Jugi! Ein Anti-Luzernisches Juwel

Ich habe mich soeben unter die Decke verkrochen, da geht die Tür ruckartig auf, eine Frau tritt ein. Es ist 00.32 Uhr, in der Jugendherberge Luzern. Sie ist aufgeregt, eine Deutsche, sie habe den letzten Zug verpasst, nun sei sie hier in der Jugendherberge, was sie denn jetzt machen solle, sie habe ja keinen Schlafanzug dabei, sowas sei ihr noch nie passiert, und sie müsse ja morgen zur Arbeit, unglaublich! „Ich habe auch den letzten Zug nach Basel verpasst", sage ich nach Ende des Wortschwalls.

Jugi!, das kam mir als erstes in den Sinn, als ich auf dem Bahnsteig stand, der Zug aber schon nicht mehr auf seinem Gleis. Jugendherbergen gibt es überall, das wusste ich noch aus meiner Jugend. Auch dass sie billig sind. Ich kramte mein Smartphone hervor: 37.50 Franken pro Nacht im Mehrbettzimmer. Billig war mal. Nach einer Taxifahrt, die den Preis fast nochmals verdoppelte, stand ich vor der Jugi am Rotsee. Im Eingang begrüsste mich erst eine Kuh, dann eine Dame an der Reception.

Die Jugi-Luzern ist eigentlich eine anti-luzernische Ode. Die Eleganz und Mondänität der Grands-Hôtels sucht man hier vergebens, es riecht nicht nach Geld, sondern nach abgestandenem Schlafschweiss, keine Idylle weit und breit.

Die Zeit ist hier in den 80er Jahren stehen geblieben, nicht in der Belle Epoque. Viel Braun und Orange an den Wänden, selbst beklebte Tafeln mit touristischen Highlights statt Hochglanzbroschüren von Schweiz Tourismus.

„Haben Sie vielleicht einen Schlafanzug für mich? So kann ich ja nicht schlafen“, fragt mich die aufgeregte Deutsche. „Nein, habe ich nicht“, ich habe ja nicht geplant, woanders als in meinem Bett zu übernachten. „Ich schlafe in meinen Jeans“ – über die eine Pennerin am Bahnhof versehentlich Weisswein geschüttet hatte. Die Deutsche schaut mich konsterniert an, dann geht sie resoluten Schrittes zu zwei Japanerinnen, die in ihren Koffern wühlen.

„Do you have a pyjama?“ fragt sie die eine und erntet einen fragenden Blick und Schulterzucken. „If you have a pyjama for me“, wiederholt die Deutsche und macht dazu Pantomime: Hosen anziehen, schlafen gehen. Die Japanerin wirkt noch immer höchst irritiert, wühlt aber in ihrem Koffer und zieht eine kurze Pyjamahose hervor. „No, not short, too cold“, ruft die Deutsche, „long pyjama!“ Die Japanerin zuckt mit den Schultern. Die Deutsche zeigt auf die Trainerhosen, die die Japanerin trägt. „This!“ sagt sie. „Can I have this?“

Ich traue meinen Augen nicht. Die Japanerin kommt vom WC zurück und händigt der Deutschen ihre Trainerhosen aus. Sie trägt jetzt ihre kurzen Pyjamahosen.

Ich bette meinen Kopf auf das Kissen und will die Augen schliessen. „Haben Sie vielleicht eine Zahnbürste?“ Ich öffne die Augen. „Nein, habe ich nicht.“ Die Deutsche geht zu den Japanerinnen. „Do you have a toothbrush?“ Die Japanerin schaut verwirrt und schüttelt den Kopf. „Not understand“, sagt sie. „Toothbrush“, sagt die Deutsche und macht Pantomime. „Not understand“, wiederholt die Japanerin, senkt ihren Blick und widmet sich mit Nachdruck ihrem Koffer. Die Deutsche muss ohne geputzte Zähne ins Bett.

Die Japanerin geht ins Bad und putzt ihre Zähne.

Am nächsten Tag habe ich einen Kurs an der Journalistenschule Maz in Luzern. Einen Fotokurs. Wir brauchen ein Sujet, um fotografieren zu lernen. „Jugi!“, kommt mir als erstes in den Sinn.

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Yaël Debelle
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