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«Die Menschen gernhaben. Und zwar alle.» Die 49-jährige Heimleiterin Miriam Lo Conte erzählt im Interview, wie sie aufgrund ihrer Diplomarbeit einen Streichelzoo im Altersheim realisierte und wieso ein soziales Netzwerk im Alter so wichtig ist.

Frau Lo Conte, wie beginnt Ihr Tag als Leiterin des Altersheims Sonnenberg?

Mein Tag fängt früh um 5.15 Uhr mit einem Kaffee an. Nach dem anschliessenden Spaziergang mit meinem Hund, dem Border-Collie-Mischling Lenny, sind wir um 6.30 Uhr im Heim. Ich lese die eingegangenen E-Mails und beantworte sie nach Möglichkeit. Um 7 Uhr findet die erste Sitzung des Tages mit dem technischen Dienst statt, danach um 7.30 Uhr mit dem Kader. Spätestens dann sind alle informiert und wissen, was zu tun ist. Wir brauchen einen genauen Tagesplan, da bei uns immer Unvorhergesehenes passiert.

Was beinhaltet Ihr Job als Heimleiterin?

Der ist sehr vielseitig als Gebäudeverwalterin, Personalführerin von 120 Mitarbeitenden und Strategieplanerin. Wichtig ist, auf dem Laufenden zu sein. Die Politik und auch die Tendenzen im Bereich des Alterswohnens auf dem Markt zu beobachten und der Konkurrenz möglichst einen Schritt voraus zu sein, um frühzeitig strategische und taktische Entscheidungen zu treffen. Ich bin dafür verantwortlich, dass sich alle wohlfühlen. Seien es die Mitarbeitenden oder die Bewohnerinnen und Bewohner. Mit diesen und ihren Angehörigen pflege ich regelmässigen Kontakt.

Border-Collie-Mischling Lenny ist der ständige Begleiter von Miriam Lo Conte.

Das alles schaffen Sie an einem Acht-Stunden-Tag?

(Lacht.) Nein, das passt nicht rein. Ein Tag hat bei mir mindestens neuneinhalb Stunden, und 24 Stunden bin ich erreichbar.

Ein grosses Projekt steht Ihnen bevor. Worum handelt es sich dabei?

Am 1. Oktober 2020 feierten wir den Spatenstich für den Neubau, dessen Fertigstellung für Juni 2022 geplant ist. Es entsteht ein neues Bettenhaus mit modernen Pflegezimmern. Die Bewohnerinnen und Bewohner beziehen schöne grosse Zimmer mit einer Fläche von je 20 Quadratmetern.

Die Visualisierung des Neubaus, der bis 2022 entsteht.

Was geschieht mit dem bestehenden Gebäude?

Das alte Gebäude wird saniert, es sollen günstige Alterswohnungen zum Mieten entstehen. Alleinstehende, ältere Menschen können sich eine Alterswohnung kaum leisten, weil diese meist enorm teuer sind. Wir bieten ihnen die Möglichkeit, die Wohnungen mit oder ohne Servicepaket zu mieten. Servicepaket bedeutet: Vollpension mit oder ohne Wäscheservice, Spitex-Pflege- und -Betreuungsservice. Auch für das Einkaufen und für die Pflege braucht es eine Lösung.

Wie wichtig ist das soziale Netzwerk im Alter?

Sehr wichtig. Darum haben wir beim Neubau auch bewusst entschieden, dass die Zimmer keine Balkone haben sollen, damit die Bewohner nicht nur noch auf den Balkon gehen, um frische Luft zu schnappen, sondern richtig nach draussen gehen, um zu hören, zu fühlen und zu riechen. Sie sollen selbständig den Alltag leben, ja, aber nicht alleine, sondern in Gesellschaft mit anderen Bewohnern den Tag verbringen. Ein soziales Netzwerk im Alter ist sehr wichtig.

Das wöchentlich gemeinsame Stricken schafft Gelegenheit für soziale Kontakte.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Sie Ihren Job gerne machen?

Die Menschen gernhaben. Und zwar alle. Ich kann nicht sagen, dass ich hier arbeite, nur weil ich die älteren Menschen gernhabe. Jedes Alter hier ist vertreten, von 16 bis fast 100. Es sind 120 Mitarbeitende und 77 Bewohnerinnen und Bewohner. Wenn Sie Menschen gernhaben, dann macht der Job Spass. Und man darf sich selber nicht zu ernst und alles persönlich nehmen. Eine dicke Haut ist von Vorteil.

Der Koch und stellvertretende Küchenchef Michael Schuler bereitet das Essen für die Bewohnerinnen und Bewohner des Altersheims zu.
Fritz Schatzmann, ein pensionierter Pâtissier, macht wöchentlich köstliche Desserts für das Bistro, wie die cremige Himbeerroulade oder den Diplomat mit Absinth-Likör.

Welche Rolle spielen die Tiere für die Heimbewohner?

Eine sehr grosse. Als ich die Ausbildung zur Heimleiterin absolvierte, war das Thema «Tiere im Heim» meine Diplomarbeit. So ist auch die Idee des Streichelzoos entstanden. Für junge Familien ist das hier ein Ausflugsziel am Wochenende, und so sind alle Generationen wieder vereint. Die Tiere machen uns menschlicher. Sie bringen uns zum Lachen, und sie helfen, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Von unseren Bewohnerinnen und Bewohnern werden sie ständig beobachtet. Und wenn mal vielleicht ein Lama hustet oder ein Esel schreit, dann habe ich Minuten später von den Bewohnern die Meldung bei mir im Büro. Wir sind hier auf dem Land, und viele der Bewohnerinnen und Bewohner hatten mal Haustiere oder einen eigenen Hof. Wir können uns das Leben hier nicht mehr vorstellen ohne die Tiere.

Die Zwergesel Stella, Luna und Peppino.

Welche Tiere leben im Streichelzoo?

Die tierische Familie besteht aus vier Lamas, drei Zwergeseln, fünf Zwergziegen, vier Hauskatzen, einem Hund und einigen Fischen in einem Aquarium. Sie machen dieses Altersheim so einzigartig.

Einige der tierischen Bewohner des Altersheims Sonnenberg.

Und wie finanziert sich das?

Wir haben etwa 70 Paten für unsere Tiere. Die Patenschaften dienen der Sicherung eines dauerhaften Unterhalts der Tiere. Das sind immense Kosten für Futter, Impfungen, Tierarzt, Pflege der Tiere sowie die Gehege, die Stallungen und vieles mehr.

Wir können uns das Leben hier nicht mehr vorstellen ohne die Tiere.

Wie wichtig ist Ihnen der private Ausgleich?

Der ist mir sehr wichtig. Die Work-Life-Balance hat bei mir keinen grossen Stellenwert. Ich flüchte nicht von der Arbeit ins Private. Der Übergang gestaltet sich sehr fliessend. Zu Hause kann ich gut abschalten und mich darauf verlassen, dass ich vom Nachtdienst angerufen werde, wenn etwas sein sollte, und ich mir deshalb keine Sorgen machen muss.

Sich an den kleinen Dingen erfreuen und nicht auf das Grosse warten, das vielleicht nicht kommt.

Wie haben Sie den Lockdown erlebt?

Wir hatten ab dem 17. März 2020 sechs Wochen lang absolutes Besuchsverbot für Tagesausflügler und Streichelzoobesucher. Die Bewohnerinnen und Bewohner hatten weiterhin ihr soziales Umfeld und den gewohnten Alltag mit allen Aktivitäten, die wir anbieten. Aber für die Angehörigen, die nicht mehr reindurften, war das anfängliche Besuchsverbot besonders hart. Vor allem für diejenigen, die täglich hier zu Besuch waren. Diese Strukturen fehlten ihnen im Alltag, das machte es für einige Angehörige ziemlich schwierig. Nach einiger Zeit durften Verwandte und Bekannte die Bewohnerinnen und Bewohner gegen Voranmeldung aber wieder besuchen. Wir richteten eine Besucherzone mit Plexiglas und viel Abstand zwischen den Tischen ein sowie ein Videotelefon. Dies ermöglichte wieder persönliche Treffen.

Haben Sie einen Tipp für gute Laune bei der Arbeit?

Freude am Leben. Sei es das Lächeln einer Mitarbeiterin oder das Schreien eines Esels, wenn jemand am Gehege vorbeiläuft. Sich an den kleinen Dingen erfreuen, nicht auf das Grosse warten, das vielleicht nicht kommt.

Glückseligkeit im Streichelzoo.

Weitere Infos: www.altersheim-sonnenberg.ch

Impressum: Konzept, Text, Fotos und Produktion: Hanj Hajdu – Gesamtverantwortung: Robert Hansen, Chefredaktion – redaktion@derarbeitsmarkt.chwww.derarbeitsmarkt.ch

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Hanj Hajdu
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