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Integration Behinderter – ein kultureller Unternehmenswert Von Michael Ertel

Die Inklusion behinderter Menschen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – doch noch immer können sich Unternehmen davon „freikaufen“: Leisten sie eine Ausgleichsabgabe, entfällt für sie die gesetzliche Verpflichtung, mindesten fünf Prozent ihrer Belegschaft mit behinderten Arbeitnehmern zu besetzen. Das genaue Gegenteil macht die BAUR-Gruppe: 11,8 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben eine Behinderung – und mit dieser Integrationsleistung nimmt der Versandhändler in Bayern eine absolute Spitzenposition ein.

Die BAUR-Gruppe beeindruckt mit Zahlen: Netto-Umsatz 2017 um 14 Prozent auf 757 Millione Euro gesteigert, Mitarbeiterzahl um 157 auf 4.069 erhöht. Und sie beeindruckt mit einer CR-Strategie, in der soziale und kulturelle Werte fest verankert sind. Einem Masterplan gleich werden sie konsequent verfolgt. Einer dieser Werte: Die Integration von Menschen mit Handicap, die gleichberechtigte Teilhabe an der Arbeitswelt.

Seit 2004 kümmert sich Doris Bergmann um die Inklusion behinderter Beschäftigter. Als Beauftragte der Firmenleitung hat sie die Interessen des Unternehmens im Blick, sieht sich aber als „Vertrauensfrau“ in einer Mittlerposition zwischen den Wünschen und Forderungen der Mitarbeitervertretung und den Arbeitgeberbelangen. „Kompromisse zu finden, die für beide Seiten gut sind, ist meine wichtigste Aufgabe“, unterstreicht sie. Dabei ist sie sich der Unterstützung der Geschäftsführung sicher. „Wenn sie das Thema nicht so vorantreiben würde, dann kann man sich als Inklusionsbeauftragte noch so anstrengen – man wird keinen Erfolg haben.“

Ihr Pendant auf der Arbeitnehmerseite ist Uwe Glätzer. Als Vertrauensmann für die Schwerbehindertengleichstellung betreut er, unterstützt von einer Assistentin, rund 440 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung. Ähnlich der Funktion eines Betriebsrats ist er deren direkter Ansprechpartner, wobei er vor allem operativ gefordert ist: Anträge auf Fördermittel, Lohnkostenzuschüsse und Minderleistungsausgleich stellen, Einzelfallabstimmungen mit dem für Oberfranken zuständigen Inklusionsamt in Bayreuth und dem Integrationsfachdienst (ifd), persönliche Gespräche mit den Betroffenen und deren Vorgesetzten, ... . „Schon allein an meiner Funktion und den vielen Aufgaben kann man erkennen, wie viel Zeit und Geld wir in die Integration von Menschen investieren. Unser Unternehmen macht das Tor weit auf, damit sie auf dem ersten Arbeitsmarkt ihr Geld verdienen können.“

Erfolgreich integrieren heißt individuell integrieren

Erfolgreich ist dies allerdings nur, wenn man gezielt auf die Menschen und ihre Einschränkungen eingeht: Welche Fähigkeiten haben sie und wo lassen sie sich einsetzen? Welche technischen Hilfsmittel sind nötig, um den Arbeitsplatz entsprechend zu gestalten? Wie hoch liegt die Belastungsgrenze und welche Arbeitszeitregelung lässt sich dafür finden? „Das sind grundsätzliche Fragen, die wir zu klären haben“, betont Uwe Glätzer. Dann finden sich auch die Beschäftigungsmöglichkeiten: im Logistikbereich im Versand, dem Wareneingang und dem Kommissionierlager, in der Verwaltung oder im Call-Center für die Kundenbetreuung und den Kundendialog.

Ebenso vielfältig wie die in Frage kommenden Tätigkeiten sind auch die individuellen Einschränkungen der behinderten Arbeitnehmer bei BAUR: körperliche und geistige Handicaps, psychische Probleme, Erblindung, Gehörlosigkeit, Menschen in Rollstühlen. Dieses breite Spektrum – und die Schicksale, die sich dahinter verbergen – sind ein Spiegel der Gesellschaft. Denn: 75 Prozent der behinderten Arbeitnehmer bei BAUR haben sich ihre Einschränkungen im Laufe ihres Berufslebens erworben. Was wiederum heißt: Ein Großteil dieser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist bereits seit vielen Jahren bei BAUR beschäftigt – allerdings müssen sich Tätigkeitsart und Arbeitsverhältnis an die geänderte gesundheitliche Situation anpassen.

„Unser wichtigstes Anliegen ist daher, diese Personen, die schon lange bei uns arbeiten, trotz ihrer Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt und in unserem Unternehmen zu halten“, unterstreicht Doris Bergmann. Diesen Menschen fühle man sich verpflichtet. „Einem Mitarbeiter, der 30 Jahre bei uns gearbeitet hat und eine Behinderung bekommt, dem kann ich nicht einfach sagen: Pech gehabt, wir haben keinen Job mehr für Dich. Denn für diese Leute ist das eine Katastrophe.“ Wenn sich beide Seite – Firma und Arbeitnehmer – bemühten, fände sich in den meisten Fällen eine Lösung für eine Weiterbeschäftigung.

„Es erfüllt uns mit Stolz“

Doris Bergmann und Uwe Glätzer sehen in der Neueinstellung und Weiterbeschäftigung behinderter Menschen grundlegende Werte von BAUR umgesetzt. „Wir können nicht verstehen, wie sich Unternehmen von dieser sozialen Verpflichtung freikaufen“, sagt die Inklusionsbeauftragte. Damit spielt sie auf die vielfach praktizierte Methode an, sich als Firma durch eine Ausgleichsabgabe von der gesetzlichen Verpflichtung zu befreien, mindesten fünf Prozent behinderte Arbeitnehmer einzustellen. „Uns erfüllt es vielmehr mit Stolz, dass wir es mehr als 400 Beschäftigten möglich machen, trotz Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bestehen.“

Viele Unternehmen würden wohl davor zurückschrecken, mit finanziellem Aufwand spezielle Bedingungen wie Barrierefreiheit zu schaffen, oder seien der Meinung, dass behinderte Arbeitnehmer einem besonderen Kündigungsschutz unterliegen würden. Doris Bergmann: „Schwerbehinderten kann man zwar tatsächlich nur mit Zustimmung des Integrationsamtes kündigen – aber in den wirklich begründeten Fällen ist dies keine Hürde.“ Auch die Krankenquote liege nicht generell höher als bei den nichtbehinderten Kollegen. „Chronische Erkrankungen wirken sich zwar längerfristig aus, aber bei den Kurzzeiterkrankungen gibt es keine Abweichungen nach oben.“ Fazit: „Unsere Schwerbehinderten erbringen im Rahmen ihrer Möglichkeiten genauso ihre Leistung.“

Doris Bergmann und Uwe Glätzer engagieren sich bei BAUR für mehr als 400 behinderte Arbeitnehmer.

Was Doris Bergmann und Uwe Glätzer berichten, basiert auf einer langjährigen Erfahrung: Seit mehr als 15 Jahren betreibt BAUR ein aktives Wiedereingliederungsmanagement, schon 2005 hat man für sein Engagement bei der Integration behinderter Arbeitnehmer erste Ehrungen erhalten. Und es gibt weiterhin Ziele: Bis 2020 sollen alle Gebäude barrierefrei sein. Am Standort in Burgkunstadt ist das nach einer Komplettsanierung für sieben Millionen Euro bereits umgesetzt, Weismain und Altenkunstadt stehen noch aus.

Albert Klein, Vorsitzender der BAUR-Geschäftsführung sieht sein Unternehmen daher auf „einem guten Weg, bei der Integration von behinderten Menschen eine Vorreiterrolle einzunehmen“. Die Quote von derzeit 11,8 Prozent sei ein beeindruckender Wert den man – wo möglich und sinnvoll – weiter erhöhen wolle.

EXTRA: Politik würdigt BAUR-Engagement

Das bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration würdigt dieses Engagement der BAUR-Gruppe. Erst kürzlich hat Sozialstaatsministerin Emilia Müller der Geschäftsleitung ein Emblem übergeben. Die Aufschrift: „Inklusion in Bayern – wir arbeiten miteinander.“

Was Müller besonders hervorhebt, sind die Aktivitäten bei BAUR, um insbesondere auch langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern trotz erworbener Behinderung eine Weiterbeschäftigung zu ermöglichen: „Ein Unternehmen, das nicht nur Menschen mit Behinderung einstellt, sondern auch darauf achtet, dass die Mitarbeiter im Laufe ihres gesamten Arbeitslebens immer ein optimal gestaltetes Arbeitsumfeld vorfinden, ist ein Vorbild.“ Auch für die Staatsregierung sei die Verbesserung der beruflichen Teilhabe von Menschen mit Behinderung eines der wichtigsten Ziele. Im vergangenen Jahr seien den bayerischen Unternehmen dafür Fördermittel in Höhe von 86 Millionen Euro bereitgestellt worden.

Created By
Michael Ertel
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