Häuser wollen leben Exposé 360°-Multimediadoku

(ÜBER)LEBENSKAMPF

Lebensraum ist begrenzt. Die Fläche, die bereits bebaut ist, gilt es entsprechend zu nutzen. Diese Ansicht vertreten Hausbesetzer besonders bestimmt und zuweilen reichlich radikal. Dass sie sich dabei nicht nur leerstehende Wohnungen schnappen, um günstig leben zu können, beweisen etwa die Besetzer einer Liegenschaft der aussergewöhnlichen Art: Eine 150-jährige ehemalige Schreinerei hat ein Berner Besetzerkollektiv in ihren Bann gezogen.

THEMA

Jede Sekunde wird in der Schweiz ein Quadratmeter Boden verbaut. In einem Land, das nur 41’285 Quadratkilometer misst, wird es allmählich eng. Gleichzeitig standen 2016 in der Schweiz fast 60'000 Wohnungen leer. Hinzu kommen viele weitere Gebäude, deren Türen verschlossen und Fenster dunkel bleiben. Weil Eigentümer es sich leisten können, wird den übrigen Menschen Raum vorenthalten - Wohnraum, Lebensraum, Freiraum. Das Gesetz erlaubt es.

Doch nicht alle lassen sich das gefallen. Es gibt Gebäude, die gerettet werden wollen - und Menschen, die das spüren. Hausbesetzer holen Häuser zurück in den gesellschaftlichen Gebrauch, ob gesetzlich erlaubt oder nicht. Manchmal sind sie die Einzigen, die Liegenschaften nach Jahrzehnten des Leerstands wieder aufleben lassen.

PROTAGONISTIN

Inmitten der blühenden Berner Industriezeit entsteht 1850 an der Fabrikstrasse die Schreinerei Muesmatt. Bis zur Jahrhundertwende fliegen in ihr die Spähne. Dann ist plötzlich Schluss. Um sie herum machen ehemalige Fabriken einem Wohnquartier Platz. Nur sie bleibt übrig - finster und leer. 1997 wird das Holzgebäude zum Baudenkmal erkoren. Ein Titel, der für die Alte Schreinerei den Galgen bedeutet. Da sie nun "geschützt" ist, darf sie in ihrem Aussehen nicht mehr verändert werden. Über die Jahre verfällt ihre Fassade, wie auch ihr Inneres an der Zwecklosigkeit zerbricht.

Nach 16 Jahren rückt sie wieder in die politische Aufmerksamkeit. Allerdings nur, weil nebenan für die Universität gebaut wird. Im Besitz des Kantons muss die Alte Schreinerei allerlei verbale Unzimperlichkeiten über sich ergehen lassen. Die Rechte will die "Hässliche Alte" weghaben; die Linke unterstützt sie nur des Denkmalschutzes wegen. Geld investieren will niemand. Zu einer Einigung kommt es nicht, auch nicht zum Abrissgesuch. Weitere Jahre verstreichen.

Als 2016 das neue Universitätsgebäude nebenan eröffnet, geht es plötzlich schnell. Eine Gruppe Studenten und Gleichgesinnte wird aufmerksam und sucht sich fernab vom Polittisch ihre eigene Lösung für die heruntergekommene Nachbarin. Die Tore werden kurzerhand geöffnet und die Fassaden künden mit bunten Plakaten neues Leben an: "Besetzt!"

Die Regierung meldet sich von selbst zurück. Erst die Aufforderung zum Auszug. Statt auszuziehen, taufen die Besetzer ihren neuen Schützling: Die "Fabrikool" soll künftig Freiraum sein für Ideenschmiede und fürs Zusammensein ohne Konsumzwang. Für das neue Leben der Alten Schreinerei unterschreiben die Besetzer sogar einen Vertrag. Genehmigte Zwischennutzung bis Ende Juli 2017. Mit Option auf Verlängerung.

UMSETZUNG

Der Zuschauer kann mittels 360°-Multimedia-Doku in die Geschichte der alten Schreinerei eintauchen. Ausgangslage ist ein 360°-Video des aktuellen besetzten Fabrikool-Areals. Das Video bildet eine eigene Website und wird mit interaktiven Infopunkten ausgestattet. Wenn der Nutzer diese anwählt, erscheinen im Videoraum integriert Bildeindrücke, Skizzen und Textinformationen zur Geschichte des Gebäudes. Vom Bau 1850 über die einstige Nutzung als Schreinerei, die Stilllegung und den schleichenden Zerfall bis hin zur neuen Wiederbelebung durch die Besetzer soll der Betrachter mitfühlen können, was es für ein Haus bedeutet, seines Zweckes beraubt zu werden. Und wie leicht einem Gebäude neuer Sinn verliehen werden kann, der allen nützt.

KONTAKT

  • Maja Gobeli, Bodengut 3, 3772 St.Stephan
  • m.gobeli@yahoo.de
  • 078 950 02 56

QUELLEN

Fotos: Maja Gobeli

Text sowieso.

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