die sie verdient. Es zeigt in überspitzer Weise wie sich Hitler zunächst von Vernunft und Verstand befreit, um sich dann einer schlichtweg dummen Idee hinzugeben. Auf fanatische Weise macht er sie schließlich zum Dogma einer Ideologie, die wir Antisemitismus nennen. Dabei lässt sich die Frage, warum ausgerechnet die Juden zur Zielscheibe seines Hasses geworden sind, nicht mit logischen Argumenten beantworten.

Schon gar nicht mit emotionalen Erwägungen: schließlich waren sie es, die ihm trotz des offensichtlichen Fehlens einer künstlerischen Begabung halfen, in Wien seine Werke zu verkaufen (siehe Lexikon). Schließlich sind Menschen unabhängig von ihrer religiösen Überzeugung zu beurteilen (siehe Grundgesetz). Nicht zuletzt fragt man sich schließlich, wie Hitler als Österreicher in Deutschland zum Anführer in Sachen Ausländerfeindlichkeit werden konnte.

Die Inszenierung von Serdar Somuncu wird dieser Auslegung des Stückes allerdings nicht gerecht. Das zeigt zum einen der Medienzirkus im Vorfeld, der sich anstatt mit dem Inhalt, nur mit den Eintrittspreisen auseinandersetzte. Dabei ist es nichts Neues, dass die Worte „Hakenkreuz“, „Hitler“ und „Somuncu“ in einem Satz eine gute Schlagzeile abgeben. Obwohl die Hakenkreuze im Nachhinein auf der Premiere nicht verteilt wurden, wirkt diese Art von Provokation im Nachhinein auf eine unsympathische Weise berechnend. Die eigentliche Botschaft des Theaterstücks, sollte Somuncu sie erzählen wollen, hatte in der öffentlichen Meinungsbildung dadurch von Anfang an keine Chance. Alles andere als hilfreich war außerdem der vergebliche Versuch Somuncus‘ , die Masse an Tagespolitik erfolgreich in das Kleid eines anderthalbstündigen Theaterstücks zu pressen. In ein Stück das mit Hitler als Hauptfigur ohnehin schon schwer genug ist und genau deshalb von den politischen Ansichten eines Kabarettisten hauptsächlich verschont bleiben sollte.

„Viel Lärm um Nichts“ scheint dennoch nicht das richtige Fazit zu sein. Zwar verdient Serdar Somuncu als Regisseur und Medienmagnet keinen außergewöhnlichen Beifall. Allerdings ist das Thema ist zu groß, als dass man es mit Shakespeare belächeln dürfte. Die Wahnwitzigkeit eines Diktators zu beobachten und zu erkennen darf schließlich weder heute noch sonst irgendwann in Vergessenheit geraten.

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