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560 Jahre und ein Buch Die Gutenberg-Bibel aus St. Paul

Die berühmte 42-zeilige Gutenberg-Bibel, die heute in der Bibliothek das amerikanischen Kongresses in Washington D.C. bewahrt wird, hat eine ebenso interessante wie aufregende Geschichte hinter sich. Um 1455 in Mainz gedruckt, kam sie bald darauf an die Benediktinerabtei St. Blasien im Schwarzwald. 1809 gelangte sie in das Benediktinerstift St. Paul und wurde im darauffolgenden Jahrhundert in die USA verkauft.

Dieser Mann betreibt eine geheimnisvolle Kunst. Manche behaupten sogar, es sei „Schwarze Kunst“ und er sei mit dem Teufel im Bunde. Tatsächlich sorgt Johannes Gutenberg in den 1440er Jahren in Mainz immer wieder für Gerüchte und Spekulationen. Aber wäre er damals und auch schon davor nicht ständig in Skandale, finanzielle Schwierigkeiten und Rechtsstreitigkeiten verwickelt gewesen, wüsste man heute wohl kaum etwas über sein Leben. Aber auch so liegt vieles im Dunkeln.

Ein Kind des späten Mittelalters

Johannes Gensfleisch zur Laden, so sein Geburtsname, stammte aus einem alten Mainzer Patriziergeschlecht und wurde irgendwann in den letzten Jahren des 14. Jahrhunderts geboren. Genauer weiß man es nicht. In Mainz besucht er wahrscheinlich die örtliche Lateinschule und erlernt ein Kunsthandwerk. Vielleicht studiert er sogar. In den frühen 1430er Jahren verlässt er mehr oder weniger überstürzt seine Heimatstadt, um dann einige Zeit später in Straßburg aufzutauchen.

Als er dort in Erscheinung tritt, hat er schon einiges an Schulden angehäuft und führt Gerichtsprozesse. Fest steht, dass seine andauernden finanziellen Schwierigkeiten vor allem auf die technischen Versuche zurückzuführen sind, die sein Leben schon seit vielen Jahren bestimmen. Sie verschlingen offenbar enorme Summen.

Der Mainzer Erfinder und Buchdrucker Johannes Gutenberg läutete eine der größten kulturellen Revolutionen der Menschheit ein.

Worin aber besteht Gutenbergs geheimnisvolle Kunst, der er schon so viel geopfert hat? Als er 1444 als etwa 50-Jähriger wieder nach Mainz zurückkehrt, erfährt man endlich etwas mehr darüber. 1445 liegen dann die allerersten Drucke aus seiner Mainzer Werkstatt vor, gedruckt auf Papier und mit beweglichen metallenen Lettern – ein Verfahren, an dem er lange getüftelt hat.

Anfangs sind es nur kleine Schriften, aber die Art und Weise, wie sie entstehen, ist eine technische Revolution. Gutenberg hat den Druck mit beweglichen Lettern zwar möglicherweise nicht als Erster erfunden, jedoch entscheidend verbessert und damit erst wirklich tauglich für die Praxis gemacht.

Die Anfangserfolge reichen bei Weitem nicht aus. Kaum jemand außer ihm erkennt das ungeheure Potenzial, das in dem neuen Verfahren steckt. Er, Johannes Gutenberg, muss also durch weitaus Größeres auf sich und seine Innovation aufmerksam machen. Er beschließt daher, das großartigste und unvergänglichste aller Werke zu drucken: die Bibel.

Die Vorarbeiten für den Bibeldruck beginnen um 1450. Wieder muss er Geld leihen, ist auf ungeduldige Teilhaber angewiesen. Fast alles, was er und seine Helfer benötigen, müssen sie selbst herstellen: Pressen, Bleiformen, die Drucktypen (normale Typen, Anschlusstypen, Abkürzungszeichen, Doppelbuchstaben) und die Druckerschwärze. Papier und Pergament werden zugekauft. Am Ende sollen schließlich hochwertige Druckwerke stehen, die auch den Vergleich mit den schönsten Klosterhandschriften nicht zu scheuen brauchen.

Jede Seite der geplanten Bibel soll zwei Spalten zu je 42 Zeilen fassen. Die Drucktypen sollen nicht nur für eine Seite ausreichen, sondern für mindestens drei, damit es im Produktionsprozess nicht etwa zu Engpässen und Verzögerungen kommt. Den Platz für die farbigen Initialen wird man freilassen. Sie werden später per Hand eingefügt.

Als die umfangreichen Vorarbeiten 1452 abgeschlossen sind, hat Gutenberg hohe Schulden, beschäftigt aber an die 20 Setzer und Drucker. Sie arbeiten 12 bis 16 Stunden täglich, insgesamt wohl zwei Jahre lang, um die gesamte Auflage der Bibel fertigzustellen. Es sind etwa 180 Exemplare, zum Großteil auf Papier gedruckt, zu je zwei Bänden gebunden. Die beiden Bände haben insgesamt 1282 Seiten. Einige wenige Exemplare sind dreibändig, die Texte auf feinstes Pergament gedruckt. Heute sind noch knapp 50 Exemplare dieses Jahrtausendwerks erhalten, fast alle aus Papier, viele nur in Bruchstücken.

Ein Band der dreibändigen, 42-zeiligen Gutenberg-Bibel, die sich heute in der Kongressbibliothek in Washington befindet. Foto: Library of Congress.

Von St. Blasien, über Spital am Pyhrn nach St. Paul

Eine der kostbaren dreibändigen Pergamentbibeln kam – vermutlich schon unmittelbar nach ihrer Fertigstellung – an das Benediktinerkloster St. Blasien im Schwarzwald. 1768 überstand die Gutenberg-Bibel dort sogar einen Klosterbrand, dem vieles andere zum Opfer fiel.

Später setzte sich die abenteuerliche Reise der Bibel fort. Einige Zeit lang soll sie in der Schweiz versteckt gewesen sein, ehe sie 1806 mit den Mönchen aus St. Blasien nach Spital am Pyhrn und von dort aus 1809 in das wiederzubesiedelnde Lavanttaler Benediktinerstift St. Paul gelangte.

Das kostbare Werk befand sich über 100 Jahre lang im Besitz des St. Pauler Klosters, ehe es in den 1920er Jahren erneut eine wichtige Rolle spielen sollte. Weil sich das Stift schon seit einiger Zeit in finanziellen Schwierigkeiten befand und zudem höchst sanierungsbedürftig war, fasste man den Entschluss, Teile der Klosterbibliothek auf dem internationalen Markt anzubieten. Darunter auch die Gutenberg-Bibel, die 1926 tatsächlich verkauft und 1930 offiziell an die Kongressbibliothek von Washington übergeben wurde.

1930 übergaben Abt Richard Strelli und sein Konvent im Hof des Benediktinerstifts St. Paul die kostbare Bibel. Foto: Archiv

Unbeschadet in amerikanische Hände

Eine wichtige Rolle beim Verkauf der Gutenberg-Bibel spielte ein Wiener Antiquariat, das schon seit Jahrzehnten auf den Ankauf wertvoller Bücher, Handschriften und Autographen spezialisiert war. Der Besitzer erhielt den Auftrag, sich nach Interessenten umzusehen, die bereit und in der Lage wären, mindestens 200.000 Dollar für die St. Pauler Bibel auszugeben. Der tatsächliche Verkauf kam jedoch erst durch die Einbeziehung des deutsch-amerikanischen Büchersammlers und Antiquars Otto Vollbehr (1869-1946) zustande, der durch seine internationalen Kontakte in der Lage war, ein Geschäft dieser Größenordnung abzuwickeln. Vollbehr, der auch Chemiker, Erfinder, Diplomat und angeblich sogar Spion war, kaufte die St. Pauler Bibel 1926, um sie dann gemeinsam mit zahlreichen anderen frühen Druckwerken als „Sammlung Vollbehr“ an die Kongressbibliothek weiter zu verkaufen. Der US-Kongress hatte dafür insgesamt 1,5 Millionen Dollar bewilligt, wovon allein 600.000 für den Ankauf der Gutenberg-Bibel bestimmt waren. Das Benediktinerstift St. Paul erhielt davon 250.000 Dollar. Das österreichische Bundeskanzleramt erlaubte den Verkauf und die Ausfuhr der Bibel und nahm rund 25.000 Dollar an Ausfuhrsteuer ein.

Zur Übergabe der Bibel und anderer Druckschriften reiste im August 1930 der Chefbibliothekar der Kongressbibliothek nach Österreich, um einzelne Exemplare in St. Paul, Klagenfurt und Wien höchstpersönlich in Empfang zu nehmen.

Die Gutenberg-Bibel aus St. Paul war jedoch keineswegs die einzige, die damals den Besitzer wechselte. 1926 wurde auch eine Gutenberg-Bibel aus dem Kloster Melk in die USA gebracht und in New York versteigert. Den Zuschlag erhielt ein privater Sammler, der 106.000 Dollar zahlte. Die Melker Gutenberg-Bibel wurde jedoch von Anfang an als „weit weniger kostbar“ als die St. Pauler Bibel eingestuft, ist zweibändig, auf Papier gedruckt und auch nicht vollständig erhalten.

Wie viel die aus St. Blasien und St. Paul stammende Gutenberg-Bibel heute wert ist, lässt sich kaum zuverlässig sagen. Der Grund ist die Einmaligkeit des Werkes, das von den Verantwortlichen der Kongressbibliothek als eines der kostbarsten ihrer Sammlungen bezeichnet wird. Am ehesten kann man den Wert der Bibel schätzen, wenn man ihn mit anderen Verkäufen von Gutenberg-Bibeln vergleicht. So wechselte 1987 eine gut erhaltene Gutenberg-Bibel für 9,75 Millionen DM, umgerechnet etwa 5 Millionen Euro, den Besitzer.

Aber noch einmal zurück zur historischen Verknüpfung von Gutenbergs Bibel mit St. Paul. Als die erste Kärntner Landesausstellung „Schatzhaus Kärntens – 900 Jahre Benediktinerstift St. Paul“ (1991) vorbereitet wurde, bemühte sich das Ausstellungsteam, die kostbare, in Washington befindliche Bibel für die Dauer von ein paar Monaten als Leihgabe wieder zurück nach St. Paul zu bringen. Trotz intensivem Schriftverkehr, dem auch mehrere Gespräche folgten, scheiterte die Leihgabe schließlich am außerordentlich hohen Wert der Gutenberg-Bibel und an den finanziellen Aufwendungen, die für den Transport, die Versicherung und die Sicherheitsmaßnahmen vor Ort erforderlich gewesen wären.

Werner Thelian

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Werner Thelian
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