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Demokratie und Vielfalt in der Kindertagesbetreuung

Demokratie heißt, sich eine eigene Meinung zu bilden und sie frei äußern zu können. Demokratie bedeutet auch, gewaltfrei miteinander umzugehen, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und das eigene Umfeld verantwortungsvoll mitzugestalten, also sich zu beteiligen. Demokratie ist folglich nicht nur eine Staats- oder Regierungsform, sondern auch eine Lebensform.

In einer Demokratie haben alle Bürgerinnen und Bürger gleiche Rechte und Pflichten. Unauflösbar verbunden mit der Idee von Gleichheit ist der Schutz vor Diskriminierung. Auch für Kinder gelten diese Rechte. So legt es die UN-Kinderrechtskonvention fest, die seit 1992 in Deutschland gilt.

Kindertagespflegestellen und Kitas sind Orte, an denen die Grundlagen für ein Leben in einer demokratischen, vielfältigen Gesellschaft geschaffen werden. Kinder bilden hier erstmals eine Gemeinschaft mit anderen Menschen außerhalb der Familie. Sie erleben Vielfalt und eignen sich Wissen über gesellschaftliche Regeln und Normen an.

Wie können Erzieherinnen und Erzieher, Kindertagespflegepersonen und Eltern das Recht auf Beteiligung und den Schutz vor Diskriminierung in der Kindertagesbetreuung umsetzen?

Demokratie als Lebensform

Der US-amerikanische Pädagoge und Philosoph John Dewey hat Anfang des 20. Jahrhunderts den Begriff der Demokratie als Lebensform geprägt. Damit ist gemeint, dass Demokratie nicht nur als abstraktes politisches System gedacht werden muss, sondern als Grundprinzip des menschlichen Zusammenlebens. Kindertageseinrichtungen sind in Deweys Verständnis Miniaturgesellschaften („embryonic societies“).

Eine Frage der Macht

Sich die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Erwachsenen und Kindern bewusst zu machen, ist Voraussetzung für demokratische Partizipation. Verantwortliche Erwachsene müssen im Sinne des Kindeswohls entscheiden. Diese Verantwortung kann nicht geteilt werden, Macht allerdings schon. Sie muss reflektiert eingesetzt werden: In welchen Bereichen verfügen Erwachsene über mehr Macht als Kinder? Welche Entscheidungen müssen Erwachsene für Kinder treffen, welche nicht? Wo kann Macht mit Kindern geteilt werden?

Es gibt verschiedene Formen von Macht. Die Partizipationsexperten Rüdiger Hansen und Raingard Knauer unterscheiden dabei zwischen vier Arten:

  • Handlungs- und Gestaltungsmacht bezeichnet die Macht, die Lebenswelt von Kindern zu gestalten und zu verändern. Erwachsene bestimmen zum Beispiel über den Tagesablauf, sie entscheiden, wie die Räumlichkeiten in der Kita, der Tagespflegestelle oder der Wohnung aussehen. Sie überlegen sich Themen für Projekte und Ausflüge oder geben vor, was das Kind anzieht.
  • Verfügungsmacht: Erwachsene haben Zugriff auf Ressourcen, die sie Kindern zugestehen oder vorenthalten können. Zum Beispiel entscheiden Erwachsene, welches Kind das Rutschauto benutzen darf oder wie viele Kekse jedes Kind zugeteilt bekommt.
  • Definitions- und Deutungsmacht: Erwachsene können die Meinungsbildung von Kindern beeinflussen, indem sie beispielsweise die Ausdrucksformen von Kindern bewerten und kommentieren.
  • Mobilisierungsmacht ist die Macht, Kinder dazu zu bewegen, die Anliegen der Erwachsenen zu unterstützen. Erwachsene nutzen beispielsweise die persönliche Zuneigung des Kindes für sich und bitten darum, dass es „ihnen zuliebe“ etwas tun soll.

Die eigene Macht zu reflektieren heißt auch, zu hinterfragen, ob unbewusste Diskriminierung stattfindet. Darin spiegeln sich nämlich häufig gesellschaftliche Machtsysteme und setzen sich fort. Und dort, wo ausgegrenzt wird, gibt es auch immer jemanden, der von dem Ausschluss profitiert. So erlangte Vorteile können politische Teilhabe, materielle Ressourcen und gesellschaftliche Repräsentation sein.

Was bedeutet kindliche Selbstbestimmung in der Kindertagesbetreuung?

Cemile ist Tagesmutter. Lange war sie davon überzeugt, dass Kinder sofort gewickelt werden sollten, wenn die Windel „voll“ ist. Auch wenn ein Kind nicht damit einverstanden war, hielt sie das sofortige Wickeln aus Hygienegründen für unausweichlich.

Gemeinsam mit anderen Tagespflegepersonen hat Cemile an einer Weiterbildung zum Recht des Kindes auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper teilgenommen. Seitdem hinterfragt sie ihre Haltung. Ihr ist klargeworden, dass aus Macht leicht Zwang werden kann, wenn Erwachsene gegen den Willen der Kinder handeln. Mit dieser Grenzüberschreitung nehmen sie den Kindern die Möglichkeit, ein eigenes Gefühl für ihren Körper zu entwickeln. Sie vermitteln ihnen, dass ihre Stimme selbst in diesen sensiblen Bereichen nicht zählt.

Bei der Weiterbildung hat Cemile am Beispiel des Wickelns ein neues Vorgehen für ihre Tagespflegestelle entwickelt: Wichtig war zunächst die Erkenntnis, dass Kinder selbst ein Gespür dafür entwickeln, dass eine volle Windel irgendwann gewechselt werden muss. Wenn ein Kind also nicht gewickelt werden will, lässt Cemile es zunächst in Ruhe und fragt einige Minuten später noch einmal nach. Falls sich das Kind immer noch weigert, fragt sie, ob es sein Lieblingsstofftier oder einen anderen Mutmacher zum Wickeln mitnehmen möchte. Die ersten Erfahrungen in der Praxis sind gut: Bisher hat jedes Kind dem Wickeln zugestimmt – zu seiner eigenen Zeit. Um auch die Eltern ins Boot zu holen, hat Cemile ein Elterngespräch zum Thema veranstaltet.

Partizipation von Kindern

Partizipation als Beteiligung an Entscheidungen braucht einen demokratischen Umgang mit Macht. Das heißt, dass Erwachsene mit Kindern in einen ernsthaften und symmetrischen Dialog treten, um gemeinsam ihre Lebenswelt zu gestalten. Voraussetzung dafür ist, dass Erwachsene sich selbst und den Kindern Partizipation zutrauen.

„Partizipation heißt, Entscheidungen, die das eigene Leben und das Leben der Gemeinschaft betreffen, zu teilen und gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden.“ Richard Schröder 1995

Die Partizipation der Kinder muss von Erwachsenen eng begleitet werden. Denn Kinder müssen wissen, worüber sie jeweils selbst entscheiden; das ist Selbstbestimmung. Und sie müssen wissen, was sie gemeinsam mit anderen Kindern und Erwachsenen entscheiden; das ist Mitbestimmung. Nicht der spontane kindliche Wille alleine ist ausschlaggebend, denn dann könnte Beteiligung Kinder leicht überfordern. Auch die Erwachsenen müssen ihre Bedenken und Befürchtungen transparent einbringen können.

Formen der Partizipation

Partizipation kann modellhaft in drei Formen unterteilt werden:

Eine erste Möglichkeit ist die offene Form der Partizipation. Kinder können ihre Anliegen spontan einbringen, diskutieren und damit Einfluss auf den Alltag in ihrer Kindertageseinrichtung oder Tagespflegestelle nehmen. Innerhalb der Gruppe kann dies in Erzähl- und Morgenkreisen stattfinden. Ein Thema könnte dabei beispielsweise sein, dass viele Kinder das Essen verschmähen. Die Erzieherinnen können fragen, woran das liegt und gemeinsam mit den Kindern nach Lösungen suchen. Auf diese Weise wird den Kindern ein Teil der Handlungs- und Gestaltungsmacht übertragen. Oder ein Kind könnte ansprechen, dass es nie mit dem Rutschauto fahren kann, weil die anderen immer schneller sind. Gemeinsam können Kinder und pädagogisches Fachpersonal an einer Lösung arbeiten und die Verfügungsmacht teilen.

Eine zweite Variante ist die projektbezogene Partizipation: In einem zeitlich überschaubaren Rahmen können Kinder zu einem klar abgesteckten Thema (mit-)entscheiden. Der Impuls kann sowohl von den Erwachsenen als auch von den Kindern ausgehen. Sie können zum Beispiel gemeinsam einen Ausflug vorbereiten, einen Raum umgestalten oder eine Kita-Zeitung entwerfen. Hier werden die Handlungs- und die Gestaltungsmacht geteilt.

Eine dritte Variante ist die strukturell verankerte Form der Partizipation. Hier ist die Beteiligung von Kindern verbindlich festgeschrieben und findet regelmäßig statt. Dies kann beispielweise in einer Kita-Verfassung festgelegt sein. Dort steht auch, welche Gremien in welchen Verfahren worüber entscheiden dürfen. Es kann einen Kinderrat geben, in den Delegierte jeder Kita-Gruppe gewählt werden. Diese Delegierten treffen sich regelmäßig mit Mitgliedern des pädagogischen Teams, der Kita-Leitung und eventuell auch mit Elternvertretungen, um aktuelle Anliegen zu besprechen. Der Kinderrat ist mit einem Betriebsrat vergleichbar. Oder es gibt ein Kinderparlament für Fragen, die das Leben in der Kita-Gemeinschaft betreffen. Angeleitet von Erzieherinnen und Erzieher erarbeiten Kinder dort Lösungen und treffen gemeinsam Entscheidungen. Themen aus dem Alltag (siehe offene Partizipation) können in die Gremien überführt werden.

Eine Frage des „Wie“, nicht des „Ob“

Nur wenn alle Stimmen gehört werden können, wird Demokratie auch gelebt. Kinder sind unabhängig von ihrem Sprachvermögen und ihren körperlichen Besonderheiten gleichermaßen zu beteiligen. Partizipation ist also eine Frage des „Wie“ und nicht des „Ob“. Ihre Umsetzung erfordert manchmal kreative Wege. Praktisch helfen Zeichnungen, Piktogramme und Fotos, um Kindern Informationen zu vermitteln. Abstimmen können Kinder mit Ampelkarten, mit bunten Glassteinen, die in die Schalen einer Waage gelegt werden, mit Bildern, mit Klebepunkten oder mit Wäscheklammern.

Wichtig ist, dass Entscheidungen auch mal „falsch“ sein dürfen. Vielleicht kommt das Kinderparlament zu einer Lösung, die bei der Umsetzung als nicht zufriedenstellend empfunden wird. Dann gibt es die Möglichkeit, das Thema erneut zu besprechen und zu überlegen, wie eine bessere Lösung aussehen könnte. Manchmal muss das pädagogische Personal bestimmte Entscheidungen von Kindern aber auch mittragen, selbst wenn es diese als unpraktisch erachtet. Fehlerfreundlichkeit bezieht sich auf den Prozess der Entscheidungsfindung und die Entscheidung selbst.

Wie Demokratiebildung in der einzelnen Kita und Tagespflegestelle umgesetzt wird, muss jedes Team beziehungsweise jede Tagespflegeperson für sich selbst entscheiden. Denn die Beteiligungsform sollte zu den Anforderungen, Ideen und Vorstellungen der Beteiligten passen. Ein Patentrezept gibt es nicht, wohl aber hilfreiche Ansätze wie die „Kinderstube der Demokratie“.

Kinderstube der Demokratie

Die Kinderstube der Demokratie ist ein Beteiligungskonzept für Kindertageseinrichtungen. Es wurde ab 2001 vom Kieler Institut für Partizipation und Bildung (IPB) in mehreren Modellprojekten in enger Zusammenarbeit mit Kitas entwickelt. Das Angebot des IPB umfasst auch ein Fortbildungskonzept. Kindertageseinrichtungen werden damit auf dem Weg zu einer Kinderstube der Demokratie begleitet. Empirische Erkenntnisse zur Umsetzung des Konzeptes finden sich in dem Buch "So machen Kitas Demokratiebildung".

Was bewirkt Partizipation?

Die Umsetzung von Partizipation verwirklicht zunächst ein Grundrecht der Kinder. Daneben haben Beteiligungserfahrungen erfreuliche „Nebenwirkungen“: Wenn Partizipation im geschützten pädagogischen Raum von Kindertageseinrichtungen als Recht verankert ist, sammeln die Kinder erste Erfahrungen mit Demokratie. Sie erlangen die Fähigkeit zu demokratischem Handeln. Sie verstehen, wie demokratische Meinungsbildungsprozesse und Entscheidungen erfolgen, und können diese Erfahrungen auf andere Lebensbereiche übertragen. Sie diskutieren eher in ihren Familien, fordern ihre Rechte in der Schule ein oder mischen sich ins Gemeinwesen ein.

Kinder lernen durch Partizipation, dass sie für ihre Lebenswelt zuständig sind. Sie werden in ihrem Wissen und Können wertgeschätzt. Sie lernen, ihre eigenen Interessen zu vertreten und die Interessen anderer zu verstehen. Auch halten sie eher aus, dass sie sich nicht immer durchsetzen können. Durch frühe Beteiligungserfahrungen werden sie offener gegenüber anderen Meinungen und anderen Menschen. Frühe Mitbestimmung trägt außerdem dazu bei, die Folgen von sozialer Benachteiligung zu kompensieren. Dies zeigte zum Beispiel der Kinderreport von 2012.

Wie bereite ich Partizipation im Team vor?

Wie Kinder beteiligt werden können, hat sich auch das Team der Kita gefragt, in der Sascha als Erzieher arbeitet. Das Kollegium hat sich zunächst informiert, welche Formen von Partizipation es gibt. Jede Erzieherin und jeder Erzieher hat sich selbst die Frage gestellt, welches Bild vom Kind sie/er hat und wie sich die eigene Rolle verändert, wenn Kinder mitentscheiden. Und jedes Teammitglied hat sich Gedanken zu folgenden Fragen gemacht: In welchen Bereichen bin ich bereit, Macht abzugeben und in welchen nicht? Anschließend hat das Team gemeinsam darüber gesprochen.

In welchen Bereichen bin ich bereit, Macht abzugeben und in welchen nicht?

Folgende Konfliktthemen kristallisierten sich heraus:

  • Die meisten Teammitglieder konnten sich gut vorstellen, die Kinder bei Veränderungen im Garten mit einzubeziehen. Für den Gruppenraum war das für einige nicht denkbar, weil dieser Raum auch ihr Arbeitsplatz ist.
  • Müssen Kinder draußen die Jacke anziehen oder dürfen sie das selbst entscheiden?
  • Müssen Kinder Mittagsschlaf halten oder dürfen sie das selbst entscheiden?
  • Dürfen Kinder mitentscheiden, wenn eine neue Erzieherin eingestellt wird?

Partizipation beginnt in den Köpfen der Erwachsenen. Sie darf nicht zum Gefühl von Kontrollverlust führen. Daher haben sich die Erzieherinnen und Erzieher zunächst auf ein Beteiligungsprojekt geeinigt, das alle mittragen können: die Umgestaltung des Kita-Gartens.

Was mache ich, wenn die Kinder Dinge entscheiden, die mich betreffen und die mit meinen Interessen kollidieren?

Anschließend haben sie die Frage diskutiert: Was mache ich, wenn die Kinder Dinge entscheiden, die mich betreffen und die mit meinen Interessen kollidieren? Denn nur wenn die partizipativ getroffenen Entscheidungen auch Folgen haben, sind sie wirksam.

Die Erzieherinnen und Erzieher haben das Projekt intensiv vorbereitet und überlegt, welche Methoden sie einsetzen. Sie haben darüber nachgedacht, wie sie die Gespräche mit den Kindern führen und wie sie ihre eigene Position deutlich machen können, ohne ihre Mobilisierungsmacht auszuspielen. Gleichzeitig haben sie sich klargemacht, dass Konflikte ganz normal sind. Während des Beteiligungsprozesses sind sie als Team immer wieder gemeinsam in die Reflexion gegangen.

Aus diesem ersten Projekt hat das pädagogische Personal die Erfahrung mitgenommen, dass die Kinder grundsätzlich in allen Fragen entscheiden können. Voraussetzung ist, dass dies von den Erwachsenen entsprechend vorbereitet und mitgetragen wird. Dabei ist es wichtig, auch die Eltern zu informieren und einzubeziehen.

Nach dieser ersten Erfahrung traut sich Saschas Team den nächsten Schritt zu: die Erarbeitung einer Kita-Verfassung, die regelt, wo und wie Kinder verbindlich mitentscheiden können.

Ist Partizipation im Kita-Alltag nicht sehr aufwändig?

Saschas Erfahrung mit der Umsetzung von Kinderbeteiligung ist, dass die Vorbereitung sehr viel Zeit in Anspruch nimmt: Das Team muss sich über Möglichkeiten und Grenzen der Beteiligung austauschen. Es muss das Thema so aufbereiten, dass es für die Kinder und auch für die Eltern nachvollziehbar ist. Entscheidungen mit den Kindern gemeinsam zu treffen, ist natürlich zunächst langwieriger, als wenn eine Erzieherin oder ein Erzieher alleine entscheidet.

Für Sascha hat die Beteiligung der Kinder aber insgesamt dazu geführt, dass viele Dinge weniger anstrengend sind. Bestimmte Themen sind nun eine gemeinsame Aufgabe, für die alle verantwortlich sind. Wenn ein Problem festgestellt wird, kann es diskutiert und gemeinsam eine Lösung gefunden werden. Die Last, eine Lösung zu finden, liegt nicht mehr alleine bei Sascha und seinem Team.

Vielfalt und Diskriminierung

Partizipation ernst zu nehmen, bedeutet, allen die Möglichkeit zu bieten, sich zu beteiligen. Und zwar unabhängig von Alter, Nationalität, Geschlecht, Religion und körperlicher Verfasstheit. Gleichzeitig müssen unausgesprochene Machtverhältnisse hinterfragt und die sie stützenden Diskriminierungsprozesse reflektiert werden.

Diskriminierungen werden teilweise explizit geäußert, teilweise sind sie ganz offensichtlich. Sie enthalten Botschaften für Kinder, welche Merkmale von Menschen anerkannt oder abgelehnt werden, welches Verhalten als normal oder unnormal gilt. Diese subtilen Botschaften sprechen aus der Zusammensetzung des Personals ebenso wie aus den Bildern an den Wänden. Sie finden sich in den Hauptpersonen der Kinderbücher und in der Reaktion Erwachsener auf diskriminierende Witze.

Kindern werden, oft unbewusst, einseitige Sicht- und Handlungsweisen vermittelt. Dadurch wird es ihnen erschwert, Wissen über und Empathie für andere Lebensweisen zu entwickeln. Zum Beispiel gilt es als selbstverständlich, dass ein Kind seinen Geburtstag feiert und andere Kinder einlädt. Wenn es das nicht tut, stößt dies häufig auf Unverständnis. Kategorien der Über- und Unterordnung kommen ins Spiel, in die Kinder sich selbst und andere einordnen.

Eine Diskriminierungsform, die wohl alle Menschen erlebt haben, ist der Adultismus. Damit ist die gesellschaftlich akzeptierte Ausgrenzung und Benachteiligung von Kindern aufgrund ihres Alters gemeint. Erwachsene nehmen sich selbst als kompetenter als Kinder wahr und leiten daraus ab, dass sie über Kinder ohne deren Einverständnis bestimmen können. Kinder ahmen adultistisches Verhalten der Erwachsenen nach und nutzen untereinander das Alter als Legitimation, um andere Kinder auszugrenzen: „Du bist ja noch ein Baby, du darfst nicht mitspielen.“ Erwachsene dulden dieses Verhalten häufig. Durch diese Diskriminierungserfahrung nehmen Kinder wahr, dass Ausgrenzung und Unterdrückung normal sind. Sie lernen, dass sie als naiv oder kindisch bezeichnet werden, wenn sie sich gegen die Norm wenden.

Weitere Diskriminierungsformen beziehen sich auf andere (zugeschriebene) Gruppenzugehörigkeiten oder individuelle Merkmale, etwa auf das Geschlecht, die ethnisch-kulturelle Herkunft, die körperlichen Fähigkeiten oder den sozialen Status. Häufig erfahren Menschen Ausgrenzung und Benachteiligung, weil sie mehrere dieser sozialen Kategorien in sich vereinen; das nennt man Intersektionalität.

Kinder beginnen bereits im Kleinkindalter zu unterscheiden und sich und andere im gesellschaftlichen Machtsystem zu verorten. Daher führt auch das Bild vom „unschuldigen Kind“, für das Unterschiede nicht relevant seien, in die Irre. Umso wichtiger ist es, diskriminierungssensibel zu handeln – sowohl in der Kindertagesbetreuung als auch zu Hause. Dafür können in der Kita und der Kindertagespflege der Index für Inklusion und die Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung hilfreich sein.

Index für Inklusion

Der Index für Inklusion zeigt einen Weg auf, die Kindertagesbetreuung nach inklusiven Maßstäben zu gestalten. Inklusion meint hier, die Partizipation aller Kinder und Erwachsenen sicherzustellen. Der Index bietet neben grundlegenden konzeptionellen Ausführungen einen umfassenden Katalog von Indikatoren und Fragen. Diese helfen, die eigene Praxis auf ihren inklusiven Charakter zu überprüfen.

Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung

Die Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung ist ein inklusives Praxiskonzept für Kitas. Es hat seinen Ursprung im Anti-Bias-Approach. Dieser wurde als Ansatz gegen Einseitigkeit und Diskriminierung in den 1980er Jahren von Louise Derman-Sparks in den USA entwickelt. Das Institut für den Situationsansatz hat den Anti-Bias-Approach seit dem Jahr 2000 für die Verhältnisse in Deutschland adaptiert. Daraus ist die Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung entstanden. Sie regt dazu an, sich die Ursachen und Wirkungen von Vorurteilen und Diskriminierung in Kindertageseinrichtungen bewusst zu machen. Auf dieser Basis sollen die pädagogische Praxis und die Organisationskultur gezielt verändert werden. Der Ansatz schlägt einen Zweischritt vor: „Ja“ zu Vielfalt und „Nein“ zu Diskriminierung. Das heißt, dass vorhandene Unterschiede thematisiert und respektiert werden. Zugleich müssen Erwachsene ihren Blick für Ausgrenzungsprozesse schärfen und sich ihnen ohne Relativierungen und Rechtfertigungen widersetzen.

Wann entwickeln Kinder Vorurteile?

Kinder werden im Umgang mit Vielfalt meist als unvoreingenommen und vorurteilsfrei beschrieben. Tatsächlich finden jedoch tagtäglich Ausgrenzungen, Diskriminierungen und Hänseleien unter Kindern statt. Diese geschehen meistens nicht willkürlich, sondern beziehen sich auf bestimmte Vielfaltsmerkmale beziehungsweise deren gesellschaftliche Bewertungen.

Bereits Säuglinge sind in der Lage, Kategorien zu bilden. Sie unterscheiden zwischen vertrauten und unvertrauten Personen. Sie entwickeln Gefühle zu den Kategorien. Ab etwa zwei Jahren beginnen Kinder insbesondere körperliche Merkmale wie die Hautfarbe, die Haarfarbe oder die Anatomie wahrzunehmen. Mit zunehmendem Alter versuchen sie zu ergründen, welche soziale Bedeutung den Merkmalen zukommt.

Im Alter von etwa drei Jahren erkennen Kinder ihre eigene geschlechtliche Identität. Sie wissen, welches Verhalten und welche Spielvorlieben von ihnen aufgrund ihres Geschlechts erwartet werden. Sie merken zum Beispiel, dass von Mädchen eher erwartet wird, mit Puppen zu spielen und von Jungen eher, sich auszutoben.

Mit etwa fünf Jahren lehnen Kinder eher Menschen ab, die eine andere Sprache sprechen als die eigene. Kinder nehmen jetzt außerdem wahr, dass gesellschaftlich anerkannte Berufe häufig Menschen mit heller Hautfarbe zugeordnet werden. Außerdem kann es nun passieren, dass Kinder die Merkmale bewusst als Machtinstrument gegenüber anderen Kindern einsetzen. So grenzen sie sich beispielsweise vom jeweils anderen Geschlecht ab. Sie versuchen, sich geschlechtskonform zu verhalten. Und sie sanktionieren unter Umständen andere Kinder, die von diesen Mustern abweichen.

Damit aus den Vor-Vorurteilen keine Vorurteile werden, ist es wichtig, Diskriminierungen wahrzunehmen und sofort auf sie zu reagieren.

Kategorien zu bilden, ist aus entwicklungspsychologischer Sicht ein grundlegender Schritt, um sich in einer komplexen Umwelt zurecht zu finden. Problematisch sind die Einordnungen jedoch, wenn sie zu hierarchischen Denkmustern führen und gesellschaftliche Ausschlüsse fortsetzen. Bei Kindern sind die Strukturen noch nicht verfestigt, daher gelten sie als Vor-Vorurteile. Damit aus den Vor-Vorurteilen keine Vorurteile werden, ist es wichtig, Diskriminierungen wahrzunehmen und sofort auf sie zu reagieren. Das eigene Handeln und Sprechen ist darauf zu überprüfen, inwiefern es Diskriminierung und Abwertungen transportiert. Mehr Informationen sind hier zu finden.

Wie wird eine Kita zu einem diskriminierungssensiblen, vielfaltsbewussten Ort?

Bei einer Fortbildung hat die Erzieherin Clara gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen ein Konzept für eine vorurteilsbewusste Kita entwickelt. Grundlage ist zunächst einmal, Unterschiede zu thematisieren. Denn eine sogenannte farbenblinde Grundhaltung tabuisiert Diskriminierungen, indem sie keine Unterschiede macht und alle Kinder gleich behandeln möchte. Daher handeln die Erzieherinnen und Erzieher in der Kita sofort, wenn es zu einer Diskriminierung kommt. Zunächst kümmern sie sich um das Kind, das diskriminiert wurde. Anschließend sprechen sie mit dem Kind, das diskriminiert hat. Nichthandeln sagt Kindern genauso viel wie Handeln: Wenn Erwachsene beispielsweise Hänseleien oder Ausschluss geschehen lassen, können Kinder lernen, dass so etwas normal und richtig sei.

An drei Punkten setzt das vorurteilsbewusste Konzept an:

Kollegium

Die Fachkräfte haben sich mit Einseitigkeiten und Diskriminierungen auseinandergesetzt. Sie haben sich gefragt, wie die gesellschaftliche Hierarchie aussieht und ob sich diese Hierarchie im Personal der Kita spiegelt. Sie haben darüber diskutiert, wo Macht ungleich verteilt ist und wer aufgrund bestimmter Merkmale und zugeschriebener Gruppenzugehörigkeiten benachteiligt wird. Claras Ansatz war, sich bewusst zu machen, wie sich Kinder weiterentwickelt haben, die sie früher betreut hat.

Erzieherinnen und Erzieher sind Vorbilder für Kinder und Eltern. Niemand ist frei von Vorurteilen, daher ist eine ständige Reflexion besonders wichtig.

Raum und Spielmaterialien

Gemeinsam sind die Erzieherinnen und Erzieher durch die Kita gegangen und haben sich alle Materialien an den Wänden und in den Regalen angeschaut. Ihnen ist schnell aufgefallen, dass die Hauptpersonen in den Kinderbüchern meistens blond und Weiß sind. Die Familien bestehen stets aus Vater, Mutter und Kind. Weder gleichgeschlechtliche Eltern tauchen auf, noch Alleinerziehende. An den Wänden fehlen Bilder von Schwarzen Kindern. Da es eine Reihe von weiteren Beispielen gab, hat sich für jeden Bereich ein Teammitglied verantwortlich erklärt. Die vorhandenen Materialien werden diskriminierungssensibel gestaltet. Bei Neuanschaffungen wird auf die Repräsentation gesellschaftlicher Vielfalt geachtet.

Kinder

Clara und ihre Kolleginnen haben sich vorgenommen, alle Kinder in ihrer Individualität wahrzunehmen. Zugleich werden die Familienkulturen der einzelnen Kinder geachtet und sichtbar gemacht. Das Team macht Ungerechtigkeiten vermehrt zum Thema mit den Kindern. Ziel ist es, dass die Kinder lernen, Diskriminierungen selbst zu benennen und gegen sie vorzugehen.

Hilfreich für das Vorgehen waren die Materialien und Fortbildungen der Fachstelle Kinderwelten zur Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung.

Was sagen eigentlich die Kinder dazu?

Partizipation und Diskriminierungsschutz in der Kita und der Kindertagespflegestelle umzusetzen, mag sich zunächst herausforderungsvoll anhören. Die Beispiele aus der Praxis zeigen aber, dass die Beschäftigung mit diesen Themen aus kinderrechtlicher Perspektive unumgänglich ist und für alle Seiten Vorteile hat. Was sagen eigentlich Kinder dazu?

Kinder möchten, dass ihnen etwas zugetraut wird

Für die Studie „Kita-Qualität aus Kindersicht“ sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Kindertageseinrichtungen gegangen und haben Kinder befragt. Drei Aspekte waren für ihr Wohlbefinden entscheidend:

  • Individualität und Zugehörigkeit: Kinder wollen sich als Individuen wertgeschätzt fühlen und Teil der Gemeinschaft sein. Konkret bedeutet es, dass zum Beispiel die Bilder, die sie gemalt haben, ihren Platz finden. Sie lieben geheime Orte, an denen sie ungestört in ihre Welten abtauchen können. Gemeinsame Regeln und Rituale verbinden sie mit der Gemeinschaft und geben ihnen Sicherheit.
  • Kompetenzerleben: Kinder möchten, dass ihnen etwas zugetraut wird, und dass sie Dinge selbst tun können. Sie wollen sich zum Beispiel frei und raumgreifend bewegen und die Welt erkunden.
  • Autonomie und Partizipation: Kinder möchten über manches selbst bestimmen können und bei anderem mitbestimmen. Sie wollen in ihren Rechten und Entscheidungen respektiert werden. Ihre Grenzen müssen geachtet werden. In Entscheidungen, die sie betreffen, möchten sie einbezogen werden. Und ganz wichtig: Regeln sind gut, gelegentliche Ausnahmen das Beste.

Zusammengefasst: Eine gute Kita ist für Kinder ein partizipativer, vielfaltsbewusster Ort.

Zahlreiche Informationen und Artikel zum Themenfeld „Demokratie und Vielfalt in der Kindertagesbetreuung“ finden Sie in unserer Infothek.

Impressum

Rechts- und Vermögensträger: Vorstand der AGJ e. V.

Bildnachweise: Portrait John Dewey: Eva Watson-Schütze (PD-US expired) | Shutterstock: rawpixel.com (426525370); Yuliia D 704676742, 1164173608), 2p2play (446490601, 321907982)

In Zusammenarbeit mit: Studio Alpenglühen – www.studio-alpengluehen.de, Dr. Cornelia Altenburg – www.schoeneworte.com

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