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Liebe stinkt nicht

Natürliche Vorgänge sind für unsere Nasen eine Zumutung. Ob Ver­gärung, Verdauung, Ausscheidung: Sie sind lebensnotwendig, aber sie stinken.

Doch die Natur wäre nicht die Natur, hätte sie sich nicht etwas Schlaues ausgedacht. Frischgebackene Eltern riechen über den Windelduft ihres Babys verklärt hinweg, Hundehalter ignorieren den Mief ihres Lieblings, Botaniker schwärmen von der faul riechenden Titanwurz. Und wenn frau sich in einen Mann verliebt, findet sie seinen Schweiss aphrodisierend. Was man liebt, stinkt nicht.

Ich liebe meinen Kompost. Er beruhigt mein ökologisches Gewissen und küm­mert sich um unser vernachlässigtes Ge­müse (meine kochfaule WG scheitert wöchentlich daran, den Inhalt des Gemüse­ Abokorbs zu verwerten). Und er liefert mir fruchtbare Erde. Mein Kompost stinkt nicht, jedenfalls nicht für meine Nase.

Meine Nachbarin ist anderer Meinung. Mein Kompost steht hinten rechts im Gärtchen und damit drei Meter von ihrem Sitzplatz entfernt. Obwohl sie durchaus alternativ angehaucht ist, beklagt sie sich regelmässig. Sie hat übrigens einen Brun­nen, der mit elektrischer Pumpe betrieben wird. Sie liebt ihren Brunnen, er erinnere sie an einen Bergbach, schwärmt sie. Ich mag ihn nicht. Er klingt für mich wie eine kaputte Klospülung.

Nach mehreren Klagen beschliessen wir, den Kompost von rechts hinten nach links hinten zu transferieren. In der Hoff­nung, dass unsere Nachbarn links, die in ihrem Garten tibetische Gebetsfahnen hängen und eine Buddhastatue stehen haben, dem Kreislauf der Natur mit mehr Gelassenheit begegnen.

Falsch gedacht. Schon einige Tage später kommt die Klage von den Nachbarn links: «Euer Kompost stinkt.» Ich bin mit meinem Latein am Ende. Wohin mit ihm? In die neutrale Mitte des Gärtchens? Dann kommen die Klagen wohl in unheiliger Allianz von links und rechts zugleich, denn das Gärtchen ist nur fünf Meter breit. Muss ich also Schluss machen mit dem Kompost? Unsere innige Beziehung beenden?

Nein, sagt meine Mitbewohnerin, ich solle den Bettel nicht hinwerfen. Es gebe Hilfsangebote für solche Situationen. Die Stadt biete den Bürgern Kompost­beratungen an, man könne sogar einen Kurs belegen und ein Kompostdiplom erwerben. Und tatsächlich: «Bei der Kompostberatung erhalten Sie Hilfe!», schreibt das Basler Amt für Umwelt und Energie auf seiner Website. «Ein gut gepflegter Kompost riecht angenehm nach Walderde» – wenn man ihn hege und pflege und an ihm arbeite. Sprich: Man müsse die Zutaten kleinschneiden, ihn täglich umspaten und «Struktur­material» wie Häcksel beifügen.

Mit dem Kompost verhält es sich wie mit Beziehungen, denke ich mir: Von Luft und Liebe allein können sie nicht leben. Etwas Arbeit muss sein. Also rufe ich bei der Kompostberatung an. Einige Tage später klingelt der Kompostberater. Ein hübscher Mann. Er inspiziert unseren Garten und stochert in unserem Kompost. Es ist ein heisser Sommertag. Der Kompostberater schwitzt. Aber er riecht gut.

Publiziert im Beobachter 18 / 2013

Credits:

Created with images by Ben_Kerckx - "compost fruit and vegetable waste composting banana" • jokevanderleij8 - "fresh compost hand"

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