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Essen im Judentum Der Einfluss der jüdischen Speisentradition auf aktuelle Trends

Laut einer 2015 in Israel durchgeführten Umfrage stuften sich 13 Prozent der Befragten als Vegetarier oder Veganer ein; im weltweiten Vergleich einer der höchsten Werte. Auch wenn andere Schätzungen auf geringere Werte kommen - der Trend hin zu einer fleischlosen Ernährung ist nicht abzustreiten. Nun ist Israel nicht das einzige Land, in dem die Zahl der Vegetarier und Veganer zunimmt, jedoch verbirgt sich hinter der Bewegung in Israel unter anderem eine starke Auseinandersetzung mit den in der Thora festgelegten Speisegesetzen. Die Kashrut, in denen unter anderem auch die Definition für koshere Lebensmittel gegeben wird, beinhaltet die für die Debatte notwendigen Informationen.

Wenn Tiere ihr Leben dafür hergeben müssen, dass Sich der Mensch von ihrem Fleisch ernähren kann, so müssen sie so wenig schmerzhaft wie möglich getötet werden (vgl. GEn 9,2).

Die Frage nach der richtigen Schlachtung und der Reinheit der Tiere an sich deckt nur einen Teil der Kashrut ab. Auch die artgerechte Haltung und der angemessene Umgang mit den Tieren wird durch Speisegesetze festgelegt. (z.B.: Lev 22,27) Für viele Juden ist es eben jene Bedingung der Kashrut, welche den Schutz und die Pflege der Tiere fordert, die wiederum den Verzicht auf Fleisch notwendig macht. Rabbi David Rosen, derzeit Direktor der Abteilung für interreligiöse Angelegenheiten des American Jewish Committee in Jerusalem, stellt in seinem Artikel für The Times of Israel provokant in Frage, ob es unter diesem Aspekt heutzutage überhaupt noch koscheres Fleich gibt.

Die Massentierhaltung widerspreche der Bedingung der artgerechten Haltung und auch die Massenproduktion von Eiern und Milch sei nur dank genetischer und hormoneller Umstellung und dem Verzicht auf Auslauffläche möglich. Für Kritiker wie Rabbi David Rosen wird durch diese Art der Haltung, mit der häufig Deformationen der Tiere einhergehen, das Tier treife - also unrein und für den Verzehr ungeeignet. Da sich der Konsument nur selten über die tatsächliche Herkunft und den dortigen Umgang mit dem Tier vergewissern kann, könnte durch den totalen Verzicht auf tierische Lebensmittel eine Nichteinhaltung der Speisegesetze umgangen werden.

Das Judentum ist keinesfalls eine Religion, die ihren Anhängern eine vegane Lebensweise aufzwingt. Der Mensch darf, gemäß der Bibel, die Herrschaft der Tiere für sich beanspruchen und diese auch unter Berücksichtigung der Speisegesetze verzehren. (Genesis 9,3-4) Auch der Tempelkult, bei dem Tiere geopfert und verzehrt wurden, spricht gegen den verpflichtenden Verzicht auf Fleisch.

Die fünfte Ordnung der mischna, die ordnung Qodashim, befasst sich mit den Opferbestimmungen im Tempel

Bevor Gott Noah jedoch erlaubte Tiere zu essen, ernährten sich die Menschen der Bibel nach ausschließlich von pflanzlichen Lebensmitteln. (Gen 1,29-30) Der Verzehr von Gemüse spielt gemäß Jontathan Brumberg-Kraus eine wichtige Rolle in der jüdischen Geschichte: "Obwohl die klassische jüdische Tradition und Küche auf den ersten Blick auf Fleisch fokussiert zu sein scheint, gibt es einen starken vegetarischen Einschlag, der bis zum Garten, dem Garten Eden zurückreicht." (Brumberg-Kraus, 2014, S.46) Diesem vegetarischen Einschlag liegt wohl schlicht eine fehlende Verfügbarkeit zugrunde. Für die meisten Menschen während der rabbinischen Ära war Fleisch zu kostbar, um es häufig zu verzehren. Die Segnung des demnach häufig vegetarischen Essens nahm auch deshalb einen so großen Stellenwert ein. (Kraemer, 2007, S.23)

Neben Rabbi David Rosen sieht auch Rabbi Yonatan Neril den von Gott gegebenen Herrschaftsanspruch über die Welt als Aufgabe, die mit Verantwortung verbunden ist. Der Verzicht auf Fleich habe positive Auswirkungen auf die Umwelt und sei somit ein erstrebenswertes Ziel. Er engagiert sich deswegen sogar über die Grenzen der jüdischen Gemeinschaft hinweg und hat deswegen vor einigen Jahren das Interfaith Center for Sustainable Development gegründet.

Es gibt Widerstand gegen den Verzicht auf Fleisch; denn das unterwandert die Kashrut-Industrie. Das stört jene, die ein Interesse daran haben, dass dieses gigantische System rund ums Essen so komplex bleibt, wie es ist. (David Rosen)
Tradition trifft Moderne

Yael Dinur ist Historikerin und arbeitet derzeit als Vertreterin der World Zionist Organisation (WZO) in Berlin. In einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen spricht Dinur unter anderem über die Problematik eine vegane Ernährung mit traditionellen Bräuchen und Speisen zu vereinen. (Kalimullin, 2017) Nicht nur sie sucht hierfür Lösungen. Im Internet finden sich schon nach kurzer Recherche zahlreiche vegane Adaptionen traditioneller Gerichte und die Sammlung wächst stetig.

An Rosh Hashana ist Honig fester Bestandteil der traditionellen Speisen. Für Veganer ist Dattelhonig eine Alternative.

Bibliographie

Rosenkranz, Michael: Kaschrut - Die jüdischen Speisevorschriften, 2013 https://www.talmud.de/tlmd/kaschrut-die-juedischen-speisevorschriften/

Rosen, David: Is any meat today kosher, 2017 http://blogs.timesofisrael.com/is-any-meat-today-kosher/

Brumberg-Kraus, Jonathan:‘Better a Meal of Vegetables with Love’’:The Symbolic Meaning of Vegetables in Rabbinic and Post-Rabbinic Midrash onProverbs 15.17; in : The Jewish Quarterly Review, 2014

Kraemer, David: Jewish Eating and Identity, 2007

Kalimullin, Robert: Mit Dattelhonig und Sojamilch, 2017 http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/29653

Main, Andreas: Grüne Rabbis im Kampf für die Umwelt, 2014 http://www.deutschlandfunk.de/vegetarisch-in-israel-gruene-rabbis-im-kampf-fuer-die-umwelt.886.de.html?dram:article_id=290256

Credits Titelbild: Leonie Rogg

Die obenstehenden Internetadressen wurden zuletzt am 11.02.2018 aufgerufen.

Credits:

Created with images by Christopher Burns - "Who’s following who?" • PhotoAtelier - "The Milk Cow" • krystian_o - "36/365" • International Livestock Research Institute - "‘Grade 2’ Potchesfroom Koekoek chicks that will not be sold to the general public" • hoyasmeg - "Temple Mount (Jerusalem model)_1357" • Edgar Castrejon - "Yogurt Bowl" • Sonja Langford - "Sweet honey in a jar"

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