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eisblau Wintertauchen in Grønland

Die Sägezähne fressen sich ins Eis. Mein Puls rast. Mein Atem geht zu schnell. Meine Muskeln ermatten. Dampfschwaden entweichen aus dem Wollpullover. Schweissperlen glitzern im Gesicht. Der Himmel leuchtet stahlblau über der gleissend hellen Wintermärchenlandschaft. Die Luft ist trocken und bitterkalt. Welch magischer Ort. Ich stehe mitten im Fjord auf dem Meer, nahe dem Polarkreis, umgeben von erhabenen Bergen in Ostgrönland, unter mir Schnee und eine dicke Eisschicht, die mich davon trennt, wo ich hinwill: abtauchen in den winterkalten Nordatlantik. Was mache ich hier bloss?

Die Eissäge bewegt sich auf und ab und scheint doch an Ort zu verharren. Ziehen – stossen – ziehen – stossen – ziehen an der Handsäge. Jeweils ein Meter in der Vertikalen, jeweils ein Millimeter in der Horizontalen. Die im Eis angeordneten Schnitte sind in drei Stunden Hand- und Armarbeit mit sich abwechselnden Protagonisten entstanden. Die nächsten Zentimeter sägt Uli. Verschnaufpause. Der Eispanzer ist wohl gegen einen Meter dick. Plötzlich hebt sich der eine Tonne wiegende Eisblock leicht an, getragen vom schwereren Salzwasser darunter. Das Loch ist gesägt. Nun müssen wir den Koloss nur noch zerkleinern. Wieder feuern die Armmuskeln. Schliesslich hebeln Sven, Timo und Uli kleinere Stücke aus dem Wasser und zur Seite. Zersplittertes Eis schwimmt über der Finsternis.

Der Puls bleibt hoch. Durchgewärmt drücke ich mich in den Trockentauchanzug. Ich öffne die beiden Ventile an der Pressluftflasche, die Nadel am Druckmesser zeigt knapp 200 bar an. Kopfhaube übergestülpt, Anzug geschlossen, Flossen montiert, Handschuhe dicht, Flasche am Rücken, Atemregler im Mund, Gurte festgezurrt, Tarierblase halb gefüllt, Kamera in der Hand.

50 Kilogramm ziehen an mir nach unten und machen mich schwerfällig.

Überlebenswichtiges ist doppelt vorhanden: zwei Atemsysteme, zwei Auftriebssysteme – aber nur ein dünnes Seil, das mich mit der Oberfläche verbindet, das mich wieder zum Loch im Eis geleiten wird, zum einzigen Ort, der die beiden Welten verbindet. Ich rutsche hinab. Eis knirscht. Meine Augen brauchen einen Moment, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt haben. Die Schneedecke über dem Eis lässt nur wenig Sonnenlicht in die Tiefe. Im Wasser bin ich schwerelos, schwebe, fliege, gleite. Die dünne Süsswasserschicht unter dem Eis vermischt sich mit Salzwasser. Ich tauche wie in Sirup, Schlieren tanzen vor meiner Brille. Langsam zeichnen sich Konturen ab, erscheint eine Steilwand, zeigen sich übereinandergeschobene Eismassen.

Blau. Die Szenerie ist atemberaubend. Eine Momentaufnahme vergänglicher Schönheit, die sich für uns in nicht wahrnehmbarer Geschwindigkeit verändert und schliesslich schmelzen wird. Tonnenschwere Eisblöcke sind vom Eisberg abgebrochen, haben sich durch die gefrorene Meeresoberfläche gebohrt, sind eingetaucht, festgefroren. Ein Eismikado, fragil, undurchdringbar. Meeresströmungen haben den Eisberg geformt. So zerklüftet und schroff diese Riesen über Wasser erscheinen, so sanft gewellt geben sie sich unter Wasser. Gletscherspalten haben sich einst mit Wasser gefüllt. Sie sind zu tiefblau leuchtenden Bändern geworden, die den Eisberg durchziehen. Licht fliesst von der Oberfläche durch sie hindurch. Einst vom kilometerdicken Inlandeis Grönlands abgebrochen, treiben die Gletscherbruchstücke in den Atlantik. Manche verweilen über den Winter in einem Fjord, gehalten und gestützt vom Meereis. Im Winter ist Eisbergtauchen sicherer. Die Gefahr, dass oben plötzlich ein mächtiges Stück wegbricht, das eingependelte Gleichgewicht plötzlich gestört wird und sich der Koloss ruckartig dreht, ist jetzt gebannt. Die Welt rund um mich herum ist erstarrt, unendlich still. Nur die Blasen meiner ausgeatmeten Luft drängen nach oben und spielen eine leise Musik.

Azurblau, bergblau, lichtblau, himmelblau, tiefblau, hellblau, nachtblau, violettblau, dunkelblau, blaugrau, atlantikblau, königsblau, blaugrün, taubenblau, ultramarinblau, eisblau.

Eismeerwasser

Mit dem Motorschlitten bringt uns Sven täglich von Tasiilaq zum Eisberg in den Fjord «Kong Oscars Havn». Einmal geschnitten, muss das Eisloch nur noch von einer 10 Zentimeter dicken Eisschicht befreit werden, die sich über Nacht gebildet hat. Zwei Tauchgänge stehen täglich auf dem Programm.

Eisbergtauchen

Bewegt – bewegend. Gleiten und schweben entlang des vergänglichen Gletschereises. Vereinnahmende Stille. Impressionen in Blau.

Kaltwasserleben

So bitterkalt und so viel farbenfrohes Leben in den Unterwasserlandschaften: Schnecken, Skorpionfische, Rippenquallen, Gespenstkrebse, Garnelen.

Der Tauchcomputer zeigt minus 3 Grad an. Das Wasser ist voller Leben. Winzige Kreaturen bewohnen den Eisberg. Flohkrebse hüpfen auf dem Eis, verstecken sich in kleinsten Furchen. Sie sind auf Süsswasser angewiesen und ernähren sich von für mich unsichtbaren Algen. Gar nicht so einfach, ihnen zu folgen und sie mit der Linse einzufangen. Der Schärfebereich reduziert sich auf wenige Millimeter. Alles ist in Bewegung: die Tierchen, die Kamera, ich. Bewegende Augenblicke.

Erleuchtend: Uli erkundet den Kelp und seine Bewohner.

Wenn einmal die Gesamtszenerie der Eiswelten erfasst ist und sich das Auge öffnet für das Naheliegende, offenbart sich beim zweiten Blick ein pulsierender Mikrokosmos. Rippenquallen lassen sich von der sanften Strömung tragen und ihre Tentakel schweben. Im Scheinwerferlicht leuchten sie orange. Der transparente Körper gibt den Blick frei in den Magen. Plankton ist dort gefangen und wird gerade verdaut.

Bis zu einer Tiefe von zehn Metern wächst Kelp an den Felsen. Unter dessen braunen Blättern suchen Lebewesen Schutz: transparente Garnelen, grüne Krabben, Schnecken mit gelben Häusern. An den Granit heften sich lilafarbene Anemonen und strecken ihre Fangarme nach Nahrung aus. Hellbraune winzige Gespenstkrebse halten ihre Scheren bereit und warten auf vorbeischwebendes Plankton. Violettfarbene Hartkorallen überziehen den Fels. Eine kaum zwei Zentimeter lange Nacktschnecke mit Nadeln in Weisslila auf ihrem Rücken sucht ihren Weg. Ein Schwamm leuchtet gelb. Eine Qualle, die ich bei all meinen Tauchgängen im Atlantik vorher noch nie gesehen habe, streckt konzentrisch hunderte Fangarme aus. Ihr Innenleben ist orange, rot und hellgrün.

Die Natur hat ihre ganze Farbpalette über das Riff ausgeschüttet.

Ein dunkelgrüner Skorpionfisch wartet reglos auf seine Gelegenheit zum Fang und verdreht ob meinem Anblick nur die Augen. Soll ich das persönlich nehmen? Ich gehöre hier nicht hin, und doch überwältigt mich die Sehnsucht nach dieser verborgenen Welt mit ihren kurzen Ewigkeiten stets neu.

Einer der beiden Atemregler von Uli ist vereist und hat sich verabschiedet, die Atemluft strömt unkontrolliert ab. Mein Tauchpartner gibt mir Zeichen und steigt mit dem zweiten, funktionierenden Automaten im Mund in Richtung Eisloch.

Ich bin alleine in meiner atemberaubenden Welt. Die Minuten zerfliessen zähflüssig und doch viel zu schnell. Noch funktioniert meine Technik. Aber der Körper zeigt mir unmissverständlich die Grenzen auf. Meine Oberschenkel zittern unkontrollierbar. Meine Finger und Zehen scheinen noch nicht eingefroren. Oder sind meine Extremitäten zu weit weg, um noch ein Gefühl bis in die Fingerspitzen wahrnehmen zu können? Ich bin auf einem Auge blind. Luft ist innen auf der Taucherbrille kondensiert und gefroren. Die Brille auszuwaschen, würde bei den Minustemperaturen auch nichts bringen. Über eine Stunde bin ich nun schon abgetaucht, alleine mit mir, meiner Kamera und meinem dünnen Seil, das in einem weiten Bogen in die Tiefe hängt. Die einäugige Sicht beträgt bestimmt 40 Meter. Mir ist kalt und gleichzeitig warm ums Herz. Ich möchte bleiben. Die Atemluft würde reichen. Und doch wird jede Bewegung steifer.

Vernunft und Gefühl liefern sich einen Zweikampf. Der Eisberg wird morgen noch nicht geschmolzen sein, sage ich mir.

Ich gleite aus der Tiefe empor Richtung Licht. Sehe ich wirklich, was ich glaube zu sehen? Eiszapfen unter Wasser? Im Salzwasser bei konstanten Minustemperaturen? Eiszapfen entstehen doch aus Süsswasser im Wechselspiel der Temperaturen um den Gefrierpunkt. Ich habe keine Erklärung dafür, schaue, staune, überlege.

Eiszapfen unter Wasser

Der Eisberg ist gestrandet. Der Koloss steht auf dem Meeresboden. Unverrückbar. Scheinbar. Denn durch die Gezeiten hebt und senkt sich die gesamte Eisdecke, die den Fjord überzieht. Bei Ebbe schauen vom Eisberg zwei Meter mehr aus dem Meer. Die Sonne heizt tagsüber, geschmolzenes Eiswasser gefriert an der kalten Luft wieder zu Eiszapfen. Mit der Flut versinkt die Kante mit ihren Eisschwertern im Zeitlupentempo im Salzwasser.

Die Schwerkraft hat mich wieder. Ich versuche, die Gedanken zu ordnen, die Bilder zu sichten, die Eindrücke zu verarbeiten, das Glück ist greifbar. Ich jogge im Tauchanzug über das Eis, um die verbliebene Körperwärme zu verteilen.

Meine Frau Renée hilft mir, mich aus dem Tauchanzug zu schälen, und reicht mir dampfenden Tee. Der hilft, langsam wieder auf Betriebstemperatur zu kommen. Ein Inuk bleibt mit seinem lärmenden Motorschlitten neben der absurd anmutenden Szenerie stehen und fährt nach einer Weile weiter. Schwer beladene Schlittenhundegespanne ziehen am Horizont ihre Bahnen. Ich atme tief und nehme meine unmittelbare Umgebung nur verzögert war. Katrin und Timo aus unserer Reisegruppe bereiten sich auf den nächsten Tauchgang vor. Expeditionsleiter Sven ordnet das Seil. Renée fotografiert Postkartensujets. Reporter Bruno fängt Bilder ein und hantiert mit seiner Videokamera. Seine Dokumentation erscheint am Schweizer Fernsehen. Wasserwelten, vier Teile, vier Orte: Schweiz, Seychellen, Indonesien, Grönland. Ich bin jetzt ganz weit weg, inmitten von unfassbaren Gedanken, Bildern und Eindrücken.

Tauchen am Limit. So sehen die ersten Stufen nach dem Tauchgang aus. Die expandierende Luft aus den Pressluftflaschen kühlt die erste Stufe so extrem, dass das sie umgebende Meerwasser gefriert. Die Stufe, die nur die Tarierblase und den Reserveregler versorgt und kaum beansprucht wird, bleibt eisfrei.

Hundeschlittenreise

Hundeschlitten sind in Ostgrönland gängiges Transportmittel. Zumindest im Winter. Im Sommer liegen die Tiere angekettet ausserhalb des Dorfes und erhalten sporadisch ihre Fleischrationen. In den Wintermonaten dürfen sie sich austoben und legen mit den Holzschlitten täglich dutzende Kilometer zurück, ziehen und keuchen den Berg hoch, rennen und toben ins Tal.

Robbenfleischnahrung

Das Hundefutter kommt aus dem Meer. Mit dem Beil zerhackt Schlittenhundeführer Daniel Kajamat eine Robbe. Knochen zersplittern in den Kiefern der Hunde. Der Schnee ist rot gefärbt.

Einige Grönland-Touristen stapfen mit Schneeschuhen das Abenteuer suchend von Tasiilaq kommend durch die Landschaft. In der grössten Ortschaft an der ostgrönländischen Küste leben 2000 Menschen. Sie erhalten ein Einkommen vom Tourismus, brettern im Sommer mit Glasfaserbooten durch die nahegelegenen Fjorde, jagen mit Gewehren Robben, Eisbären und Wale. Hier berühren sich Kulturen und vermischen sich nicht. Alte Frauen trinken ein Morgenbier. Jugendliche Inuit liefern sich mit ihren übermotorisiert-kreischenden Motorschlitten auf dem Fjord ein Wettrennen. Weitgereiste Gäste lassen sich mit dem Hundeschlitten authentisch durch die Schneelandschaften ziehen. Chinesen laufen mit Selfie-Sticks durch den Ort. Europäer wähnen sich am Ende der Welt. Amerikaner beschallen überschwänglich die Umgebung. Der Helikopter holt vom Flugplatz auf der Nachbarinsel mehrmals täglich Touristennachschub. Das Versorgungsschiff aus Dänemark bringt im Sommer Konservendosen. In der ehemaligen Holzkirche vermittelt das Museum Einblicke in vergangene Zeiten, als die Menschen ihre Boote aus Robbenfell und Knochen bauten, als die Kinder in ihren Jacken aus Eisbärmagen – dichter als jede undichte Gore-Tex-Jacke – Stürmen und Regen trotzten, als das Leben entbehrungsreich war. Reduziert auf die Elemente in einer Landschaft aus Schwarz und Weiss. Doch das ist eine andere Geschichte.

Impressum

Konzept, Text, Fotografie, Video, Drohne: Robert Hansen

Reisebegleiterin und Sprecherin: Renée Hansen

Tauchbuddys: Uli Kunz, Timo Lebe, Katrin Sehling

Expeditionsleiter: Sven Gust, Northern Explorers

www.abgetaucht.ch, www.roberthansen.ch, kontakt@roberthansen.ch

Die DOK «Wasserwelten» ab September 2018 im Schweizer Fernsehen SRF1

© Robert Hansen, September 2018

Credits:

Robert Hansen

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