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Nun strömt die Flut zurück 2020-05-09

Der lange Moment einer orientierungslosen Offenheit geht zu ende. Es war wie ein Schock, wie ein Ringen um das Gleichgewicht, bei dem keine Bewegung nach vorne, hinten oder zur Seite eine Rolle spielte. Die Menschen blieben stehen wo sie waren und darin waren sie sich gleich. Es gab kaum noch fahrenden Züge, vor deren Fenstern die andere Welt vorbeirast und unkenntlich wird. Die Züge hatten angehalten, die Türen waren aufgegangen und wir standen gemeinsam herum im Niemandsland.

Nun fahren die Züge wieder an in meiner Umgebung. Die Menschen beeilen sich, rechtzeitig an Bord zu kommen. Erleichtert, pflichtschuldig oder in Angst. Oder sie zögern noch, hoffen auf einen letzten Moment des Abschiedes. Abschied wovon?

Es war ein geteilter Augenblick, indem das Öffentliche mit dem Privaten zur Deckung kam, als wenn die beweglichen Farben eines Kaleidoskops sich auf einmal kurz zu Weiß ergänzen. Oder, als wenn man plötzlich und unverhofft aus einem Sturm in die Flaute im Auge des Orkans tritt. Es war immer klar, dass hier kein Verweilen sein würde. Ich denke, für viele Menschen war dieser Ort deswegen auch nichtig, oder er tauchte gar nicht erst auf für sie. Für andere war es, wie ein Blick zurück in ein verbotenes Paradies.

Nun, es war eine Mischung von all dem. Ein merkwürdiger Traum und Albtraum den wir nun abschütteln und schon vergessen. Wir suchen wieder unseren Platz in unserem fahrenden Zug und hoffen, das er noch frei ist. Und wenn nicht, müssen wir kämpfen. Müssen den Schaffner rufen, die Reservierung zeigen, auf deren Gültigkeit beharren, einen neuen Platz verlangen, wenn möglich nicht viel schlechter als vorher. Oder wenigstens im Bordrestaurant, auch wenn das teuer ist. Oder, wenn es sein muss, für eine Weile irgendwo versteckt, um nicht ganz aus dem Zug zu fliegen. Wenn es sein muss.

Die anderen Züge werden wieder nur ein fernes Rauschen sein, Schlieren vor unseren Fenstern. Und dann: gar nichts mehr. Dann ist es kein Zug mehr, der wieder-anfährt, sondern unsere Wirklichkeit, die wieder erwacht ist. Anders vielleicht wird sie sein, aber dieselbe eine, unausweichliche Wirklichkeit.

Ich bin Künstler, in meinem fahrenden Zug darf ich den Blick gerichtet halten auf dieses bestürzende Schauspiel eines epochalen Gezeitenwechsels.

Stefan Budian, Mainz, den 9. Mai 2020

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Stefan Budian
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