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Q-Day 2020 Trendthemen im Fokus

6 Praxismodule zu Akutsomatik, Psychiatrie und Rehabilitation, 2 Keynote-Referate und 1 Podiumsdiskussion: Der Q-Day 2020 bot 300 Professionals, Partnern und Gästen ein reichhaltiges Programm.

Der Saal im Kongresszentrum Bern Expo war am 16. Januar 2020 bis auf den letzten Platz besetzt, als ANQ-Geschäftsleiterin Dr. Petra Busch den Q-Day 2020 eröffnete. Auf die 300 Professionals, Partner und Gäste wartete ein vielfältiges Programm mit Podiumsdiskussion, Keynote-Referaten und Praxismodulen. Im Fokus standen die Trendthemen Transparenz und Agilität in der Qualitätsmessung und -entwicklung sowie der revidierte Artikel 58 des Krankenversicherungsgesetzes (KVG). Bereits zum 4. Mal bot der ANQ mit dem Q-Day eine Plattform zum Wissenstransfer, Erfahrungsaustausch und zum Networking.

In ihrer Begrüssung blickte Dr. Petra Busch auf die Anfänge des ANQ zurück: «Die Gründung des ANQ war eine Pionierleistung der wichtigsten Partner im Gesundheitswesen, die heute international Anerkennung findet.» In einem sich ständig verändernden Umfeld sei es für den ANQ entscheidend, agil und kundenorientiert auf neue Bedürfnisse, Technologien und Rahmenbedingungen antworten zu können. Entsprechend wichtig ist die vom ANQ durchgeführte Standortbestimmung im Juni 2019, an der sich viele Professionals mit wertvollen Inputs beteiligt haben.

2020 wird der ANQ die Schlussfolgerungen aus der Standortbestimmung ziehen und Massnahmen daraus ableiten. Daneben stehen unter anderem die Konzeption von zwei Pilotprojekten zu Qualitätsmessungen im spital- und klinikambulanten Bereich der Akutsomatik und der Psychiatrie an. Zudem wird der ANQ prüfen, wie Routinedaten besser genutzt, Verbesserungsmassnahmen nachgewiesen und die Digitalisierung konsequenter eingesetzt werden können.

«Der ANQ steht auf solidem Fundament. Das gibt uns Spielraum, agil und kundenorientiert auf veränderte Rahmenbedingungen zu reagieren.»

Dr. Petra Busch, Geschäftsleitung ANQ

Transparenz um jeden Preis? Keynote zeigt die Kehrseiten

In seinem Keynote beleuchtete Prof. Dr. Dr. med. Karl-Heinz Wehkamp die Frage «Transparenz um jeden Preis?» aus ethischer und ökonomischer Sicht. Dabei scheute sich der ehemalige Klinikarzt und heutige Klinikberater nicht, die Kehrseiten des Wettbewerbs zwischen Spitälern und Kliniken aufzuzeigen.

Kritisch hinterfragte er die gängigen Qualitätsbegriffe und die Vorstellung, dass sich Qualität abschliessend quantifizieren lässt. Die für jeden Menschen zentralen Phänomene – Liebe, Würde, Anerkennung, Solidarität, Gesundheit und Lebensqualität – könne man nicht messen. Die Quantifizierungs-Ideologie greife zu kurz und verursache sogar Schäden, so Professor Wehkamp. «Die Ergebnisse täuschen ‘Qualität’ und ‘Sicherheit’ vor. Dabei werden Aspekte, die für eine menschliche, würdevolle Medizin und Pflege wesentlich sind, gar nicht beachtet.» Die Gefahr sei gross, dass Management und Politik virtuelle Welten erzeugen, «die mit den Wahrnehmungen der Ärzteschaft und der Pflegenden nicht kongruent sind und hinsichtlich der erstrebten Qualität eher paradoxe Effekte erzeugen.»

«Echte Qualität braucht ein Management mit einem Gespür für die Seele in Medizin und Pflege.»

Prof. Dr. Dr. med. Karl-Heinz Wehkamp

Das Publikum folgte seinen Ausführungen mit grossem Interesse und teilte sein Fazit: «So wichtig Daten auch sind – es ist die Unternehmenskultur, die schlussendlich über die Qualität entscheidet. Denn ohne gutes und motiviertes Personal gibt es keine gute Medizin und Pflege. Und ohne gute Medizin und Pflege keine Qualität.»

Ein Brennpunkt, mehrere Blickwinkel (v.l.n.r.): Kathrin Huber (Gesundheitsdirektorenkonferenz GDK), Carlo Tschudi (Bundesamt für Gesundheit BAG), Erika Ziltener (Präsidentin Dachverband Schweizerischer Patientenstellen), Mariann Spycher (Humane Change/Moderation), Heinz Brand (santésuisse-Verwaltungsratspräsident, ehem. SVP-Nationalrat), Prof. Dr. Bernhard Güntert (curafutura, ANQ-Vorstand) und Anne-Claude Griesser (CHUV Lausanne, ANQ-Vorstand, H+-Vorstand).

KVG-Artikel 58: Podiumsdiskussion zu Chancen und Risiken

Im 2019 stimmte das eidgenössische Parlament dem revidierte KVG-Artikel 58 «Stärkung von Qualität und Wirtschaftlichkeit» nach langem Ringen zu. Die Neuerungen, die ab 2021/22 in Kraft treten, sorgen in der Fachwelt für viel Gesprächsstoff. Entsprechend gespannt waren die Anwesenden auf die Podiumsdiskussion.

Unter der Leitung von Moderatorin Mariann Spycher diskutierte die hochkarätige Expertengruppe die Chancen und die Herausforderungen des revidierten KVG-Artikels (vgl. Handout zur Podiumsdiskussion). Dabei war auch das Publikum eingeladen, sich aktiv in die Diskussion einzubringen. Erstmals an einem Q-Day war es möglich, via Smartphone, Tablet und Notebook Fragen zu stellen und das Gespräch in «real time» mitzugestalten. Von den knapp 70 Fragen konnten auf dem Podium zwar längst nicht alle diskutiert werden. Antworten auf ausgewählte Fragen gibt es aber auch so: Der ANQ wird einen Frage-Antwort-Katalog verfassen und diesen online zur Verfügung stellen.

Ausgewählte Fragen aus dem Publikum:

«Sanktionen bringen auch Gefahren mit sich. Was sagen die Podiumsgäste dazu?»

«Wie wird die Q-Kommission zusammengesetzt und wer ist dafür verantwortlich?»

«Warum sprechen wir hier vornehmlich von schlechter Qualität? Wäre nicht der Fokus auf Transparenz der besonders guten Qualität effizienter?»

«Hilft der Klinikvergleich für die Verbesserung der Qualität?»

Erfahrungsaustausch und Diskussion

Engagierte Professionals aus Akutsomatik, Psychiatrie und Rehabilitation präsentierten in insgesamt 6 Praxismodulen (Pilot-)Projekte, Forschungsarbeiten und Best Practices aus ihren Institutionen.

Agil am Ball bleiben

«Beweglich im Kopf, mehr als agil»: Dr. med. Markus Holtel und Dr. med. Stefan Pilz zeigten in ihrem Keynote, wie sich das Qualitätsmanagement in Kliniken verändert und wie wichtig agile Prinzipien dafür sind.

Ihre Ausführungen zum Spannungsfeld zwischen der formalen und der informellen Seite einer Organisation enthielten anschauliche Beispiele aus der Praxis. Dabei wurde klar: Das Zusammenspiel der beiden Seiten ist entscheidend für Qualität, Leistung, Mitarbeitermotivation und Befinden der Patientinnen und Patienten. «Um positive Veränderungen zu erzielen, muss das Qualitätsmanagement ein gutes Gespür für beide Seiten haben», so die beiden Referenten. Je nach Ausgangslage gelte es, mehr Regeln zu setzen oder aber Regeln abzubauen und Spielräume zu vergrössern. Agile Prinzipien – nicht Methoden (!) – spielten dabei eine zentrale Rolle: «Sie sind in der Lage, das Qualitätsmanagement wirksamer zu machen.» Gerade im Bereich der ausgeprägten Kundenorientierung könne man von erfolgreichen agilen Unternehmen lernen: «Eine stärkere Patientenperspektive verändert den Blick auf die Qualität.»

Dr. med. Markus Holtel (links) und Dr. med. Stefan Pilz

Bilder: © Tanja Lander / ANQ