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Die Gemeinde - ein Land der Barmherzigkeit? Bericht der VFMG Zeitung von Harry Pepelnar

"Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist." Lukas 6,36

Was denken sie bei dieser Aussage über die Gemeinde? Ist ihre Gemeinde wirklich ein Land der Barmherzigkeit? Welche Erfahrungen haben sie gemacht?

Ich habe viel Barmherzigkeit erlebt

Als ich 1990 vom Platzspitz als Heroinsüchtiger in eine christliche Wohngemeinschaft und das erste Mal überhaupt in eine Freikirche kam, da begegnete ich dieser besonderen «christlichen Barmherzigkeit». Ich nenne sie bewusst «christliche Barmherzigkeit», weil sie sich unterscheidet von einer Barmherzigkeit nur aus einem Gefühl oder einem Zeitgeist heraus. Diese Barmherzigkeit der christlichen Gemeinschaft kam mir in einem erstaunlich bescheidenen Kleid entgegen. Es war die liebevolle Aufmerksamkeit gegenüber einem schwachen Menschen, die sich in ganz praktischen Zügen zeigte. Zum Beispiel war da ein pensionierter Mann, der mit fast unerschöpflicher Energie seine Freizeit dafür einsetzte, damit wir hoch verschuldeten Drogensüchtigen wieder finanziell auf die Beine kamen. Da war die Fürsorge einer Glaubensschwester die uns «Ausgehungerten» Mahlzeiten bereitete, die uns aufgehen liessen wie Küchlein im Ofen. Da waren Menschen, die mich nicht fallen liessen, auch wenn ich wieder, schon wieder, rückfällig wurde.

Und da hörte ich immer wieder diese Botschaft von dem Mann, der diesen Christen allen das Vorbild war: JESUS CHRISTUS.

Diesen Jesus, der die selbstgerechte Unbarmherzigkeit der Frommen seiner Tage Lügen strafte.

Diese Begegnung mit der christlichen Barmherzigkeit der Gemeinde Jesu ist ein wesentlicher Grund dafür, dass ich Pastor geworden bin und das ich heute eine neue Gemeinde (www.fokusköniz.ch) zu gründen versuche. Sind wir Christen nicht die eigentlichen Experten in diesem Thema? Oder sollten wir es nicht sein?

Ich bin überzeugt, dass unsere gnadenlose Leistungsgesellschaft Räume der Barmherzigkeit und Gnade braucht.

Ein Gott der Barmherzigkeit, Gnade und Langmut

In 2. Mose 34,6 wird uns Gott so beschrieben:

«Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und groß an Güte und Wahrheit.»

Wer die Bibel im Überblick liest, staunt über den langen Atem, den Gott mit uns Menschen hat. Immer und immer wieder laufen wir ihm davon, werden ihm untreu und trotzdem erbarmt er sich über uns und hat lange Geduld. Die Bibel könnte auch «die grösste Liebesgeschichte der Welt» heissen, denn in vielen Anläufen versucht Gott unser Herz zu gewinnen und die Geschichte gipfelt in der Opferung seines geliebten Sohnes am Kreuz.

Immer wieder berührt es Jesus zutiefst, wenn er Blinden, Lahmen, aber auch die Betrügern, Prostituierten und Verzweifelten begegnet:

Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Matthäus 9,36

Sind wir uns bewusst, dass auch wir heute ohne die Gnade und Barmherzigkeit Gottes nicht bestehen könnten?

Paulus sagt in Römer 2,4:

Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Busse leitet?

Davon waren die ersten Christen geprägt. Sie waren ein Wohlgeruch in der Gesellschaft. In Apostelgeschichte 4,32-35 wird uns eine christliche Gemeinschaft beschrieben, die nicht auffiel durch grosse berühmte Redner, eine perfekte Anbetungsband, oder eine perfekte Organisation, sondern durch diese gelebte, demütige und bescheidene Barmherzigkeit, gepaart mit der Anbetung Gottes in der biblischen Wahrheit.

Die barmherzige Dreieinigkeit / Sr. Caritas Müller

Wir sind Beschenkte, die weiter schenken

Es fällt auf, dass in dem meisten Fällen, Barmherzigkeit von der höher gestellten Person geschenkt wird. Barmherzigkeit und Gnade kann man sich nicht verdienen, sie werden einem geschenkt. Auch hier sind wir von der Bibel so geprägt:

Römer 9,15: «ich werde begnadigen, wen ich begnadige, und ich werde mich erbarmen, wessen ich mich erbarme»

Gottes Barmherzigkeit beschreibt die Güte Gottes, die er denen schenkt, die in Elend, Not und Sorge sind. Gottes Gnade beschreibt die Güte Gottes die er denen schenkt, die nur Strafe verdienen. Gottes Langmut beschreibt die Güte Gottes, die er denen schenkt, die über eine längere Zeit hinweg fortfahren ihm davon zu laufen.

Philipp Yancey erzählt die Geschichte von einem Alkoholiker. Dieser sagte, dass er lieber zu den Treffen der Anonymen Alkoholikern ging als in einen Gottesdienst. Warum? Tja, meinte er, wenn ich bei den AA zu spät komme, dann freuen sich alle, dass ich es geschafft habe, doch noch zu kommen. Wenn ich zu spät in den Gottesdienst komme, dann drehen sich alle um und schauen mich vorwurfsvoll an. Kommt ihnen das bekannt vor?

Haben wir noch Zeit für Gnade, Barmherzigkeit und Langmut?

Woran liegt es, dass es Gemeinden gibt in denen die Barmherzigkeit in der hintersten Reihe Platz nimmt? Oft habe ich den Eindruck, dass wir in der Gefahr sind, selbstgerecht zu werden und vergessen, dass wir selbst Sünder sind und auf die Güte Gottes angewiesen sind. Oft vergessen wir, dass Jesus Nachfolger sucht, die seine Barmherzigkeit in ganz kleinen Handlungen weitergeben.

Stehen wir nicht in der Gefahr diese ausserordentlich, göttliche Eigenschaft einer Betriebsamkeit sowie einer Programm- und Eventkultur zu opfern?

Noch nie wurden so aufwendige Gottesdienste und Konferenzen gestaltet und zugegeben, das gefällt mir. Aber das braucht viel Aufwand und Kraft. Gleichzeitig haben wir wie nie zuvor in der Geschichte , Geld und Zeit und Möglichkeiten unsere Freizeit zu gestalten, so dass manchmal wenig Zeit bleibt für das Ausleben von Barmherzigkeit, Gnade und Langmut. Wir leben in einer Optimierungsgesellschaft, die alles misst und perfektionieren will. Manche Ressorts in Gemeinden brauchen für den Erhalt der optimalen Struktur so viel Aufwand, dass der Grund für den Aufwand nicht mehr ersichtlich ist. Wir bauen schöne Gebäude, damit das Evangelium und die Barmherzigkeit und Gnade gelebt werden, haben dann aber keine Zeit mehr dafür, weil der Unterhalt des Gebäudes so viel Zeit in Anspruch nimmt.

Wäre weniger, manchmal nicht mehr? Damit das Wesentliche wird gelebt werden kann?

Unsere Zeit braucht Gemeinden, die Oasen der Gnade, Barmherzigkeit und Langmut sind.

Harry Pepelnar, Pastor FokusKöniz, Leiter Kommunikation Schweiz, verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern

pepelnar@gmail.com

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Harry Pepelnar
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Credits:

Erstellt mit Bildern von Valiphotos - "road forest season" • Edward Cisneros - "Worship Service during Praise Chapel Orange County Conference." • EvgeniT - "milky way human lake" • Lina Trochez - "Brindar siempre lo mejor de ti." • jarmoluk - "alcohol hangover event" • Erik Witsoe - "Paris, France Summer There is so much to this city that I love, but the Musée d’Orsay is a special place that I love to go to when in the city and soak up the vast collection of amazing art. Of course, it is a must to stop by and take a look through the clock window."