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19 Jahre nach 9/11: Die islamische Welt ist bis heute im Chaos Von Frank Jungbluth

Wie die Anschläge auf das World-Trade Center 2001 Krieg und Terror auslösten und bis heute nachwirken. 19 Jahre nach dem Beginn der Operation Enduring Freedom und dem Sturz der afghanischen Taliban verhandeln die radikalen Islamisten und die afghanische Regierung in Doha über den Frieden

Die Großoffensive radikaler Islamisten auf die freie westliche Welt hat am 11. September 2001, heute vor 19 Jahren, mit den Angriff gegen das World-Trade-Center in New York City und gegen das Pentagon in Arlington/Virginia den mörderischen Höhepunkt erlebt.

Am 7. Oktober 2001 marschierten US-Truppen in Afghanistan, dem Zentrum und Rückzugsort der Terrororganisation al Quaida mit dem Terrorfürsten Osama bin Laden an der Spitze, gemeinsam mit der „Anti-Taliban-Allianz“ auf, um die Taliban, die seit 1996 mit Terror, Unterdrückung und Mord am Hindukusch regierten, schließlich zu stürzen.

Ende 2001 war die Gegenoffensive gegen den islamistischen Terror erfolgreich abgeschlossen, waren die Hauptstadt Kabul und die Provinz-Kapitalen Kandahar und Kunduz erobert. Bei der Schlacht um Tora Bora im Osten des Landes kämpften zum ersten Mal deutsche KSK-Soldaten mit, um die Kämpfer von al Quaida aus den Höhlen der Weißen Berge in der Provinz Nangarhar zu vertreiben. Dort vermutete man auch Osama bin Laden, aber er hatte sich bereits nach Pakistan abgesetzt, wo amerikanische Navy Seals den Gründer des Terror-Netzwerkes mit weltweiten Ablegern am 2. Mai 2011 töteten. Allerdings: Al Quaida war nie so groß, wie sich das Terror-Netzwerk, das ursprünglich mal das Königshaus der Saud der Heimat Osama bin Ladens stürzen wollte, selbst dargestellt hat.

US-Soldaten im Afghanistan-Einsatz. Foto: picture alliance / dpa | Andrya Hill

Al Quaida war bis zu bin Ladens Tod für fast 100 Terror-Anschläge weltweit verantwortlich. Schon der Bombenanschlag am 26. Februar 1993 auf das World Trade Center in New York sollte die berühmten Zwillingstürme zum Einsturz bringen, damals hielt der Gebäudekomplex stand. Achteinhalb Jahre später, nach dem Einschlag gekaperter Passagiermaschinen in die Twin Towers, starben mehr als 2000 Menschen. Es folgten Attentate auf eine US-Militäreinrichtung in Riad (Saudi-Arabien), auf Touristen in Ägypten, auf das US-Kriegsschiff USS Cole in Aden, gegen Diskotheken auf der Insel Bali mit 202 Toten, einen Bundeswehrbus am 7. Juni 2003, bei dem vier deutsche Soldaten sterben, das Attentat auf Pendlerzüge in Madrid am 11. März 2004 mit 191 Toten und die Anschlagserie von London am 7. Juli 2005, bei der vier Selbstmordattentäter 52 Menschen mit in den Tod rissen.

CH-53 der Bundeswehr über Afghanistan. Foto: Bundeswehr/Andrea Bienert

All das Morden hat die islamische Welt ins Chaos gestürzt, Kriege und Umstürze ausgelöst. Die Lage der islamischen Welt ist bis heute besorgniserregend. Sie sei, so Torsten Krauel, Chefkommentator der Tageszeitung „Die Welt“, heute in einem Zustand wie Mitteleuropa nach dem 30-jährigen Krieg von 1618 bis 1648. Aber die Anschläge von 9/11 haben auch die Vereinigten Staaten, damals Hauptziel der Angriffe von al Quaida, verändert. Die Angst vor dem radikalen Islamismus ist vielerorts der diffusen Angst vor dem Islam allgemein gewichen. Die Tea-Party-Bewegung als erzkonservative Reminiszenz an die Urväter der amerikanischen Revolution gegen das britische Mutterland, die im Dezember 1773 Teekisten im Bostoner Hafen ins Wasser warfen und damit gegen hohe Steuern protestieren, ist ein Auswuchs dieser Angst. Vielleicht wäre auch Donald Trump ohne 9/11 nicht vorstellbar, denn die USA sind heute ein zerrissenes Land und auch in Europa haben anti-islamische Bewegungen eine krude Mischung aus Rechtsradikalen und Antidemokraten hervorgebracht.

Deutscher Soldat im Gefecht in der Nähe von Kunduz, September 2009. Foto: Bundeswehr/von Söhnen

Was ist nun von den Friedensverhandlungen zwischen den Taliban, die trotz allen Bemühungen der westlichen Staatengemeinschaft eine Macht im Staate Afghanistan sind, und der Regierung in Kabul zu erwarten? Deutschlands Beitrag, insbesondere der Bundeswehreinsatz in Afghanistan war in der Retrospektive betrachtet sicher richtig. Trotzdem: Sollten die USA, was man ihrem Präsidenten Donald Trump nachsagt, bald das Land am Hindukusch verlassen, wäre ein Abzug der Bundeswehr folgerichtig – ja, militärisch unausweichlich.

Vor einem halben Jahr haben die USA und die Taliban in der katarischen Hauptstadt Doha, wo die Radikal-Islamisten ein Verbindungsbüro unterhalten, formal Frieden geschlossen. Jetzt soll auch zwischen den Afghanen – zwischen Taliban und Präsident Abdullah Abdullah – Frieden gestiftet werden.

In Doha schlossen die USA und die Taliban formal Frieden. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Hussein Sayed

US-Außenminister Mike Pompeo wird sich daran beteiligen und Donald Trump kündigt an, dass er die US-Truppen im zerrissenen Land auf 4.000 reduzieren wolle. Und da ist noch die enge Zusammenarbeit zwischen al Qaida und den Taliban, wie ein US-Bericht im Mai 2020 resümiert. Das Terror-Netzwerk, so heißt es in der Quelle, sei weiterhin stark in Afghanistan und operiere unter dem Schutz der Taliban. Das widerspricht dem Friedensvertrag der Taliban mit den USA, denn genau diese Verbindung zwischen den afghanischen Häretikern der Taliban und al Quaida war vor 19 Jahren nach 9/11 der Grund für den Kampf gegen die „Achse des Bösen“, den der damalige US-Präsident George W. Bush unter dem Eindruck des Terror-Krieges, den al Quaida ins Herz seines Land getragen hatte, ausrief.