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Polarnacht leuchtend duNkel

Ja, ich gebe es zu. Als ich 1991 zum ersten Mal im tiefsten Dezember auf dem 67. Breitengrad weilte, Luftlinie vielleicht 70km nördlich des Polarkreises, war ich völlig fasziniert, und doch auch ein wenig enttäuscht. Denn hier war es ganz und gar nicht so dunkel wie erwartet. Selbst hier zeigte sich die Sonne täglich, wenn sie auch nur sehr schüchtern einen Teil ihres strahlenden Oberkörpers offenbarte, und gewiss ließ sie sich obendrein nur vom Gipfel einer ordentlichen Erhebung stalken. Dennoch verzauberte sie die -30 Grad kalte Tundra in eine perfekt erleuchtete Märchenlandschaft, so weit das Auge reichte. Der allgegenwärtige Pulverschnee reflektierte jeden Lichtstrahl und ließ die Luft funkeln. Trotz Enttäuschung muss sich hier ein Teil von mir in die Extreme der Arktis verliebt haben.

Fast 30 Jahre später lebe ich in einem Land, das bis zur Arktis reicht. Wer erleben will, dass es im Sommer 24 Stunden taghell bleibt, wird schon am Polarkreis glücklich, und der liegt auf 66°33'. Wer aber will, dass es im Winter 24 Stunden dunkel bleibt, muss sich jenseits des 73. Breitengrades begeben, zwei Grad nördlicher als das Nordkapp. Genau das haben wir vor.

9. Januar

Die Koffer sind gepackt. Seit langer Zeit packt mich völlig unerwartet mal wieder jugendliche Abenteuerlust und ein Reisefieber, dass mich kaum einschlafen lässt.

10. Januar

Die Reise beginnt bereits in totaler Dunkelheit. Auf dem 57. Breitengrad, wo ich um halb fünf frühstücke, versteckt sich die Sonne um diese Zeit noch mehr als 30° unter dem Horizont. Wann werden wir sie wiedertreffen?

Der Mond scheint blendend vom Nachthimmel, doch ich bin nicht mal sicher, ob wir unseren Trabanten in den nächsten Tagen überhaupt sehen werden.

8 Uhr, 8 Grad

Um 8 überqueren wir den 60. Breitengrad, und die Sonne hängt hier gerade noch 8° unterm Horizont. Zeit für eine Pause. Es friert.

Eine norwegische Turbo-Prop bringt uns dem Ziel näher und vibriert ordentlich Sturm in die Teetasse.

Ich fühle mich wie ein Neunjähriger.

Doch noch ein letzter Sonnengruß

Um 12.37 CET überqueren wir den Polarkreis:

Blick auf den Polarkreis

Gegen 13:15 überqueren wir den Breitengrad des Nordkapps. Und etwas später:

Der verwackelte Landeanflug auf Spitzbergen. Im Bild die kleine, russische Siedlung Barentsburg, benannt nach dem Entdecker Spitzbergens, Willem Barentsz.
Touch-down am Ziel pünktlich um 14:20.

Auf 78° Nord. Schon am Gepäckband werden wir von einem Eisbär begrüßt.

An der Rezeption unserer Herberge hängt auch ein Eisbär, aber nicht zur Deko:

„Warnung - Eisbärengefahr! In letzter Zeit wurden mehrfach Eisbären in der Nähe des Ortes gesichtet. Wir erinnern sowohl Touristen wie Einheimische, bei Verlassen der Ortschaft die nötigen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen“

Der Rezeptionist erklärt auf der Karte, in welchen Bereichen man sich unbewaffnet relativ sicher aufhalten dürfe. Doch selbst dort gäbe es keine absolute Garantie. Erst letzten Sonntag sei einer morgens um 6 durch die Fußgängerzone spaziert. Ich selbst bin mit meiner Familie schon durch Wälder gewandert, in denen zahlreiche Braubären leben. Damals hatte ich mich auf eine mögliche Begegnung vorbereitet, um möglichst ungeschoren davonzukommen. Doch bei Eisbären? Ich hab keine Ahnung! Also frage ich, was man tun soll bzw. auf keinen Fall tun darf. Seine Antwort: „Ich würde rennen, rennen so schnell ich kann!“

Das ist wohl das Einzige, was ich wahrscheinlich nicht machen würde, wenn ich nicht auch noch einen Jagdinstinkt auslösen will. Bis ich es besser weiß, werde ich mich an die Braunbärstrategie halten.

Mutig, wie wir sind, wagen wir die Expedition vom Hotel (rechts vom Bild) zum Ortskern (links im Bild).

knackige -19°. Das Bild ist eine Langzeitbelichtung bei Vollmond. In Wahrheit ist es so dunkel wie eben überall bei Vollmond.

Auf dem Rückweg greift uns auch schon der erste Eisbär an und will uns die Lebensmittel aus der Plastiktüte klauen, doch wir verteidigen sie! Naja ok, die Geschichte stimmt natürlich nicht ganz. (Wir hatten einen Stoffbeutel.)

11. Januar

Der Mond ist (heute nicht) aufgegangen...

... weil er gar nicht untergeht. Man lernt ja nie aus. Von den Polkappen hat man rund um die Uhr freie Sicht auf den Mann im Mond. Er dreht sich immer nur im Kreis. Und weil er gerade so schön rund und hell ist, wird es wohl schwierig werden, Polarlichter zu sehen.

So ungefähr sind hier die Lichtverhältnisse bei wolkenlosem Himmel für das bloße Auge gegen 11:30. Der Mond steht gerade im Norden, unter ihm spiegeln sich Isfjord und Adventfjord. Auf dem zweiten Foto Richtung Südosten sieht man den Speisesaal unserer Herberge in dem großen Wintergarten.

Heute sind wir so weit nach Westen gelaufen, wie es unbewaffnet erlaubt ist. Longyearbyen hat nur gut 2000 Einwohner, das sind viel weniger als in Hitzhofen, doch mit eigenem Flughafen, Kraftwerk, vielen Hotels und Museen fühlt es sich städtischer an. Die Einheimischen sind eine eingeschworene, internationale Gemeinschaft, wo jeder jeden kennt. Alle haben laut offizieller Beschreibung eins gemeinsam: Sie sind vom Arktisvirus befallen, sonst hält man es hier nicht aus. Wenn ich so darüber nachdenke, würde es mich nicht wundern, wenn auch ich infiziert bin.

Auf diesem Tagesmarsch haben wir Spitzbergens nicht so spitzen Tafelberg entdeckt.

Imposante Mondbeleuchtung.

Nachdem wir die Straße am Fuße des "Tafelberges" entlang wieder zurück in der City sind, kehren wir mit abgefrorenem Gesicht zum Aufwärmen erst in der Touristeninformation, dann in einem Café ein. Dort packe ich für den Rest des Weges zurück zur Herberge meine Kameraausrüstung zusammen und in den Rucksack. Da passiert es natürlich: Karen entdeckt ein schwaches Nordlicht. Bis die Kamera richtig eingestellt wieder auf dem Stativ steht, ist es zwar fast schon wieder weg, aber immerhin...

12. Januar

Anbeten in der nördlichsten Kirchengemeinde der Welt

Und das ist diese hier.

Im norwegischen Gottesdienst werde ich nachdenklich. Nach einem recht einsamen Fußmarsch durch völlige Dunkelheit mit potentiellen großen, wilden Tieren und gefühlten -27°C in eine warme, helle und sichere Gemeinschaft zu kommen, macht mir klar, wie selbstverständlich wir alle unsere luxuriöse Sicherheit nehmen. Kein Wunder also, dass immer weniger Zuflucht bei Gott suchen.

Wir feiern ein lutherisches Abendmahl, freuen uns, dass norwegisch gar nicht so schwer ist und wir schon am zweiten Tag die ersten Gesichter aus der Stadt wiedererkennen. Zum Kirchenkaffee unterhalten wir uns eine ganze Zeit mit ein paar Studenten.

Und so sieht hier in der Kirche das Gebäck zum Kaffee aus.

Nach dem Gottesdienst marschieren wir weiter und finden irgendwo an einem Berghang ein paar Gräber mit ganz besonderen Grablichtern:

Ich bilde mir ein, den immer noch fast vollen Mond über diesen Gräbern fotografieren zu wollen. Und er ist auch gar nicht so weit weg, bald sollte er auftauchen. Doch hier geht der Mond nicht auf, er dreht sich immer nur im Kreis, rund 25 Stunden für eine ganze Umdrehung. In Erwartung eines baldigen Mondaufgangs erweitern wir unsere Sonntagswanderung bis zur Grenze der waffenlosen Zone, und wieder zurück. Immer noch kein Mond über den Kreuzen. Wir warten und warten, und erst, als wir aufgeben wollen, weil uns Hände, Füße und Gesicht abfrieren, erscheint die Mondspitze. Es dauert nur noch eine weitere Viertelstunde, bis er zumindest halb zu sehen ist.

Völlig durchgefroren marschieren wir schnellen Schrittes zurück ins Zentrum und wärmen uns bei einem warmen Kaffee wieder auf.

13. Januar

Ursus Maritimus

Achtung, Eisbärwechsel! "Gilt für ganz Svalbard"

Es ist unmöglich, hier nichts über Eisbären zu lernen. Mit großem Respekt und Stolz teilen sich die Einheimischen ihre Inseln mit diesem großen Säugetier. Oder umgekehrt. Der Eisbär ist hier allgegenwärtig.

Wenn du auf dem Boden liegst und diesen Anblick hast, darfst du dich darauf freuen, bald deinen Schöpfer zu treffen.

Der Eisbär frisst ein bis zwei Robben pro Woche, und nur trächtige Weibchen gehen in den Winterschlaf. Gegen Weihnachten kommt der nur 500g leichte Nachwuchs, der bis zu 500 kg schwer werden kann. Eisbären sind ein bisschen wie Hunde. Sie haben eine extrem guten Geruchssinn und sind sehr neugierig. Alles, was nicht Schnee oder Eis ist, erregt seine Aufmerksamkeit. Ganz besonders Zelte und Proviant.

Ein Eisbärschädel in unserem Speisesaal

Eine Begegnung darf hier grundsätzlich nie ausgeschlossen werden. Wenn er noch weit weg ist, sollte man in der Tat das Weite suchen. Der Eisbär ist viel langsamer als ein Braunbär, er schafft nur bis zu 40km/h und das auch nur auf kurzen Strecken, dann "überhitzt sein Motor" wegen des vielen Specks und dem Gewicht. Er kommt also fast immer nur angetrottet. Kommt er trotzdem näher, muss man ihn selbstbewusst einschüchtern. Der Mensch wird nicht als Beute gejagt, aber ein Eisbär könnte beim Näherkommen auf die Idee kommen, dass Homo Sapiens auf der Speisekarte mal eine willkommene Abwechslung wäre.

Wird man ihm in der Stadt begegnen? Kommt auf die Uhrzeit an. Wenn er wirklich in die Stadt kommen sollte, dann nur, wenn der Bär sich sicher fühlt, und das ist nachts, wenn alles schläft. Jedenfalls habe ich neben der Kirche beeindruckend große Eisbärspuren im Schnee gefunden.

Dieser nicht mehr ganz frische, aber auch nicht sehr alte Abdruck ist deutlich größer als meine ausgebreitete Hand.

Wer sich unerfahren in die Wildnis begibt, wird höchstwahrscheinlich falsch reagieren, wenn's drauf ankommt, wie eine Gruppe Teenager vor einigen Jahren. Ein 15-jähriger kam nicht mehr zurück.

Dieses Exemplar war ein 505kg schweres Männchen, das sich einer ganzen Gruppe Forscher genähert hat. Die Forscher haben alles richtig gemacht, trotzdem kam der Bär immer näher. Man versuchte, ihn mit Signalpistolen zu verscheuchen, was meistens funktioniert, doch nicht hier, der Riese steuerte weiter auf die Gruppe zu. Der Schütze muss Nerven wie Stahl gehabt haben, denn erst aus zwei Metern Entfernung setzte er den tödlichen Schuss ab.

Weil der Eisbär eine geschützte Art ist, zieht jede tödliche Begegnung polizeiliche Untersuchungen nach sich.

Ansonsten waren wir heute ziemlich lange im Svalbard-Museum und haben gelernt, warum es hier keine Mehrwertsteuer gibt, geringere Lohnsteuern, warum jeder einen Pass - auch Norweger - aber niemand ein Visum zur Einreise braucht. Es liegt am sogenannten "Spitzbergenvertrag" (Svalbard Treaty) aus dem Jahre 1920, dem offenbar einzigen, immer noch gültigen Teil des Versailler Vertrages.

Auch die gibt's hier

Was wir hingegen nicht gelernt haben, ist, warum der Mond sich hier mit jeder Umdrehung ein bisschen tiefer schraubt. Bevor wir zurück ins Quartier sind, verschwand er galant hinter'm Berg.

14. Januar

Schuhe aus!

Ein ruhiger Tag. Wir wandern zu einer Kunstgallerie, die uns empfohlen wurde, um festzustellen, dass sie erst nachmittags öffnet. Also gehen wir wieder zurück, doch vorher machen wir noch ein Foto von einer Erhöhung. Eigentlich liegt das nicht mehr in der sicheren Zone, aber was soll schon passieren, von hier hat man ein nettes Panorama.

Dort, wo im Foto der Schnee grün leuchtet (rechts in der Mitte) ist die Schule. Als wir vorbeigehen, ist Pause, und ein Mann leuchtet ständig mit einer starken Taschenlampe in den dunklen Bereich. Auch sonst sehen wir starke Taschenlampen nervös an den Bergfüßen herumleuchten. Wir gehen also zurück in die Stadt, schreiben ein paar Postkarten an einige ausgewählte Empfänger, lernen das lokale Postamt kennen und ziehen uns ein veganes Baguette im angesagten Café des Kulturhauses gleich neben der Bibliothek rein. Als wir zurück zur Galerie gehen, startet in der Nähe ein großer Hubschrauber, fliegt in niedriger Höhe durch das Tal und leuchtet mit massiven Suchscheinwerfern die Berghänge ab. Er fliegt hin und her und landet schließlich in der Nähe der Stelle, wo wir eben noch das Foto geschossen haben. Nach einer Viertelstunde startet er wieder und fliegt weiter in die Berge. Karen und ich überlegen uns, was dort wohl passiert ist. Wir einigen uns darauf, dass heute Eisbäralarm gewesen sein muss, und der Hubschrauber hat ihn schließlich gefunden, betäubt und woanders hingeflogen.

Wir besuchen die Ausstellung mit lauter Kunstwerken, die von der Arktis inspiriert hier entstanden sind. Teilweise sehr faszinierende Werke.

An dieser Stelle möchte ich kurz erzählen, dass man hier fast überall die Schuhe auszieht, wenn man irgendwo rein geht.

Im Hotel, in der Touristeninformation, in Museen, in der Kunstgalerie, in der Bibliothek, ...

..., selbst in der Kirche (hier mit Waffenschrank neben dem Schuhregal, wo man seine Bärenflinte für die Zeit des Gottesdienstes verwahren kann.

Wo immer man Gäste darum bittet, seine Schuhe auszuziehen, werden Hausschuhe oder Crocks in allen Größen angeboten.

Auf dem Rückweg grüßt uns wieder mal das Nordlicht...

Abends gehen wir noch einmal zur Abendandacht in die Kirche. Der Weg führt uns an einem Glockenturm vorbei, der die Kirche für einige Jahre "ersetzt" hatte, nachdem dumm-Adolf selbst Spitzbergen zerbombt und damit auch die Kirche zerstört hatte.

15. Januar

Unsere gestrige Phantasie lag gar nicht so daneben. Wir hatten (fast) Recht. Es war wirklich Eisbäralarm, jemand hatte eine frische Bärenspur entdeckt und zwar ungefähr dort, wo wir das Foto gemacht hatten. Deshalb ist der Hubschrauber mit seiner einschüchternden Suchbeleuchtung ausgerückt. Was wir aber falsch kombiniert haben: Man hat wohl die Spuren gefunden und untersucht, aber nicht den Bären selbst. Der Hubschrauber ist ihnen gefolgt, bis sie sich in einer Gegend mit zu wenig Schnee verloren. So steht es heute in der Lokalzeitung zu lesen.

Ansonsten begann der Tag eher ruhig. Gutes Frühstück, wie immer.

Eine kleine Wanderung zum südlichen Ende der Stadt, an dem wir noch nicht waren. Sie führt uns zum Rande der Neubausiedlung, oben auf dem Berghang. Dort, am Ende der Straße und ihrer künstlichen Beleuchtung, überkommt mich das arktische Gefühl.

Diese Stille, diese Kälte, diese Farben - ist es mehr schwarz, mehr weiß oder mehr blau? - diese Aussicht, die eigentlich gar keine ist, weil man kaum etwas sieht, und dennoch spürt man alles, nicht nur die Luft und den Wind, auch die Berge, den Fjord, das Tal. Man ahnt die Gefahr, wie verletzlich man doch ist, wie unangepasst der nackte Mensch an Eis und Kälte bleibt, doch sollte man hier, an einem solchen Platz sterben müssen, so wäre es dennoch eine große Ehre, die längst nicht jedem gewährt wird, nämlich den schwarzen Punkt des Lebens selbst ins weiße Eis setzen zu dürfen, statt es einen weiß Bekittelten in der Patientenkurve für einen machen zu lassen. Ein solcher Moment ist heilig, es ist einer von diesen Augenblicken, wo der wahre Fotograf wählt, die Kamera unangerührt zu lassen, weil völlig klar ist, dass ein solcher Moment nicht ansatzweise einzufangen ist, weder für einen selbst, geschweige denn für andere. Ein solcher Moment kann nur das Herz belichten, und später, vielleicht, wenn es so sein soll, bestenfalls ein Gemälde inspirieren. Aus diesem Grund folgt nach diesem Absatz kein Foto.

Nachmittags werde ich nervös. Karen hat eine Tour mit einem Hundeschlitten gebucht. Nein, keine Kaffeefahrt wie die Pferdeschlitten vor der Partnachklamm in Garmisch-Partenkirchen, wo man sich bequem in warmen Fellsäcken von alten Kutschern chauffieren lässt. Karen hat the real deal gebucht, ein halbtägiges Erlebnis, bei dem man nicht nur den Schlitten selber steuert, sondern auch die sechs Hunde persönlich an- und hinterher wieder abspannt. Wir wohnen hier in einer Art Jugendherberge, doch weder sind hier alle Gäste "jugendlich" noch abenteuerlich. Die ältere Australierin zum Beispiel, die jetzt im Krankenhaus von Tromsø auf dem norwegischen Festland liegt. Sie hatte sich erst vorgestern die Schulter gebrochen, weil es ihr nicht gelungen war, sich auf jenem Ding namens Hundeschlitten, mit dem auch einst Amundsen den Südpol erreichte, ordentlich festzuhalten. Die Hunde sind nämlich völlig wild auf's Rennen, und als sie den Hunden grünes Licht gab und diese anzogen, flog sie im hohen Rückwärtssalto in den Schnee. Andere erzählten uns von allen möglichen Schlittenüberschlägen und ähnlichen Geschichten. Nicht zuletzt die Gefahr, einem hungrigen Eisbär direkt in den Kiefer zu laufen. Und weil sich mein ganzes Leben sowieso schon wie ein einziges Abenteuer anfühlt, ohne jeden Funken Langeweile, brauche ich persönlich eigentlich keine Extrakicks Adrenalin. Mein Blut ist auch so damit gesättigt. Doch dann fuhren wir raus zu den Hunden...

Gefrorene Freudentränen

120 Hunde gibt es dort, und erstmal sollten wir jeden persönlich begrüßen. Was für eine Freude - sowohl bei den Vierbeinern als auch bei uns beiden, die wir erst vor ein paar Monaten einen nordischen Hund verloren hatten. Wir lernen die drei wichtigsten Regeln des Hundeschlittens, erstens sich IMMER und zu jeder Zeit mit beiden Händen am Schlitten festzuhalten, zweitens wie man bremst, und drittens - insbesondere für australische Ladies - sich IMMER und zu jeder Zeit mit beiden Händen am Schlitten festzuhalten, mit Betonung auf fest.

Karen sitzt im Schlitten, ich steuere. Nach ein paar hundert Metern schon gewöhnt man sich etwas an die Aufgabe. Dann verschwinden die Lichter, und wie Alice im Wunderland taucht man durch das Dunkel in eine völlig andere Welt ein.

Unwirklich. Tiefkalt. Wie schon heute morgen, außer Sternen und hie und da ein schwaches Nordlicht sieht man kaum etwas, und doch spürt man seine Umgebung. Alle Unebenheiten unter uns, die Unendlichkeit des Alls über uns, Schnee und Berge neben uns. Stille. Die Pfoten der Hunde. Das Gleiten der Kufen. Kein unnatürliches Licht, kein unnatürlicher Laut. Weit und breit. Unbeschreiblich.

Wieder zurück sind der Atem in meinem Bart und die Tränen in meinen Wimpern gefroren.

Nachdem jeder einzelne Hund ordentlich geknuddelt und gelobt wurde, abgekoppelt und zu seiner Hütte mit Fressen geführt wurde, beginnt das spektakulärste Himmelsfeuerwerk, das ich je gesehen habe.

Selbst Huskywelpen gab's zum Knuddeln

Und als wenn das nicht genug wäre, so laden mich zu schreibender Stunde ein paar Dänen auf einen Whiskey ein, einen Laphroig. Das an sich wäre schon sehr besonders doch sie haben heute eine Eishöhle besucht und Eiswürfel daraus mitgebracht...

16. Januar

Was sonst noch interessant war

Touristenlatein?

Die Übertreibungen des anderen Gastes im Aufenthaltsraum unserer Herberge klangen merkwürdig. Er sei mit seiner Tochter ebenfalls Hundeschlitten fahren gewesen, bei einem anderen Zwinger als wir, ein paar hundert Meter von uns weg. Doch dazu sei es nicht gekommen. Kaum seien sie los, da tauchte der Eisbär auf, gleich vor ihnen. Lautstark demonstriert er, wie er ihn mit ausgebreiteten Armen angeschrien habe. Nur zwei Meter sei er weg gewesen. Der Tourguide habe keine Zeit gehabt, die Flinte aus einem der Schlitten zu holen, mit einem Seil sei er auf den Bären losgegangen und habe ihm auf die Schnauze geschlagen. Nach ein paar Minuten sei der Helikopter gekommen und habe den Bären im Niedrigflug zurück ins Tal getrieben. Endlich sagt jemand, was der Herr vielleicht die ganze Zeit schon hören wollte: "Wow! Hattet ihr ein Glück! Ein Eisbär, so nahe!" Doch da wird der Mann plötzlich ganz leise und nachdenklich. "Glück?! Nein, wir hatten kein Glück. Die Tour wurde sofort angebrochen, alle waren völlig geschockt. Wir könnten schwer verletzt im Krankenhaus liegen, im schlimmsten Fall könnten wir tot sein. Glück ist, dass wir heute Abend wieder hier sein können." Ich öffne die Homepage der Lokalzeitung und finde gleich einen Bericht. Alles ist wahr. Und den Hubschrauber hatten wir nicht weit von uns dicht über dem Boden fliegen sehen.

Ein niedrig fliegende Hubschrauber (wie die Lichterkette im Bild) bedeutet wahrscheinlich: Eisbär im Anmarsch.

Jede Menge Kohle

Svalbard hat lange vom Steinkohleabbau profitiert. Die meisten Gruben sind heute geschlossen. Eine russische und eine norwegische fördert noch. Die norwegische verkauft rund die Hälfte ihres Jahresvolumens an das hiesige Kraftwerk, die andere Hälfte nach Deutschland zur Stahlproduktion. Niemand weiß, was die Russen in Barentsburg eigentlich machen. Doch da man unter Svalbard enorme Mengen Öl und Gas vermutet, ist anzunehmen, dass Russland einen Fuß in der Tür halten will und deshalb auch gerne U-Boot-Übungen in dieser Gegend macht.
Das hiesige Kraftwerk liefert nicht nur Strom und Wärme, es ist auch ein Sinnbild für das Dilemma der Menschheit: Einerseits werden die Folgen der Klimaveränderung gerade in den Polargebieten extrem viel deutlicher und damit vor der eigenen Haustüre erlebt, andererseits trägt man gerade selbst dazu bei.

Auf Svalbard ist es unmöglich, klimafreundlich zu leben. Nicht nur wegen der Kohle, es gibt auch keine selbst produzierten Lebensmittel. Außer Kohle muss alles geliefert werden, auch Baustoffe, Werkzeuge alles. Nicht zu vergessen die energieintensive Anreise, inklusive unserer eigenen.

Man spricht nicht übers Wetter

Anderswo ist das Wetter das ultimative Small-Talk-Thema. Hier ist es das Licht. Man redet automatisch darüber, wie sich das Licht verändert, wie anders die Dunkelheit hier im Vergleich zu südlicheren Graden ist, wie die Tage länger werden. Alle wissen, dass die Sonne am 8. März wieder über den Berg scheinen wird. Das Fest wird schon geplant.

Im Vergleich zu meinem Foto vom 11. Januar sieht im in der Tat, wie das Tageslicht in knapp einer Woche zugenommen hat.

Samen-Back-up

Auf Spitzbergen gibt es einen internationalen Samentresor, in dem die Samen von fast allen Nutzpflanzen aus fast allen Ländern gelagert und gespeichert werden. Im Falle einer globalen Katastrophe soll dieser Tresor die Ernährung der Überlebenden sicherstellen. Der Tresor ist nicht zugänglich. Man kann sich nur den Eingang im Berg ansehen. Doch der ist in nicht eisbärsicheren Gebiet. deshalb haben wir uns mit dem Taxi dorthin fahren lassen.

Der Eingang des sogenannten Global Seed Vault. Eine Röhre geht vom Eingang tief in den Berg und verzweigt sich irgendwann in drei Röhren. Dort werden die Samen verwahrt.

Zur Feier der Woche kaufe ich mir zwei Dosen Bier. Hier wird exakt dokumentiert, wer wieviel Alkohol kauft.

Wir drehen eine letzte Runde durch den Ort und schießen noch ein paar Fotos von den schwach aus dem Dunkel erscheinenden Bergen. Dann ist es Zeit, sich zurück zum Quartier zu begeben.

Zum letzten Mal gehen wir zurück zu unserem Quartier.

Morgen geht es wieder zurück. Ob ich mich wieder nach Sonne und Licht sehne? Nein. Ich bin völlig fasziniert vom Leben in der Arktis. Dennoch reisen wir zufrieden heim. Wir haben die Polarnacht wirklich erlebt und genossen, wir haben Menschen kennengelernt und alles gesehen, was wir gerne sehen wollen. Ob wir wieder zurückkommen? Vielleicht. Dann aber zu einer anderen Jahreszeit, die wir auch gerne erleben würden. So Gott will und wir leben.

Created By
Marcus Fritsch
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