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Aus dem Bengel wird ein Engel Michael Dufner

Ich bin ein sehr ordentlicher Mensch. Wenn auf meinem Schreibtisch nicht alles genau an dem Ort platziert ist, wo es hingehört, bekomme ich Pickel. Oder wenn ich zuhause in die Garderobe komme und die Kleider und Schuhe der Kids herumliegen – ich könnte schreien. So war mein Entsetzen gross, als ich nach unserer Hochzeit beim engeren Zusammenleben merkte, dass meine Frau eine Chaotin ist.

Klar, ich wusste es. Aber was das fürs Zusammenleben bedeutet, wusste ich nicht. Umgekehrt macht es mir nichts aus, wenn meine freie Arbeitsfläche mit Staub bedeckt ist, was wiederum meine Frau ärgert, denn sie liebt die Sauberkeit.

Das sind jetzt nur zwei «einfachere» Gegensätze – oder wie es die Bibel nennt – Ergänzungen. Ja, diese Ergänzung musste ich lernen - denn was in der Theorie klar ist, funkt mir in der Praxis ständig dazwischen. Das war (-wie in der letzten Ausgabe erwähnt-) auch einer der Auslöser, dass ich mich in die Arbeit flüchtete. Ich fühlte mich nicht ernst genommen, fühlte mich vernachlässigt, alleine, in der Meinung «…und sowieso wird nie etwas so gemacht, wie ich es will und es mir wünsche» gefangen. Das stimmte natürlich nicht, aber es war meine subjektive Wahrnehmung.

Als ich erkannt hatte, dass ich mich zuhause nicht zu Hause fühlte, begann Jesus an mir zu arbeiten. Ich nenne das Prinzip für mich heute «Aus dem Bengel wird ein Engel».

Während der Aufbauphase der Jugendarbeit waren wir etwa 15 Jugendliche und ab und zu einige Besucher. Diese Gruppengrösse reichte bereits aus, dass sich auch «Bengel» in der Gruppe befanden, Pausenclowns, Störenfriede, die bewusst deinen Input crashen wollten oder eine so negative Stimmung verbreiteten, dass sie bei allen spürbar wurde. So bestürmte ich Jesus mit der Frage, wie ich mit einer Person umgehen solle, die mich so sehr herausforderte. Was ich nicht ahnte, war, dass Jesus mir durch diesen Jugendlichen auch helfen wollte, meine Ehe und mein Zuhause neu zu entdecken. Im Gebet wurde der Eindruck gefestigt, dass ich diesen jungen Bengel als Mitarbeiter ins Team einladen sollte. WASSSS!? Niemals! Der macht alles kaputt! Aber ganz gemäss dem Motto, das mich in meinem Leben schon sehr, sehr lange begleitete («Was immer er euch sagt, das tut…», Joh 2,5), suchte ich das Gespräch mit ihm. Vorab betete ich nochmals und las das ermutigende Wort aus Mt 10,20: «Nicht ihr seid es, die dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.» Ermutigt ging ich in das Gespräch und spürte plötzlich ganz klar: «Ich darf/muss den Jugendlichen zur Rede stellen.» Also sagte ich, dass ich ihn beobachtet und dabei festgestellt habe, dass er eine enorme Gabe besitze. Er könne den Raum innerhalb von 5 Minuten mit seiner Stimmung beeinflussen und prägen. Doch leider mache er das bis jetzt erst im negativen Sinne, und ich glaube, dass Gott ihn im Team haben wolle, damit er lerne, diese Gabe für das Positive einzusetzen – also fürs Reich Gottes. Zu meiner Überraschung willigte er in meinen Vorschlag ein und wurde zu einer absolut zentralen Person im Leitungsteam.

Was hat mich das gelehrt über die Ehe? Nutze ich das, was ich negativ finde, und formuliere ich es um? :-) Nein.

Ich habe gelernt, dass meine Sicht der Dinge beschränkt ist. Gott sieht in jedem Menschen Potential, und jeder kann gebraucht werden. Also begann ich, meine Frau zu ermutigen.

Ich habe sie in den Dingen, in denen sie absolut genial ist, freigesetzt und ich habe losgelassen. Ja, es hat auch wieder etwas mit dem Reflektieren der eigenen emotionalen Reaktionen zu tun - klar. Aber im Grundsatz ist es dieses Gefühl: «Es muss nicht um mich gehen, damit es mir passt, sondern ich will das Beste für meine Frau, für mein Gegenüber. Sie soll sich entwickeln, sie soll mit Jesus durchstarten.» Heute ist meine Frau viel strukturierter und organisierter. Sie hält sogar Seminare zu diesem Thema. Indem ich ihr und dem Störenfried ihre Schwächen nicht vorgehalten habe, sondern sie in den Stärken freigesetzt und unterstützt habe, sind aus dem jugendlichen Bengel und aus meiner Frau Engel geworden.

Und auch ich habe gelernt: Chaos kann sehr kreativ sein. Der Tisch kann auch am nächsten Tag aufgeräumt werden. Und die Kinder sind wichtiger als die Ordnung in der Garderobe.

Heute habe ich mein Büro zuhause. Die Kinder sind laut, das Chaos ist oft unübersehbar. Ordnung ist etwas anderes. Aber ich bin angekommen. Ich empfinde Ruhe – zugegeben nicht immer gleich stark – aber besonders dann, wenn ich mir bewusst mache: Ergänzung ist nicht egozentrisch, sie ist das Gegenteil. Darin die Chance zu entdecken, ist mir sogar zur Kraft geworden. Jesus kann mich so sehr verändern! Dafür liebe ich ihn und deshalb brennt mein Herz für ihn.

Credits:

Erstellt mit Bildern von cegoh - "angel figurine ornament" • Ana_J - "angel wings love"