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Günter Reker am liebsten bin ich glücklich

Günter Reker in der galerie 13

am liebsten bin ich glücklich

Der Künstler Günter Reker verweigerte sich viele Jahre mit großer Konsequenz dem Kunstmarkt, Bestätigung und Erfüllung hatte er im Lehrberuf an der renommierten Essener Folkwangschule gefunden. Mit ebensolcher Konsequenz aber vertraute er sich nach seiner Pensionierung und nach anfänglichem Zögern der galerie 13 in Freising an. Zum 100. Geburtstag des Künstlers ist nun dort noch einmal eine große Auswahl von Zeichnungen, Papierschnitten und Objekten aus dem Spätwerk vereint.

Günter Reker wurde 1921 in Recklinghausen geboren. Von 1939 bis 1943 studierte er an der Folkwangschule in Essen, noch im selben Jahr wurde er dort Dozent. 1945 heiratete er eine Kommilitonin. Nach Kriegsende arbeitete er einige Jahre als freiberuflicher Illustrator für Verlage und Zeitschriften, nahm jedoch seine Lehrtätigkeit bereits 1948 mit der Wiedereröffnung der „Folkwang Werkkunstschule“ wieder auf. Mit der Eingliederung der Schule in die Universität Essen erhielt er 1973 eine Professur, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1983 innehatte. Er sei „mit Leib und Seele Lehrer“ gewesen, die Hochschule seine „geistige und künstlerische Heimat“, gab er selbst noch zur Eröffnung seiner ersten Ausstellung in Freising im Jahr 1991 zu Protokoll.

Dennoch waren die Jahre ohne Lehrtätigkeit, zwischen 1945 und 1948, eine höchst produktive Zeit, in der er sich zum einen als Grafiker einen Namen machen konnte und sich zum anderen an Ausstellungen der Gruppe „Junger Westen“ in Recklinghausen beteiligte, in denen mit Künstlern wie Emil Schumacher, Georg Meistermann, K.O. Götz und Fritz Winter die Avantgarde der Nachkriegszeit vertreten war. In den 1950er Jahren erschienen Artikel über Günter Reker in Fachpublikationen wie „Gebrauchsgraphik“ und „Deutsche Illustratoren der Gegenwart“. Anfang der 1960er Jahre perfektionierte er seine Scherenschnitt-Technik für eine Reihe von Trickfilmen, Aufträgen für die Fernsehwerbung.

Zu freiem künstlerischen Schaffen kehrte Günter Reker erst im Ruhestand zurück. Er ließ sich mit seiner Frau Margarete in Uffing am Staffelsee nieder, wo das Künstlerpaar bis dahin die Sommerurlaube verbracht hatte. Bis zu seinem Tod im Jahr 2006 entstand dort ein reiches, ebenso stringentes wie vielfältiges Werk aus Zeichnungen und Papierschnitten, Collagen, Objekten und einigen wenigen malerischen Arbeiten.

Sie seien „unbelastet“ und von einer „heiteren Verve“, urteilte bereits 1956 der Autor eines Artikels über die Illustrationen und Scherenschnitte von Günter Reker. Dennoch seien seine Figuren „scharf profiliert“, kein einziger „platter oder nichtssagender Typ“ finde sich darunter. Und zwei Jahre später hieß es, ebenfalls in der „Gebrauchsgraphik“: „Keinen ,Stil’ bei sehr viel geschmacklicher und technischer Sicherheit zu haben, macht den Reiz des Stils von Günter Reker aus.“ Beide Einschätzungen haben bis heute ihre Gültigkeit bewahrt.

Das Spätwerk von Günter Reker passt in keine kunsthistorische Schublade. Es scheint, als sei es völlig unbeeinflusst von allen Zeitströmungen und Moden entstanden. Eine feine Heiterkeit und große Gelassenheit spricht aus jedem noch so winzigen Blättchen und Papierschnipsel. Allenfalls könnte man feststellen, dass der Künstler ebenso wie die Maler, die sich als „Blaue Reiter“ rund 75 Jahre vor ihm im bayerischen Voralpenland niedergelassen hatten, auf die intensive Farbigkeit und das besondere Licht dieser Gegend reagierte. Ansonsten aber, so scheint es, hatte Günter Reker die Fähigkeit, aus sich selbst zu schöpfen, sich von seiner Intuition und nicht zuletzt von seinem Material leiten zu lassen.

Es mag vielleicht ins Reich der Legenden gehören, dass Reker erst zu farbigen Papierschnitten und Collagen fand, nachdem ihm seine Frau einen großen Vorrat an bunten Papieren geschenkt hatte. Rudolf Härtl, der Rekers erste Freisinger Ausstellung eröffnete, berichtete: „Spielerisch und intuitiv begann er, aus den Buntpapieren Formen auszuschneiden, skurrile, versponnene Gebilde, einmal zeichenhaft geometrisch, dann wieder an seltsame Pflanzen und Tiere erinnernd, wie es sie nur in der Phantasie des Künstlers gibt, Ironie und Witz ausstrahlend.“ Zu schön wäre es, wenn auch die folgende Anekdote wahr wäre: Nachdem die ersten Papierschnitte hergestellt waren, blieb auf dem Arbeitstisch ein Haufen von Schnipseln und Resten zurück, die Frau Reker als ordentliche Hausfrau wegwerfen wollte. Gerade aus diesen Übrigbleibseln aber formte der Künstler immer neue filigrane Gebilde.

So, wie gesagt, die Legende, zu der vielleicht Reker selbst beigetragen haben mag. Diese Darstellung lässt allerdings einen wesentlichen Aspekt außer Acht: Zu beinahe jedem Papierschnitt gibt es eine detailgenaue Vorzeichnung. In der aktuellen Ausstellung werden einige Zeichnungen und die dazugehörige Papierarbeit gemeinsam präsentiert. Gerade in dieser Gegenüberstellung wird auch sichtbar, dass beides gleichberichtigt Bestand hat.

Tatsache ist, dass jedes Blatt sorgfältig komponiert ist, dass jeder Strich und dann jeder noch so dünne Papierstreifen notwendig ist, wenn Günter Reker eine Landschaft oder ein Haus, ein Gesicht, eine Figur, eine Figurengruppe, ein tanzendes Paar oder auch nur eine Bewegung, ein Schaf, einen Vogel, einen Eselshund, ein geflügeltes Fahrrad oder eine andere Merkwürdigkeit auf den Punkt bringt. Immer ist die Form mit der unbedingten Sicherheit des Grafikers ins Format eingespannt, immer ist sie mit der Versiertheit des geübten Zeichners auf das absolut Wesentliche reduziert. Nicht selten bewegt sich der Künstler in einem spannenden Grenzland zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Und manchmal, so scheint es, geht es ihm vor allem um den schönen Klang von zwei oder drei Farbtönen.

Sicher ist: Nicht trotz, sondern gerade wegen seines großen zeichnerischen Könnens, seines geübten Auges und seiner technischen Finesse gelingt es Günter Reker, mit jeder seiner Arbeiten eine spielerische Leichtigkeit zu vermitteln. Auch fünfzehn Jahre nach seinem Tod haben sie nichts von ihrer Frische eingebüßt. Sicher ist aber auch, dass der Künstler im Atelier sein Lebensmotto, das nun auch über dieser Ausstellung steht, verwirklichen konnte: am liebsten bin ich glücklich.

Katja Sebald, im Juni 2021

Danken

Liebe Katja, liebe Silke, lieber Paulo, vielen Dank für euer großes Engagement. Herzlichen Dank an Bernd Grau für die Zurverfügungstellung der Arbeiten. Wir feiern gemeinsam den 100.Geburtstag von Günter Reker. Mit seinen Arbeiten ist er uns ganz nah, was für eine Freude!

Die Ausstellung ist von 19. Juni – 31. Juli 2021 zu den Öffnungszeiten der Galerie zu besuchen. Selbstverständlich unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften aus Anlass der COVID-19 Pandemie.

Sollten Sie den Wunsch haben, einen Einzeltermin außerhalb der Öffnungszeiten zu erhalten, bitten wir um telefonische Anmeldung.

galerie 13 - fritz dettenhofer

Created By
Paulo Mulatinho
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