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"Das schönste Gefühl ist, wenn das Werk zu laufen beginnt" Uhrmacher: Ein Beruf voller Geschichte und Geschichten

In den Sechzigerjahren gefragt, während der Uhrenkrise praktisch verschwunden und heute gesucht und hoch angesehen: Der Beruf des Uhrmachers ist für den Nachwuchs wieder attraktiv. Was aber macht die Faszination aus? Ein «altgedienter» und ein lernender Uhrmacher erläutern, wie sie ticken.

Die Interviewpartner:

Francisco Pasandin, 61, tätig im Vallée de Joux, seit 45 Jahren im Beruf
Mickaël Genoud, 25, aus Neuenburg, aktuell im letzten Ausbildungsjahr

Warum haben Sie diesen Beruf gewählt?

Francisco Pasandin: Ich kam im Alter von 13 Jahren aus meiner Heimat Spanien in die Schweiz. Nach zwei Jahren Schulzeit musste ich mich für einen Beruf entscheiden und schwankte zwischen Schreiner und Uhrmacher. Trotz der Uhrenkrise in den 1970er- und 1980er-Jahren entschied ich mich für die Uhrmacherei – auch wenn meine Eltern nicht begeistert waren, da diese Branche eine hohe Arbeitslosigkeit verzeichnete.
Mickaël Genoud: Bei mir war es nicht wirklich eine Berufswahl … Ich war auf dem Bau als Spengler beschäftigt. Weil ich aber viel zu genau arbeitete, riet mir mein Chef, einen Beruf zu ergreifen, in dem ich meine Passion für Genauigkeit ausleben könne. Ich hatte beispielsweise den Auftrag, ein bestimmtes Teil auf zwei Zentimeter zuzuschneiden. Das tat ich, auf Augenmass. Weil dann das Anschlussteil nicht genau passte, wurde ich zurechtgewiesen. Dann mass jemand nach und stellte fest, dass der Schnitt exakt zwei Zentimeter betrug. Irgendwann sagte mir mein Vorgesetzter: «Du arbeitest zu genau, dich können wir hier nicht weiterbeschäftigen, versuch’s doch mit deinen Fähigkeiten mal in der Uhrenindustrie.» Daraufhin absolvierte ich einen Schnupperkurs, und dort machte es «klick». Ausserdem restauriere ich gerne Autos und habe so das Verständnis für die Mechanik.

Was fasziniert Sie an Ihrem Beuf am meisten?

Francisco Pasandin: Von der Restaurierung einer einfachen bis zur kompliziertesten Uhr fasziniert mich alles in meinem Beruf. Und all die Schönheit, die das Innere einer Uhr hat. Das schönste Gefühl besteht darin, wenn die Unruh, also das Herz der Uhr, platziert wird und das Werk zu laufen beginnt.
Mickaël Genoud: In erster Linie fasziniert mich die Kreativität. Und das Zusammenspiel der einzelnen Teile im Gesamten. Wenn in der Mechanik ein einziges Teil defekt ist, funktioniert das Ganze nicht, auch wenn alle anderen Teile perfekt zusammenspielen. Zudem bietet die Branche enorme Möglichkeiten. Ich bin handwerklich sehr talentiert. Ich benutze zum Beispiel ein Uhrwerk, um etwas Grösseres, Komplexeres daraus zu machen. Etwas, das es so noch nie gegeben hat. Beispielsweise habe ich eine Uhrenschale aus Holz fabriziert und dann selber von Hand graviert, anschliessend habe ich das Uhrwerk montiert, mit Farbe dekoriert und das Ganze zusätzlich mit Holz, speziellen Steinen und sogar verrosteten Metallteilen dekoriert – als Gegenstück zu den in der Uhrenindustrie oft verwendeten Edelmetallen. So sehe ich halt die Uhrenbranche. Es kann so viel kreiert werden. Hier kann ich meine Geschichten erzählen, meine Kreativität ausleben.

Francisco Pasandin, würden Sie diesen Beruf auch heute noch wählen?

Francisco Pasandin: Natürlich! Uhrmacherei bleibt für mich ein faszinierender Beruf, in dem viel Geschichte und viele Geschichten zu entdecken sind.
Prunkstück aus dem Museum der Technischen Fachschule Biel.

An welcher Fachhochschule waren Sie eingeschrieben?

Francisco Pasandin: Mein Studium als Uhrmacher habe ich während vier Jahren an der Uhrmacherschule des Vallée de Joux absolviert. Das Studium konnte dann noch erweitert werden, so liessen sich manche zum Konstrukteur oder sogar Ingenieur ausbilden.

Mickaël Genoud, wie verläuft Ihre Ausbildung momentan?

Mickaël Genoud: Auch das ist bei mir etwas ungewöhnlich. Ich bin an der Technischen Fachschule in Biel zuerst in die Klasse für das zwei- respektive dreijährige eidgenössische Berufsattest eingetreten. Meine Zwischenprüfung war so erfolgreich, dass meine Lehrer mir rieten, die Klasse zu wechseln und die vierjährige Lehre für das eidgenössische Fähigkeitszeugnis zu machen. Nach dem dritten Jahr absolvierte ich eine schulische Zwischenprüfung und nahm mit meiner erwähnten Kreation an einem internationalen Wettbewerb einer grossen Uhrenmarke teil, bei dem ich mit meiner Konstruktion den zweiten Rang erreichte. Nun bin ich im Abschlussjahr und mache verschiedene Praktika, eines zurzeit in einem Kleinatelier für Haute Horlogerie in Genf. Dieses ist spezialisiert auf Einzelstücke von Armbanduhren und setzt die unterschiedlichsten Materialien ein. Hier kann ich meine Leidenschaft voll ausleben. Weiter geht es dann mit einem Praktikum in einer grossen, renommierten Uhrenfirma im Berner Jura.

Im Bild: Mickaël Genoud erläutert der Jury sein preisgekröntes Werk (2. Rang).

Gibt es zwischen den Ausbildungen von heute und früher grosse Unterschiede?

Francisco Pasandin: Heute werden die Uhrmacher in erster Linie für die Industrie ausgebildet. Somit werden alte Werkzeuge in der Ausbildung kaum mehr eingesetzt, da sie gar nicht mehr verwendet werden.
Mit selbstgefertigtem Werkzeug gelingt die Arbeit am präzisesten.
Mickaël Genoud: Ja, die gibt es in der Tat. Heute ist die Ausbildung klar strukturiert: Es gibt Abschlüsse nach dem zweiten, dritten und vierten Ausbildungsjahr. Früher konnte die Lehre viel länger dauern, unter Umständen bis zu zehn Jahre, bis der oder die Lernende voll ausgebildet war. Auch lernten die angehenden Berufsleute komplett alles über die Uhrmacherei, also vertiefter. Ein Uhrmacher musste über alles Bescheid wissen. Heute wird lediglich eine Basis von allem vermittelt, anschliessend spezialisiert sich jeder auf einen bestimmten Bereich. Ich persönlich bevorzuge die «alte» Ausbildungsvariante, mich interessiert einfach alles. Zum Glück gibt es noch Manufakturen, in denen ein Uhrmacher eine Uhr von A bis Z zusammensetzt. Das Gefühl, wenn man fertig ist und sein Werk betrachten kann, ist unbeschreiblich. Jemand, der sich «nur» darauf spezialisiert hat, ein Werk in eine Schale einzubauen und die ganze Zeit nichts anderes macht, kann so ein Gefühl niemals nachvollziehen.

Mickaël Genoud, gedenken Sie, sich auf ein Gebiet zu spezialisieren?

Mickaël Genoud: Nein. Mein Ziel ist, mich eines Tages selbständig zu machen. Zuerst vielleicht auch als Subunternehmer, bis ich so weit bin, dass ich von meinen Kreationen leben kann. Wenn ich mich selbständig mache, dann mit einem Kollegen, das ist bereits beschlossene Sache. Wir ergänzen uns gegenseitig hervorragend. Ich liebe bestimmte Bereiche der Uhrmacherei, die er hasst, und umgekehrt. So werden wir uns nicht auf etwas spezialisieren, sondern gemeinsam das Optimale erschaffen, was auch viel Abwechslung garantiert.
Uhrwerke mit unterschiedlichen Komplikationen und Zifferblättern aus der Sammlung der Uhrmacherschule in Biel.

Francisco Pasandin, welchen Rat würden Sie einem jungen Menschen geben, der Uhrmacher werden möchte?

Francisco Pasandin: Denke immer daran, dass unser Beruf Leidenschaft und Geduld erfordert. Und wenn du beides hast, kannst du aussergewöhnliche Dinge erreichen.

Nur mit Ordnung lässt es sich genau arbeiten.

Arbeit im Mikrobereich: Der Uhrmacher braucht ein gutes Auge und eine ruhige Hand.

Ein Pressstock mit selbstgefertigtem Ambösschen. Hier wird die Uhr als Ganzes oder ein Bauteil für den Einbau in die Uhr positioniert.

Schraubenzieher in jeder Grösse für möglichst präzise Arbeit.

Jedes einzelne Zahnrädchen und jedes noch so kleine Schräubchen zählt: Nur so läuft das Uhrwerk korrekt.

Impressum:

Konzept, Text und Produktion: Stefan Züger
Fotos: Roger Wassmer, Stefan Züger, zVg
Textcoaching: Iwon Blum
Gesamtverantwortung: Robert Hansen, Chefredaktion
redaktion@derarbeitsmarkt.ch www.derarbeitsmarkt.ch
Created By
Stefan Züger
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